4. Juni 2010

Leave «Madame Etoile» alone!

Wie bereits erwähnt, ist die Stadtzürcher Zeitung «Tagblatt der Stadt Zürich» mit Werbung für allerlei Alternativmedizin und sonstigen Hokus-Pokus gespickt. Die Ausgabe von Mittwoch, dem 2. Juni 2010, geht einen Schritt weiter: Prominent auf Seite 2 des redaktionellen Teils ist ein Interview mit der Astrologin «Madame Etoile», Monica Kissling, abgedruckt.
Das Thema des Interviews ist «Uranus im Widder», eine angebliche «Konstellation der grundlegenden Erneuerung» (es ist schon faszinierend, dass für Astrologen immer irgendeine besondere «Konstellation» vorhanden ist, welche ihre Dienste als «Sterndeuter» angeblich nötig macht). Monica Kissling liefert die üblichen Allgemeinplätze ab, zwei Fragen und die Antworten dazu heben sich ab.

Die erste auffällige Frage des Interviewenden lautet «Wie können wir diese Zeit kreativ nutzen?» und die Antwort fängt an mit «Offen sein für grundlegende Veränderungen im persönlichen Leben und für Reformen am Arbeitsplatz». Wenn also «Madame Etoile» mehr oder weniger konkrete Handlungsanweisungen gibt, wo bleibt da denn der Blick in die Zukunft? Sehen weder der Journalist noch die Astrologin, dass hier Grundlage für selbsterfüllende Prophezeihungen gelegt wird (Ereignisse werden allenfalls eintreten, weil dazu aufgefordert wird, diese herbeizuführen)? Astrologen sollten sich mehr Mühe geben, ihrem Gebaren einen Hauch von Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Die zweite Interessante Frage ist am Schluss des Interviews zu finden: «Was sagen Sie einem Kritiker, der Astrologie für Humbug hält?». Die Antwort darauf fällt kreativ aus:
Es gibt leider nur sehr weniger ernst zu nehmende Kritiker. Denn Kritik setzt ja voraus, dass man etwas von der Materie versteht. Sicher muss gesagt werden, dass Astrologie nicht «Glaubenssache» ist, genauso wenig, wie beispielsweise Psychologie. Sie basiert auf jahrtausendelanger Beobachung und Erfahrungswerten. Ihre Aussagen können überprüft werden - indem man sich zum Beispiel von einem professionellen Astrologen sein Geburtshoroskop erstellen lässt. Die Lektüre der Zeitungshoroskope reicht dazu nicht aus.
 Es gebe «sehr wenige ernst zu nehmende» Kritiker, weil niemand verstehe, wie diese Wissenschaft funktioniert. Ja, Wissenschaft, denn «Madame Etoile» vergleicht ihr Metier mit Psychologie. Anschliessend begeht sie denselben Fehlschluss wie z.B. Verfechter «traditioneller chinesischer Medizin»: Weil etwas schon lange gemacht wird («jahrtausendelange Beobachtung»), ist es automatisch wahr und nicht mehr kritisierbar (diese Art Fehlschluss wird auch «appeal to tradition» genannt).
Die Krönung des Absurden aber ist am Ende zu lesen: Astrologie könne überprüft werden, indem man sich von «professionellen Astrologen» ein «Geburtshoroskop» erstellen lasse. D.h., es ist nicht Aufgabe von «Madame Etoile», ihre hanebüchene Pseudo-Wissenschaft a priori zu erklären, nein - skeptisch Eingestellte müssen sie zuerst bezahlen, bevor sie bereit ist, vermeintliche Beweise für die Gültigkeit von Astrologie zu liefern.

Diese Art Scharlatanerie ist nichts Neues. «Madame Etoile» und Konsorten nutzen ohne Skrupel Menschen aus, welche sich bisweilen in schwierigen Lebenslagen befinden und, der Verzweiflung nahe, Hilfe in Sterndeuterei suchen.
Vielleicht wichtiger als «Madame Etoile» selber ist der Umstand, dass das «Tagblatt» dieser Betrügerin überhaupt so unkritisch zu Publizität verhilft. Dass es sich dabei nur um eine Lokalzeitung handelt, macht das Problem nicht kleiner: Lokalemedien sind oft ein viel stärkerer Teil der Alltagswelt von Menschen als überregionale Medien. Sie behandeln einen unmittelbar greifbaren Teil der Welt.
Wird schon an der Wurzel öffentlicher Diskurse Ignoranz der Vorzug vor kritischem Denken gegeben, trägt der Baum faule Früchte.

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