5. Juli 2010

«Agnostizismus» ist intellektuelle Faulheit

Das erste Ziel dieses Blogeintrages, nämlich einen einigermassen provokativen Titel zu verwenden, um zumindest minimale Neugier zu wecken, ist, liebe Leserin, lieber Leser, hoffentlich geglückt. Mein eigentliches Anliegen aber ist, die stossende Behauptung, «Agnostizismus» sei intellektuelle Faulheit, zu begründen. Meine Argumentation teile ich in drei wesentliche Abschnitte:
  1. Definitionen von «Agnostizismus»
  2. Agnostizismus und «Gott»/«Götter»
  3. Agnostizismus als allgemeine Erkenntnistheorie
Bevor ich mich der Bearbeitung dieser drei Punkte widme, ist noch eine kurze Erklärung für diesen Blogeintrag angebracht. «Agnostizismus», eine sich einiger Beliebtheit erfreuende Einstellung und Weltsicht, ist eine in den Grundzügen durchaus vernünftige Position für die Handhabung im Besonderen vor allem der Frage der Götterexistenz, im Allgemen von «Phänomena» und «Noumena» - einer «agnostischen» Deutung ist Bescheidenheit fest eingeschrieben, Extremismus egal welcher Art will vermieden werden. Meine Kritik des «Agnostizismus», wenn auch bisweilen scharf formuliert, soll nicht etwa Verspottung sein, sondern Argument, warum «Agnostizismus» in der Praxis ungeeignet ist.

1. Definitionen von «Agnostizismus»
Zunächst gilt es zu klären, was genau unter «Agnostizismus» zu verstehen ist - ein nicht ganz einfaches Vorhaben. Der Übersichtlichkeit halber an dieser Stelle zunächst eine kurze Definition von «wiktionary»:
[1] philosophische und theologische Weltanschauung, nach der die Existenz oder Nichtexistenz eines höheren Wesens entweder unbekannt oder grundsätzlich unerkennbar ist
[2] allgemeiner die These von der Unerkennbarkeit metaphysischer oder erkenntnistheoretischer  Aspekte
Der englischsprachige «wiktionary»-Eintrag ist in etwa inhaltsgleich:
1. The view that absolute truth or ultimate certainty  is unattainable, especially regarding knowledge  not based on experience or perceivable phenomena.
2. The view that the existence of God or of all deities is unknown, unknowable, unproven, or unprovable.
3. Doubt, uncertainty, or scepticism regarding the existence of a God or of all deities.
 Der franzörische «wiktionary»-Eintrag zu «Agnostizismus» ist auf das Wesentliche verdichtet:
1.(Philosophie)  Doctrine  selon laquelle l’absolu ne peut être appréhendé.
Ähnlich prägnant ist der italienische «wiktionary»-Eintrag:
1. posizione concettuale in cui si sospende il giudizio rispetto ad un problema poiché non se ne ha (o non se ne può avere) sufficiente conoscenza.
Aus diesen Kurzdefinitionen wird ersichtlich, dass «Agnostizismus» nicht primär oder zumindest nicht ausschliesslich mit «Gottheiten» beschäftigt ist. Allgemeiner wird postuliert, dass menschliches Wissen begrenzt ist (mindestens gegenwärtig faktisch, möglicherweise prinzipiell), sodass keine absoluten Gewissheiten, auch in der Frage der Götterexistenz, möglich sind.
Eine Definition, welche grundsätzlich in eine ähnliche Kerbe schlägt, ist zu finden in: HÜGLI, Anton/LÜBCKE, Poul (2005): Philosophielexikon. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag: 25:
Agnostizismus (von griech. agnostos unerkennbar, unbekannt).
1. Lehre, die behauptet, dass man nicht wissen könne, ob es einen Gott gebe oder nicht.
2. Lehre, die behauptet, dass Gott (das höchste Seiende) nicht erkannt werden könne.
3. Lehre, die behauptet, dass die menschliche Erkenntnis die Grenzen möglicher Erfahrungen nicht überschreiten (transzendieren) könne und demgemäss die Möglichkeit einer transzendenten* Metaphysik verneint (vgl. Kant, Kritizismus).
4. Lehre, die behauptet, dass die Wirklichkeit (Wahrheit) nicht erkannt werden könne (vgl. Skeptizismus).
In der Bedeutung von (3.) und (4.) ist der A. stets mit einem philos. Realismusstandpunkt verbunden, da er zwar die Erkennbarkeit bestimmter Entitäten bestreitet, damit aber zugleich deren Existenz behauptet.
Bei dieser Definition liegt der Schwerpunkt auf der Nicht-Erkennbarkeit, Nicht-Wissbarkeit, Nicht-Messbarkeit von «Gottheiten» (1., 2.). Aus 1. und 2. wird eine Abstufung des «Agnostizismus» ersichtlich: Während 1. eher die individuelle Perspektive betont («...dass man nich wissen könne...»), verallgemeinert der Punkt 2. («...dass Gott (das höchste Seiende) nicht erkannt werden könne.»). Auch Punkte 3. und 4. sprechen das Allgemeine an.
Diese Unterscheidung zwischen den zwei Perspektiven wird bisweilen auch als «starker» und «schwacher» Agnostizismus beschrieben: Ersterer meint, dass es Menschen grundsätzlich nicht möglich ist, Wissen über Götterexistenz zu erlangen; letzterer, dass das jeweilige subjektive Individuum (vorläufig) kein Wissen über Götterexistenz hat, dessen Besitz bzw. Erlangung aber anderen Individuen möglich sein kann.

