28. Juni 2010

WOZ: «Masturbation mit Mausklick» (oder «Internet-Sexsucht»)

Am 24.6.2010 hat die Zeitung «WOZ Die Wochenzeitung» auf ihrer Internetseite einen mit «Masturbation mit Mausklick» betitelten Artikel veröffentlicht. Darin wird über die (etwas holprig benannte) Fachtagung «Online Sex und Sucht» berichtet, welche, organisiert vom Fachverband Sucht, am 16. Juni 2010 im Zürcher Volkshaus stattfand.
Der zweite Satz des Artikel-Leads lautet
In Zürich hat sich letzte Woche eine Fachtagung mit einem Phänomen beschäftigt, das wissenschaftlich noch kaum erforscht ist.
Der Rest des Artikels wird dieser Aussage seltsamerweise nicht gerecht: Weder die Inhalte der Tagung, noch das Thema im Allgemeinen werden hinterfragt, abweichende wissenschaftliche Positionen nicht erwähnt. Ist dies haltbar?

Das zu Grunde liegende Problem ist die Definition von «Sucht». Im engeren Sinn ist damit die psychische wie physische Abhängigkeit von körperfremden psychoaktiven Substanzen gemeint. Der «WOZ»-Artikel benutzt den Begriff «Sucht» in einer breiteren Lesart, und zwar allgemein im Sinne zwanghaften Verhaltens. Der Unterschied zwischen den zwei Definitionen von «Sucht» ist wesentlich: Im ersten Fall findet ein chemischer Prozess statt, wobei psychoaktive Substanzen die Blut-Hirn-Schranke passieren und direkt im Hirn wirken. Im zweiten Fall bleibt dieser Mechanismus aus.
Die Richtung der Kausalität ist also eine andere: Psychoaktive Substanzen beeinflussen das Gehirn und können zu Abhängigkeit führen. «Blosse» Zwangsstörungen hingegen werden nicht durch körperfremde Gegenstände verursacht, sie äussern sich nur an diesen. Beispielhaft ausgedrückt: Alkohol kann durch chemische Beeinflussung des Gehirnes Abhängigkeit von der Substanz Alkohol auslösen; Pornografie aber ist nicht Ursache für zwanghaften Porno-Konsum. Zwanghafter Porno-Konsum ist Symptom einer Zwangsstörung.

Diese, hier nur grob beschriebene, Unterscheidung zwischen Abhängigkeit von psychoaktiven Subtanzen und Zwangsstörung ist weder neu noch umstritten. Darauf geht der «WOZ»-Artikel nicht ein.
Wie aber sieht es mit der Organisation «Fachverband Sucht» bei dieser Unterscheidung aus? Zunächst soll erwähnt werden, dass der «Fachverband Sucht» ein privater Verband ist - und, wie es mit privaten Verbänden so ist, wird auch hier etwas verkauft. Auch die Kosten für die Teilnahme an der Tagung «Online Sex und Sucht» waren mit CHF 190.- nicht unerheblich, das Programm aber scheinbar durchaus dicht (wobei die Live-Übertragung eines Fussballspiels ab 16.00 Uhr etwas deplatziert wirkt). Das soll aber nicht heissen, dass der «Fachverband Sucht» keine seriöse Einrichtung ist; deren Ziele scheinen durchaus sinnvoll. Unter dem Abschnitt «Der Fachverband sucht fordert» wird unter dem ersten Punkt Folgendes genannt:
Unterstützung für Menschen, die Probleme beim Konsum psychoaktiver Substanzen entwickeln oder von bestimmten Tätigkeiten / Verhaltensweisen abhängig geworden sind (z.B. Spielsucht, Arbeitssucht etc.).
Die von mir beschriebene Unterscheidung wird hier also unmissverständlich festgehalten - andererseits ist in der bereits erwähnten Programm-Broschüre fahrlässig die Rede von «Onlinesexsucht».
Dieser Blogeintrag ist wohl etwas kleinlich: Ich kritisiere die saloppe Nutzung des Begriffes «Sucht». Aber nicht selten sind Details entscheidend: Werden in (Massen-)Medien, wie z.B. dem hier interessierenden «WOZ»-Artikel, Begriffe wie «Sucht», «Internet», «Porno» ohne genauere Klärung verwendet, liegt der Schluss nahe, der Konsum bestimmter Medieninhalte entspreche dem Konsum psychoaktiver Substanzen. Dies ist falsch und spiegelt in nicht geringem Masse soziale Normen des Alltags wider: Wer viele Bücher liest, ist nicht «süchtig», eher «bibliophil» - Bücher machen nicht süchtig. Wer aber viele Online-Pornos anschaut, leidet an «Online-Sexsucht» - das Internet im Allgemeinen, Internet-Pornografie im Besonderen, macht süchtig. Diese, intuitiv vielleicht nachvollziehbare, Haltung muss hinterfragt werden.

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