12. November 2010

NZZ Folio: «Das Superhirn» (It's the genes, stupid!)

Die aktuelle Ausgabe des «NZZ Folio» von November 2010 behandelt das Thema «Das Superhirn. Wie man sich schlau macht». Der Artikel «Ich bin doch nicht blöd!» eignet sich, um zu besprechen, von welchen falschen Argumenten und Fehlschlüssen die einfache Idee, Intelligenz sei in erster Linie genetisch vererbt und zuverlässig messbar, geplagt ist.
An dieser Stelle greife ich das Fazit dieses Blogeintrages für alle, die keine Lust haben, weiterzulesen, vor: Intelligenztests messen, wie gut eine Person Intelligenztests löst. Mehr nicht.

Zunächst ein kurzes Vorwort: Nein, ich kenne meinen IQ nicht. Und ja, vielleicht schreibe ich diesen Blogeintrag einfach, weil ich «Angst» habe, einen tiefen IQ zu haben. Damit wäre ein gängiger Vorwurf abgehakt.

«Nature vs. nurture»
Die Hauptfrage, um welche sich auch dieser Blogeintrag dreht, ist, ob «Intelligenztests» angeborene oder erlernte Fähigkeiten messen. Dieser kleine Unterschied hat gewaltige soziale Implikationen: Ist Intelligenz in erster Linie biologisch determiniert, ist die beobachtbare soziale Ordnung grundsätzlich ein Ergebnis dieser genetischen Verteilung - die «Oberschicht» ist «Oberschicht», weil zu ihr gehörende Individuen im Schnitt über mehr relevante kognitive Fähigkeiten in Form von «Intelligenz» verfügen. Analog dazu sind z.B. angehörige der «Unterschicht» mit weniger «Intelligenz» ausgestattet, haben also eine ihren Fähigkeiten entsprechenden soziale Stellung inne.
Eine Sicht der «Intelligenz» als primär genetisch determiniert muss nicht in Rassismus o.ä. ausarten: Was aus dieser Position gemacht wird, ist eine politische, nicht psychologische Frage. Eine liberale Sicht wäre, dass alle Individuen, unabhängig von ihrem biologischen Potential, gleichwertig sind und gleiche Rechte haben - das vielleicht berühmteste Beispiel ist der ehemalige US-Präsident Abraham Lincoln, für welchen unbestritten war, dass Menschen schwarzer Hautfarbe weniger intelligent sind, aber trotzdem gleiche Rechte haben sollen. Andere Akteure, wie aktuell Thilo Sarrazin, vertreten die biologistische Position als Grundlage für eugenische Politik.

Wird «Intelligenz» hingegen als primär sozialisiert, als erlernt, verstanden, entstehen komplexe politische Fragen: Bis zu welchem Grad muss der Staat versuchen, ungleiche (Start-)Bedingungen zu kompensieren? Soll ein Mangel an erlernter «Intelligenz» überhaupt kompensiert werden, da ein solcher Mangel als individueller Entscheid, als bewusste individuelle Handlung verstanden werden kann (z.B.  können Menschen bewusst einen tieferen Bildungsgrad anstreben).

Zweifellos sind «Gene» die Grundlage menschlicher «Intelligenz»: Niemand würde behaupten, ein Orangutan könne durch genug Zuwendung und Training auf ein «Intelligenz»-Niveau des Menschen kommen. Ich möchte im Folgenden aber argumentieren, dass es falsch ist, die empirisch gemessene Varianz der «Intelligenz» unter Menschen als genetisch bedingt zu deuten.

Pseudoargumente
In diesem Abschnitt gehe ich auf einige eher «triviale» Argumente des NZZ Folio-Artikels ein. Trivial darum, weil mit ihnen grundsätzlich nicht die Idee der genetisch determinierten «Intelligenz» behandelt wird. Dennoch möchte ich diese für den NZZ Folio-Artikel spezifischen Argumente ansprechen, weil sie die Annahme, «Intelligenz» sei genetisch bestimmt, auf ungültige Art zu unterstreichen suchen oder, allgemeiner, Inkohärenzen aufweisen.

Im NZZ Folio-Artikel fällt auf, dass der Autor zwar kritisch argumentiert, was begrüssenswert ist. Es wird aber nur kritisiert, was der Position des Artikels widerspricht. Anschaulich ist der folgende Abschnutt zu Beginn des Artikels:
Es mag überraschen, welch zentrale Rolle die Intelligenz spielt. In den öffentlichen Debatten bekommt man das Gefühl, Intelligenz sei ein unscharfer Begriff, ihre Messung umstritten. Beides stimmt nicht. Der falsche Eindruck entsteht, weil die Diskussionen oft in ideologische Debatten abgleiten, die sich vor allem um die Frage drehen, ob Intelligenz angeboren sei oder erworben. Das Wort «angeboren» aber hat in Europa einen schlechten Ruf: Die Ausmerzungsprogramme der Nazis beruhten auf der Unterscheidung zwischen angeblich «gutem» und «schlechtem» Erbgut. Es ist daher nur natürlich, dass die meisten Leute der Idee von der erworbenen Intelligenz zuneigen. «Denn wovon der Mensch wünscht, dass es wahr wäre, das glaubt er am ehesten», hat der englische Philosoph Francis Bacon einmal gesagt.
Zwei Behauptungen werden gemacht:
  • Die Definition von «Intelligenz» ist nicht ein unscharfer Begriff.
  • Die Messung von «Intelligenz» ist nicht unumstritten.
In Europa gebe es ideologische Debatten, weil Argumente der Genetik mit Nazis assoziiert werden; darum neigten viele Menschen der Idee erworbener, nicht ererbter «Intelligenz» zu. Diese Deutung wird durch ein Zitat unterstrichen, welches besagt, dass Menschen unter «confirmation bias» leiden. Für den Autor kommt scheinbar nicht in Frage, dass es «confirmation bias» auch auf der anderen Seite geben könnte: Er begüngt sich mit einer schlichten Variante des «Nazi-Fehlschlusses».