2. Agnostizismus und «Gott»/«Götter»
An dieser Stelle möchte ich klären, warum sich Agnostizismus der Frage von «Gottheiten» in nur unbefriedigender Weise annimmt. Zunächst eine Kritik an der Unterscheidung zwischen «starkem» und «schwachem» Agnostizismus.
Das oben beschriebene Prinzip des «schwachen» Agnostizismus befremdet: Ob «Gottheiten» dem Menschen zugänglich sind oder nicht, entscheidet nicht der «schwache» Agnostiker. Ideen von «Gott» oder «Gottheiten», egal aus welcher religiöser Tradition stammend - oder nicht stammend -, haben das Merkmal der Unergründbarkeit gemein: Notwendige Bedingung für «Gottheit» ist die Nicht-Erfahrbarkeit durch unmittelbares menschliches Handeln. «Gott» oder «Gottheiten» als «das höchste Seiende» ist bzw. sind also nur dann gegeben, wenn Menschen der direkte Zugang grundsätzlich unmöglich ist - darum ist der Umweg über «Glaube» notwendig.
«Schwacher» Agnostizismus versagt also bereits an dieser Stelle: Wenn konstitutives Merkmal von «Gottheiten» ist, dass Wissen über deren Existenz eben nicht erlangbar ist, kann «schwacher» Agnostizismus dieses Merkmal nicht einfach ignorieren und die Erlangung von Wissen über Götterexistenz als Möglichkeit ansehen. Dieser Widerspruch muss offensichtlich sein.
Meine weitere Argumentation richtet sich also eher an «starken» Agnostizismus; zwar ist die folgende Kritik prinzipiell auch für «schwachen» Agnostizismus anwendbar, doch angesichts des im obigen Abschnitt beschriebenen unauflösbaren Widerspruches des «schwachen» Agnostizismus erübrigen sich weitere Gedanken zu diesem.

Das agnostische Argument, warum Götterexistenz nicht a priori auszuschliessen sei, ist vordergründig durchaus verständlich: Intersubjektiv nachvollziehbare menschliche Erkenntnis ist endlich. Menschen können nur einen bestimmten Teil der, wie auch immer gearteten, «Realität» wissbar machen, verstehend erfassen. Dass es Bereiche dieser «Realität» gibt, zu welchen die menschliche Erkenntnisfähigkeit keinen Zugang hat und wohl auch nie haben wird, ist eine vernünftige Annahme: Basierend auf dem täglichen, in kleinen Schritten sich vollziehenden Voranschreiten des menschlichen Weltverstehens liegt die Vermutung nahe, dass es vielleicht mehr Unerfassbares denn Erfassbares gibt. Auch ein biologischer Aspekt ist zu beachten: Der homo sapiens ist ein nur leidlich funktionsfähiges Tier. So gibt es beispielsweise keinen Grund, warum der menschliche Intellekt die höchstmögliche Form evolutionär denkbarer Intelligenz darstellen sollte - ein intelligenteres Tier wird wohl auch mehr über die Welt in Erfahrung bringen können.
Ist also die agnostische Position, dass «Gottheiten» möglicherweise Teil jenes Bereiches der «Realität» sind, zu welchem der Mensch keinen Zugang hat, haltbar? Nein.

