19. Juni 2010

20minuten: iPhones machen Rabeneltern

Die Gratiszeitung 20minuten hat am 17. Juni 2010 in online und tags darauf in der Druckversion einen mit «Kinder leiden unter dem iPhone-Boom» betitelten Artikel veröffentlicht.
Die im Artikel getroffenen Aussagen bedürfen einer kritischen Betrachtung.

Im Artikel kommen drei Experten zu Wort: «Medienpädagoge» Thomas Merz, Kinderarzt Remo Largo und Kinderpsychologin Anette Cina. Merz und Largo sagen, dass eine Ablenkung der Eltern durch Geräte wie eben Smartphones schlecht für deren Kinder sein könne. Cina behauptet, sich vermutlich auf nicht weiter spezifizierte Untersuchungen berufend, dass Kinder auf diesen Umstand mit übertriebener Anhänglichkeit oder Aggression reagieren würden. Insbesondere die Aussagen von Thomas Merz sind mit Vorsicht zu geniessen: Ein Blick in die Publikationsliste des Theologen und CVP-Politikers offenbart, dass er die Grenzen zwischen Wissenschaft, Religion und Politik verwischt (gut ersichtlich anhand dieser Publikation), sein wissenschaftliches Tun also die Verwirklichung seiner politischen und religiösen Überzeugunen zum Zwecke hat, oder zumindest in diesen gründet.

Die Aussagen Merz' und Largos implizieren, bestimmte «Gadgets» würden zu weniger elterlicher Zuwendung gegenüber Kindern führen. Diese Aussagen sind prüfenswerte Hypothesen, aber keineswegs wissenschaftliche Tatsachen: Eine mögliche alternative Erklärung z.B. wäre, dass Eltern, welche grundsätzlich Schwierigkeiten mit der Erziehung ihrer Kinder haben, eher durch «Gadgets» abgelenkt werden. 

Grösstes Gewicht im genannten 20minuten-Artikel kommt aber einer Studie von Sherry Turkle vom MIT zu, gemäss welcher Gefühle von Kränkung und Eifersucht bei Kindern verbreitet seien, deren Eltern «einem unverhältnismässigen Gebrauch von neuen Technologien frönen» (wobei «frönen» unbegründeterweise impliziert, die Benutzung von «Gadgets» sei von den Eltern stets als Genuss und Spass gewollt). Das klingt interessant und ist Anlass genug, die betroffene Studie zu lesen. Da 20minuten Details zu zitierten Studien nicht angibt (nicht einmal den genauen Titel), ist wie gewohnt eine umständliche Suche nötig. Ein Blick in Turkles Publikationenliste hilft zunächst aber nicht weiter, da keine Studie mit dem im 20minuten-Artikel genannten Inhalt zu finden ist. Eine intensivere Suche liefert die wahrscheinliche Quelle des 20minuten-Zitates: Ein Artikel der New York Times vom 9. Juni 2010, welcher das Thema des 20minuten-Artikel etwas ausführlicher bespricht. Zu Turkles Studie steht Folgendes:
Sherry Turkle, director of the Massachusetts Institute of Technology Initiative on Technology and Self, has been studying how parental use of technology affects children and young adults. After five years and 300 interviews, she has found that feelings of hurt, jealousy and competition are widespread. Her findings will be published in “Alone Together” early next year by Basic Books.
Das heisst: Der Verfasser des 20minuten-Artikels hat die zitierte Studie eindeutig nicht gelesen, kann nicht wissen, wie die genauen Befunde aussehen, kann nicht wissen, wie es mit der Qualität der Studie steht - die Studie wird erst 2011 veröffentlicht.

