28. August 2010

Homöopathie-Propaganda auf «Tagesanzeiger online»

Heute, am 28. August, hat der Tagesanzeiger einen Artikel veröffentlicht, in welchem Martina Frei, eine ehemalige homöopathische «Ärztin», erklärt, warum Homöopathie doch wirkt und warum alle Kritikerinnen und Kritiker der Homöopathie Unrecht haben.
Dieser Artikel ist ausgezeichnetes Anschauungsmaterial für die Argumentationsstrategie von Homöopathinnen und Homöopathen. An und für sich ist bereits mit den ersten Sätzen die weitere Argumentation zusammengefasst:
Verdünnt man Wirkstoffe, verlieren sie an Kraft. Das ist die allgemeine Erfahrung. Als homöopathische Ärztin habe ich früher aber auch andere gemacht.
Die Autorin als Expertin hat früher bestimmte Erfahrungen gemacht.  Dieses Argument ist der Kern homöopathischer Rechtfertigungen: «Anekdotische Evidenz». Das Subjekt hat alltägliche Erfahrungen gemacht - und diese Erfahrungen sind durchaus, für das betroffene Subjekt, real. Das Problem dabei ist, dass der Anspruch auf Wirksamkeit homöopathischer Mittel nicht durch anekdotische Alltagserfahrungen, sondern wissenschaftliche Methode zu prüfen ist.

Anekdoten anstatt Beweise
Weiter im Text führt die Autorin ein belangloses Erlebnis mit einem Homöopathie-Patienten aus:
Da war zum Beispiel der Patient, der wissen wollte, was genau in den Globuli stecke, die ihm gut geholfen hätten. «Eine Biene», antwortete ich. Der Patient schüttelte den Kopf: «Das war keine Biene», sagte er überzeugt. «Das war eine Hummel.» Ich fiel vor Erstaunen fast vom Stuhl. Zoologisch gehören Hummeln zur Gattung der Bienen. Sie sind den Honigbienen sowohl biologisch als auch in homöopathischer Hinsicht nah verwandt. Tatsächlich hatte der Patient homöopathisch zubereitete «Hummel» in Globuliform erhalten: in einer Verdünnung von 1030. Darin ist kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthalten.
Was an dieser Anekdote wissenschaftlich relevant ist, ist unklar. Immerhin gibt die Autorin korrekt an, dass in den «Globuli» kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz vorhanden ist (rein mathematisch besteht natürlich die Möglichkeit, dass doch ein oder gar mehrere Moleküle vorhanden sind). Die Autorin interpretiert die obige Anekdote folgendermassen:
Wie kam er nur darauf? So fragte ich ihn. Seine Antwort: «Es hat sich so angefühlt.» Wie der Mann den feinen Unterschied differenzieren konnte, ist mir ein Rätsel. Er hatte weder seine Krankenakte eingesehen noch kannte er sich mit der Homöopathie aus. Unter mehreren Tausend verschiedenen homöopathischen Mitteln nannte er ausgerechnet die selten verabreichte «Hummel». Ein Zufall? Oder ein Beweis, dass Globuli wirken?
Abgesehen von der etwas unglücklichen Wendung «den feinen Unterschied differenzieren», fällt hier auf, dass die Autorin grossen Wert auf die Frage legt, wie der Patient ausgerechnet auf «Hummel» kam. Auch wenn ignoriert wird, dass möglicherweise die Autorin selber dem Patienten die Richtung vorgab (zunächst hatte sie ihm ja gesagt, es handle sich um ein Bienen-Präparat), ist unklar, warum ein Ereignis mit geringer Wahrscheinlichkeit des Eintretens etwas Ungewöhnliches sein soll. Gewinnt jemand im Lotto, handelt es sich dabei bloss um das Eintreten eines Ereignisses, welches zwar eine geringe Wahrscheinlichkeit hat, aber eben nicht unmöglich ist.
Zudem wird nicht erklärt, warum die Autorin überhaupt ursprünglich gelogen hatte: Gibt es einen Grund, nicht von Anfang an zu erklären, dass es sich um Hummel-Homöopathie handelt? Ein ehrliches Verhältnis zwischen Ärztin und Patient stelle ich mir anders vor.

Die zwei Fragen am Ende des Absatzes aber («Ein Zufall? Oder ein Beweis, dass Globuli wirken?») sind es, welche die, auch für Homöopathie-Verhältnisse, unsinnige Argumentation mit dieser Anekdote aufzeigen: Besteht die angebliche Wirkung von Homöopathie etwa darin, dass der Patient, die Patientin, erkennt, was für ein homöopathisches Mittel sie oder er gerade schluckt?