Auch hier ist Agnostizismus von einem wesentlichen, wenn auch subtileren, Widerspruch geplagt. Wenn wir davon ausgehen, dass es Bereiche der «Realität» gibt, welche dem Menschen nicht erschliessbar sind, es also keinerlei Verbindungen zwischen dem menschlichen Welterfahren bzw. -verstehen und diesem Bereich des  Unbekannten gibt, ist es ungültig, das Konzept «Gottheit» in diesen Bereich des Unbekannten zu projizieren.
«Gottheit» ist ein von Menschen geschaffenes Konzept, ist also ein Artefakt. Es ist nicht einfach unbegründet, sondern schlicht falsch, anzunehmen, dass ein Artefakt Teil der unbekannten «Realität» sein könnte. Dieser angenommene unbekannte Teil der «Realität» zeichnet sich eben dadurch aus, dass der Mensch darüber nichts wissen kann - und wenn darüber nichts wissbar ist, ist der Vorschlag, es könne dort «Gottheiten» geben, absurd. Die Idee von «Gottheiten» ist offensichtlich Teil der dem Menschen zugänglichen Welt; es handelt sich dabei, wie gesagt, um ein menschliches Gedankenkonstrukt. Es ist ein Widerspruch, die Möglichkeit der Existenz dieser menschlichen Idee in jenem grundsätzlich unbekannten und unkennbaren, also un-menschlichen, Bereich der «Realität» zu postulieren. Damit wird nämlich die notwendige Bedingung dieser unbeobachtbaren, unerfahrbaren «Realität» - die Nicht-Zugänglichkeit für Menschen - verletzt.
Kurz gefasst: «Gott» ist ein menschliches Konzept. «Gott» kann nicht in den Bereich der unerfahrbaren, unbekannten «Realität» angesiedelt werden, weil damit über diese unerfahrbare «Realität» spekuliert wird.
Paraphrasiert: «Gott» ist eine menschliche Idee. Eine menschliche Idee kann nicht in einem Bereich vermutet werden, der sich dadurch auszeichnet, dass alles Menschliche keinen Zugang hat.

«Schwache» Agnostiker (obschon deren Position, wie ich oben argumentiere, irrelevant ist) würden an dieser Stelle vielleicht einwenden, dass dieser vermutete Bereich der unbekannten «Realität» möglicherweise nur vorläufig unbekannt sei. Auch wenn dem so sein sollte, bliebe obiger Widerspruch vorläufig bestehen: Über etwas, worüber (in diesem Szenario) vorläufig nichts erfahrbar ist, kann keine menschliche Vermutung angestellt werden.
An dieser Stelle drängt sich eine weitere Frage auf: Wenn «Gottheit» also ein Artefakt, ein von Menschen erdachtes Konzept ist, warum sollen für dieses besondere Regeln gelten? Warum soll die Frage des Artefaktes «Gott» anders behandelt werden als die Frage nach allen anderen Artefakten?

3. Agnostizismus als allgemeine Erkenntnistheorie
Es ist eine sonderbare Eigenheit des zeitgenössischen Agnostizismus, dass dieser meistens nur auf die Frage der Götterexistenz angewandt wird. Konsequenterweise müsste Agnostizismus auch als Strategie gegenüber aller Erkenntnis zum Einsatz kommen - dass dies nicht der Fall ist, hat gute Gründe, wie ich auf den folgenden Zeilen aufzuzeigen versuche.
Gängige agnostische Prämisse ist, dass absolutes Wissen, absolute Sicherheit nicht erreichbar ist. Zunächst fällt auf, dass eine solche Postulierung selber eine Verabsolutierung darstellt, also einen weiteren Widerspruch bildet. Im Abschnitt 2. habe ich argumentiert, dass Agnostizismus einer Reihe von Widersprüchen unterliegt, welche sich daraus ergeben, dass fälschlicherweise eine Vermutung zu einem gänzlich unbekannten Bereich der Welt akzeptiert wird. Die Probleme bleiben in ähnlicher Weise bestehen, auch wenn es sich um den den Menschen eher zugänglichen Bereich der Welt handelt. Dazu ein paar illustrative Beispiele.

