18. Oktober 2010

SF: Ein netter Abend mit Komplementärmedizin

Am 12. Oktober strahlte das Schweizer Fernsehen eine Ausgabe des «Club» mit dem Titel «Homöopathie - bald nur noch für Reiche?» aus. Besprochen wurde die Frage, welche «komplementärmedizinischen» Verfahren, auf Grundlage des Verfassungsartikels 118a, in den Grundversicherungskatalog aufzunehmen sind.
Club vom 12.10.2010
Die Sendung ist interessantes Anschauungsmaterial für Argumentations-Strategien der Verfechterinnen und Verfechter der «Komplementärmedizin». Eines muss man diesen Akteuren nämlich lassen: Sie verstehen es ausgezeichnet, die Mängel in der eigenen Argumentation in PR-Vorteile umzumünzen.

Drei Personen gehörten zu der «pro»-Gruppe:
Yvonne Gilli ist Nationalrätin der Grünen und wissenschaftlich ausgebildete Ärztin mit «Weiterbildungen» in Homöopathie und TCM.
Thomas Rau ist Direktor der «Paracelsus Klinik Lustmühle». Thomas Rau behauptet u.a., mit seinen «komplementärmedizinischen» Methoden Krebs heilen, oder zumindest aufhalten zu können.
Donat Baur war praktizierender Homöopath und ist nun Marketing- und Verkaufsleiter des Homöopathie-Herstellers Similasan.

Auch auf der Seite der «contra»-Gruppe waren drei Personen:
Erich Russi ist Direktor der Klinik für Pneumologie des Universitätsspitals Zürich.
Felix Schneuwly ist Leiter des Bereiches «Politik und Kommunikation» der «Santésuisse», dem Branchenverband der Krankenversicherungen (sprich: einer Krankenkassen-Lobbygruppe).
Toni Bortoluzzi ist Nationalrat der SVP.

Im Folgenden möchte ich einige der Haupt-«talking points» der «pro»-Gruppe darstellen, was auch die Reaktionen auf einige der Argumente der «contra»-Gruppe beinhaltet. Teilweise gibt es Überschneidungen.

Big pharma
Eines der hauptsächlichen Ablenkungsmanöver der «CAM»-Fraktion («CAM» als Abkürzung für «complementary and alternative medicine») ist im Allgemeinen der Verweis auf die Pharmaindustrie. Die Pharmaindustrie bekämpft in dieser Lesart «CAM», weil «CAM» der Pharmaindustrie Marktanteile strittig zu machen droht. So weit ist das Argument nachvollziehbar, über die Wirksamkeit von «CAM» sagt es aber nichts aus.
Das Profit-Motiv ist, im Übrigen, bei «CAM» ebenfalls vorhanden. Der Preis eines Heilmittels ist aber gar nicht so sehr das Problem, eher das Preis-Leistungs-Verhältnis, welches bei «CAM» in der Regel schlecht ist.

Auch in dieser Sendung war «Big pharma» ein Thema. Ca. ab Minute 4 erklärt beispielswese Yvonne Gilli, welche zwei «CAM»-Verfahren vermutlich (gemäss Gerüchten in politischen Kreisen) in die Grundversicherung aufgenommen werden: Pflanzenheilkunde und Neuraltherapie. Letzteres ist eine Pseudowissenschaft, wie sie im Buche steht, Pflanzenheilkunde (auch «Phytotherapie» genannt) aber nicht: Befreit von esoterisch-pseudowissenschaftlichenen Vernebelungen, ist der Kern der Pflanzenheilkunde durchaus wissenschaftlich relevant, da die Frage der aktiven Inhaltsstoffe interessiert. Ein klassisches Beispiel, welches das Potential der Pflanzenheilkunde aufzeigt, ist die Entstehungsgeschichte des Aspirin. Oder ein banaleres Beispiel: Cannabis zeigt ebenfalls potentielle die Gesundheit fördernde Wirkungen.