Ein Teil des Artikels, welchen der Autor scheinbar nicht sarkastisch, sondern mit vollem Ernst verfasst hat, lautet:
Der Psychologe Dean Keith Simonton von der University of California hat herausgefunden, dass britische Premiers im Schnitt einen deutlich höheren IQ haben als amerikanische Präsidenten. Er führt dies darauf zurück, dass die britischen Premiers vom Parlament gewählt werden, die amerikanischen Präsidenten vom Volk. Um bei Parlamentariern gut anzukommen, ist intellektuelle Brillanz nützlich – beim Volk ist sie eher von Nachteil.
Erstaunlich: Offenbar sind die IQs britischer Premierminister und US-amerikanischer Präsidenten bekannt. Was als Erstes auffällt: Die banale Interpretation der angeblichen Ergebnisse. Bei Volkswahlen kommen weniger «intelligente» Kandidaten besser an als bei Wahlen durch das Parlament. Zwei alternative ad hoc-Hypothesen fallen mir dazu ein:
  1. Der britische Premierminister wird indirekt auch durch das Volk gewählt. Die Mehrheit des britischen Parlamentes stellt den Premierminister bzw. die Premierministerin. Die jeweils parteiintern gewählten «party leaders» konkurrieren bei Parlamentswahlen de facto um den Posten des Premiers und führen entsprechend Wahlkampf.
  2. Das im Wesentlichen bipolare Parteiensystem der USA bedingt, dass Präsidentschaftsanwärterinnen und -anwärter politisches Geschick sowohl bei den «primaries», den parteispezifischen Vorwahlen, als auch bei den eigentlichen Präsidentschaftswahlen beweisen müssen: Die zwei grossen Parteien decken eine Vielzahl Interessen und Ideologien ab, sodass mehrheitsfähige Popularität zwingend viel politisches Kalkül voraussetzt. Es ist nicht unmittelbar einleuchtend, warum weniger «Intelligenz» diesem Vorhaben zuträglich sein soll.
Aber zurück zur eigentlichen Behauptung, US-Präsidenten seien weniger «intelligent» als britische Premiers: Tatsächlich hat der zitierte Psychologe, Dean Keith Simonton, in diesem Bereich geforscht. Da der NZZ Folio-Artikel die genaue Quelle dieser Ergebnisse nicht nennt, begnüge ich mich an dieser Stelle mit einer Studie aus dem Jahr 2006, in welcher Simonton die IQs von 42 US-Präsidenten vergleicht; diese Studie sollte genügen, um Simontons methodisches Vorgehen bei der Bestimmung von IQs kennenzulernen. Die Studie ist lobenswerterweise online frei abrufbar. Die Ergebnisse werden in Tabelle 1 auf Seite 516 zusammengefasst:
Drei Konzepte werden gemessen: «Intellectual brilliance», «Openness to experience», «IQ estimates». Richtig gelesen «IQ estimates»: Alle IQ-Angaben sind Schätzungen. Ebenso sind alle Angaben zu «Intellectual brilliance» Schätzungen, wie auch alle Angaben zu «Openness».
Kein Witz: Simonton (und der Autor des NZZ Folio-Artikels) meinen wirklich, dass Angaben zu Intelligenz, welche geschätzt werden, auch nur im Geringsten relevant sind. Diesen offensichtlichen Irrglauben wiederholt der Autor einige Zeilen weiter:
Gates hat einen IQ von rund 160. Und liegt damit in der Mitte zwischen Mozart (geschätzte 140) und Bell (geschätzte 180).
Derlei Unsinn verwundert: Die Aussage auch dieses NZZ Folio-Artikels ist, dass vorrangig vorhandene «Intelligenz» stark mit schulischem und beruflichen Erfolg korreliert. Der klare Fehlschluss liegt nun darin, anhand schulischen und beruflichen Erfolges den IQ ablesen zu wollen.
In einem anderen Kontext zeigt sich die Absurdität dieser Logik-Umkehrung: Statistisch ist für die Schweiz bekannt, dass geringeres Alter, männliches Geschlecht und Abwesenheit des schweizer Bürgerrechts mit Kriminalität (genauer: Verurteilungen für Straftaten) korrelieren. Es ist aber völlig hanebüchen, anhand solcher Daten für n ausgewählte Individuen schätzen zu wollen, wie viele Verbrechen diese Individuen begangen haben (genauer: wie oft sie verurteilt wurden).
Die individuelle Anzahl begangener Verbrechen (bzw. dafür erhaltener Verurteilungen) muss anhand der individuell begangenen Verbrechen gemessen werden. Der individuelle IQ muss durch individuelle IQ-Tests gemessen werden.

Genauer handelt es sich bei «Intelligenz»-Schätzungen um eine Variante des sogenannten «ökologischen Fehlschlusses»: Anhand von, an sich korrekter, Aggregatdaten (z.B. in diesem Fall der Korrelation zwischen «Intelligenz» und schulischem wie beruflichem Erfolg), werden Rückschlüsse auf die Mikroebene, also auf das Individuum, gemacht.

