11. Oktober 2010

Sonntagsblick: «Homeschooling» in der Schweiz

Am 10. Oktober veröffentlichte der Sonntagsblick eine lesenswerte Reportage über drei Familien, welche ihre Kinder weder in öffentliche noch private Schulen schicken, sondern sie selber zu Hause «schulen». Der Artikel kann hier als PDF heruntergeladen werden.
«Homeschooling» ist ein interessantes Phänomen, welches nicht im Voraus als «gut» oder «schlecht» abgestempelt werden kann, ist Bildung doch ein äusserst komplexes Thema. In diesem Artikel werden aber einige Aussagen gemacht, welche hinterfragt werden müssen.

Der Artikel stellt drei Familien vor: Familie Lanz aus Zürich (vier Töchter, ein Sohn), Familie Bott aus Herisau (drei Töchter), Familie Muheim aus dem Emmental (keine genaueren Ortsangaben; ein Sohn). Diesen Blogeintrag möchte ich in zwei Teile gliedern: Motivation der betroffenen Familien einerseits, angebliche wissenschaftlich gesicherte Aussagen andererseits.

Motivation der Familien
Zunächst muss ich gestehen, dass meine spontane Reaktion auf Homeschooling folgende emotional aufgeladene Frage ist: Warum nehmen solche Eltern ihren Kindern die Kindheit? Eine Standardreplik auf diesen Hinweis auf potentielle soziale Isolation ist, dass sich die Eltern aktiv um soziale Aktivitäten bemühen. Auf Seite 18 des Artikels heisst es dazu:
«Ich bin nicht einsamm», kontert Oliver. Freunde trifft er in der Siedlung. «Wir isolieren uns nicht, leben mitten in der Stadt», sagt Benjamin Lanz. «Wir lesen Zeitungen und surfen im Internet.» Die Kinder gehen ins Schwimmen, besuchen den Musikunterricht. Mit bis zu sechzig anderen Kindem, die zu Hause unterrichtet werden, absolvieren sie Projektwochen.
Auch wenn sich Familie Lanz um Kontakte zu Gleichaltrigen bemüht (wobei explizit nur «Projektwochen» genannt werden), ist eindeutig, dass alles von den Eltern gesteuert wird. Dies verdeutlicht die Erklärung des Familenvaters Benjamin Lanz auf Seite 17:
Damit «die Farnilie möglichst viel zusammen ist» begründet er den pädagogischen Sonderfall. Zumal die Entwicklung einer Familie ein «schwieriger Weg» sei. «Wir beschreiten ihn gemeinsam.» Der Heirnunterricht stärke den Zusammenhalt. «Geschwister sind ein Leben lang wichtig, Schulkollegen nur fur eine gewisse Zeit.»
Die Eltern sind also der Meinung, dass der Besuch einer öffentlichen oder privaten Schule zu einem weniger starken Zusammenhalt unter den Geschwistern führen würde.

Regula Botts Motivation für Homeschooling wird auf Seite 20 dargestellt:
Fremdbetreuung macht sie verantwortlich fur viele gesellschaftliche Probleme. «Kinder brauchen starke Bezugspersonen, das lässt sich nicht delegieren an Menschen, die sie kaum kennen», sagt Bott. «Erziehung ist eine schwierige Aufgabe.» Sind die Kinder tagsüber in der Schule, bleibt dafur nicht genügend Zeit. «Bei mir verteilt sich die Arbeit auf den ganzen Tag.»
Woher Regula Bott diese Fakten hat, ist unklar. Ich gehe davon aus, dass ihre Aussagen persönliche Überzeugungen widerspiegeln und nicht wissenschaftlich relevante Erkenntnisse.

Der Grund für das Homeschooling ihres Sohnes Leo erklärt Pia Muheim folgendermassen:
Der Junge kam in Köln zur Welt. Vier Jahre lang lebte er in Deutschland. Bereits bei der Geburt war der Mutter klar, dass sie ihren Sohn zu Hause unterrichten würde. Sie selbst wollte bestimmen, ob er seine Zähne mit Fluor putzt, welche Impfungen er kriegt, welchen Lehrinhalten er sich aussetzt. Da Deutschland dies nicht erlaubt, zog die Familie in die Schweiz.
Spätestens hier zeigt sich eine der offensichtlichen Gefahren des Homeschooling: Die betroffenen Kinder werden Ideologien, nicht Lehrinhalten ausgesetzt. Frau Muheim ist scheinbar Anhängerin der Verschwörungstheorie, Fluorid in Zahnpasta sei Gift, ist Impfgegnerin und ist nicht einverstanden mit bestimmten Lehrinhalten öffentlicher Schulen in Deutschland (die Familie Muheim ist in die Schweiz gezogen, weil Homeschooling in Deutschland verboten ist). Mehr zu solchen Gefahren im nächsten Abschnitt.