Yvonne Gilli sagt, Pflanzenheilkunde könne «ein bisschen als ein Teil der Schulmedizin betrachtet werden, tritt dieser sicher nicht auf die Füsse» - und könne «duch die Pharmaindustrie weiter erforscht und vermarktet werden». Das heisst: Eine «CAM»-Tradition, welche durch die Pharmaindustrie genutzt wird, ist automatisch irgenwie anrüchig. Dass das vielleicht Anzeichen für wissenschaftlich verwertbares Potential der Pflanzenheilkunde ist, ignoriert Gilli. Indirekt wird somit behauptet, dass für «CAM»-Verfechterinnen wie Yvonne Gilli nur als «CAM» gelten kann, was von der Pharmaindustrie unberührt bleibt.
Solche Argumentation ist nicht ohne Sinn: Wer «CAM» propagiert, spitzt das «Big pharma»-Argumentarium nicht selten zu einer Art Verschwörungstheorie zu. Der eigentliche Grund für die Distanz zwischen «Schulmedizin» und «CAM», die (idealerweise) hohen Ansprüche an Wissenschaftlichkeit bei Ersterem, welchen Letzteres nicht gerecht wird, werden als Abschottungstaktiken der Pharma-Monopolisten behauptet. Alles, was «Big pharma» berührt, ist zu vermeiden, weil «Big pharma» nur Geld im Sinn hat. Dieser «non sequitur»-Fehlschluss («CAM» wirkt, weil «Big pharma» profitgierig ist) ist derart emotional aufgeladen, dass es schwierig ist, mit sachlichen Argumenten dagegen anzukommen.

«Special Pleading»: «CAM» funktioniert anders
«Komplementärmedizin» hält wissenschaftlichen Kriterien grossteils nicht stand. «CAM»-Anhängerinnen und -Anhänger anerkennen dies aber nicht als Beleg für die Unwirksamkeit der jeweiligen Verfahren, sondern deuten die Ergebnisse um: Wissenschaftlich lässt sich gar nicht messen, ob die jeweilige «CAM»-Methode wirkt, weil die Wirkung auf einer anderen Ebene o.ä. stattfinde. Jene, die «CAM» wissenschaftlich untersuchen, verstehen «CAM» nicht.

Yvonne Gilli behauptet in Minute 3, dass die Kritik der «medizinischen Fakultäten» an «CAM» «vor allem» auf «Unwissenheit» zurückzuführen sei.
Ab Minute 23 wird die Zusammensetzung der «ELGK», der «Eidgenössischen Leistungs- und Grundsatzkommission», diskutiert. Die «ELGK» ist jenes Organ, welches entscheidet, welche «CAM»-Verfahren in die Grundversicherung aufgenommen werden. Die Frage, über was für Qualifikationen die Kommissionsmitglieder der ELGK verfügen, kommt auf. Gilli behauptet, es sei wichtig, dass über die fünf für die Aufnahme in die Grundversicherung in Frage kommenden «CAM»-Verfahren «wirklich fachspezifisches Wissen» vorhanden sei. Das begründet sie damit, dass sie sich selber nicht anmassen würde, über eine Methode im Bereich der Lungenmedizin zu urteilen - also auch Erich Russi nicht über Dinge Urteilen dürfe, in welchen er «keine Ausbildung und keine Qualifikationen» habe.
Dieses Argument ist, wie Schneuwly entgegnet, falsch: Wissenschaftliche Befunde lesen und verstehen kann im Prinzip jede wissenschaftlich geschulte Person. Wer aber, gemäss Gilli, nicht «CAM»-Verfechterin oder -Verfechter ist, kann nicht über «CAM» urteilen. Das nennt Gilli «das Prinzip der wissenschaftlichen Korrektheit und Fairness».
Gilli führt weiter aus, man müsse sicherstellen, dass Studien, welche berücksichtigt werden, der «Qualität der wissenschaftlichen Standards» standhalten. Genau das sei in der Vergangenheit nicht gemacht worden.
Mit dieser absurden, den Stand der Forschung pervertierenden Aussage behauptet Gilli, dass Studien, welche zeigten, dass bestimmte «CAM»-Verfahren unwirksam sind, wissenschaftlich schlecht sind. Vermutlich sieht sie Studien wie z.B. diese als den «wissenschaftlichen Standards» eher entsprechend.