Diesen ökologischen Fehlschluss zieht der Autor des NZZ Folio-Artikels weiter:
Für einen Personalchef, der die Leistungsfähigkeit eines Stellenbewerbers einschätzen will, gibt es keinen besseren Indikator als den IQ. Dies hängt damit zusammen, dass der IQ etwas darüber aussagt, wie gut und schnell jemand etwas Neues lernt und mit unbekannten Problemen umgehen kann, und das ist zumindest in anspruchsvollen Berufen wichtiger als die Erfahrung. «Ein Gramm Intelligenz ist ein Pfund Bildung wert», schrieb der amerikanische Schriftsteller Louis Bromfield, «denn wo Intelligenz ist, stellt sich die Bildung von selber ein.»
Explizit wird behauptet, dass auf individueller Ebene der IQ zu beachten sei: Für Personalchefs gebe es «keinen besseren Indikator als den IQ», um die «Leistungsfähigkeit eines Stellenbewerbers» einzuschätzen. Gemäss dieser falschen Logik wären auch, um das obige Beispiel wieder aufzugreifen, Geschlecht, Alter und Staatszugehörigkeit kein schlechter «Indikator» für Personalchefs - man will schliesslich keine Verbrecher einstellen.

Der Umgang mit dem ökologischen Fehlschluss ist aber inkonsistent; so heisst es an einer anderen Stelle:
Ein gutes Gehirn, so darf man folgern, ist dem Erfolg eindeutig zuträglich. Es ist aber kein Garant dafür. Denn erstens braucht es für hohe Leistungen auch Fleiss und Ehrgeiz – Dinge, die zwar oft mit Intelligenz einhergehen, aber eben nicht immer. (Leute, die ihr Potential nicht nutzen, heissen im Fachjargon «Underachiever».) Zweitens ist der Zusammenhang zwischen IQ und Erfolg bloss ein statistischer, kein deterministischer. Im Durchschnitt sind die Intelligenteren zwar die Erfolgreicheren, obwohl es im Einzelfall anders sein kann.
Der Zusammenhang zwischen IQ und Erfolg sei ein «statistischer», kein «deterministischer». Der Autor verwendet diese Begriffe ungenau: Der Begriff, welchen der Autor als Gegenstück von «deterministisch» verwenden müsste, ist «probabilistisch»; beides meint statistische Zuzsammenhänge. «Deterministisch» bedeutet, dass eine Variable das Auftreten oder Nicht-Auftreten einer anderen Variable absolut beeinflusst, also bestimmt; «probabilistisch», dass eine Variable die Wahrscheinlichkeit des Auftretens oder Nichtauftretens einer anderen Variable beeinflusst, aber nicht völlig bestimmt (um nochmals das Beispiel der Kriminalität aufzugreifen: Der Zusammenhang zwischen männlichem Geschlecht und Verurteilungen ist ein probabilistischer, denn auch Frauen werden Verurteilt).
Wie dem auch sei, im letzten Satz wird angedeutet, dass eine aggregierte Statistik keine Aussagen über ein Individuum erlaubt.

Die Fehlschlüsse
In diesem Abschnitt möchte ich die eigentlich relevanten Fehlschlüsse im Kern der Idee einer genetischen «Intelligenz» (d.h., der Deutung empirisch gemessener Varianz der «Intelligenz» als genetisch bedingt) ansprechen; dabei entferne ich mich ein wenig vom NZZ Folio-Artikel. Zwei Punkte sind dabei zentral:
  1. Missverstandene Statistik
  2. Fehlende Validität der «Intelligenz»-Messmethoden
1. Missverstandene Statistik
Die Aussage, dass «Intelligenz»-Unterschiede zwischen Menschen genetisch bedingt sind, ist kein Ergebnis der Erforschung des menschlichen Erbgutes. Es handelt sich dabei um ein rein statistisches Artefakt - und dieses im Erbgut zu verorten, ist ein «leap of faith».

Diese Kritik ist substantiell und daher zu begründen.

Es ist ein kompliziertes Unterfangen, statistisch zu messen, ob bestimmte Merkmale von Lebewesen genetisch bedingt sind. Bei der Frage der «Intelligenz», gemessen anhand des IQ, handelt es sich denn auch nur um Schätzungen - wer, wie im NZZ Folio-Artikel, mit Bestimmtheit behauptet, dass x Prozent der «Intelligenz» erwiesenermassen genetisch bedingt seien, pervertiert die tatsächlich vorhandenen Forschungsergebnisse.
Da es aus rechtlichen und wissenschafts-ethischen Gründen nicht möglich ist, Menschen im Rahmen von Laborexperimenten zu züchten und systematisch zu untersuchen, um die Rolle von Genen zu erörtern, muss der indirekte Weg der Statistik genügen.

Was bei statistischen Verfahren passiert, ist nicht etwa eine direkte Messung biologischer Variablen. Die Grundoperation ist, den Einfluss von Umweltvariablen (z.B. sozio-ökonomischer Status) auf die Varianz von «Intelligenz» zu berechnen. Jener Teil der Varianz, welcher nicht durch die berücksichtigten Umweltvariablen erklärt wird, gilt als «genetisch» bedingt.
Diesen unzulässigen Sprung nenne ich «leap of faith»: Das, was nicht erklärbar ist, soll durch «Gene» bedingt sein. Dies ähnelt in frappanter Art dem «god of the gaps»-Fehlschluss: Was vorläufig unerklärt ist, ist durch Gottheiten gesteuert.