Der genannte NYT-Artikel hält weitere, interessante Informationen bereit. So zum Beispiel ein Gegenargument zu dieser, so will ich sie nennen, «Gadget»-Verwahrlosungs-Hypothese:
Not all child-development experts think smartphone and laptop use by parents is necessarily a bad thing, of course. Parents have always had to divide their attention, and researchers point out that there’s a difference between quantity and quality when it comes to conversations between parents and children.
“It sort of comes back to quality time, and distracted time is not high-quality time, whether parents are checking the newspaper or their BlackBerry,” said Frederick J. Zimmerman, a professor at the University of California, Los Angeles, School of Public Health who has studied how television can distract parents. He also noted that smartphones and laptops may enable some parents to spend more time at home, which may, in turn, result in more, rather than less, quality time overall.
Damit ist der Nutzen des NYT-Artikels aber noch nicht erschöpft. Auch wird, anders als z.B. bei ideologisch motivierten Experten wie Thomas Merz, erklärt, warum elterliche Zuwendung für die Entwicklung des Kindes wichtig sei: Mit intensiverer Kommunikation eigneten sich Kinder früher ein breiteres Vokabular an, was eine wichtige Grundlage für das Erlangen der Lesefähigkeit sei. In diesem Zusammenhang ist in dem NYT-Artikel auch eine interessante Grafik zu finden, welche zeigt, dass der Einsatz technischer «Gadgets» die Menge an verbaler Kommunikation zwischen Eltern und Kind negativ beeinflussen kann:
Zu betonen ist, dass diese Grafik (wie in ihrer Beschreibung festgehalten) kein Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie ist, sondern eine interessante Veranschaulichung der «Gadget»-Verwahrlosungs-Hypothese.

Was ist aus diesem 20minuten-Artikel mitzunehmen? Die «Gadget»-Verwahrlosungs-Hypothese ist eben dies, eine Hypothese, keine Tatsache. Zwei der drei zitierten Experten treffen Aussagen, welche für sich genommen nichtssagend sind. 20minuten beruft sich auf eine Studie, welche noch nicht erschienen ist, deklariert dies aber nicht. Allfällige der Aussage des 20minuten-Artikels widersprechende wissenschaftliche Erklärungsansätze und Befunde werden ignoriert.
Das vielleicht Wichtigste aber: Der Unterschied zwischen dem 20minuten-Artikel und dem NYT-Artikel, durch welchen 20minuten möglicherweise «inspiriert» wurde, ist ein ausgezeichnetes Beispiel für den Unterschied zwischen Boulevard- und Qualitätsjournalismus.

7 Kommentare:

Thomas Merz hat gesagt…

Hallo lieber Marko Kovic

Das Ziel des Skeptiker-Blogs in allen Ehren.

Dass ich allerdings ein "ideologisch motivierter Experte" sei, dessen "wissenschaftliches Tun die "Verwirklichung seiner politischen und religiösen Überzeugungen zum Zwecke hat" ist nahe bei Rufmord und trifft die Realität nicht im Geringsten.

Der Leser dieses Blogs mag sich wohl selbst ein Urteil bilden über dessen Qualität, wenn der Autor nie auch nur ein einziges Wort mit mir gesprochen hat... - Solche Recherche ist keine Spur besser als die von Boulevardzeitungen, die da kritisiert werden...

Zunächst zum Artikel in 20 Minuten: Hier hat der Redaktor insgesamt etwa 3/4 Stunden mit mir telefoniert. Ich habe in diesem Gespräch vieles geagt, was auch Marko Kovic hier schreibt. Von diesem langen Gespräch erschien in 20 Minuten genau dieser Satz: "Die technischen Gadgets sind eine neue Dimension. Wenn man als Eltern die dauernde Ablenkung nicht im Griff hat, wirkt sich dies negativ auf die Erziehung der Kinder aus". - Das ist genau, was Kovic selbst auch sagt. Ich sage nichts von einer bewiesenen Hypothese. - Dass Kovic allerdings mir anlastet, dass der Artikel insgesamt nicht auf Feinheiten eingeht, ist eine seltsame Logik.

Und schliesslich: Ich weiss nicht, ob Marko Kovic den Unterschied zwischen Theologie und Religion kennt. Jedenfalls ist Theologie eine Wissenschaft - zwar eine, die sich mit Glaube und Religion befasst - aber eine Wissenschaft, die sich klar auch an anerkannte wissenschaftliche Spielregeln hält.

Ich bin also gern für einen echten Dialog, für eine inhaltliche Auseinandersetzung zu haben. - Allerdings nicht auf der Basis von blossen Vermutungen und Unterstellungen, wie sie in diesem Blog geäussert werden.

Mit freundlichen Grüssen
Thomas Merz

Marko Kovic hat gesagt…

Antwort M. Kovic, Teil 1

Sehr geehrter Herr Merz

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben, auf meinen Blogeintrag zu antworten.