Als Antwort auf die Forderung Felix Schneuwlys, es sei nötig, zu erforschen, welche Methoden wirken, erklärt Thomas Rau in Minute 47: «Einzelmethoden sind nicht wirksam. Und die müssen kombiniert werden und individuell; das ist das Faszinierende und das Kunstvolle an der ganzheitlichen Medizin, an der Homöopathie, dass man die Gesamtheit wahrnimmt und versucht, mit mehreren Methoden ineinander zu integrieren.».
Das ist vielleicht das «Faszinierende» und das «Kunstvolle», nicht aber das «Wissenschaftliche». Es ist geradezu zum Haare raufen: «CAM» soll eine Wirkung haben, aber die Wirkung besteht angeblich darin, dass nicht zuverlässig messbar ist, worin die Wirkung besteht.

Donat Baur bringt den «Special pleading»-Fehlschluss in Minute 55 auf den Punkt, als er Russi gegenüber sagt: «Sie haben keine Ahnung von Homöopathie».

Anekdotische Evidenz: Alltagserfahrungen über allem
Wie ich in einem anderen Blogeintrag zu beschreiben versuche, ist anekdotische Evidenz einer der Hauptmotoren der «CAM». Das hat seine guten Gründe: Alltagserfahrungen sind der unmittelbarste, der primäre Modus des Weltverstehens. Es ist für den subjektiven Menschen vollkommen logisch, eine auffällige Abfolge von Ereignissen als miteinander kausal verbunden zu verstehen. Jeder Säugling, jedes Kleinkind lernt mir der Zeit, dass ein Biss in Saures, z.B. eine Zitrone, eine bestimmte unangenehme Folge hat - und das ganz ohne irgendwelche «Studien».
Anekdotische Evidenz ist für das Individuum Grundlage der Zweckrationalität: Die Erwartungen an die Aussenwelt entstehen oft erst, wenn genügend individuelle anekdotische Evidenz vorhanden ist. Nachdem das Kind in die Zitrone gebissen hat, wird es zukünftige Handlungen, welche Zitronen beinhalten, an den intuitiv als kausal erlebten Vorgängen mit Zitronen ausrichten.
Das Problem mit anekdotischer Evidenz ist, dass sie intersubjektiv nicht aussagekräftig ist. Unmittelbare Alltagserfahrungen geschehen über die menschlichen Sinne, und diese sind unzuverlässig. Ziel kritischen Denkens, Ziel wissenschaftlicher Methode ist, intersubjektiv nachvollziehbare, also auch kritisierbare Aussagen zu machen. Anekdotische Evidenz ist nicht kritisierbar, weil es sich dabei ausschliesslich um Aussagen über die jeweilige subjektive Welt handelt.

Ein der Perfektion nahes Beispiel für anekdotische Evidenz wird ab Minute 31 vorgetragen. Donat Baur erklärt, wie er zur Homöopathie fand. Sein damals 8 Monate alter Sohn hatte an «Pseudokrupp» gelitten, als einzige Massnahme schlugen die Ärzte aggressive Medikamente vor (Cortisol oder ein Beruhigungsmittel). Der besorgte Vater wollte seinen Sohn diesen Mitteln nicht aussetzen, darum erkundigte er sich bei einem Bekannten, der Homöopath war, ob es für «Pseudokrupp» aus diesem Bereich etwas gebe. Dem war so: Bei einem Anfall gab Baur seinem Sohn Homöopathie-Kügelchen, im Wissen, dass er als Notlösung noch Cortisol zur Hand hatte. Siehe da: Bereits nach einem Kügelchen verbesserten sich die Symptome des Anfalls drastisch; Donat Baur war motiviert, dieses Phänomen «fundiert zu lernen».
Diese Anekdote nenne ich der Perfektion nahe, weil emotional Vieles stimmt: Der kranke Säugling, das Scheitern der «Schulmedizin», der liebende Vater, welcher für den Sohn nur das Beste will, das spektakuläre Resultat.

