17. Juni 2010

Pietro Sassi, Gesichtsleser

Am Dienstag, dem 8.6.2010, war Pietro Sassi, ein «Gesichterleser», zu Gast in der Sendung «TalkTäglich» auf TeleZüri, einem privaten zürcher Regionalsender. Pietro Sassi behauptet, anhand bestimmter Merkmale des menschlichen Gesichtes «Fähigkeiten und Neigungen» der jeweiligen Gesichtsinhaberinnen und -inhaber erkennen zu können. Dieser Behauptung möchte ich, anhand des Interviews in genannter Fernsehsendung, genauer nachgehen.
Die knapp halbstündige Sendung ist in Gänze online abrufbar.

Gesichterleserei ist einzureihen in die alte Tradition der «Physiognomik», da bestimmte Merkmale des menschlichen Körpers, in diesem Fall jene des Gesichtes, Auskunft über Charakter eines Menschen geben sollen. Diese Lehre gründet nicht in Wissenschaft, da sie auf teilweise obsoleten Verständnissen von Anatomie beruht. Zweifellos kann beispielsweise vorkommen, dass eine Person, deren Äusserliches stark von zeitgenössischen Schönheitsstandards abweicht, eher introvertiert, eher scheu ist. Das bedeutet aber nicht, dass bestimmte körperliche Ausprägungen kausal mit einer Charaktereigenschaft verschränkt sind. Wahrscheinlicher ist, dass die betroffene Person in einem kognitivem Vorgang die (angenommenen) sozialen Realitäten im Zusammenhang mit dem äusserlichen Erscheinungsbild wahrnimmt und in Anbetracht der eigenen Abweichung von den wahrgenommenen Idealen zurückhaltender, eher in sich gekehrt ist.
Dieses Beispiel ist natürlich unrealistisch stark vereinfacht: Für die im Beispiel genannte Frage, warum manche Menschen eher introvertiert, andere eher extrovertiert sind, gibt es umfrangreiche Theorien und viel Forschung, vor allem in der Disziplin der Psychologie. Mein Ziel mit obigem Beispiel war, den grundsätzlichen Fehlschluss «physiognomischer» Lehren aufzuzeigen: Merkmale des Körpers sind nicht direkte Indikatoren für «Fähigkeiten und Neigungen» einer Person, menschliches Denken und Handeln ist also nicht durch äusserliche Merkmale des Körpers determiniert. Es gibt Mechanismen, über welche sich Äusserlichkeiten in Charaktereigenschaften manifestieren können; diese Mechanismen bestehen aber nicht in unmittelbar kausalen Zusammenhängen zwischen äusserem Merkmal und psychischer Eigenschaft.

Meine bisherigen Ausführungen sind womöglich unfair: Ich kritisiere «Physiognomik» im Allgemeinen, ohne die konkreten Argumente Herrn Sassis zu bewerten. Diese Kritik ist aber, wie ich meine, angebracht, da Sassis «Gesichtslesen» eindeutig und ohne Umwege an diese Lehre anknüpft. Dennoch möchte ich das eingangs genannte Interview im Genaueren kommentieren.

Ein gewichtiger Fehler in der Argumentation Sassis ist im Video ab Minute 4 zu sehen und zu hören: Als Teil der einleitenden Erklärung, warum «Gesichtslesen» funktionieren soll und wie es entstanden ist, erklärt Sassi (ich paraphrasiere), dass es auf der Welt 6.5 Mia. einmaliger Gesichter gebe; dasselbe wird auch auf der Internetseite Sassis erwähnt. Wenn aber betont wird, dass letztlich alle Gesichter unterschiedlich seien, ist es nicht einleuchtend, wie 60 Gesichtsmerkmale bestimmt werden können (im Video ab Minute 5), mittels derer «Fähigkeiten und Neigungen» aus eben jedem Gesicht herausgelesen werden können. Der Ansatz des «Gesichterlesens» nach Sassi widerspricht sich also: Jedes Gesicht ist einzigartig - Gesichter sind verallgemeinbar. Nun könnte eingewendet werden, dass zwar Gesichter als Kombination von Merkmalen einzigartig, das einzelne Gesicht konstituierende Merkmale aber universal sind. Rein mathematisch aber ist die Menge an möglichen Kombinationen mit 60 Merkmalen endlich. Ob die Menge an Kombinationen mit 6.5 Mia. Gesichtern theoretisch schon erschöpft sein könnte, kann ich nicht beurteilen, da unklar ist, wie viele mögliche Ausprägungen jedes der 60 relevanten Gesichtsmerkmale nach Sassi hat und, ob alle Merkmale gleichzeitig zu beachten sind. Die Aussage Sassis, jedes Gesicht sei einzigartig, verstehe ich aber als Grundsatzaussage: Es kann keine zwei identische Gesichter geben - darum bleibt der Widerspruch bestehen.