Wissenschaftliche Befunde zu Homeschooling
Einige spektakulär klingende Aussagen werden auf Seite 20 gemacht:
Vierzig Prozent der Schweizer Homeschooler besuchen eine Mittel- oder eine Fachhochschule. Fast alle sind in Vereinen, politischen Parteien, kulturellen Körperschaften. Ein Drittel schneidet bei nationalen Tests mit Topnoten ab.
Die Resultate beruhen auf einer Umfrage, die der Verein Bildung zu Hause bei Schweizer Homeschoolern durchführte. US-Studien stützen die Befunde. Erwachsene Amerikaner, die zu Hause lernten, lesen öfter, schauen weniger fern, beteiligen sich aktiver am politischen und gesellschaftlichen Leben. Errnittelt hat es der Soziologe Brian Ray von der Oregon State University. «Kinder, die zu Hause lernen», sagt Ray, «haben weniger soziale, psychische und emotionale Probleme.»
Zwei Dinge werden behauptet: Viele Homeschooler in der Schweiz besuchen Mittel- oder Fachhochschulen und sind in Vereinen oder ähnlichen Gruppen aktiv. Homeschooler in den Vereinigten Staaten sind ebenfalls überduchschnittlich sozial aktiv und zudem überduchschnittlich psychisch gesund. Diesen zwei Aussagen widme ich mich im Folgenden.

Befunde zu Homeschoolern in der Schweiz
Der schweizerische Homeschooling-Verein, «Bildung zu Hause», bietet online drei für die Schweiz relevante Studien an.
Die erste Studie, welche auch im Sonntagsblick-Artikel erwähnt wird, trägt den Titel «Privatunterricht und Sozialisation - Ein schweizweite Erhebung über privat gebildete Schulabgäger und deren berufliche Laufbahn»:
Diese Erhebung ist vielleicht interessant, aus zahlreichen Gründen aber keine wissenschaftlich verwertbare Studie. Das Vorgehen wird auf Seite 3 erklärt:
Es findet keinerlei Definition der zu untersuchenden Konzepte statt - wie soll z.B. «integriert sein» gemessen werden? Die Art der Datenerhebung ist völlig willkürlich, da unerklärt: Die Grundgesamtheit ist unbekannt, die Anzahl der Erhebungseinheiten nicht genannt («alle uns bekannten Familien»), die verwendeten Rohdaten willkürlich (eine unbestimmte Anzahl Familien wurde gebeten, irgendwelche Dokumente zuzuschicken). Schon hier dürfte klar sein, dass die Ergebnisse dieser «Studie» irrelevant sind, der Vollständigkeit halber aber noch ein Blick auf die Ergebnisse (Seite 4):
In dieser (nicht nummerierten) Tabelle erfahren wir, dass «58 Meldungen» vorlagen - wie hoch die Rücklaufquote ist, bleibt unbekannt. Auch wird nicht erwähnt, wie viele der «Meldungen» Kinder aus der gleichen Familie sind. Es ist also durchaus denkbar, dass weniger als 58 Familien Auskunft gaben.
Die Kategorien dieser Tabelle sind willkürlich. Insbesondere «Topleistungen werden erbracht» kann prinzipiell alles bedeuten - es wird keine Definition dieser vermeintlich «induktiv» erzeugten Kategorie gemacht.
Die Aussagen dieser Arbeit sind irrelevant.

Die zweite Studie auf der «Bildung zu Hause»-Studien-Seite ist «Homeschooling in der Schweiz, Eine Alternative zum integrativen unterricht?»:
Angesichts des Titelblattes dieser Diplomarbeit drängt sich die Frage auf, warum Fachhoschulen die Verwendung kruder «Word Art»-Schriften oder deren Äquivalente dulden; der vermuteten Seriosität des Inhaltes betroffener Arbeiten tut dies keinen Gefallen.
Der Inhalt dieser Studie überzeugt ebenfalls wenig. Im Wesentlichen wurde ein Fragebogen an 20 Homeschooling-Familien verteilt, deren 11 ausgefüllt an die Autorin zurückkamen. Die verwendeten Fragen sind folgende (Seite 72f):
Die Fragen sind banal, da willkürlich (die Autorin beschreibt keinerlei Systematik, die diesem Fragebogen zugrunde läge). Die Ergebnisse dieser Umfrage sind ebenfalls wenig relevant: Bei einer solch geringen Fallzahl (Grundgesamtheit von 20) wären tiefergehende «face-to-face»-Interviews aussagekräftiger. Es ist zwar interessant, zu erfahren, dass die befragten Eltern vor allem angeben, aufgrund von angeblicher Gewalt auf dem Schulhof und wegen allgemeiner Unzufriedenheit mit dem Schulsystem Homeschooling gewählt zu haben (Seiten 74-78), aber ein solch unbedachter Fragebogen gepaart mir dafür eher unpassender Fallzahl lassen weder Verallgemeinerungen der Befunde zu, noch tiefere Analysen der Beweggründe der Eltern.
Die Besprechung der Resultate hat bisweilen kaum wissenschaftlichen Charakter. Auf Seite 78 z.B. bemerkt die Autorin lapidar:
Schön, wenn es den Eltern und Kindern Spass macht zu Lehren und zu Lernen. Das ist förderlich für die Motivation und spornt die Kinder an.
Es ist bedenklich, dass eine vermeintlich wissenschaftliche Diplomarbeit, unter Betreuung einer wissenschaftlichen Fachpersonen, solche Passagen enthält.