Ein vermeintlicher Königsweg in der Intelligenzfoschung sind «Zwillingsstudien»: Wie könnte der Einfluss der Umwelt besser gemessen werden als anhand genetisch annähernd identischer Geschwister? In der Tat sind solche Untersuchungen interessant, aber auch von grossen Einschränkungen geplagt: Auch zwei «Klone» im gleichen Haushalt mit ähnlichen «Startbedingungen» leben selbstverständlich nicht dasselbe Leben, sind also auch grundsätzlich unterschiedlichen Erfahrungen ausgesetzt. Das bedeutet, dass potentielle unterschiedliche Umwelteinflüsse auch bei Zwillingsuntersuchungen nicht ausgeschlossen sind: Zwillinge, welche gemeinsam sozialisiert werden, erfahren ähnliche, aber nicht gleiche Umwelteinflüsse.
Zudem ist es nicht zulässig, Ergebnisse aus Zwillingsstudien zu verallgemeinern: Zwar scheint die Geburtenrate für zweieiige Zwillinge zu steigen, eineiige bleiben aber nach wie vor eine grosse Minderheit in der Gesamtbevölkerung (ganz zu schweigen von anderen Mehrlingsgeburten) - für Forschungszwecke ist wiederum nur ein Bruchteil aller Zwillinge, oder Mehrlinge, verfügbar.

Die Probleme der Statistik enden damit aber nicht. Einen Schritt weiter zurückgehend drängt sich die Frage auf, warum das Merkmal «Intelligenz» überhaupt als genetisch bedingt angesehen werden soll. Dies ist ein zentrales Problem: Egal, wie «Intelligenz» definiert wird, es handelt sich dabei um ein vom Menschen erdachtes Konzept, welches nicht unmittelbar messbar ist - anders, als Körpermerkmale wie Grösse, Blutgruppe uvm.
Im NZZ Folio-Artikel wird mehr oder weniger erklärt, warum in der Psychologie angenommen wird, dass Variation der gemessenen «Intelligenz» genetisch bedingt sein soll:
Intelligenztests sind normalerweise in einen verbalen, einen mathematischen und einen räumlichen Teil gegliedert. Verblüffenderweise stimmen die Resultate der Subtests oft überein. Diese Erkenntnis hat in der Psychologie zur Überzeugung geführt, dass es tatsächlich so etwas wie eine allgemeine Intelligenz gibt, die unabhängig ist von Fachwissen und spezifischen Talenten. «Ich habe keine besondere Begabung», schrieb Albert Einstein einmal, «sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.» Die Universalität der Intelligenz zeigt sich auch darin, dass hochbegabte Kinder oft in allen Schulfächern hervorragende Noten erbringen. Dies widerspricht diametral der Vorstellung, es gebe bereichsspezifische, voneinander unabhängige Intelligenzgattungen.
Wohl ohne Absicht ist in obigem Zitat das Problem der «Reifikation» erklärt: Ein abstraktes wissenschaftliches Konzept wird gemessen und nicht mehr als abstraktes Konzept, sondern als physische Realität verstanden, weil die Ergebnisse bestimmte Muster aufweisen.

Dieser Fehlschluss liegt weit zurück: In «The Mismeasure of Man» widmet sich Stephen Jay Gould ausführlich dieser Problematik. Als «Vater» dieser Reifikation der «Intelligenz» kann Charles Spearman angesehen werden: Im Jahr 1904 veröffentlichte er eine mit  «"General intelligence" objectively determined and measured» betitelte Studie, in welcher er mittels des komplizierten Verfahrens der «Faktorenanalyse» zu beweisen meinte, dass «Intelligenz» mehr als nur die Aktualisierung erlernten Wissens ist.
Ein Zitat Spearmans aus dem Jahr 1927 demonstriert eindrücklich, dass Reifikation von «Intelligenz» letztlich ein «leap of faith», eine Sache des Glaubens ist:
And even should the worst arrive and the required physiological explanation remain to the end undiscoverable, the mental facts will none the less remain facts still. If they are such as to be best explained by the concept of an underlying energy, then this concept will have to undergo that which after all is only what has long been demanded by many of the best psychologists - it will have to be regarded as purely mental.
Quelle: SPEARMAN, Charles (1927): The Abilities of Man. New York: Macmillan.
Sollte die von Spearman reifizierte «Intelligenz», welche er «g» (für «general intelligence») benannte, nicht biologisch «lokalisiert» und verstanden werden, bedeutet das nicht, dass das Konzept dieser «Intelligenz» fehlerhaft ist. Deren faktische Existenz ist unbestritten, es handelt sich aber um eine letztlich unmessbare, aber dennoch biologisch vorhandene, Grösse.
Ganz ähnlich argumentieren nicht selten Verfechterinnen und Verfechter bestimmter «alternativmedizinischer» Verfahren, wenn sie behaupten, dass die von ihnen propagierten Heilpraktiken eine tatsächliche Wirkung hätten, diese sich aber gerade durch Unmessbarkeit auszeichne.

Diesen Fehlschluss der Reifikation der «Intelligenz» bezeichne ich als «leap of faith»: Es ist Glaubenssache, die unerklärte Varianz gemessener «Intelligenz» als genetisch bestimmt zu deuten.

2. Fehlende Validität der «Intelligenz»-Messmethoden
«Validität» ist ein Begriff, welchen ich an dieser Stelle im Sinne der Frage «Wird durch die Messung wirklich das gemessen, was gemessen werden soll?» verwende. Insbesondere bei Geistes- und Sozialwissenschaften ist Validität einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte der Forschung: Egal, wie makellos die Datenerhebung und Dateninterpretation sind, die Frage nach der Validität der Messung bleibt zentral.
Um ein grobes Fantasiebeispiel zu nennen: Wenn ich wissen möchte, wie viel Liter Benzin ein Bestimmtes Auto A pro gefahrenen 100km verbraucht, werde ich diese Frage nicht beantworten können, wenn ich messe, wie viele Liter Diesel ein Auto B pro 100km verbraucht. Obwohl die Messung an sich vielleicht fehlerfrei durchgeführt wird, wird nicht gemessen, was gemessen werden soll.

