24. Mai 2010

Harun Yahya (a.k.a. Adnan Oktar) und Evolution - Teil 2

Wie im ersten Blogbeitrag zu Harun Yahya (a.k.a. Adnan Oktar) angekündigt, möchte ich mich an dieser Stelle der konkreten Argumentation des Kreationisten Harun Yahya widmen. Dabei beziehe ich mich auf folgendes Buch Yahyas (hier gratis downloadbar):
Bevor ich mich mit einigen Aussagen des Buches auseinandersetze, soll die Biographie Adnan Oktars, der unter dem Pseudonym Harun Yahya wirkt, angesprochen werden. Eine gute Zusammenfassung ist unter wikipedia einsehbar. An dieser Stelle muss ich einen Fehler aus dem ersten Beitrag zu Harun Yahya richtigstellen: Ich hatte behauptet, Yayha verfüge über keinerlei wissenschaftlichen Hintergrund, was nicht zu stimmen scheint, da er ein Innenarchitektur-Studium bestritten hat.
Die Organisation, welcher Yahya vorsteht, ist die «Scientific Research Foundation», mit offenbar potenten Geldquellen. 2008 wurde Yayha wegen Betruges zu 3 Jahren Haft verurteilt - ob die Strafe bereits abgelaufen ist oder ob an der Veranstaltung Ende Mai im Kongresshaus in Zürich Yahya gar nicht zugegen sein wird, ist unklar.
Nun aber zum eigentlichen Thema: Der Validität der Argumente Yahyas. Inhaltlich werden zwei Hauptaussagen getroffen:
  1. Die Evolutionstheorie ist wissenschaftlich widerlegt.
  2. Die Widerlegung der Evolutionstheorie ist der Beweis für die Gültigkeit eines islamischen Kreationismus.
Die Argumente für die erste Behauptung sind falsch, die Schlussfolgerung der zweiten Behauptung unabhängig von der Gültigkeit der ersten Behauptung grundsätzlich unlogisch. Zunächst widme ich mich dem ersten, danach dem zweiten Punkt.