Insbesondere Thomas Rau machten regen Gebrauch von anekdotischer Evidenz. In Minute 51 z.B. werden die sogenannten «WZW»-Kriterien besprochen («Wirksamkeit», «Zweckmässigkeit», «Wirtschaftlichkeit»). Rau beklagt, dass, wenn er Patienten habe, die «einfach gesund» geworden sind und es nachher von den Krankenkassen heisse, es werde nichts übernommen, müsse er jedes Mal einen separaten Antrag stellen. Den Einwand Scheuwlys, der Einzelfall sei «nicht wissenschaftlich», kontert Rau mit dem Argument, genau darum sei der Patient arg enttäuscht über Krankenkassen. Dem mag so sein, damit wird aber nicht erklärt, warum Einzelfälle doch wissenschaftlich relevant sein sollen.
In Minute 62 fährt Rau mit demselben Argument weiter: Wieder im Kontext der Hürden seitens der Krankenkassen bei der Anerkennung seiner Heilmethoden erklärt Rau, er müsse viel Zeit mit diesen administrativen Dingen verbringen, obwohl er doch Fälle gehabt habe, welche er wirklich hat heilen oder deutlich verbessern können.

«Appeal to tradition»: «CAM» gibt es schon lange, darum wirkt sie
Ein beliebtes Argument seitens der «CAM»-Anbieterinnen und -Anbieter ist, dass es das jeweilige Verfahren schon so lange gebe, es darum wirksam sein müsse. Der Fehlschluss ist offensichtlich: Nur, weil es eine Heilmethode schon lange gibt, muss diese nicht auch wirksam sein. Das Standard-Beispiel für die Ungültigkeit dieses Argumentes ist Aderlass.
Einer der Gründe, warum «Appeal to tradition» dennoch wirkt, ist, dass nicht selten Bezug auf «exotische» Heilverfahren genommen wird: Uraltes Wissen, welches oft nicht dem Westen entspringt, scheint ein gewisses Bedürfnis an romantischem Eskapismus zu befriedigen (dieser Artikel beschreibt dieses Phänomen auf sarkastische Art). Nicht selten sind solch alte Verfahren in Tat und Wahrheit Konstrukte neueren Datums, welche nicht viel mit ihren angeblichen Entstehungsort zu tun haben (vgl. z.B. diesen Blogeintrag zu «TCM»).

In Minute 21 greift Thomas Rau zum «Appeal to tradition»: «Auf der anderen Seite haben wir eine Medizinart wie z.B. die traditionelle chinesische Medizin», beginnt Rau. «An Milliarden von Menschen über Tausende von Jahren angewendet». Der erste Teil ist ein «Appeal to popularity» (vgl. unten), der zweite ein Paradebeispiel für «Appeal to tradition». Die Schlussfolgerung Raus: «Wenn man da sagt, es wirkt nicht, ist das die Arroganz per [se]».
Rau fährt fort: «Dann hat man die Homöopathie, die sich ebenfalls schon weit über 100 Jahre sehr gut bewährt hat».

Es ist interessant, dass der «Appeal to tradition» bei «CAM» so überzeugend sein kann - bei anderen Themen ist dies viel weniger der Fall. Würde jemand beispielsweise behaupten, Sklaverei sei wieder einzuführen, weil das viele Jahrtausende lang funktioniert hat - wie sonst hätte man die schönen Pyramiden bauen können? - , würde diese Aussage kritischer behandelt. «CAM» funktioniert aber teilweise wie Religion: Weil die Überlieferungen alt sind, müssen sie auch wahr sein.