Die dritte angegebene Studie auf der «Bildung zu Hause»-Liste ist «A la découverte de l'école à la maison - Réflexion sur une expérience vécue au coeur des familles.»:
Eine Maturaarbeit.

Befunde zu Homeschoolern in den USA
Der Sonntagsblick-Artikel erwähnt einen gewissen Brian Ray, einen Soziologien von der Oregon State University. Da es sich beim Sonntagsblick um ein Boulevardformat handelt, verwundert es nicht, dass die Details nicht so wichtig zu sein scheinen: Dr. Brian Ray hat Biologie, Zoologie und «Science Education» studiert, nicht Soziologie. Zudem ist Brian Ray nicht mehr an der Oregon State University tätig.
Brian Ray ist Präsident der Organisation «National Home Education Research Institute», eines Homeschooling-«Thinktanks», also einer wissenschaftlich eingekleideten Lobbygruppe. Die Ergebnisse der Studien, welche diese Organisation veröffentlicht, sind schnell zusammengefasst: Homeschooling-Kinder sind akademisch überdurchschnittlich erfolgreich, sozial und psychisch überdurchschnittlich «gesund».

In diesem Zusammenhang ist eine unabhängige Studie für die USA interessant: «Homeschooling in the United States: 2003», 2006 veröffentlicht und scheinbar die aktuellste derartige Erhebung. So ist beispielsweise Tabelle 2 auf Seite 5f interessant:
Gemäss dieser Erhebung sind 2.7% aller Schülerinnen und Schüler weisser Hautfarbe Homeschool-Kinder, aber nur 1.3% der Schülerinnen und Schüler schwarzer Hautfarbe und 0.7% hispanischer Schülerinnen und Schüler. Für die Kategorie «Other» sind es insgesamt 3% der Schülerinnen und Schüler; die Autoren sprechen diese hohe Zahl nicht an. Insgesamt ist hier zu beachten, dass die Anzahl erfasster Homeschooling-Kinder bei n=239 liegt, die Resultate also ungenau sein können.
Da Menschen weisser Hautfarbe in den USA grundsätzlich bessere akademische Leistungen erbringen (nein, es liegt nicht an den Genen) und überduchschnittlich viele Homeschooling-Kinder in den USA weisser Hautfarbe sind, verwundert es nicht, dass Homeschooling-Kinder im Schnitt bessere akademische Leistungen erbringen.

Ebenfalls interessant sind Grafik 2 auf Seite 14
sowie Tabelle 5 auf Seite 16
Grafik 2 zeigt, dass 30% der in dieser Studie befragten Eltern angaben, der wichtigste Grund, warum sie sich für für Homeschooling entschieden, sei «To provide religious or moral instruction». Tabelle 5 zeigt, dass 36.5% der befragten Eltern religiöse Organisationen als Quelle für Lehrmaterial ihrer zu Hause unterrichteter Kinder angaben.
Diese Werte legen den Schluss nahe, dass viele Eltern Homeschooling betreiben, um ihre Kinder nicht mit in Wissenschaft, sondern mit in Religion gründenden Materialien zu unterrichten. Zudem scheinen einige US-amerikanische Homeschooling-Verlage, welche nicht primär religiöse Organisationen sind, ihe Lehrmittel religiös aufzuladen, vgl. z.B. diesen Artikel.

Studien und Befunde, welche psychische und soziale «Gesundheit» thematisieren, liegen mir nicht vor (sprich: ich war zu faul zum Recherchieren), darum kommentiere ich diesen Aspekt nicht. Eine Ad hoc-Hypothese erlaube ich mir aber: Wer im Alltag weniger soziale Kontakte hat wird vermutlich auch weniger Konflikte erleben und entsprechend vielleicht auch weniger negative Erlebnisse durchmachen (banales Beispiel: Verliebtheit in eine Schulkameradin, einen Schulkameraden wird nicht erwidert).

