7. Oktober 2010

Lesetip: «The Mismeasure of Man», oder: Wo Thilo Sarrazin Unrecht hat

Der Hype um Thilo Sarrazins Buch «Deutschland schafft sich ab» ist mittlwerweile etwas abgeebbt, darum lohnt ein Blick zurück auf einige seiner «Thesen». Insbesondere Sarrazins Aussagen zu «Intelligenz», welche er als wissenschaftlich gestützt behauptet, und die Art, wie massenmedial damit umgegangen wurde, sind eines kritischen Blickes wert.
Zunächst der Verweis auf einen Klassiker, in welchem ausführlich erklärt wird, warum die Idee, soziale Realitäten seien biologisch determiniert - also z.B. (wie auch immer gemessene) «Intelligenz» auf genetische Vererbbarkeit zurückgeht - falsch ist: «The Mismeasure of Man» von Stephen Jay Gould.
Thilo Sarrazins Aussagen sind gezielte Provokation, aber sicher nicht grundsätzlich falsch: In liberalen Demokratien besteht ein Spannungsverhältnis zwischen Freiheitsrechten einerseits, der Durchsetzung des Rechtsstaates andererseits - die Frage, in welchem Masse eine Integration in die staatliche Rechtsgemeinschaft «erzwingbar» sein soll, ist einer der  eigentlichen Kernpunkte der Politik (welche Individuen und Gruppen dabei problematisiert werden - aktuell eben Menschen mit «Migrationshintergrund» - ist weniger wichtig).
Die biologistische Argumentation Sarrazins unterliegt aber dem fundamentalen Fehlschluss der «Reifikation»: Das von Menschen erdachte und letztlich willkürliche Konzept der «Intelligenz» wird als vermeintlich in den Genen lokalisiert angenommen.

Zu Beginn ein wichtiges Detail: Sarrazins «Deutschland schafft sich ab» habe ich nicht gelesen (und werde es auch nicht lesen). Insofern ist der Vorwurf gerechtfertigt, ich würde einen kleinen Teil des Buches (jenen zu «Intelligenz» und deren Vererbbarkeit) unverhältnismässig stark gewichten. Dieser Blogeintrag soll aber nicht eine Buchrezension sein, sondern gezielte Punkte ansprechen.

Auch in der Schweiz wurde Thilo Sarrazin thematisiert. In diesem Kommentar auf NZZ-online beispielsweise, welcher den markigen Titel «Thilo Sarrazin und der Krieg der Korrekten» trägt, wird Sarrazin als heilsamer Provokateur beschrieben, welcher vom politischen Establishment «mundtot» gemacht werde.
In der Tat wurde Sarrazin in den Massenmedien bisweilen unfair behandelt. Bezeichnend war sein Auftritt in der Sendung «beckmann» von Ende August (Quelle):
Schon die Montage zu Beginn, welche den Stand der Dinge zusammenfassen soll, ist von bedrohlich wirkender Musik untermalt. Im weiteren Verlauf der Sendung wird Sarrazin oft unterbrochen, seine Argumente ohne einleuchtende Begründungen pauschal abgewiesen. Unhaltbar ist die offenkundige Respektlosigkeit gegenüber Sarrazin: Mehrmals wird in der Sendung über ihn in der dritten Person gesprochen - wohlgemerkt ist Sarrazin stets am Tisch.

Im Zuge eines solchen Ausschlusses Sarrazins a priori als eine Art Bösewicht verwundert es nicht, dass die Qualität der Gegenargumente zu Sarrazins «Thesen» teilweise arg mangelhaft ist (Quelle):

Es ist nachvollziehbar, dass eine solche massenmediale Behandlung der Aussagen Sarrazins eine Art Sympathie-Reflex für den «Underdog» Sarrazin auslösen kann. Ein Stück weit dürfte das auch gewollt sein: Für das Buch ist es vermutlich verkaufsfördernd, Sarrazin als Märtyrer für «die gute Sache» o.ä. darzustellen.