«Appeal to popularity»: «CAM» benutzen viele, darum wirkt sie
Hand in Hand mit dem «Appeal to tradition» geht oft der «Appeal to popularity»: «CAM» hat viele Anhängerinnen und Anhänger, darum muss «CAM» wirksam sein. Auch dieses Argument kann intuitiv sinnvoll sein: Nicht zuletzt in einem marktwirtschaftlichen System besteht das meritokratische Ideal, dass sich durchsetzt, was die beste Qualität bietet. In Tat und Wahrheit muss Beliebtheit nichts über die tatsächliche Qualität - oder in diesem Fall Wirksamkeit - aussagen.
Im Zusammenhang mit «CAM» spielt vor allem der Placebo-Effekt eine bedeutende Rolle: «Appeal to popularity» meint eine Ansammlung von Einzelfällen, nicht die systematische Erfassung des Kollektivs. So kann u.a. der Einfluss des Placebo-Effektes nicht gemessen werden.

Ein Beispiel für «Appeal to popularity» habe ich bereits oben unter «Appeal to tradition» erwähnt, als Thomas Rau ab Minute 21 u.a. erklärt, «traditionelle chinesische Medizin» habe schon «Milliarden von Menschen» geholfen.
In Minute 54 erwähnt Donat Baur, dass die Kundenzufriedenheit stimme: Similasan habe ein Augentropfen-Produkt im Sortiment, welches in der Schweiz «Nummer 1» geworden ist (ob unter allen Augentropfen oder nur unter den homöopathischen, ist unklar). Warum? «Weil der Kunde in dieser Therapieform drin gesehen habe, ‹Hey, das wirkt›».
Donat Baur bedient sich zum Ende der Sendung, in Minute 75, wieder des «Appeal to popularity»-Fehlschlusses: Er verstehe nicht, warum es so ein Gehetze gegen Homöopathie oder auch gegen anthroposophische «Medizin» gebe. «Wenn ich luege wie Leute, Patienten, von der Strasse, und sagen, ‹Hey, das ist eine tolle Sache, ich habe das und das weggebracht›».

Besonders in der Schweiz dürfte es schwierig sein, den «Appeal to popularity»-Fehlschluss als solchen zu kritisieren, sind doch viele Menschen überzeugt, dass das, was die Mehrheit entscheidet, immer richtig ist - so fragt schon zu Beginn (Minute 1) der Moderator, Robi Köller, ob durch den zögerlichen Umgang der Behörden mit der Aufnahme von «CAM»-Verfahren in die Grundversicherung der «Volkswille missachtet» werde.


«Ad hominem»: Wer «CAM» kritisiert, ist ein schlechter Mensch
Angesichts der oben vorgestellten Pseudo-Argumente sind persönliche Angriffe nicht inkonsequent: Wer, im weitesten Sinne, eine «Big pharma»-Verschwörungstheorie hinter jeder Kritik sieht, wer überzeugt ist, dass Kritikerinnen und Kritiker einfach nicht verstehen wollen, dass «CAM» eben ganz anders funktioniert (darum auch ganz andere Regeln gelten müssen), wer glaubt, dass altes Wissen und dessen Beliebtheit nicht lügen können, wer also sachliche Argumente praktisch gänzlich ignoriert, muss den Grund für die anhaltende Kritik vielleicht in charakterlichen Schwächen der Kritikerinnen und Kritiker suchen.