Fazit
Der Verein «Bildung zu Hause», welcher für Homeschooling in der Schweiz lobbyiert, behauptet wissenschaftliche Erkenntnis zum Nutzen des Homeschooling. Die Studien, welche «Bildung zu Hause» für die Situation in der Schweiz angibt, sind wissenschaftlich nicht relevant.
Studien, welche die Vorteile des Homeschooling in den USA demonstrieren, stammen oft on Homeschooling-Lobbygruppen und sind ob des offensichtlichen Interessenkonfliktes kritisch zu lesen. Angebliche positive Effekte des Homeschooling auf die akademische Leistungsfähigkeit sind möglicherweise blosse Korrelationen: Soziodemografische Faktoren, welche schulische und akademische Leisungsfähigkeit zuverlässig voraussagen, können diesen vermeintlichen Vorteil des Homeschooling mindestens teilweise erklären.

Dass Homeschooling positive Seiten haben kann, ist intuitiv nachvollziehbar: Ein Betreuungsverhältnis von manchmal 1:1 zwischen «Lehrperson» und Schülerin bzw. Schüler scheint, angesichts der immer wieder beklagten Grösse von Schulklassen an öffentlichen Schulen, als vielleicht ideale Lösung. Die offensichtlichen Gefahren des Homeschooling dürfen darob nicht unerwähnt bleiben: Homeschooling birgt das Risiko, dass die betroffenen Kinder nicht im rationalen, kritischen und selbstständigen Denken ausgebildet werden, sondern ihnen einseitig die Weltsichten der Eltern eingeflösst werden.

Der hier thematisierte Sonntagsblick-Artikel hatte einen optimistischen Grundton: Engagierte Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Wären besagte Eltern aber z.B. offen muslimischen Glaubens und die Mütter jeweils mit Kopftuch abgebildet, wäre wohl die Botschaft des Artikels eine etwas andere.

2 Kommentare:

giordano hat gesagt…

Danke für den Artikel. Ich dachte, auch in der CH sei Homeschooling verboten. Es ist nur zu hoffen, dass es sich im Rahmen hält. Vielleicht ist der Anteil "Besuch von höherer Schulen" bei Homeschooling-Kinder tatsächlich höher als im Schnitt. Der Grund liegt vermutlich darin, dass solche Eltern eher besser situiert sind und eine höhere Bildung genossen haben. Man sollte dann aber Gleiches mit Gleiches Vergleichen. Es wäre interessant zu wissen, was der Anteil von aufklärungsfeindlichen Eltern bei Homeschooling ist (damit meine ich Fluoridneurosen, Globulischlucker, etc.) und der mehr pädagogisch oder didaktisch motivierte Anteil ist.

"Wären besagte Eltern aber z.B. offen muslimischen Glaubens und die Mütter jeweils mit Kopftuch abgebildet, wäre wohl die Botschaft des Artikels eine etwas andere."

Das erinnert mich an Raserunfälle. In den 1970-er Jahren, wo es auf der Strasse doppelt so viele Tote gab, war das kein Thema. Erst in den 1990-er Jahren, wo die Unfallverursacher junge Migranten sind, wird nach verschärften Massnahmen gerufen.

Marko Kovic hat gesagt…

In der Tat wären solche Statistiken interessant; der Verein "Bildung zu Hause" wird dergleichen aber aus Eigeninteresse nicht erheben. Ich kenne eine Mutter, welche sich auch überlegt hatte und evtl. immer noch überlegt, ihre zwei Söhne zu Hause zu unterrichten, und zwar vor allem, weil sie für die schwachen schulischen Leistungen ihrer Söhne das Versagen des Schulsystems verantwortlich macht (das alte Lied von der Bevorzugung der Mädchen).
Ich schätze, dass ein grosser Teil der Homeschooling-Eltern eher aus Verzweiflung denn Ideologie handelt - sollten einige kritische Stimmen Recht haben, mehrt sich die Anzahl der Eltern, welche nicht akzeptieren, dass ihr Kind schulisch eher schwach ist und dafür die Schule selber verantwortlich machen.

Aber das ist jetzt anekdotische Evidenz; genau so relevant dürfte der Umstand sein, dass die Schweiz eine kleine Oase für religiöse Randgruppen ist (z.B. "Freikirchen") - Muslime lassen die Töchter nicht in den Schwimmuntericht und ins Klassenlager, Evangelikale nehmen die Kinder gleich aus der (öffentlichen) Schule?

Das mit den Rasern hat damals schon unser "Wirtschaft und Recht"-Lehrer kommentiert: Früher und teilweise heute noch sei besoffen Autofahren auf dem Land gang und gäbe, ein Unfall ein Kavaliersdelikt. Schnell den Traktor geholt, das Auto weggeschleppt und am Abend über einem Bier den Vorfall in Heiterkeit ertränkt ;)

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