Homöopathie: Verfechter homöopathischer «Medizin» behaupten, dass durch den willkürlichen Vorgang des «Potenzierens» Wasser bestimmte heilende Kräfte entfalte. Obwohl «Potenzieren» schlicht bedeutet, dass ein bestimmter Inhaltsstoff verdünnt wird, bis im Endprodukt in der Regel kein einziges Molekül dieses Inhaltsstoffes mehr vorhanden ist, obwohl durch wissenschaftliche Methode eindeutig in Erkenntnis gebracht wurde, dass homöopatische «Medizin» nicht wirkt, obwohl die vermeintliche Wirksamkeit homöopatischer Mittel lückenlos durch den «Placebo»-Effekt erklärt werden kann - ein Agnostiker darf nicht abschliessend Position beziehen und Homöopathie als unwirksam bezeichnen.
«Intelligent Design»: Es gibt Gruppen, welche behaupten, «Intelligent Design» sei eine wissenschaftliche Theorie zur Entwicklung von Lebewesen auf der Erde, welche in Betreff der theoretischen Fundiertheit und empirischer Resultate gleichwertig mit der Evolutionstheorie sei. Obwohl «Intelligent Design» weder theoretische noch empirische Argumentation vorweist, sondern unbegründete Aussagen macht, obwohl «Intelligent Design» keine tatsächlich Kritik gegenüber der Evolutionstheorie vorbringt, obwohl «Intelligent Desing» behauptet, Evolutionstheorie sei auch nur Glaubenssache - der Agnostiker darf nicht Position beziehen, sondern muss «Intelligent Design» und Evolutionstheorie als gleichwertig ansehen.
Justiz: Person A behauptet, Person B habe ihr das Portemonnaie gestohlen, und zwar zum Zeitpunkt t. Obwohl Person B 3000km von Person A entfernt lebt, obwohl Person B für den Zeitpunkt t ein durch Augenzeugen und Videomaterial gestütztes Alibi hat, obwohl Person A immer noch in Besitz des eigenen Portemonnaies samt des zum Zeitpunkt t vorhandenen Inhaltes ist, obwohl Person A nicht beweisen kann, dass das Portemonnaie zum Zeitpunkt t nicht in ihrem Besitz war - der Agnostiker darf nicht Position beziehen und Person B als unschuldig ansehen.
Fussball: Obwohl der Ball die Torlinie überquert und, gemäss den Regeln des Spiels Fussball, das Tor gültig ist, obwohl für die Gültigkeit des Tores Videomaterial vorliegt (wie in diesem immer noch aktuellen Fall) - der Agnostiker darf nicht Position beziehen und die Lages des Balles im Verhältnis zum Tor als regulären Punktgewinn werten.

Mit diesen Mal mehr, Mal weniger ernsten Beispielen (welche intuitiv das Thema der «Falsifizierbarkeit» aufgreiffen, das ich an dieser Stelle nicht explizit behandeln möchte) versuche ich das Problem des Agnostizismus als allgemeiner Erkenntnistheorie darzustellen: Grundlage für Agnostizismus ist stets eine totale «tabula rasa», wobei weder Empirie noch Theorie eine Rolle spielen dürfen, sondern stets die Position eingenommen wird, dass alle angebotenen Möglichkeiten gleichwertig sind, da keine «absolute» Gewissheit über die interessierenden «Wahrheiten» wissbar sei (ob dabei die «schwache» subjektive oder die «starke» intersubjektive Haltung eingenommen wird, ist letztlich unwichtig).

Wenn kein Raum für Kritik und Argumentation ist - egal, ob beim Artefakt «Gott» oder «Fussball» -, wenn die einzig akzeptierte Haltung ein saloppes «anything goes» ist, dann ist Agnostizismus nicht mehr als zelebrierte Ignoranz, dann ist Agnostizismus - intellektuelle Faulheit.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Geehrter Autor!

Zuerst zu meiner Person um das nachfolgende zu verstehen:

Ich bin noch ziemlich jung, gehe noch zur Schule und bin in einem nicht religösen Haushalt aufgewachsen. Allerdings waren meine Eltern anderen Religionen durchaus aufgeschlossen. So lernte ich schon früh viel über Glauben, Götter etc.

Zum Thema:

Der Blog ist gut durchdacht, strukturiert und (bis auf den Teil über den schwachen A.) verständlich formuliert. Der Autor hat ein Talent dafür, schwierige Zusammenhänge klar da zustellen.

Die Überschrift:

Die Überschrift regt zum Lesen an und grundsätzlich bin ich sehr für gute Überschriften. Allerings nur so lange, wie sie nicht falsche Verspechen machen oder gar falsch sind. Denn, egal ob A. falsch ist oder nicht, Agnostiker Denken, und das ist kein Nichts-tun. Und Faulheit ist es auch nicht, denn Agnostiker machen sich freiwillig und in ihrem eigenen Interesse Gedanken.

Der Text:

Ich möchte besonders auf Abschnitt 2 eingehen.