Danach argumentiert die Autorin weiter mit Alltagsanekdoten und verwechselt «Korrelation» mit «Kausalität»:
Nebst solchen Erlebnissen könnte ich auch Krankheitsfälle aus der Praxis anführen, wo Globuli jahrelange Leiden beseitigten, die schulmedizinisch erfolglos behandelt worden waren: Chronischer Husten, rätselhafte Fieberschübe, übermässig starke Menstruation und anderes mehr verschwanden dank homöopathischer Mittel in einer Verdünnungsstufe jenseits der chemischen Nachweisbarkeit. Nach Monaten kehrten die Beschwerden zurück, die Patienten schluckten nochmals ein paar Globuli zum Preis von wenigen Rappen ? [sic] und hatten wieder Ruhe.
Dass in diesen Beispielen bestimmte Beschwerden verschwanden oder sich linderten, nachdem Homöopathie-«Therapien» begonnen wurden, zeigt nicht, dass Homöopathie die Ursache für die Verbesserung ist. Die Autorin erwähnt überdies nicht Fälle, in denen es keine Besserung gab und vermittelt so den Eindruck, Homöpathie sei ein Allheilmittel, welches immer auch dort hilft, wo «Schulmedizin» scheitert. 
Es drängt sich an dieser Stelle das Stichwort «Placebo» auf: Im ganzen Artikel wird der Placebo-Effekt nicht erwähnt. Immerhin bleiben den Leserinnen und Lesern die oft wiederholten, darum aber nicht weniger falschen Argumente erspart, Homöopathie wirke zwar bei Tieren (d.h., anderen Tieren als dem Menschen) und Säuglingen, bei diesen zwei Gruppen gebe  es aber keinen Placebo-Effekt.

Der letzte Satz in obigem Zitat is wesentlich und eines der Hauptargumente der Homöopathie-Verfechter: Homöopathie sei doch so billig, «ein paar Globuli zum Preis von wenigen Rappen». Das stimmt, Homöopathie ist in der Tat viel billiger als Produkte der Pharma-Industrie. Das Problem ist bei Homöopathie denn auch nicht der Preis, sondern das Preis-Leistungs-Verhältnis: Die behauptete Wirkung gibt es nicht. Im Übrigen gehe ich davon aus, dass Zuckerwürfel aus der Migros verhältnismässig günstiger sind als homöopathische Globuli - und dies bei gleicher Wirkung (abgesehen vom Placebo-Vorteil bei Homöopathie).

Die Sache mit den Studien
Ganz ohne Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Argumenten geht es nicht. Die Autorin zeichnet dabei ein zwar kreatives, aber falsches Bild des Forschungsstandes:
All das interessiert die Anti-Globuli-Fraktion nicht. Sie fordert einwandfreie Studien, welche die Wirkung der Homöopathie beweisen. Solche gibt es – aber es sind zu wenige, um Skeptiker zu überzeugen. Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Versuche zur Homöopathie ist gescheitert (und über die Gründe dafür könnte man eine ganze Seite schreiben).
Zu Beginn bezeichnet die Autorin alle Kritikerinnen und Kritiker der Homöpathie als «Anti-Globuli-Fraktion». Das soll suggerieren, dass Kritik an Homöopathie auf Grundlage beispielsweise wissenschaftlicher Befunde nicht möglich sei. «Anti-Globuli-Fraktion» klingt nach ideologisch oder sonst wie Verblendeten, welche das bessere Argument sowie den Stand und die Qualität der Forschung ignorieren. Wer also die Anforderungen evidenzbasierter Medizin auch gegenüber Homöopathie nicht preisgibt, gehört zur «Anti-Globuli-Fraktion».

Im Weiteren beschreibt die Autorin die mengenmässige Verteilung relevanter Studien: Die meisten zeigen, dass Homöopathie ein Placebo-Effekt ist, die Minderheit hingegen, dass Homöopathie wirkt. Der letzte Satz «Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Versuche zur Homöopathie ist gescheitert» besticht aber durch die auffällige Wortwahl. Die Autorin schreibt nicht einfach, dass die Mehrzahl der wissenschaftlichen Versuche die Unwirksamkeit der Homöopathie aufzeigt. Nach ihrem Verständnis nämlich sind Versuche, welche zeigen, dass Homöopathie unwirksam ist, gescheitert. Im Gegenzug gilt entsprechende Forschung als geglückt oder gelungen, wenn sie zeigt, dass Homöopathie wirkt.
Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, dass die Autorin kein Interesse an Wissenschaft, sondern an Homöopathie-Propaganda hat, also ironischerweise zur «Pro-Globuli-Fraktion» gehört. Ergebnisse wissenschaftlichen Vorgehens sind gescheitert, wenn das Vorgehen selber fehlerhaft ist - nicht, wenn einem die Ergebnisse nicht passen.