Ein aktuelles Beispiel zum Thema Validität der Messung sorgte vor einigen Monaten für leichte Aufruhr: Am 13. August wurde das von dem «Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft» erarbeitete Jahrbuch «Qualität der Medien» veröffentlicht. Einer der Befunde dieser Untersuchung ist, dass Gratiszetungen die Qualität des öffentlichen Diskurses mindern.
Pietro Supino, Vizepräsident des Verbandes «Schweizer Presse» und Verwaltungsratspräsident der «Tamedia AG», hat auf diese Kritik geantwortet. Supino wirft den Studienautoren vor, anhand einer zu begrenzten Stichprobe und auf «eigenwillige» Art zu messen - also kritisiert Supino die Validität der Untersuchung.

Eben Validität sehe ich als das Kriterium, welches die Annahme, Intelligenztests würden genetische Veranlagung messen, nicht zulässt. Der Grund für die fehlende Validität ist letztlich einfach:
Alles was Intelligenztests messen und alles, womit Intelligenztests messen, ist erlernt.

Diese Aussage möchte ich ein wenig veranschaulichen. Auf der Seite der schweizer Ablegerin der Organisation «Mensa» ist unter dem Link «Join Mensa» angegeben, dass der «online pre-test» ein Gefühl für den Mensa-IQ-Test gebe (wobei das «old» in der URL vielleicht bedeutet, dass der eigentliche Mensa-Test mittlerweile anders aussieht).

Der erste Aufgabenblock sieht wie folgt aus:
Hier soll ergänzt werden, was «logisch» passe. Für 2. ist vermutlich erwartet, dass die nächste Zahl 15 ist. Es ist aber in keiner Weise unlogisch, z.B. 11 hinzuschreiben, und zwar gemäss dem Muster «ungerade-ungerade - gerade-gerade - ungerade-ungerade - ...». Oder z.B. 195, und zwar gemäss dem Muster, dass die nächste Zahl einfach grösser zu sein hat.

Der zweite Aufgabenblock sieht folgendermassen aus:
Wahrscheinlich ist hier a die «logische» Antwort. Alle anderen Möglichkeiten sind aber per se nicht unlogisch: In der Aufgabenstellung wird nicht gefordert, es müsse Spiegelsymmetrie o.ä. im Ergebnis vorhanden sein.

Der letzte Aufgabenblock schliesslich sieht folgendermassen aus:
Diese Aufgabe ist noch diffuser; praktisch alles kann «richtig» sein. Z.B. a:d, weil jeweils eine Seite dieser zwei Figuren waagerecht steht und so ganz links das Dreieck einen Innenwinkel nach oben gerichtet hat, ganz rechts das Fünfeck analog dazu auch einen Innenwinkel nach oben gerichtet hat (gemäss der visuellen Orienterung am Bildschirm). Oder b:c, b:a, b:d, b:e, wenn die Anzahl Linien in ein Verhältnis gesetzt wird («weniger Linien»:«mehr Linien»). Oder ist die Summe der inneren Winkelgrade, also im vorgegebenen Teil 180°:360°, ausschlaggebend?

Die obigen Beispiele sollen demonstrieren, was Intelligenztests letztlich messen: Erlerntes Wissen und erlernte Fähigkeiten - auch wenn nicht explizit schulisch Gelerntes abgefragt wird, etwa Wortschatz (obwohl genau dies ein integraler Bestandteil vieler IQ-Tests zu sein scheint).
Intelligenztests sind willkürlich: Als «richtig» gilt, was unbegründeterweise als intuitiv richtig definiert wird. Erfolgreiches lösen von IQ-Tests bedeutet entsprechend, implizite Konventionen zu kennen. Auf genetische Veranlagung greifen solche Tests nicht zu.

Wohl jede Verfechterin, jeder Verfechter der «genetischen» Intelligenz würde folgendes Beispiel als sinnlos bezeichnen: Ein auf Deutsch verfasster IQ-Test wird einer Person in Indien, welche kein Deutsch spricht, vorgelegt. Das Ergebnis: Kaum etwas gelöst, sehr tiefer IQ.
Selbstverständlich wäre dieses Unterfangen unsinnig: Nur, weil ein Individuum nicht über ein bestimmtes erlerntes Wissen verfügt, bedeutet das nicht, dass diese Person weniger kognitives Potential hat. Von dieser Unsinnigkeit sind IQ-Tests aber grundsätzlich durchzogen: Alles, was gemessen wird, und alles, womit gemessen wird, ist erlernt.

IQ-Tests fragen gelernte Dinge ab; der Umstand, dass dabei nicht explizit Schulwissen getestet wird, bedeutet nicht etwa, dass auf das mystische genetische Potential zugegriffen wird: Das Abfragen impliziten Wissens bedeutet, dass IQ-Tests willkürlich sind, da «falsche» Antworten ungebründeterweise falsch sind. Es entsteht lediglich die Illusion, nicht Erlerntes zu Testen, weil die Tests eben willkürlich sind.

Fazit
Dieser Blogeintrag ist länger als geplant ausgefallen. Mein Argument lässt sich auf folgende Punkte eindampfen:
  • «Intelligenz» ist ein willkürliches, vom Menschen erdachtes Konzept - keine genetische Realität.
  • Intelligenztests, z.B. soche für den IQ, messen Gelerntes.
  • Dass die Varianz der mittels Intelligenztests gemessenen «Intelligenz» gegenwärtig nicht gänzlich durch Umwelteinflüsse statistisch erklärbar ist, bedeutet nicht, dass die Varianz aus ererbten, also genetischen Faktoren resultiert.
Das bedeutet nicht, dass die beobachtete Varianz dessen, was als «Intelligenz» gilt, nicht genetisch bedingt sein könnte - es fehlen bloss die Argumente dafür.