Yvonne Gilli erklärt zu Beginn, in Minute 2, die «Unwissenheit» der «medizinischen Fakultäten» mache diese zu «CAM»-Gegnern. Durch diese «Unwissenheit» gebe es auch «ein bisschen Angst vor diesen Methoden».
In Minute 20 behauptet Erich Russi, dass das, was sich aus den Ideen Hahnemanns, dem Vater der Homöopathie, bis heute entwickelt habe, ein «physiko-chemischer und biologischer Unsinn» ist. Nach einem kurzen Moment der Schockiertheit entgegnet Gilli, das sei «ziemlich dreist und sehr, sehr, sehr undifferenziert».
In Minute 29f erklärt Russi, dass die Beispiele, welche Thomas Rau für die angebliche Wirksamkeit anführt, Krankheiten sind, welche Spontanverläufe haben können, wo also Heilung ohne medikamentösen Einfluss zustande kommen kann; ohne kontrollierte propektive Studie, so Russi, habe man «nichts von Wissenschaftlichkeit». Auf dieses Argument entgegnet Rau (grinsend): «Wenn es einfach heisst, die Fälle, die erfolgreich gewesen sind, das sind Spontanverläufe, das ist doch eine Arroganz».
Rau behauptet im Beispiel mit der angeblichen Wirksamkeit der «traditionellen chinesischen Medizin» (Minute 21): «Wenn man da sagt, es wirkt nicht, ist das die Arroganz per [se]».

In Minute 72, bei seinem Schlussplädoyer, bemerkt Rau: «Es gibt nämlich noch einen viel perfideren Weg, die biologische Medizin zu unterdrücken, indem man auf dem Hintertürchen anfängt Sachen zu verbieten, immer unter dem verlogenen Argument der Wissenschaftlichkeit, und das ist nicht Recht.». Während Rau den Verweis auf das «verlogene Argument der Wissenschaftlichkeit» macht, zeigt er mit dem Finger auf Russi.

Das Problem ist Wissenschaft, nicht «CAM»
Was also ergibt sich als Summe der oben dargestellten, in der interessierenden Club-Sendung anzustreffenden Pseudo-Argumente zu Gunsten der «Komplementärmedizin»? Wie könnte es anders sein: Das Problem ist nicht «Komplementärmedizin», das Problem ist Wissenschaft.
Thomas Rau hält in Minute 71 fest: «Wir haben etwa 100 Mal das Wort ‹wissenschaftlich gehört›, wir haben aber nie das Wort ‹helfen›, wir haben nie das Wort ‹des Patienten› haben wir nie gehört, oder wenig und ich frage mich einfach, sind wir auf dem richtigen Weg? Ich denke, die Kriterien, die jetzt als Kriterien anerkannt sind, die sind die falschen Kriterien».

Kriterien, welche zuverlässig zeigen können, ob eine bestimmte Behandlung Wirkung hat oder nicht, sind falsch. Kriterien, welche nicht zuverlässig zeigen können, ob eine bestimmte Behandlung Wirkung hat oder nicht, sind richtig.

Fazit: Der PR-Kampf ist aussichtslos
In der Club-Sendung vom 12. Oktober haben sich BefürworterInnen und Gegner der «Komplementärmedizin» ausgetauscht. Obwohl die Argumente der Gegner-Gruppe oft einleuchtend waren, dürfte die Gruppe der BefürworterInnen die grösseren Sympathien eingeheimst haben. In der Rolle des «Underdogs» sind Fehlschlüsse und Pseudoargumente hilfreich, um die an und für sich alarmierenden Schwachpunkte der eigenen Behauptungen in Vorteile zu wandeln. Das rationale Argument wird dabei oft ignoriert.
Dass ich mit meiner Einschätzung, welche Seite die Herzen für sich gewonnen hat, vielleich nicht ganz falsch liege, zeigt dieser Kommentar auf Tagesanzeiger-online. So schreibt die Autorin etwa:
Flankenschutz gibt ihm Erich Russi, Direktor Klinik für Pneumologie Universität Zürich, der den Part des arroganten Streiters für harte Fakten versus Hokuspokus übernahm.
Russi als arroganter Streiter für harte Fakten. Wer harte Fakten fordert, ist wohl automatisch arrogant.