Mit dem anschliessenden Argument hat die Autorin aber durchaus Recht:
Andere Argumente der Kritiker sind indes absurde Beispiele, bei denen seriösen Homöopathen die Haare zu Berge stehen: Wer statt einer regulären Malaria-Prophylaxe vorbeugend Chinarinde-Globuli einnimmt, hat die Homöopathie nicht verstanden. Und wer einem Ertrunkenen homöopathische Mittel gibt, statt Erste Hilfe zu leisten, gehört aus dem Verkehr gezogen. Dass viele Menschen in Eigenregie Globuli einwerfen, ist ebenso wenig im Sinn der Methode. Solches ins Feld zu führen, belegt nicht den Unsinn der Homöopathie. Sondern das Halbwissen der Kritiker und ihre mangelnde Bereitschaft, sich auf die Materie einzulassen.
Kritik an Homöopathie darf sich nicht in haarsträubenden Extremfällen erschöpfen (so ist auch, z.B., der mittlwerweile medial wieder vergessene Fall des angeblichen «AIDS»-Akupunkturisten ein Extremfall, welcher an sich nichts über die eigentlichen Probleme der Akupunktur aussagt).

Sinn im Unsinn
Der Abschluss des Artikels ist mit «Was die Erfahrung zeigt» betitelt und expliziert wiederum das sine qua non homöopathischer Argumentation. Die Autorin macht einige  interessante Aussagen:
Und je stärker der Homöopath selbst zweifelt, so meine Erfahrung, desto weniger reüssiert er.
Und damit ist eine den Placebo-Effekt begünstigende Bedingung beschrieben: Das Marketing. Selbstversändlich wird ein überzeugter Homöopath dem Placebo-Effekt zuträglicher sein als Skeptiker. Ebenfalls wichtig Folgendes:
Ist also an den Globuli nichts dran? Ich weiss es nicht. Die Ergebnisse der Studien stehen im Widerspruch zu Erfahrungen in der Praxis.
Dass die Autorin wissenschaftliche Forschung Alltagsanekdoten gleichsetzt, habe ich bereits kritisiert. Ihr «Ich weiss es nicht» deutet aber immerhin auf einen Hauch von Selbstkritik an. Der darauffolgende, den Artikel abschliessende Satz macht sogar durchaus Sinn und ist gute Grundlage für eine weitere kritische Diskussion der Homöopathie:
Was ich aber aus hausärztlicher Erfahrung weiss: Das System Homöopathie funktioniert. Es hilft vielen und kostet wenig.
In der Tat wird immer wieder, auch von kritischen Angehörigen der «Schulmedizin», bemerkt, dass Homöopathinnen und Homöopathen oft ausgesprochen viel Zuwendung für ihre Patienten aufbringen und bisweilen deutlich sorgsamer mit diesen umgehen als Praktizerende der «Schulmedizin». Somit fühlen sich Patienten bei Homöopathen oft besser aufgehoben, was in vielen Fällen der Genesung zu Gute kommt. Davon kann «Schulmedizin» durchaus lernen.

Weiterlesen und -sehen
An dieser Stelle möchte ich auf ein paar Texte und Videos verweisen, in welchen Homöopathie viel fundierter kritisiert wird als ich dies oben zu tun vermag.
Zwei lesenswerte Bücher, welche ich bereits in früheren Blogeinträgen erwähnt habe, sind «Trick or Treatment? Alternative Medicine on Trial» und  «Snake Oil Science. The Truth About Complementary and Alternative Medicine».
Ein lesenswerter Online-Artikel mit guten weiterführenden Verweisen ist «Homeopathy: The Ultimate Fake».
Ein sehenswertes Video habe ich bereits im Blogeintrag zu den «Nazi-Homöopathen» verwendet (Quelle):

Ebenfalls interessant scheint mir dieser Clip mit Richard Dawkins (Quelle):

Und auch Futurama hat sich des Themas angenommen (Quelle):