1. Die Evolutionstheorie ist wissenschaftlich widerlegt
Der Titel des Buches ist «Der widerlegte Darwinismus», was zweiwerlei bedeuten kann: Der Autor ist der Ansicht, dass die Evolutionstheorie sowohl theoretisch als auch empirisch noch auf dem Stande der Publikation von «On the Origin of Species» im Jahr 1859 ist. Ein weiterer Grund für die Verwendung des Begriffes «Darwinismus» ist die implizite Diskreditierung einer wissenschaftlichen Theorie als dogmatischen Kult - egal ob Stalinismus, Faschismus, Fundamentalismus, «-ismus» trägt stets negativ gefärbte Konnotationen.
Auf Seite 11 ist das Vorwort zu finden. Bereits der erste Absatz ist falsch und verheisst wenig Gutes für den Rest des Buches:
Jeder, der eine Antwort sucht auf die Frage, wie das Leben – ihn selbst eingeschlossen - entstanden ist, wird auf zwei ganz verschiedene Erklärungen stoßen. Die erste ist "Schöpfung", die Vorstellung, dass alles Leben als Konsequenz einer intelligenten Planung entstanden ist. Die zweite Erklärung ist die Evolutionstheorie, die behauptet, Leben sei nicht aufgrund intelligenter Planung, sondern als Folge zufälliger Ereignisse und natürlicher Prozesse entstanden.
So oft wiederholt und doch nicht gehört: Evolution ist eine Erklärung für die Entwicklung des Lebens, nicht deren Entstehung. Sogar die katholische Kirche, eine Organisation nicht eben bekannt für Progressivität, sieht Evolutionstheorie mit der in ihren Glaubenssätzen deklarierten Schöpfungsgeschichte vereinbar.
Der letzte Absatz des Vorwortes auf Seite 11 zeigt deutlich auf, wie wissenschaftlich klingende Aussagen gemacht werden, um letztlich Unlogisches zu fordern:
In diesem Buch werden wir die wissenschaftliche Krise analysieren, in der sich die Evolutionstheorie befindet. Es basiert einzig und allein auf wissenschaftlichen Ergebnissen. Diejenigen, die die Evolutionstheorie im Namen der Wissenschaft befürworten, sollten sich mit diesen Ergebnissen auseinandersetzen und ihre bisherigen Vermutungen in Frage stellen. Eine Weigerung, dies zu tun, würde die Akzeptanz des Vorwurfs bedeuten, dass sie aus dogmatischen und nicht aus wissenschaftlichen Gründen an der Evolutionstheorie festhalten.
Die Prämisse ist: Evolution ist wissenschaftlich widerlegt. Die Folgerung: Wer dies nicht anerkennt, handelt unwissenschaftlich. Was aber sind die vermeintlichen Beweise für die Untauglichkeit der Evolutionstheorie? An der Argumentation zum Thema «Mutation» möchte ich dies illustrieren.
Auf den Seiten 36 und 37 wird geklärt, warum Mutation von Genen kein Mechanismus evolutionärer Entwicklung sein kann. Es werden drei Hauptgründe genannt:
1. Die direkte Auswirkung von Mutationen ist schädlich: Da sie zufällig auftreten, schädigen sie fast immer den Organismus, in dem sie auftreten. Die Vernunft sagt uns, dass eine planlose Intervention in eine perfekte und komplexe Struktur diese Struktur nicht verbessern, sondern eher beeinträchtigen wird. Tatsächlich ist noch niemals eine "nützliche Mutation" beobachtet worden.
Mutationen seien also «fast immer» schädlich und «die Vernunft» sage uns, dass eine «planlose Intervention» in eine «perfekte Struktur» nur schlecht sein kann. Der Autor versteht zunächst nicht, dass der Begriff «fast immer» grundsätzlich Evolutionstheorie stützt: Sollte auch nur ein Bruchteil aller auftretenden Mutationen einen Vorteil bringen, kann Selektion zu Gunster dieser Mutation stattfinden.
Die Beschreibung von Erbgut als «perfekte Struktur» ist ein gängiges kreationistisches Argument: Alle Lebewesen seien doch perfekt, «Verbesserungen» gar nicht möglich. Diese absurde Behauptung geht in das «irreducible complexity»-Argument über.
Die Aussage, noch nie seien nützliche Mutationen beobachtet worden, ist angesichts der Hauptaussage dieses Buches amüsant: Der Autor kommt zum Schluss, Evolution gebe  es angesichts mangelnder Beweise für diese nicht und stattdessen sei es Allah, der alle Geschicke der Welt steuere. Wenn ich richtig im Bilde bin, wurden weder Allah noch sonstige Gottheiten bisher allzu oft empirisch dokumentiert - konsistente Logik der Argumentation ist keine Stärke von Kreationisten.
Abgesehen davon: Dass keine «nützlichen» Mutationen beobachtet werden konnten, ist eine schwer nachzuvollziehende Behauptung, ist doch die Geschichte des Menschen auch die Geschichte der gezielten Züchtung von Pflanzen und Tieren, also der explizitien Selektion bestimmter Mutationen.
 
Auf zur zweiten Begründung der Widerlegung der Evolutionstheorie:
2. Mutationen fügen der DNS eines Organismusses keine neuen Informationen hinzu. Die Basenpaare, die die genetische Information tragen, werden entweder aus ihrer Position gerissen und zerstört oder an anderer Stelle wieder eingefügt. Mutationen können keinem Lebewesen ein neues Organ oder eine neue Eigenschaft geben. Sie verursachen ausschließlich Abnormalitäten, wie ein Bein, das aus dem Rücken wächst oder ein Ohr, das am Bauch angewachsen ist.
Diese Aussage ist schlicht falsch.

Nun zum dritten Hauptgrund für die angebliche Falschheit der Evolutionstheorie:
3. Damit eine Mutation auf die nachfolgende Generation übertragen werden kann, muss sie in den Fortpflanzungszellen eines Organismus erfolgen. Eine zufällige Veränderung, die in irgendeiner Zelle oder einem beliebigen Organ des Körpers passiert, kann nicht auf die nächste Generation übertragen werden. Zum Beispiel wird ein durch Strahlung oder andere Einflüsse verändertes menschliches Auge nicht an nachfolgende Generationen weitergegeben.
Diese Aussage stimmt. Sie erklärt aber nicht, warum Mutationen nicht einer der Grundmechanismen der Evolution sein sollen - ganz im Gegenteil.