Andere Aussagen dieses Artikel verwundern ein wenig, z.B.:
Nun ist unbestritten, dass die alternative Medizin in irgendeiner Weise wirkt.
Weiter unten heisst es nämlich:
Für Laien ist bezüglich der Wissenschaftlichkeit schwer zu durchschauen, wer Recht hat.
Die Autorin des Artikels sieht sich also nicht als Laiin, denn sie behauptet, dass es «unbestritten» sei, «dass die alternative Medizin in irgendeiner Weise» wirke. Vielleicht wirkt «die alternative Medizin» bloss nicht «wissenschaftlich»? Die Autorin hat, wohlgemerkt, einen akademischen Hintergrund.

Der Umgang mit «CAM»-Anhängerinnen und -Anhängern, also der Umgang mit, in vielen Fällen, Pseudowissenschaft, ist in einem Diskussions-Format, welches beiden Seiten gleiche, begrenzte Sprechzeit zugesteht, schwierig. Während «CAM»-Propaganda stark von Soundbites profitiert («Ganzheitliches Heilen», «arrogante Wissenschaft» etc.), bedürfen rationalere Argumente fundierterer Besprechung.
Vertreterinnen und Vertreter der «Komplementärmedizin» wissen es, mediale Präsenz sehr geschickt zu nutzen.

(Und ja, einer der Gäste dieser Club-Sendung, Thomas Rau, behauptet wirklich, er könne mit «Komplementärmedizin» Krebs heilen, oder zumindest aufhalten («Fortunately, however, in our view and experience, the biological processes that lead to cancer can be arrested and often reversed.», Kursiv im Original). )

10 Kommentare:

Marcel Sprecher hat gesagt…

Grossartige Analyse! Als ich den Tagi-Artikel am Dienstag gelesen hatte, musste ich mir bei den von Dir zitierten Aussagen der Autorin auch erst mal verwundert die Augen reiben...

giordano hat gesagt…

"Die Autorin hat, wohlgemerkt, einen akademischen Hintergrund."
Tja, das ist eigentlich das Absurde. Es wird viel Geld in Bildung gesteckt und man könnte wohl doch zumindest meinen, dass jemand mit Matur bescheid weiss, wie Wissenschaft funktioniert. Immerhin verbringt man etliche Jahre in einer Mittelschule. Gerade das Entlarven von irren Behauptungen können im Chemie- und Biologieunterricht den Schülern das Interesse wecken für naturwissenschaftliche (und überhaupt wissenschaftliche) Methodik. Meines Erachtens handelt es sich um einen bildungspolitischen Skandal, der nie thematisiert wird.

gwendolan hat gesagt…

Danke dir für die ausführliche Analyse, ich konnte die Sendung kaum zu Ende gucken.

Was mir noch speziell aufgefallen ist: Die "Verschiebung auf später". Als Russi den Baur explizit aufforderte, er solle doch einfach mal hier und jetzt (bzw. dort und dann) den Wirkungsmechanismus der Homöopathie erklären, hat er als Schutzbehauptung auf die Kompliziertheit der Funktionsweise verwiesen und Russi auf nach der Sendung vertröstet.

Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin hat gesagt…

Sehr gut !

Zum Thema auch dies :

http://kidmed.de/forum/index.php?page=Thread&postID=125743#post125743

www.kidmed.de ist DIE Internetseite FÜR seriöse Medizin und GEGEN die massivst um sich greifende Scharlatanerie-Kriminalität.