Letztlich ist die Frage nach «Intelligenz» sogar wenig relevant: Zweifellos ist z.B. Thomas Rau sehr intelligent - er behauptet aber, mit (um scharf zu kritisieren) Zauberei Krebs heilen zu können. Dumm wird auch «Madam Etoile» nicht sein - sie behauptet aber, mit Sternenguckerei in die Zukunft blicken zu können. Die Damen und Herren, welche an der «KIKOM» tätig sind, dürften durchwegs ausgesprochen intelligent sein - und trotzdem reduzieren sie Wissenschaft zur Glaubensangelegenheit.

Was also dem (Achtung, Pathos!) Menschengeschlecht zum Vorteil gereicht, ist nicht etwa ein Mehr an «Intelligenz». Es ist die einfache Idee einer skeptischen Grundhaltung, es ist - kritisches Denken.

10 Kommentare:

giordano hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
giordano hat gesagt…

Ich lese hier gerade im Buch über Multivariate Analyse (Brian Everitt, An R- and S-Plus Companion to Multivariate Analysis, p.72f):
"Certainly, in the past, factor analysis has been the subject of severe criticism because of the possibility of rotating factors. Critics have suggested that this apparently allows the investigator to impose on the data whatever type of solution they are looking for. Some have even gone so far as to suggest that factor analysis has become popular in some areas precisely because it does enable users to impose their preconceived ideas of the structure behind the observed correlations (Blackith and Rexment, 1971)."
Der Autor (Everitt) relativiert jedoch dann die Aussage von Blackith. Ich persönlich bin sehr konservativ, wenn mit explorativen Methoden (Faktorenanalyse, Datamining) Behauptungen aufgestellt werden und nicht mit Experimenten bestätigt werden. Und wenn man dann daraus sogar Bewertungsmethoden ableitet, ist das fahrlässig und gefärlich.

Zu den Mensa IQ-Test: ist das nicht ein Fall von Confirmation Bias? Ein intelligenter Schüler müsste auf die Idee kommen, die Nullhypothese zu verwerfen und im ersten Beispiel irgendeine Zahl einzusetzen.

Im Buch Elementare Quantenchemie von Primas und Müller-Herold steht folgendes (p. 314):
"Gemäss dem 'Rahmenprogramm Chemie für schweizerische Mittelschulen' soll ein Absolvent einer Mittelschule das Zustandkommen kovalenter Bindungen zwischen Nichtmetallatomen voraussagen und ihre Polarität angeben können. Wir können das nicht (...). Weiter soll der Abiturient 'Aggregationszustandsänderungen mit der thermischen Bewegung interpretieren' können. Leider wird er das nicht können, denn das ist ein offenes Problem der modernen Forschung. (...). Es wäre gut, wenn man an den Schulen aufhörte, Dinge zu erklären, die in der Wissenschaft noch nicht verstanden sind."

Der letzte Satz bringt es auf den Punkt und müsste auch für die Universitäten gelten.

(Schmankerl: Hans Primas war Professor für theoretische Chemie an der ETH Zürich und hatte keinen akademischen Abschluss.)

nirwanixla hat gesagt…

endlich hab ich die Zeit gefunden, diesen Artikel zu lesen. yepp, er ist lang, stimme dir vollkommen zu :)

...und ich habe neue Typen von Fehlschlüssen kennengelernt. thanks

adrianoesch hat gesagt…

werde den blogeintrag später noch lesen, hier nur kurz ein hinweis auf einen artikel der dich interessieren könnte. - http://www.faz.net/s/RubC43EEA6BF57E4A09925C1D802785495A/Doc~E04A4628FA36C48EB970A68508E5FF142~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Marko Kovic hat gesagt…

@adrianoesch
Merci für den Link! Diese Studie zeigt vielleicht (hab sie noch nicht gelesen), dass in der gängigen Intelligenzforschung, wie ich auch im Blogeintrag oben kritisiere, Verwirrung um Korrelation und Kausalität besteht.

Gruss

Anonym hat gesagt…

Zustimmung.
Dazu noch eine anmerkung: die derzeitige Betrachtung von einer Fähigkeit wie Intelligenz (als Konzept) ist zu statisch.
"ist es nun biologisch oder sozial?"

Gleichermaßen könnte man andere Fähigkeiten betrachten, zB die zum verstehenden Hören (darüber weiß man inzwischen eine Menge, zB daß gehörlos geborene Kinder mit Hilfe eines cochlear-implants sich weitestgehendst normalsprachlich entwickeln, so sie das Ding ZEITIG genug erhalten haben...).
Die inzwischen bekannten Zeitfenster der Hörsprachentwicklung gegen einen deutlichen Hinweis: die Entwickling läuft strukturbildend ab.

Ebenso muß es in der Intelligenzentwicklung sein.

Noch ein nachtrag: Intelligenzmindernde Einflüsse wirken ebenso strukturbildend. Alkoholbelastung vorgeburtlich ist so ein strukturbildender FAktor - leider taugt die Struktur dann weniger als ohne Alkoholeinfluß...

Anonym hat gesagt…

Hey Marko,

danke für den spannenden Text. Ich möchte diesen Artikel gerne etwas kritisch beäugen.

