30. Mai 2010

Harun Yahya (a.k.a. Adnan Oktar) und Evolution - Teil 3

Am Freitag, dem 28. Mai 2010, fand im Kongresshaus in Zürich die in diesem Blogeintrag thematisierte Konferenz statt. Der Eintritt war frei, der Abend lang. Was also gab es an dieser «wissenschaftlichen Konferenz» zu lernen?
Mehr zu der Veranstaltung unter «Weiterlesen».
Es bietet sich an, zwischen den konkret vorgestellten kreationistischen Argumenten einerseits und dem allgemeinen Ablauf der Veranstaltung andererseits, zu unterscheiden.
Die vertiefte Besprechung des ersten Aspektes der Veranstaltung, also der Güte der Argumente, welche beweisen sollen, warum die Evolutionstheorie falsch, islamischer Kreationismus richtig sei, erübrigt sich: In diesem Blogeintrag habe ich versucht, die kreationistischen Argumente nach Art des Harun Yahya auf ihre Gültigkeit hin zu prüfen - mit dem Schluss, dass diese Kritik der Evolutionstheorie misslingt. In dem jetzigen Blogeintrag möchte ich mich darum eher dem «Drumherum» der Veranstaltung im Kongresshaus widmen.

Wie erwähnt war der Eintritt frei, Fotoapparate und Kameras erlaubt. Der Abend fand auf Englisch statt, wobei eine Übersetzung ins Deutsche durch stethoskop-förmige Abspielgeräte angeboten wurde. Obwohl im Vorfeld wenig Gewissheit in Betreff der Organisatoren herrschte und Kontakt mit diesen umständlich war (ich landete telefonisch bei einer hilfsbereiten Frau im Tessin), darf die Handhabung der Veranstaltung als professionell bezeichnet werden. Die Veranstaltung war gut besucht, freie Sitzplätze waren aber stets vorhanden:
Die obigen drei Fotografien habe ich kurz vor Beginn des Vortrages gemacht. Ob eine Korrelation zwischen kreationistischer Weltsicht und der Benutzung von Computern, welche in den zwei letzteren Bildern auf dem Podium sichtbar sind, gegeben ist, ist unklar (ja, das sollte ein Scherz sein).

Ein Blick in das Programm für den Abend offenbarte Dreierlei:
Dier Veranstaltung sollte verhältnismässig lange dauern; Harun Yahya (bzw. Adnan Oktar) sitzt offenbar seine Haftstraffe in der Türkei ab und würde per Videokonferenz zugeschaltet; es sind mehrere Tippfehler vorhanden (grün markiert).

Pünktlich fing der Vortrag zu «Evolutionsschwindel» an; dazu ein kurzer Mitschnitt:
Der Inhalt sollte nicht weiter verwundern; mit wissenschaftlicher Kritik an der Evolutionstheorie hat das selbstredend nichts gemein.
Ein anderer Besucher der Veranstaltung hat sich die grosse Mühe gemacht, fast den gesamten Vortrag über «Evolutionsschwindel» auf Video festzuhalten und verfügbar zu machen, wofür ich sehr dankbar bin. Die Playlist mit den insgesamt 8 Videos ist auf Youtube zu finden; an dieser Stelle das erste davon ergänzend zum Mitschnitt oben:

Nach ca. 10 Minuten fand eine bemerkenswerte Aktion statt: Eine Gruppe überwiegend jüngerer Menschen erhob sich und verliess in «stillem» Protest den Saal:
Wie zu hören ist, war der Protest letztlich so still nicht - und darum auch misslungen. Ausrufe wie «bullshit» waren Wasser auf die Mühlen des Referenten (ob es nur bei diesem einen Ausruf blieb, oder ob mehrere jener Leute, welche in Protest den Saal verliessen, verbale Verlautbarungen machten, kann ich nicht beurteilen; auf jeden Fall äusserten sich auch Sitzenbleibende deutlich hörbar): Eine wesentliche Strategie von Kreationismus-Verfechtern ist die Etablierung einer Märtyrer-Mentalität unter den (potentiellen) Anhängern. So hat der Referent die Aktion denn auch als «very anti-democratic» getadelt.
Ich plädiere dafür, auch hanebüchene Propaganda wie jene der «Harun Yahya»-Gruppe argumentativ zu entkräften - es geht also darum, kritisch zu sein, skeptisch zu sein. Sicher hat ein stiller Protest einen gewissen Symbolwert, aber letztlich ist dessen einzige Aussage «das gefällt mir nicht», und damit wird eben - dies der zentrale Punkt - nicht begründet, warum das Behauptete abzulehnen ist. Deutlich unnützer noch jenes Grüppchen, welches im Vorfeld in Affenkostümen erschien.

