22. Oktober 2010

20minuten: Gene und Fettleibigkeit

Am 15. Oktober hat 20minuten online über zwei neue Studien berichtet, welche den Zusammenhang zwischen Körperfett und Genom untersuchen.
Der Artikel macht sensationalistische Aussagen, welche den Inhalt der Studien verzerrt widergeben: Schon das Fantasie-Beispiel im Artikel-Lead behauptet etwas, was wenig mit den betroffenen Studien zu tun hat.

Die zwei Studien, welche im 20minuten-Artikel grob angesprochen werden, sind:
«Association analyses of 249,796 individuals reveal 18 new loci associated with body mass index.» und «Meta-analysis identifies 13 new loci associated with waist-hip ratio and reveals sexual dimorphism in the genetic basis of fat distribution.».
Leider bleibt mir der Zugang zu diesen Studien versagt (USD 32 pro Studie sind mir etwas zu viel; vgl. hier und hier). Ein Artikel, welcher diese Studien etwas detaillierter bespricht, ist auf Science Daily zu finden.

Bei einer der zwei Studien, «Meta-analysis identifies 13 new loci associated with waist-hip ratio and reveals sexual dimorphism in the genetic basis of fat distribution.», handelt es sich um eine Metastudie, welche genetische Faktoren zum «waist-hip ratio» untersucht. Im Rahmen des 20minuten-Artikels ist diese Studie weniger interessant, da sie nicht den Körperfettanteil an sich, sondern dessen Verteilung bespricht, wie die Autoren auch in der Zusammenfassung festhalten:
Waist-hip ratio (WHR) is a measure of body fat distribution and a predictor of metabolic consequences independent of overall adiposity.
Die erste Studie, «Association analyses of 249,796 individuals reveal 18 new loci associated with body mass index.», widmet sich explizit dem Zusammenhang zwischen bestimmten genetischen «Loci» und Fettleibigkeit. Die Autoren fassen die Ergebnisse wie folgt zusammen:
To identify genetic loci for obesity susceptibility, we examined associations between body mass index and ∼2.8 million SNPs in up to 123,865 individuals with targeted follow up of 42 SNPs in up to 125,931 additional individuals. We confirmed 14 known obesity susceptibility loci and identified 18 new loci associated with body mass index (P < 5 × 10(-8)), one of which includes a copy number variant near GPRC5B. Some loci (at MC4R, POMC, SH2B1 and BDNF) map near key hypothalamic regulators of energy balance, and one of these loci is near GIPR, an incretin receptor. Furthermore, genes in other newly associated loci may provide new insights into human body weight regulation.
Was die Autoren in dieser Studie gemacht haben, ist, Korrelationen zwischen dem «Body Mass Index» und Genen zu suchen. Der Science Daily-Artikel relativiert die Ergebnisse denn auch ein wenig:
However, even in combination these variants explain only a small fraction of the overall variation in body weight. The researchers found that the combined genetic information from these variants was only slightly better than flipping a coin in predicting whether an individual would be obese, probably because many other factors, both genetic and environmental, contribute to overall weight.
Das heisst, dass diese Studie nur einen kleinen Teil des Puzzles darstellt. Wie interpretiert 20minuten die Ergebnisse?
Bislang waren insgesamt erst 14 Gene bekannt, die die Körpermasse beeinflussen. Um weiteren Erbanlagen auf die Spur zu kommen, untersuchten mehr als 400 Wissenschaftler fast eine Viertelmillion Europäer. Zusätzlich zu den bekannten Genen fanden sie 18 weitere, die die Körpermasse regulieren.
In gewohnter Manier wird alles vereinfacht und Korrelation als kausaler Zusammenhang behauptet (zudem scheint der «body mass index» falsch als «Körpermasse» übersetzt). Obwohl die Fallzahlen in dieser Untersuchung sehr gross sind (fast 250'000 Individuen), liegt noch keine schlüssige Erklärung vor, warum die beobachteten Korrelationen kausaler Natur sein könnten. Damit möchte ich in keiner Weise die Forschungsarbeit der Autoren schlechtreden, ganz im Gegenteil: Die interessierende Studie war, sofern ich das beurteilen kann, ein enormes und wissenschaftlich völlig korrekt durchgeführtes Unterfangen. Die Studie ist aber eher explorative Forschung, also Grundlage für weitere Detailuntersuchungen - angesichts der Zusammenfassung der Studie scheinen auch die Autoren diese Ansicht zu teilen.

Fazit
Wie steht es nun um die Grundaussage des 20minuten-Artikels, dass nämlich, genetisch bedingt, einige Menschen viel schneller zunehmen als andere? Selbstverständlich spielen Gene eine wesentliche Rolle. So steigt, um ein offensichtliches Beispiel zu nennen, mit der Körpergrösse auch der Energiebedarf (vgl. «basal metabolic rate»).
Im Weiteren gibt es z.B. aktuelle Forschungsergebnisse, welche den Schluss nahe legen, dass ein angeborener Mangel an bestimmten Dopamin-Rezeptoren die individuelle Anfälligkeit für chemische Sucht nach «Junk Food» begünstigen kann (der ganze Artikel kann hier heruntergeladen werden).

Die genetische Verfasstheit spielt also zweifellos eine (indirekte) Rolle; beim Erhaltungs-Energiebedarf einerseits, bei der Anfälligkeit für bestimmte Essstörungen (im weitesten Sinne) andererseits. Für das Individuum gilt aber nach wie vor: Übergewichtig ist, wer mehr Energie zu sich nimmt, als verbraucht wird. Folgendes Bild fasst diese einfache Erkenntnis auf prvokante Art zusammen:
Damit will ich selbstverständlich nicht sagen, dass stark übergewichtige Menschen auf irgendeine Art «schlecht» oder minderwertig sind. Übergewicht (egal, ob in Form von Fett- oder Muskelzellen) resultiert aber einzig aus Kalorienüberschuss.

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