12. September 2010

NZZ: Pseudokritik an Akupunktur

Die NZZ hat am 5. September in ihrer Online-Ausgabe einen mit «Dem Aberglauben näher als rationaler Medizin» betitelten Artikel veröffentlicht. Da der Gegenstand des Artikels Akupunktur ist, wollte ich diesen Blogeintrag zunächst «Zeichen und Wunder: Die NZZ kritisiert Akupunktur» benennen.
Davon sah ich allerdings ab, weil der Titel und Lead mehr  verheissen, als der Artikel letztlich bietet: Akupunktur wird nicht grundsätzlich kritisiert, sondern nur ein interner Streit der Akupunkturisten dargestellt. Prämisse dieses Beitrages zu «TCM» ist nämlich, dass Akupunktur wirkt.

Bereits der erste Satz des ersten Absatzes, «Die hochangesehen Akupunktur steckt in einem Tief», irritiert. Wer bestimmt, ob Akupunktur «hochangesehen» ist? Auf welches Publikum bezieht sich die Autorin, wenn sie behauptet, Akupunktur sei «hochangesehen»? Wohl nicht auf Mitglieder der «Schulmedizin» («Schulmedizin» schreibe ich übrigens stets in Anführungs- und Schlusszeichen, weil dieser Begriff bisweilen negativ konnotiert ist; insbesondere, wenn Angehörige der «Komplementärmedizin» naserümpfend erklären, warum «Schulmedizin» durch Pseudowissenschaft ergänzt werden müsse).
Auch der Rest des ersten Absatzes, in welchem der angebliche AIDS-Akupunkturist angesprochen wird, ist überflüssig, weil dieser Extremfall nichts über die Problematik der Akupunktur aussagt. Sollte besagter Akupunkturist tatsächlich Menschen vorsätzlich mit AIDS angesteckt haben, liegt das daran, dass dieser Akupunkturist Menschen mit AIDS anstecken wollte - dass Akupunktur im Spiel war, ist irrelevant.

Eigentliches Thema des NZZ-Artikels ist Hanjo Lehmann, der in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel veröffentlicht hat, in welchem er kritisiert, heutige Akupunktur sei im Wesentlichen ein Fantasieprodukt, welches wenig mit der ursprünglichen alt-chinesischen Akupunktur zu tun habe. Schuld dafür trage George Soulié de Morant, ein Scharlatan. Der SZ-Artikel ist in längerer Fassung in PDF-Form verfügbar.

An und für sich ist die Kritik Lehmanns durchaus interessant - das, was heute als «TCM» verkauft wird, ist weder «T» noch «C» - und es wird eine Bereinigung dieser Elemente der «TCM» hin zu einem «rationalen Verfahren» gefordert. Letztlich geht es Lehmann aber einfach darum, Zauberei durch Zauberei zu ersetzen.

Zum Thema «Qi» schreibt Lehmann beispielsweise:
So prägte er den Begriff "Meridian" und machte aus chinesischen "Jingluo" körperlose Linien. Sein Begriff "Energie" verwandelte das "Qi", das im Chinesischen viele Bedeutungen hat, in der Medizin aber die einer Feinsubstanz, in etwas Körperloses, vergleichbar elektrischem Strom. Für Chinesen waren die Jingluo "Gefäße, in denen Blut und Qi fliest" - und keineswegs überall gleich viel.
De Morant habe also die berühmten «Energiemeridiane», durch welche «Qi» fliessen soll, frei erfunden. In Tat und Wahrheit hätten die alten Chinesen «Qi» zusammen mit Blut durch konkrete Gefässe fliessend verstanden. Ob es «Qi» aber wirklich gibt, ist für Lehmann nicht so wichtig.
Die Kritik Lehmanns ist, auf deren Kern reduziert, eine Variante des «appeal to tradition»: Die «richtige» Akupunktur ist die ältere. «Appeal to tradition» darum, weil Pseudowissenschaft durch Pseudowissenschaft ersetzt wird, die sachlichen Argumente also in ihrer Begründung irrelevant sind.

Köstlich allerdings sind die Reaktionen bestimmter «TCM»-Verfechterinnen und Verfechter, welche im NZZ-Artikel genannt werden:
Kritik ist indes in der TCM-Szene nicht gefragt. Die deutschen Akupunktur-Ärzte reagierten auf Lehmanns Publikationen mit blanker Wut. Lehmann selbst sei der Scharlatan, schreiben ihre Vorsitzenden in einer Erklärung, die Vorwürfe seien «krass und unsortiert», die Aussagen «schlicht falsch». Dabei lassen sie durchblicken, dass «Herr Lehmann» als ehemaliger Heilpraktiker von der Materie nicht die geringste Ahnung haben könne.