Angenommen:

Gott gibt es nicht. Gott ist von Menschen ausgedacht. Also ist Gott eindeutig in den Teil der "Realität" zu ordnen, der den Menschen bekannt ist. In dem Punkt stimmt der Autor mit mir überein.

Angenommen:

Gott gibt es tatsächlich. Die Menschen kennen das "Thema Gott" zwar, aber nicht alle Details wie so ist Gott? Wie sieht er/sie aus? etc...
In diesem Fall würde "Gott" ein Teil der "Realität" sein, die wir kennen, aber auch der, die wir nicht kennen.

Und genau dieses Nicht-Wissen, ob Gott nun ist oder nicht, ist Agnostizismus. A. bedeutet alle Möglichkeiten zu betrachten.

Ich würde mich freuen wenn der Autor mit mir in Kontakt treten würde. Ich finde das Thema sehr interessant und suche jemanden mit dem ich über verschiedene Religionen, Ansichten etc. diskutieren kann. Schreibt mir doch bitte eine e-mail; helenv@online.de

Danke

P.S.: "Agnostizismus - intellektuelle Faulheit?" hätte ich besser gefunden...

17 August, 2010

Marko Kovic hat gesagt…

Geehrte Kommentatorin! ;)

Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag - das Lob, aber mehr noch die Kritik. Es ist immer erfreulich, wenn sich auch jüngere Menschen mit gerne mit «schwierigen» Themen befassen.

Dass der Titel so ist, wie er ist, hat zwei Gründe:
Zum einen soll er durchaus ein wenig provozieren. Zun anderen aber versuche ich die Aussage des Titels im anschliessenden Text zu begründen - mit dem Angebot, diese Aussage mit besseren Argumenten zu kritisieren. Die Hauptaussage des Blogeintrags soll ja sein, dass «Agnostizismus» in der Regel ein Zustand ist, welchen der Mensch zu beheben bemüht ist - bei der Frage nach «Gottheiten» soll dies nicht anders sein.

Der Blogeintrag ist in der Tat etwas umständlich formuliert, da habe ich noch Einiges zu lernen ;)
Es stimmt grundsätzlich schon, dass, wenn wir «Gott» als normales Objekt betrachten, die Möglichkeit besteht, dass dieses auch existiert. Die alte Anekdote mit den Schwänen kann ja diese Lesart haben: Nur weil noch keine schwarzen Schwäne beobachtet wurden, heisst das nicht, dass es keine schwarzen Schwäne gibt. Das bedeutet nur, dass vorläufig keine Beweise vorhanden sind, dass schwarze Schwände wirklich existieren (in Tat und Wahrheit gibt es natürlich schwarze Schwäne ;) ). Ähnlich könnte es also auch mit «Gott» sein: Weil nicht bewiesen ist, dass es einen «Gott» gibt, muss das nicht heissen, dass «Gott» nicht doch existieren könnte.

Mein Argument ist aber: Diese an und für sich völlig vernünftige Haltung scheitert an den Eigenschaften des Konzeptes «Gott». Eine notwendige Bedingung von «Gott» ist eben, dass dieser in einem dem Menschen grundsätzlich nicht zugänglichen Bereich der Welt angesiedelt ist. Das heisst: «Gott» zeichnet sich dadurch aus, dass der Mensch nichts über «Gott» wissen kann.
Darum sage ich, dass es ein Fehlschluss ist, sich überhaupt vorzustellen, dass es «Gott» geben könne: Wenn wir spekulieren, was es in einem (angenommenen) Bereich der Welt gibt, über den wir grundsätzlich nichts wissen können, ist das unsinnig. Wenn wir nämlich überlegen, ob etwas in diesem grundsätzlich unbekannten Bereich der Welt existiert, versuchen wir offensichtlich etwas aus der uns bekannten Welt (z.B. eine Idee) in diese unbekannte Welt zu projizieren. Genau hier liegt der Fehler: Das macht keinen Sinn. Eine Spekulation über das grundsätzlich Unbekannte ist von Anfang an eine gescheiterte Übung: Falls es tatsächlich Gründe geben sollte, warum diese Vermutung über die unbekannte Welt vielleicht zutreffen sollte, handelt es sich nicht mehr um eine grundsätzlich unbekannte Welt - und damit wird, im Falle von «Gott», die essentielle Bedingung verletzt, dass «Gott» eben nie dem Menschen zugänglich ist.

Ich weiss nicht, ob diese Ausführung wirklich verständlicher ist ;)

Beste Grüsse und danke nochmals für den konstruktiven Beitrag!