Ab Minute 2 im Video wird die Wissenschaftlichkeit des «Gesichterlesens» besprochen. Sassi muss zugutegehalten werden, dass er unmissverständlich dazu steht, dass «Gesichterlesen» wissenschaftlich, konkret von der Psychologie, nicht anerkannt sei. Auf die anschliessende Frage, worauf seine «Kenntnis» beruhe, nennt Sassi «altägyptische Weisheit». Dabei sind seine Ausführungen nicht sonderbar detailliert; von «Geheimwissenschaften» ist die Rede, welche «irgendwann einmal» vor «60 Jahren irgendwie» nach Europa gekommen seien. Das damit implizierte Argument, «Gesichterlesen» funktioniere, weil dies schon vor Jahrtausenden praktiziert wurde, ist ein  Fehlschluss: Lange Tradition einer Behauptung sagt nichts über ihre Gültigkeit aus. Beispiel: Lange war im Abendland Aderlass eine gängige medizinische Behandlung - dadurch wird Aderlass aber nicht zu einer wirksamen Behandlung.

Ab Minute 9 findet eine Demonstration der Künste Sassis statt, indem Gesichter bestimmter mehr oder minder prominenter Personen (Bundesrat Hans-Rudolf Merz, Bundesrätin Doris Leuthard, Ottmar Hitzfeld, Jörg Kachelmann, Carl Hirschmann) «gelesen» werden. Diese Übung ist vollkommen widersinnig: Um einigermassen zutreffende Aussagen über «Fähigkeiten und Neigungen» von Menschen, welche öffentliche Prominenz geniessen, zu treffen, bedarf es beileibe nicht des «Gesichterlesens». So geht die Leseleistung Sassis denn auch ich Allgemeinplätzen auf: Hans-Rudolf Merz habe «starkes mentales Durchhaltevermögen», Doris Leuthard sei «extrem stark harmonieorientiert», Ottmar Hitzfeld zeichne sich durch «Dominanzanspruch» aus, Jörg Kachelmann habe eine «Neigung zu Sucht» (welche auch «sexorientiert» ausfallen könne), bei Carl Hirschmann mache sich eine «Neigung zum Explosiven» bemerkbar.
Ganz Ähnliches kann ich ebenfalls herauslesen. Zwar nicht aus den Gesichtern der Betroffenen, sondern nur aus Presseerzeugnissen - weniger spektakulär, aber mindestens ebenso wirksam.

Meine Kritik an Sassis «Gesichterlesen» anhand dieses «TalkTäglich»-Interviews im Besonderen widerspricht also nicht meiner Kritik an «Physiognomik» im Algemeinen. Worin liegt nun aber das wesentliche Problem mit dieser Pseudowissenschaft Sassis? Ab Minute 17 wird dies unter dem Stichwort «Umsetzung» besprochen: Sassi verkauft seine Pseudowissenschaft als «Berater» und «Coach». Als Beispiel nennt er die Beurteilung von Unterschriften bei Bewerbungen: Explizit erklärt Sassi, dass er die Tauglichkeit von Bewerberinnen und Bewerbern nicht nach Qualifikationen o.ä. einschätzt, sondern anhand ihrer Unterschrift. Auf der Internetseite Sassis wird auch «Gesichterlesen» als «nützliches Instrument für die Rekrutierung und dieTeambildung [sic]» für HR-Verantwortliche beworben.
Nicht zuletzt für die Unternehmen, welche Sassis Dienste in Anspruch nehmen, kann dies verheerend sein: Nicht mehr allein tatsächliche Qualifikationen, nicht mehr die Kreativität und Qualität von Bewerbung und Bewerbungsgespräch sind ausschlaggebend für die Vergabe von Stellen - nein, pseudowissenschaftlicher Unsinn des «Gesichterlesens», der «Handschriftanalyse» und dergleichen werden relevant. Nur, weil jemand vielleicht eine «falsche» Lippenform hat, «ungeeignete» Wangenknochen, eine «schlechte» Nase, werden tatsächlich wichtige Kriterien relativiert oder gar gar nicht beachtet.

Vielleicht hat dies auch eine gute Seite: Wer möchte schon in einem Unternehman tätig sein, in welchem wichtige Entscheide nicht vernunftgesteuert, sondern mit Hilfe von (durchaus, wie oben erwähnt, selbstdeklarierter) Pseudowissenschaft getroffen werden?

