26. August 2010

Frauen mögen «Geeks» (behauptet eine Phantomstudie)

Es gibt wenig Schöneres, als Studien, welche unseren bequemen Lebensstandard in einem postitiven Licht erscheinen lassen. Über eine solche berichtete «Blick am Abend» in der Ausgabe vom 25. August:
Frauen ziehen «praktisch veranlagte» Männer Fitness-zentrierten Expemplaren vor - MacGyver «hätte die besten Chancen bei den Frauen»! Das klingt gut; was liegt also näher, als einen Blick in diese Studie (oder wie im «Blick am Abend»-Artikel beschrieben, Umfrage) zu werfen? Die einzige Hürde ist, dass über diese Studie bzw. Umfrage kaum Näheres in Erfahrung zu bringen ist.

Aus dem «Blick am Abend»-Artikel geht hervor, dass Urheber der Studie das US-Unternehmen «Geek Squad» ist. Das ist an und für sich unproblematisch - schliesslich zählt nicht, wer eine Umfrage durchführt, sondern wie sie durchgeführt wird. Es drängt sich dennoch die Frage nach dem Entdeckungszusammenhang auf: Warum hat «Geek Squad» untersucht, ob Frauen eher athletische oder «praktisch veranlagte» Männer bevorzugen? Die Frage ist, meine ich, berechtigt, weil «Geek Squad» ein Dienstleistungsunternehmen im Bereich Computertechnik ist. Das Ergebnis der Umfrage ist ja, gemäss dem «Blick am Abend»-Artikel, dass Frauen eher Männer bevorzugen, welche gut mit Technik umzugehen wissen - dass ausgerechnet das Unternehmen «Geek Squad» zu diesem Ergebnis kommt, ist interessant, bedarf aber kritischer Hinterfragung. Um zu überprüfen, ob es sich um eine seriös durcheführte Untersuchung handelt, oder um eine wenig aussagekräftige PR-Übung, ist Einsicht in besagte Studie unabdingbar.

Der erste Anlaufpunkt ist, wie so oft, google. Es fällt auf, dass die meisten Artikel zum Thema mehr oder weniger eine Variation dieses Beitrages sind. Von der eigentlichen Studie aber fehlt noch jede Spur - keine konkrete Zahlen, keine einzige Tabelle, kein Verweis auf weitere Informationen.
Der nächste naheliegende Schritt ist die Homepage von «Geek Squad». Doch weder die US-, die kanadische, die britische noch die spanische «Geek Squad»-Seite hält Informationen zu dieser Studie bereit - nicht mit einem Wort wird diese angebliche Umfrage erwähnt. Auch die Homepage des Mutterkonzerns «Best Buy» schafft keine Klarheit.

Der Resignation nahe versuche ich es noch mit «twitter» - und siehe da, auf der «twitter»-Seite von «Geek Squad UK» wird die Studie bzw. Umfrage tatsächlich erwähnt! Der «tweet» lautet:
It's official, women love geeks http://bit.ly/9JZ9Rt
Mit einem Klick dem Link gefolgt - und wir landen auf dem oben erwähnten Daily Express-Beitrag. Entweder bin ich bescheidener Blogger in einer paradoxen Zeitschleife gefangen, in welcher Kausalität aufgehoben ist («Geek Squad» erfährt von der von «Geek Squad» durchgeführten Studie erst, nachdem ein britisches Revolverblatt darüber berichtet hat), oder an der Sache ist etwas faul.

Alle Details dieses kuriosen Falles kenne ich nicht: Ich habe nicht versucht, direkt mit «Geek Squad» Kontakt aufzunehmen; daher ist meine Schlussfolgerung vorläufig nur Spekulation. In Anbetracht der Umstände ist es aber nicht undenkbar, dass die ganze Angelegenheit um diese Phantomstudie nicht mehr als ein kleiner, aber feiner PR-Stunt ist. «Geek Squad» und das Boulevardblatt «Daily Express» befinden sich dabei in einer «win-win»-Situation: Der Name «Geek Squad» gewinnt an Publizität («Geek Squad» und dessen Mutterkonzern «Best Buy» sind erst seit wenigen Monaten in Grossbritannien tätig), der «Daily Express» kann ein paar gut klingende Zahlen einer Phantomstudie zu einem Artikel verwursteln.
Zu guter Letzt steht, im vorliegenden Fall, der «Blick am Abend»: Die Resultate der Phantom-Studie werden übernommen, dazu ein Bild von «MacGyver» hingeklatscht und voilà, man ist Teil der Phantomstudie-Verwertungskette.

Geradezu kafkaesk, das Ganze.

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