Anonym hat gesagt…

Ich sehe kein Problem. Was du schreibst ist wahrscheinlich richtig.

LG ein möglicher Agnostiker

Stephan Lange hat gesagt…

Danke an alle bislang beteiligten, eine sehr spannende Unterhaltung.

Ich würde gerne zum Punkt "Eine notwendige Bedingung von «Gott» ist eben, dass dieser in einem dem Menschen grundsätzlich nicht zugänglichen Bereich der Welt angesiedelt ist. Das heisst: «Gott» zeichnet sich dadurch aus, dass der Mensch nichts über «Gott» wissen kann." etwas anmerken:

Dieser Gedanke geht sicherlich mit vielen Religionen konform, aber steht im absoluten Widerspruch zur christlichen Botschaft. Christen glauben ja, dass sich Gott zu einem Zeitpunkt der Geschichte offenbart hat. Christen glauben ja nicht an eine Institution oder eine Ideologie - und auch in erster Linie nicht an ein Buch. Sondern an die Person Jesus Christus. Und genau der ist ja so etwas wie die erkenntnistheoretische Grundlagen dessen, warum Christen überhaupt etwas über Gott aussagen können.

Die getätigte Aussage ist also nicht korrekt, denn (zumindest) Christen sagen: "Es ist möglich, eine persönliche und vertrauensvolle Beziehung mit Gott zu haben. Gott ist zugänglich und erfahrbar." 

Marko Kovic hat gesagt…

Das stimmt natürlich: Organisierte Religion beruht in der Regel auf Gottesbildern, welche durchaus in die Welt eingreifen und entsprechend zumindest theoretisch belegbar sein sollten. Wenn z.B. der katholische Papst behauptet, als 'Pontifex' einen direkten Draht zum katholischen Gott zu haben, ist das eine Hypothese, die es zu belegen gilt. Solange keine

Die Agnostizismus-Debatte betrifft darum, so meine ich, auch eher allgemein-abstrakten Theismus und nicht Religion. Die meisten Menschen, die sich als AgnostikerInnen sehen, beschreiben die Idee von Gottheiten als nicht an Religion gebundenes Konzept. Sehr schnell kommt dabei das Argument, es handle sich um eine Gottheit, die sich nicht bemerkbar macht, und weil es darum nicht möglich sei, diese Art von Gottheit zu widerlegen, sei eine 'agnostische' Haltung angebracht. An diesem Argument setzt mein obiger Blogeintrag an.

Freundliche Grüsse

Stephan Lange hat gesagt…

Ja, wie man es sieht. Ich hatte mal Gedanken, die in eine ähnliche Richtung gehen, auf meinem Blog gepostet, s. hier: http://www.mitdenkend.de/gott-hat-ein-problem-mit-religion/

Herzlichen Gruß!

Agnostiker hat gesagt…

Das Problem dieses Textes ist, dass Agnostizismus falsch verstanden wurde, zumindest der Agnostizismus, den ich unter dem Begriff verstehe. Eben weil man bei metaphysischen Fragestellungen die Empirie nicht hinzuziehen kann, ist hier eine agnostische Position sehr sinnvoll. Warum sollte ich eine Existenz Gottes gesichert annehmen oder kategorisch ablehnen? Die (meisten) Definitionen eines Gottes sagen aus, dass physikalische Erfahrung Gottes nicht möglich ist, so dass man glauben muss und nicht wissen kann.

Deshalb hinkt auch die Übertragung auf Homöopathie, Intelligent Design und ähnlichen Schmarrn. Denn hierauf sind die Naturwissenschaften und empirische Untersuchungen wiederum klar anzuwenden und die Empirie selbst zeigt uns gleichzeitig, dass ein solches naturwissenschaftliches Vorgehen uns zu klaren Erkentnissen verhilft. So zeigt uns das Werkzeugs des Experiments, dass Homöopathie den selben Wirkungsgrad wie Placebos haben. Auf die Frage nach Gott lassen sich logischerweise natürlich keine Experimente anwenden, auch unsere normale menschliche Erfahrung zeigt keine Indizien für pro oder contra Gottesexistenz ( Theodizee betrifft nur allmächtigen und gleichzeitig allgütigen Gott).
Ich meine, dass ein Papst mal sagte, man müsse sich praktisch für oder gegen Gott entscheiden, der Agnostizismus sei keine praktisch handelnde Position.

Nun, ein Agnostiker wird vermutlich so leben wie ein Atheist was Religiösigkeit betrifft - nämlich komplett ohne.

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