25. Mai 2010

Schweizer Fernsehen: Ein netter Abend mit Scientology

SF, die öffentlich rechtliche Fernsehanstalt der Schweiz, welche sich, zwischen PBS und RTL2 oszillierend, in einer permanenten Identitätskrise befindet, hat eine kurze Verschnaufpause beim Burka-Bombardement eingelegt und sich ein neues Thema gesucht: Scientology.
So weit so gut, handelt es sich bei Scientology ja nicht nur um eine konventionelle Religion (und Religion gehört kritisiert), sondern offenkundig auch um eine kriminelle Organisation. Der Club, eine als Gegengewicht zur «Arena» konzipierte Diskussions-Sendung (die «Arena» ist Bühne für politische Akteure, der «Club» für die restliche sozio-kulturelle Elite),  hat zwei hochrangige Scientology-Mitglieder eingeladen, eine Scientology-Aussteigerin, einen ehemalige Scientology-Mitglieder behandelnden Psychoanalytiker und Hugo Stamm, den allgegenwärtigen Sektenexperten.
Was genau war Anlass zur Diskussion im Club? Kein Witz: Ein Spielfilm.
Wie soll das verstanden werden? Schätzt SF das Zielpublikum als derartig denkfaul ein, dass ihm eine Diskussion konkreter Fakten nicht zuzumuten ist und stattdessen ein fiktionaler Film erklären muss, was Scientology ist und was es gefährlich macht?
So unsinnig auch mindestens die erste Hälfte des Gespräches: Was genau wird besprochen? Geht es um eine Filmrezension? «Das hat man im Film gesehen» - die Gesprächsteilnehmer sind sich der Naivität dieser Aussage offenbar nicht bewusst. Würde es sich um einen nicht-fiktionalen, also einen dokumentarischen, Film handeln, wäre die Frage des «Realismus» problematisch, immerhin wäre es aber möglich, die Genauigkeit der dargestellten Sachverhalte zu besprechen. Ein Spielfilm aber hat nichts mit Realität zu tun, ist doch primäres Ziel im Spielfilm das Erzählen einer Geschichte - die Floskel «beruht auf wahren Begebenheiten» ist dabei nicht mehr als Beitrag zur Illusion.

Gab es abgesehen davon einen kritischen Austausch von Argumenten? Tatsächlich wurden ca. ab Minute 45 einige heikle Punkte angesprochen (und die Moderatorin Christine Maier verglich die Scientology-Religions-Mythen gar mit dem Flash Gordon-Universum). Die Replik der anwesenden Scientology-Vertreter? Folgendes Bild fasst deren Argumentation recht präzise zusammen (das Schulterzucken ist im Standbild nicht zu sehen):

Hier noch die gesamte Club-Sendung:

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sehenswert ist auch die "hart aber fair"-Sendung, welche im Anschluss an die Erstausstrahlung des Films auf ARD ausgestrahlt wurde:

http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2010/20100331.php5

Der Film selber ist meiner Meinung als klar fiktive Geschichte zu betrachten, dennoch denke ich, dass die gezeigten Praktiken der Sekte zumindest teilweise durchaus der Realität entsprechen, da sie sich auch mit zahlreichen Berichten von ehemaligen Mitgliedern decken.

Marko Kovic hat gesagt…

Merci für den Link!

Sicher stimmt es: Einige der in diesem Spielfilm gezeigten Eigenschaften von Scientology entsprechen zweifellos den Tatsachen.
Dann würde ich aber meinen, dass die Besprechung dieser Tatsachen selber angebracht ist. Der Umweg über einen Spielfilm verzerrt, emotionalisiert, suggeriert, ist also unangebracht - da sind wir uns ja grundsätzlich einig.

Anonym hat gesagt…

sag mal, bin ich eigentlich der einzige, der das gefühl hatte, dass die sendung viel zu unkritisch war? es war fast ein werbefilm für scientology...

religo hat gesagt…

Interessant ist auch der Faktencheck zur Sendung "Hart aber fair", welcher normalerweise vom ZDF gemacht wird, in diesem Falle aber aus Gründen die Sie auf folgender Seite nachlesen können nicht durchgeführt wurde:
http://religo.ch/2010/09/02/faktencheck-uber-scientology-sendung-hart-aber-fair/

religo hat gesagt…

Jürg Acklin zeigt in diesem Film sehr schön, wie er selbst höchst manipulativ argumentiert.
Als Jürg Stettler sachlich fragte mit wievielen Scientologen er denn je gesprochen habe, wird es Herrn Acklin sichtbar unwohl und er zeigt einen aus meiner Sicht sehr negativen, manipulativen Charakterzug. Anstelle einfach sachlich zu antworten und zu sagen, dass er noch nie mit einem Scientologen gesprochen hat, versucht er als Rechtfertigung dies nicht getan zu haben eine Analogie mit Stalin herzustellen.
Jeder der sich gegen solche Manipulations-methoden selber besser wehren können möchte, täte gut daran die Seite der Knill+Knill Kommunikationsberatung unter http://www.rhetorik.ch/inhalt.html zu besuchen.

Reinhard Rieder hat gesagt…

Zur Unterstellung, dass es sich bei Scientology um eine
"offenkundige kriminelle Organisation" handelt, möchte ich auf ein
mittlerweile eingestelltes Verfahren in Hamburg hinweisen.

Die von der damaligen Sektenjägerin ,Ursula Caberta, gestellte Strafanzeige
gegen Scientology Kirche Hamburg wegen "Bildung einer kriminellen
Vereinigung" wurde von der Oberstaatsanwaltschaft Mitte 1994 endgültig und
vollumfänglich eingestellt.

Cabertas Beschwerde wurde vom Generalstaatsanwalt
abgewiesen. Nicht einer der strafrechtlichen Vorwürfe bleibt bestehen,
hundertausende Mark Steuergelder gehen zum Schornstein hinaus.

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