Der weitere Verlauf des Vortrages war wenig spektakulär; der Inhalt bekannt, Vorgehen mittels «quote mining» und grotesker logischer Fehlschlüsse allenthalben. Als eines der zahlreichen angeblichen Beispiele für die Falschheit der Evolutionstheorie wurde auch Chiralität behandelt:
Dies kann als illustratives Beispiel für die wissenschaftliche Ignoranz des «Harun Yahya»-Kreationismus dienen: Es gibt nämlich sehr wohl Forschung zu diesem faszinierenden Thema. Kreationismus ignoriert alle Forschung und leitet aus dieser selbstgewählten Ignoranz das Scheitern eben jener Wisssenschaften, welche bewusst ignoriert werden. Die folgende Fotografie unterstreicht diesen Punkt:
Es wird also, wie ich schon in dem ersten Blogeintrag zu Harun Yahya argumentiere, behauptet, Evolution meine, dass aus einer modernen Tier- bzw. Pflanzenart eine andere moderne Tier- bzw. Pflanzentart entsteht. Hier wird noch expliziert, dass es sich bei derartigen «transitional species» um grotesk-kindische Mischformen handeln muss. Wer sich weigert, Evolutionstheorie zu verstehen und statt dessen eine eigene «Evolutionstheorie» erfindet, kann durchaus zum Schluss kommen, die ganze Angelegenheit sei unwissenschaftlich.

Ein Punkt fiel mir im Weiteren noch auf, und zwar die Versessenheit auf Richard Dawkins:
Der Kontext des ersten Videos ist Folgendes; was an dem zweiten Video gegen Evolutionstheorie spricht, ist unklar.

Ich war nur bis ca. 22.30 Uhr zugegen; wie sich der weitere Verlauf der Veranstaltung entwickelte, weiss ich nicht - dementsprechend ist das hier Geschriebene und Gezeigte eher als kurzer Umriss denn als Totalanalyse zu verstehen. Interessante Dinge ergaben sich aber dennoch, allen voran die Protestaktion kurz nach Beginn des Vortrages und das damit implizierte Dilemma der freien Meinungsäusserung: Each of us is entitled to his own opinion, but not to his own facts (Quelle unbekannt).

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Die Idee der Aktion hat mir durchaus sehr gut gefallen, gerade weil sie sich nicht gegen die freie Meinungsäusserung richtet und dennoch klar Position bezieht. Ich finde nicht, dass das der falsche Ansatz ist und man stattdessen, auf einen vernünftigen Diskurs setzen sollte bei dem dann das bessere Argument schon gewinnen wird. Das ist in solchen Kontexten beileibe verschwendete Energie und nützt viel mehr dem Adressaten, indem es ihn als ernstzunehmenden Diskussionspartner etabliert. Der zwanglose Zwang des besseren Arguments ist eine schöne Idee, aber voraussetzungvoll und in diesem Kontext wenn nicht auch darüber hinaus schlichtweg unrealistisch.

Dass die Aktion in ihrer Ausführung, dann aber von einer Person durch die genannten Ausrufe gestört wurde ist bedauerlich, aber nicht vermeidbar. Ich kann dazu nur sagen, dass die Person nichts von der Aktion wusste und mit der Intention gekommen war bis zu den Fragen am Ende zu bleiben, um zu diskutieren, dann aber von den aufstehenden Personen mitgerissen wurde und der ehrliche Ärger über die Dummheit der Veranstaltung aus ihr herausbrach. Meines Erachtens also ein emotionaler Kurzschluss einer Einzelperson (Die Person hatte sich neben mich gesetzt und wir hatten während des Vortrags ein paar Sätze gewechselt).

Ich hab mich hingegen bei den ersten Minuten des Vortrags herrlich amüsiert, wusste aber auch auf was mich da einlasse und konnte es deshalb entspannt geniessen :-)

Marko Kovic hat gesagt…

Zweifellos stimmt es, dass diese Veranstaltung im Kongresshaus überhaupt nicht geeignet war, um vor Ort kritisch zu diskutieren - mit den Rednern an diesem Abend gäbe es keinen sinnvollen Austausch, da diese an einfachsten Fakten gar nicht interessiert sind.

Und grundsätzlich war die Protestaktion völlig in Ordnung - ein Teil des Publikums einer privaten Veranstaltung hat sich entschieden, diese zu verlassen. Dass es ermutigend ist, wenn sich junge Menschen gegen kreationistische Propaganda auflehnen, muss nicht weiter erwähnt werden. Ebenso kann ich nachvollziehen, dass, ob so viel wissenschaftlicher Ignoranz und systematischer Inkohärenz, das Blut in Wallung geraten kann - ähnlich geht es auch mir, z.B. bei der Anti-Impf-Bewegung.

Meine Grundaussage aber behalte ich bei: Derartige Protestaktionen sind zwar legitim, klären aber nicht über Inhalte auf. Im Idealfall regen derartig spektakuläre Proteste zu kritischer Diskussion der Inhalte dessen, was Anlass zum Protest gab, an. Ich lehne mich an dieser Stelle Mal weit aus dem Fenster und behaupte: In der Schweiz finden derartige kritische öffentliche Diskussionen zu wenig statt. Beispielsweise 'wissen' die meisten Menschen, dass Rassismus 'schlimm' ist, aber eine konkrete Begründung, worin die Fehler rassistischer Argumentation bestehen, können die Wenigsten bieten.

Ich hoffe, dass meine überspitzte Formulierung im Blogeintrag damit ein wenig ausgeglichener erklärt wird ;).

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