Zuerst ein wichtiger Kritikpunkt: Du weist berechtigterweise darauf hin, dass es keine klare Definition von Intelligenz gibt. Kurz darauf machst du aber denselben Fehler wie die von dir kritisierten: Du schreibst andauernd über Intelligenz, ohne dich im Voraus auf eine Definition festzulegen. Damit kann man nicht argumentieren.

Eine der Definitionen von "Intelligenz" ist die folgende: Intelligenz = angeborenes Wissen.
Der Intelligenzquotient versucht, diese Intelligenz approximativ zu quantifizieren. Den Fehler von IQ-Tests kann man evaluieren, indem man Adoptionsstudien mit eineiigen und somit genetisch identischen Zwillingen durchführt. Wenn dann beispielsweise eine Korrelation der Testwerte von 0.6 vorliegt, wird - einfach gesagt - mit dem Test zu 40% erlerntes Wissen geprüft, zu 60% angeborenes Wissen.

Hier noch eine kurze Liste weiterer Kritikpunkte:
- Umwelteinflüsse bei Zwillingsstudien sind zufällige Fehler und verschwinden bei genügend grossen Versuchsgruppen. Bias ist nicht vorhanden.
- Die Kunst am Lösen eines IQ-Tests ist das *Finden* einer Lösungsmethode, nicht das *Anwenden* derselbigen. Somit zählt das Argument bezüglich "Punkt-/Achsenspiegelung" nicht
- Die von dir genannten Alternativlösungen auf die Testfragen haben alle den Nachteil, dass sich mit der Lösungsmethode mehrere Lösungen finden ("irgendeine höhere Zahl"). Es gibt aber Lösungsansätze, die nur ein korrektes Resultat haben. Diese sind gefragt, auch wenn darauf nicht explizit hingewiesen wird. Der Fehler ist also, dass diese Information fehlt - und nicht, dass die Aufgaben keine eindeutigen Lösungen haben.
- noch so einiges, hab jetzt aber keine Zeit mehr ...

Da angeborenes Wissen nachweislich existiert (das lässt sich nicht nur per IQ-Test prüfen), ist Intelligenz je nach Definition zu 100% genetisch bedingt (und existent!). So gesehen muss ich dein Fazit verwerfen ;)

Liebe Grüsse
Jonas V.

Marko Kovic hat gesagt…

Ciao Jonas

Merci für den Kommentar! Ich werde auf deine Punkte bei Gelegenheit genauer eingehen, aber für den Moment nur ein paar Bemerkungen.

Grundsätzlich scheinen wir ziemlich aneinander vorbeizureden: Du wiederholst, wenn ich das richtig lese (was ja nicht gesagt ist), an und für sich die Punkte, welche ich kritisiere.

Zur Definition von Intelligenz: Vielleicht ist das im Text implizit, aber sich auf Spearman besinnend, definiere ich "Intelligenz" einfach als die Varianz der Ergebnisse der gemessenen IQ-Tests. So gesehen ist "Intelligenz" durchaus ein reales Phänomen, nur kritisiere ich, dass es keine Beweise gibt, dass diese Varianz genetisch bedingt ist.

Deine Definition von Intelligenz als Wissen verstehe ich nicht: "Wissen" ist ja gerade etwas, was das Individuum in der Interaktion mit der Umwelt lernt? Säuglinge sind nach der Geburt völlig unwissend.

Das mit den Testfragen scheint ebenfalls nicht so klar zu sein: Implizit verlangen solche Tests das Finden einer bestimmten Lösung anhand bestimmter Lösungsansätze. Und diese ist eben immer willkürlich gesetzt. Der Witz ist gerade, dass praktisch unendlich viele Lösungen möglich sind, und darum sind solche Tests nichtssagend: Die vom Tester präferierte Lösung anhand einer impliziten Regel ist eben nur das - die präferierte Lösung.
Aber wenn du sagst, die "Kunst" eines IQ-Tests sei das Finden einer Lösungsmethode, widersprichst du dir ja selber: Ich argumentiere gerade, dass es möglich ist, zahlreiche plausible Lösungsmethoden zu finden, während der Test willkürlich nur eine abfragt bzw. anerkennt.

Zu den Zwillingsstudien: "Umwelteinflüsse" sind eben gerade nicht einfach zufällige Störvariablen, welche man bei genügend grossen Stichproben (welche es bei Zwillingsstudien selten gibt) einfach ignorieren kann. Der Witz ist hier gerade, dass diese unbekannten Umweltvariablen eben das Welterfahren mitbestimmen. Wenn Umwelteinflüsse einfach zufällige Fehler wären, welche man statistisch aushebeln kann, könnte man alle Sozialwissenschaften abschaffen - da geht es nur um diese zufälligen Fehler ;). Übrigens ist der Begriff "Umwelteinflüsse" an und für sich ungenau: Der Mensch wird zwar auch von der Umwelt einseitig beeinflusst, aber es findet auch sehr viel Interaktion statt - also eine bewusste Handlung.
Und in deinem Beispiel zu einem Erbegnis von Zwillings-Vergleich machst du gerade das, was ich im Text kritisiere: "Leap of faith" und Reifikation. Ein statistisches Ergebnis wird, mangels unmittelbarer Erklärungen (bzw. dem Unwillen, diese zu suchen), zu einem genetischen Phänomen erklärt.

Grundsätzlich sehe ich biologische Faktoren sicher als indirekte Beeinflussung der "Intelligenz", indem z.B. routinemässiges Lernen gestört wird: Wer etwa verhältnismässig schwächer hört, hat vielleicht in der Schule mehr Schwierigkeiten, zu lernen; wer Rückenprobleme hat, hat vielleicht mehr Mühe, längere Zeit auf einem Stuhl zu sitzen und einen Text zu lesen.