Das Buch zählt knapp 400 Seiten - zu viel, um jede einzelne Aussage an dieser Stelle zu prüfen. Ein illustratives Beispiel möchte ich noch aufgreifen, und zwar den «Kollaps des Stammbaums des Menschen» (S. 185 ff.). Folgende Aussage ist kennzeichnend für das Buch:
Was wir bisher untersucht haben, ergibt ein klares Bild: Das Szenario der "Evolution des Menschen" ist fiktiv. Würde es der Realität entsprechen, müsste eine schrittweise Evolution vom Affen zum Menschen stattgefunden haben, und dieser Prozess hätte Fossilien hinterlassen müssen, die inzwischen gefunden worden sein müssten.
Es wird fälschlicherweise behauptet, dass der Mensch vom Affen abstamme und der Mangel an «Übergangsformen» beweise, dass die ganze Evolutionstheorie falsch sei. Mit einer derartigen Aussage wird deutlich, wie falsch das kreationistische Verständnis von Evolution ist: «Übergangsformen» sind grundsätzlich alle Organismen. Weiter in dem vorgelegten Argument heisst es:
Eine weitere Entdeckung, die belegt, dass es keinen menschlichen Stammbaum, dem diese verschiedenen Arten angehören würden gibt, ist die, dass manche Arten gleichzeitig mit denen gelebt haben, deren Vorfahren sie gewesen sein sollen.
Im Wesentlichen wird damit das alte Argument «Wenn wir von Affen abstammen, warum gibt es dann noch Affen?» aufgegriffen. Das Konzept der «adaptive radiation» kann Klarheit schaffen: Eine neue Art kann aus einer bestehenden entstehen, ohne, dass die alte ausstirbt.

Ich hoffe, mit den obigen Beispielen aufgezeigt zu haben, wie systematisch falsch die Behauptungen Harun Yahyas sind - da ich aber selektiv Beispiele heraussuche, ist Kritik an mich  angebracht, denn es kann sein, dass ich gute Argumente des Buches  im Zuge einer «confirmation bias» ignoriere.
Ein paar Worte möchte ich noch zum Schreibstil des Buches äussern. Wie oben angedeutet, bedient sich der Autor wissenschaftlich klingenden Jargons und rekurriert oft auf wissenschaftliche Erkenntnis, meistens aus dem Feld der Biologie. Ein allgegenwärtiges Mittel ist «quote mining»: Gezielt werden aus dem Kontext gerissene Zitate von Experten eingesetzt und dahingehend interpretiert, dass das Zitat eine Expertenaussage gegen Evolutionstheorie sei. Ein exemplarisches Beispiel ist auf Seite 122 zu finden:
Zwei renommierte Wissenschaftler haben also einen wesentlichen Pfeiler der Evolutionstheorie, die Entwicklung von Vögeln aus Reptilien, gefällt. Oder doch nicht?
Die Behauptung, die Befunde von Feduccia und Nowicki seien «Belege» für Kreationismus , ist  unhaltbar. Die Autoren argumentieren anhand ihrer interessanten Forschungsergebnisse, dass Vögel nicht direkt der Dinosaurier-Familie der «dromaeosauridae» entstammen, sondern, dass  Theropoden-Dinosaurier und Vögel gemeinsame frühere Vorfahren hatten.

2. Die «widerlegte» Evolutionstheorie belegt (islamischen) Kreationismus
Das zweite Hauptargument bedarf nicht grosser Analyse, ist es doch offensichtlich aus der Luft gegriffen. Ab Seite 338 wird eine «Schlussfolgerung» angeboten:
Der springende Punkt ist, dass die Wissenschaft nunmehr eine Wahrheit bestätigt, die die Religion seit dem Heraufdämmern der Geschichte bis heute bezeugt hat. Gott schuf das Universum und alle Lebewesen in ihm aus dem Nichts. Und es war Gott, der den Menschen aus dem Nichts erschuf und ihn mit zahllosen Eigenschaften segnete. Diese Wahrheit wurde den Menschen seit Anbruch der Zeiten von den Propheten gesandt und in den heiligen Schriften offenbart. Jeder Prophet hat den Gesellschaften, an die er sich wandte, mitgeteilt, dass Gott den Menschen und alle Lebewesen erschaffen hat. Bibel und Quran erzählen die Schöpfungsgeschichte in derselben Weise.
Wie genau das angebliche Scheitern einer wissenchaftlichen Theorie als Bestätigung für Religion gedeutet werden kann, ist unklar. Die «Beweise» jedenfalls, welche der Autor liefert, sind ungültig: Zitate aus dem Quran, einem von Menschen verfassten Buch.