5 Kommentare:

Tobias Blättler hat gesagt…

Hallo Marko
Schade, dass Du Dich nicht zu erkennen gibst, auch nicht auf Facebook - stehst Du nicht zu Deinem Blog? Zudem wäre es spannend zu wissen, was Du studiertst.
Ich möchte wissen, wem ich antworte - um zu wissen, ob es auch Sinn macht.

Ich bin bei der Suche nach Sassi auf Deinen Eintrag gestossen. Grundsätzlich kann ich Dir zu Deinem Blog recht geben: Kritisch ist immer richtig, denn es bedeutet selber zu denken - in unserer Gesllschaft leider oft untervertrehten! Und wer etwas kann, ist dem Beweis verpflichtet um seine Behauptung zu bestätigen.

Zu Deinem Kommentar über Sassi, bist Du mir allerdings etwas zu unkritisch Dir selber gegenüber. Dein Anfangsplädoyer scheint mir vage und keinen wirklichen Bezug der Physiognomik. Warum soll eine leistungsfähige Physiognomik seine Introvertiertheit nicht lesen können? Eine Person mit sehr viel Selbstbewusstsein wird auch "mit stark vom Schönheitsideal abweichendem Äusseren" nicht zum Introvertierten Typen.

Alle sind Individuell und dann die 60 Merkmale von Sassi: Das ist natürlich eine Willkür von Sassi! Das Original hat keine limitten definiert, sondern geht immer auf das individuelle. Mit den 60 Merkmalen, kann man sich allerdings grob ein Bild machen mit wem man es zu tun hat - es sind ja nicht nur die Merkmale und deren Kombinationen sondern auch die einzelne Qualität und das Zusammenspiel. Daraus ergäben sich einige mehr als die 7 Mia. Gesichter...
Abgesehen davon, dass Sassi recht oberflächlich ist, muss ich Dir natürlich zustimmen, dass seine Aussagen fast ebensogut aus der Presse abgeleitet werden könnten. Aber Du hast keine Grundlage diese Art von Physiognomie abzuerkennen. Hätte Sassi "qualitativ" ähnliche Aussagen zu ihm unbekannten Personen treffen können - z.B. zu Dir selber? Wenn er dass kann, wäre das ein empirischer Beweis. Und wie alt dieses Wissen ist, ist absolut unrelevant - Richtig: Nicht weil etwas lange für brauchbar angesehen wurde ist es richtig, doch tendenziell setzt sich das richtige über die Zeit hinweg. Aderlass war damals, heute gibt es Chemotherapie...

Das auf altägypischer Weissheit basierende Orignal geht vom Individuum aus - dem ICH, welches über die Gesetzmässigkeiten der Schöpfung die Persönlichkeit formt - im Gesicht, in der Bewegung, in der Schrift, ... und aus diesen Merkmalen lassen sich sehr wohl Charaktereigenschaften herauslesen. Sassi war übrigens Schüler bei dem Entdecker dieser Menschenkenntnis, was er allerdings kategorisch unterschlägt - sonnst würde man ja zum Meister lernen gehen ;-)

Zum Schluss möchte ich noch zu bedenken geben, dass auch alternativ Medizin lange oder immernoch als Pseudowissenschaft gilt (z.B. Akupunktur) und dennoch scheint einiges zu Helfen. Auf der anderen Seite werden in der Wissenschaft oft komplexe Annahmen getroffen, die als richtig gelten, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist - finde ich kein Deut wissenschaftlicher. Leider geben nur wenige Wissenschaftler offen zu, dass sie etwas einfach nicht wissen oder erklären können - löbliche Aussnahmen sind Leute wie Dr. Harald Lesch.

Jetzt hast Du zumindest mal ein Kommentar in Deinem Blog ;-)
Gruss und kreatives Hinterfragen
Tobias Blättler
(auch bei FB zu finden)

Marko Kovic hat gesagt…

Hallo Tobias

Tut mir Leid, dass ich erst jetzt deinen Kommentar sehe!

Was genau an den Dingen, die ich schreibe, besser oder schlechter wäre, wenn mein Gesicht neben dem Artikel stünde, weiss ich nicht ;). Sicher stehe ich zu diesem Blog; ich betreibe ihn ja auch nicht anonym.
Ich studiere im Hauptfach Politikwissenschaft. Was ich nicht ganz nachvollziehen kann, ist, warum mein Studienfach und mein Gesicht bestimmen, ob es Sinn macht, einen Kommentar auf diesem Blog zu hinterlassen.

Deine Kritik ist heikel. Vor allem, dass du Chemotherapie mit Aderlass vergleichst, ist unhaltbar. Ich hoffe, dass weder du noch Menschen in deinem Umfeld jemals an Krebs erkranken - wenn doch, ist die Meinung einer Onkologin, eines Onkologen definitiv zu beachten.