Kinderarzt hat gesagt…

Zum Lesen und zum Weitergeben :

Üppige Materialsammlung aus 16 Jahren Recherche :

http://kidmed.de/forum/index.php?page=Thread&threadID=12094&pageNo=1

Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin hat gesagt…

Der üble Betrug mit der Pseudozuwendung der Scharlatane :

http://kidmed.de/forum/index.php?page=Thread&threadID=8324&pageNo=1

www.kidmed.de

Anonym hat gesagt…

Wen ich diese Kommentare lese und sehe wer die geschrieben (haben soll), dann erscheint es mir nicht mehr merkwürdig wie gegen wissenschaftliche Forschung im Bereich Komplementärmedizin vorgegangen wird.
Hier ein Beispiel:
m Spätsommer 2008 wollten wir eine Studie zur Wirksamkeit der QuintStation 115 an einer renommierten Klinik in Oberösterreich durchführen und haben daher den Studienplan bei der Ethikkommission des Landes OÖ zur Begutachtung eingereicht. Das nun folgende Verfahren entwickelte sich zu einer Farce, die die Grenze zur Peinlichkeit längst überschritten hat.


Obwohl die geplante Studie aus unserer Sicht alle ethischen und wissenschaftlichen Kriterien erfüllt hätte lehnte die Ethikkommission unseren Antrag ohne sachliche Begründung mit dem Killerargument der "Unwissenschaftlichkeit" ab. Und das, obwohl im MPG als auch in den einschlägigen Richtlinien der WHO im Falle einer Ablehnung eine klare sachliche Begründung vorgeschrieben ist. Wir haben diese Begründung natürlich vehement eingefordert. Daraufhin entspann sich über beinahe ein Jahr eine äußerst merkwürdige Korrespondenz, die sogar gewisser literarischer Qualitäten nicht entbehrt, aber letzlich zu keinerlei Erhellung des Sachverhalts führte. Bis heute fand es die Kommission nicht der Mühe wert bzw. war sie nicht dazu in der Lage, uns die Gründe für ihre Ablehnung zu nennen. Trotzdem beharrt sie auf ihrem negativen Bescheid und hat mit ihrem letzten Schreiben die Sache für beendet erklärt, ohne auf die zahlreichen offenen rechtlichen und inhaltlichen Fragen einzugehen.
www.quintsysteme.com

Anonym hat gesagt…

Danke für den Werbespot zur Holopathie. Diese abstruse Methode, die mir sehr nach Elektoakkupunktur und Bioresonanz riecht, hat Philippe Leick vor einer Weile in meinem anderen Lieblings-Blog mit einem ausgezeichneten Artikel abgehandelt.

Zum Glück wurde da nicht noch Geld verschleudert um deren Nichtwirksamkeit mittels einer weiteren Studie zu belegen.

Marko Kovic hat gesagt…

Vielen Dank für den Link zum ausgezeichneten Holopathie-Artikel!

Wie die zuständige Ethikkommission des Bundeslandes Oberösterreich gehandelt hat, kann ich nicht beurteieln - es kann durchaus sein, dass eine Begründung für die ablehnende Haltung fehlte.
Ich habe aber einen Blick auf die Seite von "Quintsysteme" geworfen und wurde neugierig, da auf der rechts auf der Seite, unter "aktuell", "Wirkung von QuintBox wissenschaftlich bestätig" steht.

Dem Linkv gefolgt, zeigt sich, dass es sich um eine einzige Studie handelt, welche bei zwei von elf Variablen einen signifikanten Effekt feststellt. Es ist interessant, diese Ergebnisse als eine "Bestätitung" für Wirksamkeit der QuintBox zu deuten.

Anonym hat gesagt…

(Wir sind gerade dabei, einen Nebenschauplatz der Diskussion zu eröffnen. Ich poste das jetzt trotzdem.)

Schaut man die beiden Abbildungen im oben genannten Link der QuintSysteme an (unten auf der Seite), fällt einem auf, dass bei der "Emotionalen Rollenfunktion" die Streuung vorher, wie nachher sehr gross ist. Leider wird die Varianz innerhalb jeder Gruppe nicht angegeben.

Die generelle Steigerung könnte sich auch dadurch erklären, dass das generelle Bewusstsein für die Existenz der unter der "emotionalen Rollenfunktion" summierten Parameter gestiegen ist. Die in der Grafik eingezeichete "Norm" ist damit hinfällig.

Fazit: die Bestätigung scheint doch etwas wacklig zu sein.

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