5 Kommentare:

giordano hat gesagt…

Sehr guter und ausführlicher Kommentar. Komplimente. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche ausgebildetete Ärzte der Sinn der Randomisierung und Doppelverblindung einer Studie nicht verstanden haben. Eine Jungärztin, die gerade eine Ausbildung in Homoöpathie absolviert, konnte einfach geradeaus behaupten, dass man wegen der individualisierten Abgabe von Homöopathika keine randomisierte Doppelblindstudien durchführen kann. Ich frage mich, wie die Eingangstests für das Medizinstudium konzipiert sind, wenn am Ende solchen Aussagen gemacht werden. Übrigens: wenn ich mich nicht täusche, fanden die Kurse an der Uni Zürich statt.
homöopathische Notfallstation:
http://www.youtube.com/watch?v=HMGIbOGu8q0&feature=player_embedded

Marko Kovic hat gesagt…

Danke für den Kommentar - das Video mit der homöopathischen Notfallstation ist sehr amüsant ;)

Tatsächlich ist es so, dass eine akademische Ausbildung nicht garantiert, dass kritisches Denken überwiegt. In meinem Blogeintrag zum Institut «KIKOM» der Uni Bern (Link zum Blogeintrag) habe ich, durchaus nicht ohne Empörung, dargestellt, dass an diesem Institut keine Wissenschaft betrieben wird, da mit grotesk fehlerhaftem Vorgehen bewiesen werden will, dass «Komplementärmedizin» wirkt. Darin fügt sich die Bemerkung der Autorin aus dem Tagi-Artikel gut ein: Forschung ist für diese Un-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler gescheitert, wenn nicht gezeigt wird, dass «CAM» funktioniert. Also wird wissenschaftliche Methode so lang gebogen und pervertiert, bis die gewünschten Resultate und Rechtfertigungen bereitstehen.

Warum aber eine akademische Minderheit Pseudowissenschaft im Deckmantel von Wissenschaft betreibt, ist eine, so meine ich, schwer zu beantwortende Frage. Im Fall von Ärztinnen und Ärzten spielt vielleicht das Element der Selbstüberschätzung eine Rolle: Im Tagi-Artikel argumentiert die Autorin ja, Studien sprächen gegen die Wirksamkeit von Homöopathie, sie selber habe aber andere «Erfahrungen» gemacht - und ihre Alltags-Anekdoten sieht sie offenbar als mindestens gleichwertig wie wissenschaftliche Argumentation.
Teilweise geht das Problem aber vielleicht noch tiefer: Wenn im Gymi eine Maturaarbeit angenommen wird, welche, z.B., das Thema «Feng Shui» unkritisch bespricht, drängt sich die Frage auf, wozu die vergangenen 4 oder 6 Jahre gut waren - mir hat man immer gesagt, im Gymi sei das Ziel, kritisch denken zu lernen.

Vor ähnlichne Fehlern im Argumentieren sind letztlich alle wissenschaftlichen Disziplinen betroffen. Ein aktuelles Beispiel ist der (in den USA) bekannte Physiker Michio Kaku, der in einem Interview behauptet, dass, weil 5% der vermeintlichen UFO-Sichtungen nicht erklärbar seien, es sich dabei wahrscheinlich um Ausserirdische handle:
Youtube-Link.

Warum dieses «argument from ignorance» falsch ist, erklärt ein anderer bekannter (in den USA) Physiker, Neil de Grasse Tyson, auf amüsante Art:
Youtube-Link 2

Anonym hat gesagt…

Der Tagi-Artikel ist wirklich ärgerlich... Was das angebliche, mirkulöse "Erspüren" der homöopathisch verdünnten Hummel angeht: Homöopathische Mittelchen werden in der Regel nach Ausgangssubstanz und Verdünnung bezeichnet (z.B. Nux vomica C30).

Wir dürfen mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass das auch beim Hummelpräparat der Fall war (z.B. Bombus pratorum, Wiesenhummel). Entweder wusste der Patient, dass das Wort "Bombus" auf seinem Globui-Fläschchen Hummel heisst, oder er hat es in Google nachgeschaut, ohne es seiner naiven "Ärztin" zu verraten...

Der Patient muss also nur lesen und googeln können, und schon ist das "Rätsel" gelöst.

EsoTypo hat gesagt…

Die Homöopathische Notaufnahme gibt es auch mit deutschen Untertiteln:
http://www.youtube.com/watch?v=2_1L55KWasM

giordano hat gesagt…

Das Ärgerliche ist auch, dass Professoren sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Dabei wäre die Homoöpathie bestes Anschaungsbeispiel für (nicht)evidenzbasierte Medizin. Wenn man regelmässig die Medien liest, hat man das Gefühl, dass Beda Stadler der einzige Mediziner/Naturwissenschafter ist, der gegen diesen Aberglaube ankämpft.

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