Ich möchte gerne auf die von Ihnen kritisierten Punkte eingehen.

-«Rufmord»:
Ich Rechtsfragen kenne ich mich wenig aus, aber vielleicht meinten Sie Ehrverletzung (Link) und/oder Verleumdung (Link). Es steht Ihnen selbstverständlich frei, rechtliche Schritte einzuleiten, eine kurze Begründung für meine Aussage möchte ich aber dennoch abgeben (im ursprünglichen Blogeintrag habe ich mich vielleicht zu wenig genau ausgedrückt).
Was Ihre private religiöse oder sonstige Überzeugungen sind, geht mich nichts an und ist uninteressant. Es ist aber relevant, wenn Sie in Ihrer Expertenrolle als Wissenschaftler religiöse Texte verfassen. So geschehen in dem Text, auf welchen ich im Blogeintrag verlinke: «Kirche in der Mediengesellschaft». Dieser und andere Texte zeigen, dass Sie die Rollen des Wissenschaftlers, des Gläubigen und des Politikers nicht genügend trennen. Dies führt zum nächsten Punkt.

-Theologie und Religion:
Warum Sie mir vorwerfen, den Unterschied zwischen Religion und Theologie nicht zu kennen, verstehe ich nicht. Schliesslich werfe ich Ihnen vor, die Grenzen zwischen Wissenschaft, Religion und Politik zu verwischen - ich behaupte an keiner Stelle, Theologie sei nicht Wissenschaft. Dieses Argument ist ein «straw man».
Der Frage aber, ob Theologie eine Wissenschaft ist, werde ich mich in einem zukünftigen Blogeintrag widmen - in diesem Blogeintrag habe ich diese Frage aber, wie gesagt, nicht angesprochen.

Marko Kovic hat gesagt…

Antwort M. Kovic, Teil 2

-«Sound bite journalism» bei 20Minuten
Sie beschreiben, wie aus einem langen Interview, welches Sie mit einem 20Minuten-Redaktor geführt hatten, nur ein kurzes Zitat
verwendet wurde. Aus Ihrer Beschreibung geht nicht hervor, ob dieses Zitat aus dem Kontext gerissen wurde oder nicht, aber ich nehme an, eben das möchten Sie ausdrücken. Ich ging davon aus, dass Ihnen bewusst war, wie Ihr Interview verwendet wird, dass Sie also den Artikel zu Gesicht bekamen, bevor er erschien. Ich erinnere Sie daran, dass Ihr Zitat mit folgendem Satz eingeleitet wird: «Was sich wie Einzelfall anhört, ist in Tat und Wahrheit ein Phänomen, das Fachleute in der Schweiz - notabene dem Land mit der weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbreitung von Smartphones - beunruhigt: [...]».
Die sensationalistische Aussage, welche Ihr Zitat unterstreichen sollte, war Ihnen also bekannt - es sei denn, Sie haben den 20Minuten-Artikel nicht vor der Veröffentlichung gesehen. Sollte Letzteres der Fall sein, haben sie fahrlässig in Kauf genommen, dass 20Minuten Ihre Aussagen zu unlauteren Zwecken verwendet. Insofern ist Ihre Kritik, ich hätte im Rahmen meiner Recherche zu diesem Blogeintrag mit Ihnen Kontakt aufnehmen sollen, uangebracht: Sie haben freiwillig ein Interview mit 20Minuten geführt und haben entweder implizit oder explizit zugelassen, dass 20Minuten Ihre Aussagen im Kontext des interessierenden 20Minuten-Artikels verwendet.
Ja, in Ihrer Aussage im 20Minuten-Artikel ist nicht die Rede von Hypothesen o.ä. - und das ist das Problem. In Ihrer Rolle als Wissenschaftler bedeutet Ihre Aussage, dass es sich um wissenschaftliche «Tatsachen» handelt, also um Dinge, welche aus Sicht der Wissenschaft als geprüft und als vorläufig erwiesen gelten.