Zum eigentlichen Thema:
-Das Beispiel mit dem Zusammenhang zwischen Äusserlichkeiten und Introvertiertheit ist, wie ich auch im Blogeintrag festhalte, vereinfacht. Ziel dieses Beispieles war es, zu zeigen, dass kein direkter kausaler Zusammenhang zwischen Gesichtsmerkmalen und Charaktereigenschaften besteht, sondern, dass bestimmte körperliche Merkmale allenfalls durch deren Rezeption in einem sozialen Kontext zu bestimmten Verhaltensweisen bei einer Person führen können.

-Wenn Herr Sassi aus meinen Gesichtszügen zutreffende Charaktereigenschaften herauslesen könnte, wäre dies kein ausreichender empirischer Beweis in wissenschaftlichem Sinn. Ebenso ist kein empirischer Beweis, dass Astrologie funktioniert, wenn z.B. eine Wahrsagerin, ein Wahrsager einer Person Dinge nennt, die für sie zutreffen. Derartige Pseudowissenschaft wird höheren Ansprüchen, z.B. statistischer Signifikanz in Doppelblindverfahren, nicht gerecht.

-Du behauptest im Wesentlichen dasselbe wie Sassi: Über angebliche Gesetzmässigkeiten der Schöpfung sind alle Eigenschaften des Menschen definiert, entsprechend auch Gesichtsmerkmale mit Charaktereigenschaften deterministisch verschränkt. Diese Aussage steht in krassem Widerspruch zum aktuellen Stand der Wissenschaft; als Stichwort möchte ich an dieser Stelle nur den Begriff "neuronale Plastizität" nennen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Neuronale_Plastizit%C3%A4t

-Zum Thema alternative Medizin: Wenn du einige meiner anderen Blogeinträge geleseh hast, wirst du erkennen, dass ich argumentiere, dass das Gros der alternativmedizinischen Behandlungen nach wie vor reine Pseudowissenschaft sind - nicht zuletzt Akupunktur, welche ebenfalls auf dem Placebo-Effekt beruht. Medizin hält entweder wissenschaftlichen Ansprüchen stand oder nicht - die meisten alternativmedizinischen Verfahren scheitern an dieser Hürde kläglich.

-Du wirfst der Wissenschaft vor, dass komplexe Annahmen als richtig gelten, solange nicht das Gegentail bewiesen wird. Dieser Vorwurf ist ABSOLUT falsch: Wissenschaftlich "stimmt" (immer nur vorläufig!) das, was durch Theorie wie Empirie gestützt wird. Banales Beispiel: Ein Medikament darf erst in den Verkauf kommen, wenn erwiesen ist, dass die behauptete Wirkung tatsächlich vorhanden ist und die Nebenwirkungen verhältnismässig sind. Gemäss deiner Behauptung würde das Medikament zuerst in den Handel kommen und so lange als "wirksam" gelten, bis jemand das Gegenteil beweist.

Nochmals Danke für deinen Kommentar.
Gruss
Marko

Anonym hat gesagt…

Es ist eine Schande!! Pietro Sassi ist so wissenschaftlich wie Mike Shiva, etwa die selbe Kategorie von Quacksalbern. Bei Sassi ist der ganze Hokus-Pokus aber schlimmer, weil er sich wie ein Professor verkleidet und frisiert und so tut als sei er ein Wissenschaftler. Er will das wieder populär machen, was die Alliierten im zweiten Weltkrieg vernichtet hatten, nämlich all der Rassentheorien-Mist und das Zeug von den Nazis. Sollen wir auf Sassi hören, und Arbeitsstellen, Ämter und Lehrstellen und so vergeben aufgrund von Nasenformen, Augenabstand, Kopfumfang und Augenfarbe und Kinnform etc? Nein!!! Dieser Mann gehört ins Gefängnis, denn mit seinem Geschwätz predigt er: "Habt Vorurteile gegeneinander! Ich zeige euch wie es geht! Ich bin ein Meister darin!" -Vollidiot, sowas. Und unseren lokalen Medien fällt nichts besseres ein, als so jemandem dann auch noch eine Plattform zu bieten. Es ist eine Schande!! Also meine Grossmutter versteht das nicht!!!

Anonym hat gesagt…

Akupunktur als Pseudowissenschaft zu bezeichnen zeugt schon von einer grossen technokratisch gefärbten Arroganz.

Marco hat gesagt…

Du hast so recht, der verkauft seine theorien teuer. Ich war an einem workshop, war absoluter bullshit, pseudowissenschaft.

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