In der Schweiz ist die Empörung ähnlich:
Dieser Einschätzung schliesst man sich hierzulande an. TCM-Ärztin Brigitte Ausfeld, die auch an der Kikom [Link nicht im Originaltext] (Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin) der Universität Bern lehrt: «Herr Lehmann fügt Halbwissen, Schlagworte und Irrtümer zu einer faszinierenden Geschichte zusammen, die ich – wie einen Roman von Dan Brown – mit wachsendem Vergnügen gelesen habe, vom fachlichen Standpunkt aus aber in keiner Weise ernst nehmen kann.» Soulié de Morant als «Vater der westlichen Akupunktur» zu bezeichnen, sei ähnlich, wie wenn man behaupten würde, die Bibel sei von einem einzigen Mann geschrieben worden. Etwas ungehaltener als seine Kollegin reagiert der TCM-Arzt Jörg Fritschi aus Pfeffingen: Man dürfe die traditionellen chinesischen Konzepte durchaus diskutieren, schreibt Fritschi per Mail, doch «wenn dies geschieht, dann auf wissenschaftlich solidem Niveau».
Es ist interessant, dass «TCM-Arzt Jörg Fritschi» fordert, dass zwar das Diskutieren «traditioneller chinesischer Konzepte» erlaubt sei, aber nur auf «wissenschaftlich solidem Niveau». Ob sich Jörg Fritschi der grandiosen Ironie dieser Aussage bewusst ist, ist unklar.

Und wo steht die Autorin des NZZ-Artikels? Ihre Position wird mit folgender Aussage klar:
Tatsächlich belegen inzwischen Hunderte von klinischen Untersuchungen, dass Akupunktur hilft.
Tatsächlich belegen «Hunderte von klinischen Untersuchungen», dass Akupunktur helfe. Vielleicht ist es aber nicht ganz unwichtig, einen genaueren Blick auf die Qualität besagter Studien zu werfen. Dazu möchte ich an dieser Stelle bloss auf einen Blogeintrag auf «Scienceblogs.com» verweisen, welcher sich dieser Problematik annimmt.
Im Weiteren erwähnt die Autorin die sogenannten «Gerac»-Studien, welche zeigen, dass es keine Rolle spielt, ob die Akupunktur-Nadeln willkürlich oder gemäss Akupunktur-Lehre gesetzt werden. Sie interpretiert diese Ergebnisse aber nicht als Anzeichen, dass Akupunktur nur Placebo ist, sondern bettet die «Gerac»-Studien implizit in den Kontenxt der Lehmann-Kritik: Akupunktur wirkt, gehorcht aber nicht den Gesetzen der gängigen «TCM»-Schule.

Besorgniserregend an diesem NZZ-Artikel ist nicht unbedingt dessen Inhalt, eher der Umstand, dass diese Art der Pseudokritik das Höchste an kritischer Hinterfragung der Akupunktur in der massenmedialen Landschaft der (Deutsch-)Schweiz darstellt.

2 Kommentare:

Hanjo Lehmann hat gesagt…

Ich finde diesen Kommentar bemerkenswert sachlich und ausgewogen. Eines aber ist nicht richtig: dass mein Ansatz ein "Appeal to tradition" wäre. Wie die ausführlichen Ausführungen auf meiner Website WWW.TCM.DE zeigen, ist genau das Gegenteil der Fall: ich kritisiere die reaktionären chinesischen TCM-Professoren eher noch schärfer als die westlichen Nachplapperer. Ja, ich halte die Akupunktur für wirksam und nützlich - bin aber davon überzeugt, dass man, um sie einzusetzen, auf den grössten Teil der chinesischen Medizintheorie bzw. Medizinphilosophie verzichten kann.
Mit Gruss aus Berlin
Hanjo Lehmann

Marko Kovic hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Lehmann

Vielen Dank für Ihren Kommentar - welcher, im Gegensatz zu meinem Blogeintrag, nicht zynisch oder angriffig ist.
Ihre Kritik an TCM ist grundsätzlich begrüssenswert, da viele Verteter der TCM im Westen, wie Sie beschreiben, an ihren Praktiken mit fast religiösem Eifer festhalten und Kritik von "Aussenstehenden" ignorieren, aber vielleicht auf Kritik "von innen" reagieren.

Mit meiner "appeal to tradition"-Bemerkung habe ich tatsächlich danebengegriffen; u.a. auf Ihrer Website erklären Sie ja, warum der gegenwärtige Trend der reaktionären "TCM" in China falsch ist. Für meine verzerrende Aussage möchte ich mich entschuldigen.

Ihre Inragestellung der TCM-Auswüchse ist, wie ich schon erwähnte, zu begrüssen. An meiner grundlegenden Kritik halte ich aber fest: TCM ist gemäss den Anforderungen evidenzbasierter Medizin zu beurteilen; es genügt nicht, TCM intern zu reformieren. Ihre Position, wenn ich das richtig beurteile, lässt aber diese Grundsatzfrage (deren Antwort eben auch sein kann, Akupunktur sei Placebo), nicht zu.

Nochmals Danke für den Kommentar.

Mit freundlichen Grüssen
Marko Kovic

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