Was aber stimmt, ist, dass ich Ihnen vorwerfe, nicht zu erklären, warum elterliche Zuwendung überhaupt wichtig sei (im Abschnitt über der «NYT»-Grafik). Dieser Vorwurf ist eindeutig ein Fehler meinerseits: Wenn schon, müsste ich die boulevard-typische Oberflächlichkeit von 20Minuten anprangern, welche auf «sound bites» aus ist und tiefergehende Analyse nicht zulässt.
Dieser eine Vorwurf an Sie ist also in der Tat haltlos und unlogisch - das hätte mir beim Schreiben des Blogeintrages auffallen sollen. Für den Hinweis auf diesen völlig unangebrachten Vorwurf bedanke ich mich.

Nochmals danke für Ihren Kommentar - eine allfällige Replik ist natürlich immer willkommen.

Mit freundlichen Grüssen
Marko Kovic

P.S. Ich hoffe, dass Sie den Text des Blogeintrages für allfällige juristische Zwecke gesichert haben. Zwar ist prüfbar, wann der Blogeintrag das letzte Mal meinerseits editiert wurde (allenfalls hätte ich ja Interesse daran, den Text zu ändern, um dem Vorwurf des «Rufmordes» zu entgehen), aber eine Kopie, welche Sie separat aufbewahren, wäre sicher nicht schädlich.

Thomas Merz hat gesagt…

Zu Antwort 1

Guten Tag Herr Kovic

Genau hier wehre ich mich. Es handelt sich bei diesem Text in der Schweizerischen Kirchenzeitung eben gerade nicht um einen "religiösen" Text, wie sie schreiben, sondern um einen theologischen. Insofern passt auch meine Rolle als Wissenschafter. Und daher ist auch das Argument, ich würde die Rollen nicht trennen, hinfällig.

Zudem: Dass ich ein "ideologisch motivierter Experte" sei, dessen "wissenschaftliches Tun die "Verwirklichung seiner politischen und religiösen Überzeugungen zum Zwecke hat", ist nach wie vor absurd.

Haben Sie sich überlegt, dass es genauso gut umgekehrt sein könnte? Als Wissenschafter erlebe ich mich innerhalb der Kirche jedenfalls als sehr kritisch, vertrete eine klare Haltung, dass sich der Glaube kritischen Fragen der Wissenschaft stellen muss. Es ist also keineswegs so, dass ich vor lauter Glaube einfach irgendetwas vertreten würde - vielmehr bin ich kritischer Wissenschafter - auch in religiösen Fragen.

Die verschiedenen Texte vermischen jedenfalls Sie, nicht ich. - Ich kann sehr wohl trennen zwischen einem theologischen Kontext (z.B. Schweiz. Kirchenzeitung) und diesem pädagogischen Kontext.

Im übrigen war ich 15 Jahre in der Lehrerbildung Dozent für Religionsdidaktik. In diesem Fach gehört es geradezu zum Kern, zwischen Glauben und Wissenschaft zu unterscheiden. Schule muss auf der (kritischen) Wissenschaft aufbauen, eben auf Theologie.

Will man in einer modernen Demokratie, die Religionsfreiheit als zentralen Wert vertritt, dieses Fach unterrichten, so ist in diesem Bereich höchste Sensibilität erforderlich. Gerade darum, weil diese Trennung für mich dermassen selbstverständlich ist, wehre ich mich gegen diesen Vorwurf.



Zum Teil 2:
Selbstverständlich können Sie selbst entscheiden, einem Gratisblatt kein Interview zu geben. Meine Position ist eine andere.
Als Medienwissenschafter bin ich mir bewusst, dass die Hauptwirkung der Medien die ist, dass man überhaupt über eine Thematik spricht. Selbst wenn der Artikel also nicht so differenziert ist, wie ich mir das natürlich wünschen würde, so bringt er doch ein wichtiges Thema ein.

Ich stehe dazu, dass Smartphones eine neue Dimension bringen - nicht nur für Eltern, sondern ganz generell. Es ist eine Herausforderung, mit dieser stetigen potentiellen Ablenkung sinnvoll umzugehen. Dass man sich mit dieser Herausforderung überhaupt befasst, finde ich wichtig. Daher stelle ich mich auch für solche Interviews zur Verfügung.

Allerdings übernehme ich damit noch keine Verantwortung für den ganzen Text. Was ich sehe, sind in der Regel lediglich die eigenen Quotes - und kann auch nur hier Änderungen verlangen.

