30. September 2010

NZZ: Weniger Suizide bei Katholiken

Am 29. September hat NZZ-online einen Artikel zu einer lesenswerten Studie veröffentlicht (der Titel des NZZ-Artikels verwirrt leicht, da es in der Studie nicht nur um Katholiken geht). Die Studie ist mit «Religion and assisted and non-assisted suicide in Switzerland: National Cohort Study» betitelt (Download-Link).
Weder der NZZ-Artikel zu der Studie noch die Studie selber sind grundsätzlich problematisch. Dennoch eignet sich dieses Beispiel, um zu besprechen, wie genau «Suizid» zu verstehen ist - wörtlich als «Selbstmord», oder eher als «Freitod».

Zunächst ein Blick auf die detaillierten Ergebnisse der Studie. Einen guten Überblick liefert Tabelle 2 auf Seite 4 mit den Kennzahlen zu der Regressionsanalyse:
Grafik 1 auf Seite 5 zeigt die Suizidanfälligkeit für katholische und konfessionslose Personen im Verhältnis zu protestantischen:
Aus diesen Angaben ist gut sichtbar, dass Konfessionslose stärker als Menschen protestantischen Glaubens zu Suizid neigen und diese sich wiederum eher als Menschen katholischen Glaubens das Leben nehmen. Die Ergebnisse sind, so meine ich, durchaus interessant. Die einzige Frage ist, wie diese zu interpretieren sind.

Im NZZ-Artikel heisst es u.a.:
So schien die Zugehörigkeit zum katholischen Glauben über 65-jährige Personen noch nachhaltiger vor dem Freitod zu schützen als jüngere.
Hier werden die Resultate der Studier derart interpretiert, dass Katholizismus vor dem Freitod «schütze». Ähnlich argumentieren auch die Autoren der Studie. So steht auf Seite 8:
The protective effect in Catholics was particularly pronounced for suicide by poisoning in those aged 565 years, which predominantly reflects assisted suicides.
Die oben zitierte Aussage aus dem NZZ-Artikel stammt wohl von dieser Stelle der Studie.

Ist «Suizid» etwas, wovon Menschen «geschützt» werden sollen? Aus medizinischer Sicht ist diese Aussage teilweise verständlich: Das Ziel medizinischer Betreuung kann verstanden werden als das Bestreben, die Gesundheit des Menschen aufrechtzuerhalten, damit also auch vermeidbare Todesarten zu verhindern.
Die Sache ist damit aber noch nicht geklärt. Wird «Suizid» nämlich als «Freitod» verstanden, handelt es sich dabei um den persönlichen Entschluss, das eigene Leben zu beenden. In dieser Lesart ist es falsch, Menschen vor Freitod schützen zu wollen, da das Verfügen über den eigenen Körper die wesentliche Sphäre individueller Privatheit ist, Freitod also eine uantastbare private Handlung darstellt.

«Selbstmord» bedeutet «Mord des Selbst»; dieser Begriff trägt eine starke negative Konnotation. Einer der Ursprünge dieses widersprüchlichen Begriffes liegt in Religionen: U.a. das Christentum sieht Selbstmord als Sünde, weil damit letztlich der Besitz «Gottes» («Gott» soll ja Menschen Leben gegeben haben) geschädigt wird.
Insofern ist das Ergebnis, dass Konfessionslose öfter den Freitod wählen, nicht überraschend: Die Hemmschwelle kann, angesichts der Ächtung von «Selbstmord» als Sünde, höher sein. Andere Faktoren spielen aber sicher auch eine Rolle. So erklären die Autoren, dass sich Emile Durkheims Hypothese, der Katholizismus mit den damit verbundenen ritualisierten sozialen Interaktionen würde eher Freitode vermeiden, zu bestätigen scheint. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen mit ausgeprägteren sozialen Netzen eher von Freitod abgehalten werden.

Eine Frage stellt sich aber noch: Warum neigen Menschen protestantischen Glaubens eher zu Freitod als jene katholischen Glaubens? Darauf liefert die aktuelle Studie keine Antworten.
Vielleicht lohnt sich der Blick in einen anderen Klassiker der Soziologie: Max Webers «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus». In diesem Werk versucht Weber zu erklären, wie und warum der Protestantismus mit dem «Geist des Kapitalismus» vereinbar war und so wesentlich zur kapitalistischen rationalisierung des Okzidents beigetragen habe. Ein zentraler Punkt in Webers Argumentation ist die Lehre der «Gnadenwahl», gemäss welcher «Gott» im Voraus bestimmt, welche Menschen für das Jenseits «erwählt» sind oder nicht. Vielleicht trägt diese deterministische Weltsicht, bzw. deren in der heutigen religiösen Praxis vorhandene Relikte, dazu bei, die Hemmschwelle für Freitod bei Menschen protestantischen Glaubens zu senken.

Fazit
Dieser Blogeintrag gehört sicher zu den kleinlicheren. Die interessierende Studie und der NZZ-Artikel dazu geben wenig Anlass zu Kritik. Einzig die Verwendung des Begriffes «Suizid», welche in der Studie als «Selbstmord» und nicht als «Freitod» impliziert wird, ist fragwürdig: Freitod muss primär als Entscheidung handlungsfähiger Subjekte verstanden werden und nicht als ein Ereignis, vor welchem die Betroffenen «geschützt» werden müssten.

1 Kommentare:

gwendolan hat gesagt…

Ich finde es nicht kleinlich und habe den Artikel gerne gelesen. Katholiken sehen in den Studienergebnissen fälschlicherweise die Nützlichkeit ihres Glaubens bestätigt. Dabei bestätigt er höchstens, dass mit Angstpolitik erfolgreich Freiheit und Autonomie gegen Weiterleben um jeden Preis abgetauscht werden können...

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