1. Juli 2010

«Xanthohumol» im Bier macht gesund?

In der Ausgabe von Mittwoch, dem 30. Juni 2010, hat die Gratiszeitung 20minuten den kurzen Artikel «Xanthohumol sei Dank: Bier ist gesund» veröffentlicht. Der in Bier enthaltene Stoff Xanthohumol, ein Flavonoid, wird dabei als einer der «wichtigsten» gesunden Stoffe in Bier beschrieben.
Es ist eine nicht zu unterschätzende Leistung, in einem so kurzen Artikel so Vieles falsch zu machen.

Offensichtlich interessiert zunächst, ob «Xanthohumol» tatsächlich die beschriebenen Wirkungen hat. Die Antwort ist - sehr wahrscheinlich. Dazu gibt es eine Reihe von Untersuchungen; hier eine Auswahl (in Klammern habe ich die jeweilige Studie zum Herunterladen bereitgestellt): Studie 1 (Download-Link 1), Studie 2 (Download-Link 2), Studie 3 (Download-Link 3), Studie 4 (Download-Link 4), Studie 5 (Download-Link 5).
So weit, so gut - der Stoff «Xanthohumol» ist, wie im 20minuten-Artikel behauptet, in Bier vorhanden und weist der Gesundheit zum Vorteil gereichtende Wirkungen aus. Deckel ab, Bier kippen, gesünder sein? Nicht ganz: Die in Bier vorhandenen Mengen an «Xanthohumol» und verwandten Flavonoiden sind zu gering, als dass diese einen gesundheitsfördernden Effekt haben könnten. Gerhäuser (vgl. «Studie 1» oben) hält denn auch fest (S. 1951):
This review did not set out to explain a potential cancer preventive effect of beer, the aim was rather to summarise the chemopreventive activities of some beer components as far as they are known.
Die Autoren der oben verlinkten «Studie 4» beschreiben die Situation folgendermassen (S. 529):
The levels of XN in beer indicate, however, that a daily intake of numerous liters might be necessary to attain significant chemoprevention effects.
Dieser Umstand beisst sich mit der am Ende des 20minuten-Artikels vorhandenen Aussage von Reinhard Saller, Professor für Naturheilkunde an der Universität Zürich:
Bier ist, in niedrigen Mengen getrunken, ein Plus für die Gesundheit.
Für dieses Zitat, welches fälschlicherweise den Eindruck vermittelt, «Xanthohumol» sei in Bier auch bei massvollem Konsum in genügend grossen Mengen vorhanden, um positive Effekte zu bewirken, gibt es zwei mögliche Erklärungen: Entweder weiss Professor Saller nicht, wovon er spricht, oder sein Zitat wurde aus dem Kontext gerissen.
Die Ungenauigkeiten des 20minuten-Artikels hören hier aber nicht auf. Es wird auf die Zeitschrift «Geshundheitstipp» verwiesen, welche eine Reihe von Bieren auf deren «Xanthohumol»-Gehalt getestet hat. Die Verfasserin oder der Verfasser des 20minuten-Artikels hat dabei offensichtlich Mühe mit Masseinheiten: Für das erste Bier wird ein «Xanthohumol»-Gehalt von 25.7 Mikrogramm (µg) angegeben, für die restlichen Biere ist aber von Milligramm (mg) die Rede; ein Unterschied in der Grössenordnung von 10-3 (Die korrekten Angaben übrigens dürften für alle Biere in Mikrogramm, µg, sein, zumal z.B. die oben verlinkte «Studie 5», S.1321, ebenfalls bestimmte Biersorten auf deren «Xanthohumol»-Gehalt misst und die Resultate in µg/L angibt). Ob dieser Fehler bereits in dem «Gesundheitstipp»-Beitrag, auf den sich der hier interessierende 20minuten-Artikel beruft, vorhanden ist, kann ich nicht beurteilen, da mir dieser gegenwärtig nicht vorliegt.

Inhaltlich ist dieser 20minuten-Artikel also, ich erlaube mir eine wertende Aussage, eine in jeder Hinsicht schlampige Arbeit. Gestalterisch aber ist der Artikel gelungen, wird damit doch der Inhalt gestützt: Das übergrosse, an und für sich nichtssagende Bild einer jungen, ihr Bier geniessenden, Frau suggeriert, im Kontext des Artikel-Inhaltes, dass Bier etwas mit Gesundheit und Lebensfreude zu tun habe.

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