Mit freundlichen Grüssen
Thomas Merz

Marko Kovic hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Merz

Nun, wenn es sich bei dem einen Text, welchen ich problematisiere, nicht um einen religiösen, sondern um einen «theologischen» handelt, ist vielleicht das Problem, dass «Theologie» nichts anderes als Religion ist.
Wenn Sie tatsächlich der Ansicht sind, Aussagen wie:

«Die Frage, wie die uralte christliche Botschaft der befreienden Liebe Gottes zu den Menschen in Sprache und Bilder übersetzt werden kann, die von den Menschen heute verstanden wird und mit ihrem Leben in Beziehung gesetzt werden kann, ist unverzichtbare Grundlage jeder Kommunikationsarbeit.»

oder:

«Es war für mich etwas vom Spannendsten im Theologiestudium, die zehn Gebote nicht als moralisierende Last zu begreifen, sondern als Basis der Freiheit. Das Volk Israel erhält die zehn Gebote genau auf diesem historischen Weg aus der Knechtschaft in die Freiheit. Just an diesem Brennpunkt schenkt Gott den Menschen zehn Worte des Lebens, damit Freiheit überhaupt erst möglich wird. Denn nicht Gott braucht die zehn Gebote. Wir Menschen brauchen sie, wollen wir wirklich im «gelobten Land» leben.» (aus «10 Gebote für die Mediengesellschaft»)

seien Wissenschaft, und Sie meine anschliessende Kritik als «absurd» bezeichnen, wird eine weitere Diskussion schwierig. Aber offenbar ist Ihr Argument, dass der Glaube an Gott (als Privatangelegenheit grundsätzlich uninteressant) zu Wissenschaft wird, wenn der Begriff «Theologie» darübergestülpt wird. Oder lese ich diese Texte falsch und Sie behaupten darin nicht die Existenz einer christlichen Gottheit?
Die Anschlussfrage: Setzt «Theologie» die Existenz einer oder mehrerer (christlicher) Gottheiten voraus? Wenn ja, ist es Wunschdenken, «Theologie» als «kritische Wissenschaft» zu bezeichnen.

Aber zurück zu Ihrer Aussage im 20minuten-Artikel.
Ich stimme Ihnen zu: Es ist sicher sinnvoll, sich dieser potentiellen Ablenkung und ihrer allfälliger Folgen anzunehmen. Ihre Aussage im Artikel lautete aber:

«Die technischen Gadgets sind eine neue Dimension. Wenn man als Eltern die dauernde Ablenkung nicht im Griff hat, wirkt sich dies negativ auf die Erziehung der Kinder aus».

Es liegen also zwei unterschiedliche Aussagen von Ihnen vor: Die mögliche Ablenkung kann sich vielleicht negativ auswirken [in Ihrem Kommentar]. - Die mögliche Ablenkung wirkt sich negativ aus [im 20minuten-Artikel].
Den Unterschied erkennen Sie sicher.

Mir freundlichen Grüssen
Marko Kovic

Thomas Merz hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Kovic

Vielen Dank für die Antwort. - Ich werde mich später nochmals melden. Im Moment mal nur einzelne Punkte.

Selbstverständlich kann man Theologie betreiben, ohne selbst zu glauben. Ich kann beispielsweise einen biblischen Text interpretieren, ohne dessen Aussage selbst zu glauben. Ich selbst bin katholisch. - Ich kann aber katholische Dogmen theologisch reflektieren, ohne sie deswegen zu übernehmen.

Umgekehrt kann ich glauben, ohne diesen Glauben auch kritisch (theologisch) zu reflektieren. Der persönliche Glaube kann sich theologischer Reflexion entziehen.

Allerdings halte ich persönlich genau dies für falsch. - Und darum ist mir diese Unterscheidung so wichtig: Meine Haltung ist ganz klar, dass sich auch der persönliche Glaube kritischen Anfragen zu stellen hat. (Übrigens halte ich es gerade darum für falsch, dass heute Glaube sehr oft als reine Privatsache bezeichnet wird. Denn genau damit ist er der kritischen Reflexion entzogen.)

Vielleicht noch ein Bezug zum Text der 10 Gebote: Im persönlichen Glauben kann ein Mensch glauben, dass Mose tatsächlich die Steintafeln mit den zehn Geboten direkt von Gott erhalten hat.