Es gibt aber gerechtfertigten Anlass zu Kritik. Heikel ist der Anspruch Sarrazins, seine Ausführungen würden auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft basieren. In Tat und Wahrheit handelt es sich dabei bestenfalls um Versuche in Populärwissenschaft: Er sucht sich «Fakten», welche seine Position vermeintlich unterstreichen. «Fakten» in Anführungszeichen, weil er nicht nur selektiv Befunde aufnimmt, sondern diese teilweise auch, mehr oder weniger, frei erfindet. Die Inkohärenz einiger seiner Begründungen ist derart eigentümlich, dass das ins Absurde geführte «Cherry Picking»-Vorgehen offensichtlich wird (Quelle):

Was hat es aber mit den Behauptungen Sarrazins auf sich, Intelligenz sei genetisch vererbt? Aussagen wie «Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches generatives Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potential der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt. Dieser qualitative Effekt wirkt sich langfristig entscheidend auf die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft aus.» machen seine biologistische Position klar:

  1. «Intelligenz» ist erblich
  2. Es ist schlimm, wenn die Durschnitts-«Intelligenz» abnimmt
Für den ersten Punkt verweise ich nochmals auf das sehr lesenswerte Buch «The Mismeasure of Man», welches diese Frage in einer dem Thema angebrachten Ausführlichkeit bespricht.
Der zweite Punkt ist, im Anschluss an den ersten, nicht schlüssig: Sollte «Intelligenz» tatsächlich vererbbar sein, würde das bedeuten, dass das betroffene Individuum für die «Intelligenz», mit welcher es von Geburt ausgestattet wurde, keine Schuld und kein Verdienst trifft. In einer liberal-demokratischen Lesart wären also Massnahmen, welche eugenisch die Verteilung von «Intelligenz» steuern sollen, völlig unangebracht.
Wird hingegen «Intelligenz» als Erlerntes verstanden, spricht wenig gegen eine solche «Intelligenz» fördernde Massnahmen - das ist aber weniger provozierend, würde wohl weniger Fernseh-Auftritte nach sich ziehen und den Absatzzahlen des Buches letztlich nicht zum Vorteil gereichen.

Abschliessen möchte ich mit einem Zitat: Schon Thomas Hobbes, in seiner Argumentation nicht eben progressiv, hatte im «Leviathan» folgende Bemerkung zur «Grundausstattung» des Menschen gemacht (Anfang des 13. Kapitels):
NATURE hath made men so equal in the faculties of body and mind as that, though there be found one man sometimes manifestly stronger in body or of quicker mind than another, yet when all is reckoned together the difference between man and man is not so considerable as that one man can thereupon claim to himself any benefit to which another may not pretend as well as he. For as to the strength of body, the weakest has strength enough to kill the strongest, either by secret machination or by confederacy with others that are in the same danger with himself.
And as to the faculties of the mind, setting aside the arts grounded upon words, and especially that skill of proceeding upon general and infallible rules, called science, which very few have and but in few things, as being not a native faculty born with us, nor attained, as prudence, while we look after somewhat else, I find yet a greater equality amongst men than that of strength. For prudence is but experience, which equal time equally bestows on all men in those things they equally apply themselves unto. That which may perhaps make such equality incredible is but a vain conceit of one's own wisdom, which almost all men think they have in a greater degree than the vulgar; that is, than all men but themselves, and a few others, whom by fame, or for concurring with themselves, they approve. For such is the nature of men that howsoever they may acknowledge many others to be more witty, or more eloquent or more learned, yet they will hardly believe there be many so wise as themselves; for they see their own wit at hand, and other men's at a distance. But this proveth rather that men are in that point equal, than unequal. For there is not ordinarily a greater sign of the equal distribution of anything than that every man is contented with his share.
Wenn ein über 350 Jahre altes Argument nicht weniger stimmig als Sarrazins «Thesen» ist, sagt das etwas, so meine ich, über die Qualität dieser «Thesen» aus.

1 Kommentare:

buch leser hat gesagt…

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Sarrazin das Sachinteresse für die Integrations-Debatte ab: "Angela Merkel hat nicht nur mein Buch kritisiert, sie hat auch die Bundesbank indirekt aufgefordert, mich aus dem Vorstand zu entfernen. Außerdem hat sie öffentlich erklärt, dass sie mein Buch nicht gelesen hat und auch nicht lesen wird. Daran mögen Sie das Interesse der Kanzlerin an der Sache, um die es hier geht, ablesen." Zitat Sarrazin. Wie auch immer, man kann dazu stehen wie mal will, Tatsache ist, dass das Thema wieder von der Tagesordnung verschwunden ist. So ist die Politik und dann wundern sich die Politiker, wenn immer weniger Menschen zur Wahl gehen, bzw. extreme Parteien gewählt werden.

Kommentar veröffentlichen