Der letzte Teil des Buches wird folgendermassen angekündigt:
Ab diesem Punkt ist es schwierig, nicht zu lachen. Was auf den folgenden Seiten vorgelegt wird, ist eine Art esoterisch-konstruktivistisches Weltbild - mit dem wenig überraschendem Resultat («grosse Wahrheit» genannt), dass Allah hinter allem steht.

5 Kommentare:

gwendolan hat gesagt…

Ich habe überigens gehört, dass eine Art Flashmob geplant ist: Möglichst viele Leute sollen die Veranstaltung besuchen und nach 10 Minuten in stillem Protest hinauslaufen.

Marko Kovic hat gesagt…

Das klingt interessant - wobei ich persönlich ja eher dafür plädiere, sich auch Akteure wie dieser im konkreten Gespräch anzunehmen.
Hoffentlich wird diese Flashmob-Protestaktion, wenn sie denn stattfindet, nicht eine blosse Anti-Islam-Demo, sondern eine Pro-Vernunfts-Aktion.

Marco hat gesagt…

Jetzt versteh ich, wieso nach 10 Minuten alle gegangen sind.
Ich habe spasseshalber diesen Vortrag besucht, wusste aber nichts von diesem Flashmob.
Ich war der Meinung, dies sind gegangen weil Harun Yahya gerade ausführen wollte wieso diese böse Evolutionstheorie schuld am Faschismus und an Hitlers Untaten sind.

Eine Lustige Behauptung fand ich auch:
Ja wenn der Fisch doch vom Seestern Abstamm, müsste es doch Fossilen von Tieren geben die halb Fisch und halb Seestern sind. (Da gab es auch schöne Bilder, wie so etwas auszusehen hätte) Da aber keine solchen Fossile gefunden wurden, sondern nur ganze Fische oder ganze Seesterne, kann es also keine Evolution geben.

@ Marko Kovic: Ich kann dir nur uneingeschränkt zustimmen. Kann deine Aussagen im Blog nur bestätigen.

Lukas hat gesagt…

Ich war auch am Vortrag und bin bis zum Schluss geblieben. Es war äusserst amüsant aber auch bedenklich. Der Flash-Mob war super!!! dafür ist nach dem Vortrag kaum noch jemand geblieben um Stellung zu beziehen.

Ganz lustig war, als er auf das Bild eines Walhais (was ja bekanntlich kein Säugetier ist) zeigte und sagte: "die Evolutionisten sagen, dass der Wal vom Bären abstammt"!!! das hatte Darwin gesagt, heute weiss man jedoch dass die Wale von Flusspferden abstammen.

Das Video von Dawkins welches ihn in einem Interview mit Kreationisten zeigt wurde natürlich auch vorgeführt.
Dass er nicht geantwortet hat, hat nichts damit zu tun, dass er keine Antwort gewusst hätte!!! lest doch mal seinen Kommentar dazu auf:
http://www.skeptics.com.au/publications/articles/the-information-challenge/

Krass war, wie auf Fragen "geantwortet" wurde! auf die Frage nach den gemeinsamen DNA-Viren von Mensch und Affe wurde mit einer 15min Wiederholung des Vortrages geantwortet, ohne das Wort Virus nur einmal zu benutzen.
Einem anderen Fragesteller, wurde gleich "geantwortet". Auf dessen Intervention wurde schlicht geantwortet: "dies ist ein Frage Antwort Spiel und keine Diskussion!" Danach wurde ihm das Mikrofon entzogen.

Fazit: ein Abend voller Lügen, Halbwahrheiten, Propaganda und vielen nickenden Zuschauern.

Marko Kovic hat gesagt…

Also habe ich scheinbar nichts verpasst - und Kompliment für die Ausdauer!

Es waren halt keine sinnvollen Argumente zu erwarten, da Kreationismus schlicht das Ignorieren biologischer (und verwandter) Erklärungsansätze und Befunde meint, nicht eine legitime Kritik (welche selbstverständlich immer willkommen ist). Das wirklich Interssante - und Besorgniserregende - ist, dass tatsächlich ein wesentlicher Teil des Publikums all die ungültigen Aussagen des Abends als Tatsachen akzeptiert. Wird bedacht, dass nicht wenige dieser 'Gläubigen' Jugendliche waren, also Menschen, welche in der Volksschule vermeintlich lernen, kritisch zu denken, offenbart sich die tiefe des Problems.

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