In einer historisch kritischen Textanalyse, wie sie in der Theologie typischerweise vertreten wird, lässt sich diese Deutung nicht mehr vertreten. Aufgrund dieser Auseinandersetzung komme ich dazu, dass dieser Text - wie viele andere - narrativ in einer Erzählung verdichtet wurde.

Das Volk Israel erlebte diesen Weg von Aegypten nach Palästina als Befreiung. Aber es machte in dieser Zeit genauso die Erfahrung, dass Freiheit ohne Respekt vor dem nächsten, ohne Verantwortung usw. nicht denkbar ist. Diese Regeln schrieb man - eben ganz entsprechend der damaligen Zeit - verpackt in eine Erzählung auf.

Ein aufgeklärter, wissenschaftlich denkender Zeitgenosse hätte vielleicht eine theoretische Abhandlung über die Bedingungen der Freiheit geschrieben, der biblische Mensch erzählte eine Geschichte.

Wenn ich also in meinem theologischen Text schreibe, Gott habe den Menschen diese 10 Gebote gegeben, so bin ich natürlich nicht der Meinung, das hätte sich historisch so zugetragen. Ich bediene mich einfach desselben Bildes wie das Volk Israel. Ich wähle eine Sprache und eine Erzählform, wie sie in einer Kirchenzeitung (hoffentlich) verstanden werden.

Im übrigen bin ich sehr gerne zu kritischer Auseinandersetzung bereit, finde auch Ihre Einwände spannend.

Wogegen ich mich wehre, ist nicht Widerspruch an sich, sondern eine Aussage wie ich sei ein "ideologisch motivierter Experte" , dessen "wissenschaftliches Tun die "Verwirklichung seiner politischen und religiösen Überzeugungen zum Zwecke hat".

Da stehe ich dazu: Dieser Vorwurf ist absurd.

Mit Ihrer Haltung sagen Sie ja eigentlich: "Wer glaubt, kann keinen wissenschaftlichen Text mehr schreiben". Ich sage viel mehr: Jeder persönliche Glaube hat sich der kritischen Reflexion zu stellen. Für mich nehme ich das in Anspruch...

Mit freundlichen Grüssen
Thomas Merz

Marko Kovic hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Merz

Danke für Ihr anhaltendes Interesse und die lesenswerten Kommentare.

Zunächst fällt mir auf, dass Sie meinen Vorwurf unvollständing widergeben. In der Tat schreibe ich:
«[...] sein wissenschaftliches Tun also die Verwirklichung seiner politischen und religiösen Überzeugunen zum Zwecke hat».

Der Rest des Satzes, dies lassen Sie aus, lautet aber:
«oder zumindest in diesen gründet.».

Was meine ich damit? Ein konkretes Beispiel ist in den «10 Geboten für die Mediengesellschaft» zu finden:
«V. Du sollst nicht töten. Trag Sorge zu deinen Werten – auch bei deinem Medienkonsum.»

Im Zusammenhang mit dieser Aussage zeigt ein Blick in andere Texte Ihrer Publikationenliste, dass Sie sich über «Killerspiele» echauffieren und Massnahmen fordern. Dabei fällt auf, dass Sie, z.B. in diesem durchaus lesenswerten Paper, Ihrer Argumentation widersprechende Forschungsergebnisse fast gänzlich ignorieren. Dass sich hier der Verdacht aufdrängt, Ihre christliche Überzeugung würde sich in der wissenschaftlichen Expertenrolle äussern, dürfte nachvollziehbar sein.

«Ideologisch motiviert» meine ich also in diesem Kontext: Ihr wissenschaftliches Tun als durch Religion beeinflusst. Den Eindruck, Sie würden fundamentalistisch jedes Wort in der Bibel als faktisch richtig und nicht als Sammlung von Erzählungen auffassen, hatte ich nie.

Ich sage nicht, dass, wer glaubt, keinen wissenschaftlichen Text mehr schreiben könne. Ich sage, dass, wer glaubt, keinen wissenschaftlichen Text über das, was geglaubt wird, schreiben kann - wenn das Geglaubte als Prämisse verstanden wird. Die Gefahr, dass dies Eintritt, ist hoch, unabhängig vom Gegenstand des Glaubens.

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