Aber da müssen wir uns wohl noch ein wenig austauschen ;).

Gruss
Marko

Anonym hat gesagt…

Hey Marko,
ich möchte mich noch einmal etwas präzisieren. Vielleicht kristallisiert sich dann besser heraus, worin ich genau kritisiere:

1. Definition von Intelligenz
Wie erwähnt habe ich die Definition „ererbtes Wissen“ verwendet (nach Cyril Burt inspiriert von Francis Galton[1]). „Wissen“ ist hierbei natürlich nicht auf Fakten begrenzt, im Gegenteil, es meint angeborene kognitive Fähigkeit. So wie Babys automatisch wissen, wie man schreit oder wie man die Brust der Mutter findet, werden auch abstraktere Fähigkeiten vererbt. Dazu gehören unter anderem die typisch menschlichen Problemlösungsansätze, die man in IQ-Tests zu prüfen versucht, da sie ökonomisch relevant sind.

2. Genetische Aspekte
Du schreibst: „nur kritisiere ich, dass es keine Beweise gibt, dass diese Varianz genetisch bedingt ist.“ Tatsache ist: Die Beweise gibt es tatsächlich nicht, aber nur, weil empirische Forschung nie Beweise erbringt ;-). Es gibt Adoptionsstudien, die empirisch belegen (nicht beweisen), dass die IQ-Testergebnisse unter genetisch identischen Menschen deutlich höher korrelieren als bei zweieiigen Zwillingen. Die Methodik hat ihre Limitationen[2], ist aber grundsätzlich sehr stark[3][4].

3. Umwelteinflüsse in Zwillingsstudien
Du hast recht: Umwelteinflüsse sind nie zufällige Störvariablen.
Die Frage ist, ob sich diese Störvariablen bei eineiigen Zwillingen signifikant von Störvariablen bei zweieiigen Zwillingen unterschieden. Wenn die Antwort nein ist, darf man den Ergebnissen vertrauen. Dies ist in vielen guten Studien der Fall.
By the way: Betrachtet man das menschliche Leben als Resultat biochemischer Prozesse (was nicht falsch ist, aber natürlich nicht immer Sinn macht), macht der Begriff „Umwelteinflüsse“ schon Sinn.

4. „Leap of faith“
Ich konnte keine exakte Definition davon finden, ausser dass man etwas ohne Evidenz behauptet. In diesem Fall sehe ich das nicht gegeben.
Tatsache ist, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen „X“ und Intelligenz nachgewiesen ist, wobei X bei eineiigen Zwillingen gleich und bei zweieiigen Zwillingen unterschiedlich ist und nicht durch irgendwelche bekannten Faktoren (z.B. Umwelteinflüsse) ausser Gene beeinflusst wird. Wenn du dich jetzt weigerst, „X“ als „Gene“ zu bezeichnen, ist das durchaus begründbar, da der kausale Zusammenhang tatsächlich erst in der Genetik nachgewiesen werden kann. Es ist aber überhaupt nicht relevant, ob es sich um eine Korrelation oder eine Kausalität handelt, da Gene beim Menschen nicht verändert werden können.

5. Testfragen aus IQ-Tests
Ich widerspreche mir nicht: Hier noch ein Erklärungsversuch.
Die Tests möchten, dass man selber verschiedene Lösungsansätze überprüft und dann denjenigen Lösungsansatz verwendet, der (sehr wichtig!) *keine Zweideutigkeiten* aufweist. Dies ist eine ungeschriebene Regel, die erwähnt werden sollte. Aber die Logik ist simpel: Stelle eine Hypothese zur Problemlösung auf, überprüfe, ob sie eine eindeutige Lösung ergibt, wenn nein, verwerfe die Hypothese und suche eine neue.
Die Fragen sollten so gemacht werden, dass nicht mehrere Hypothesen koexistieren können, ansonsten ist dies ein Fehler in der Fragestellung (aber nicht in der Methodik). Somit gibt es keine Mehrdeutigkeiten beim Lösen der Fragen.

In einem grossen Teil deiner Kritik stimme ich mit dir vom Fazit her überein. Allerdings komme ich aus anderen Gründen zu diesem Schluss. Ich hoffe, du verstehst die Gründe jetzt besser.

Liebe Grüsse
Jonas


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Intelligence#Definitions
[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Twin_study#Criticism
[3] Genetics of intelligence. IJ Deary, FM Spinath, TC Bates. European Journal of Human Genetics. 2006. http://www.nature.com/ejhg/journal/v14/n6/abs/5201588a.html
[4] The heritability of general cognitive ability: A within-family adoption design. SA Petrill, K Deater-Deckard. Intelligence 2004. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S016028960400039X

Marko Kovic hat gesagt…

Ciao Jonas

Merci für die Replik - und die interessanten Links!

Ich muss mich sicher noch weiter in das Thema einlesen, bleibe aber vorerst bei meiner "Occam's Razor"-Sichtweise: Das Lösen von IQ-Tests bedingt das Anwenden vollends erlernten Wissens (beginnend bei dem Verstehen der in der jeweiligen sozialen Gruppe relevanten Buchstaben- und Zahlen-Symbole, etc.) - die einfachere Erklärung für die Varianz der Ergebnisse von IQ-Tests sehe ich darum mehrheitlich als durch unterschiedliche Lernerfahrungen bestimmt.

Dem Thema werde ich mich sicher in einem weiteren Blogeintrag widmen. Aber ich will nicht verschweigen, dass mein egalitaristisches Menschenbild möglicherweise meine Sichtweise beeinflusst: Ich sehe alle Menschen als grundsätzlich zu kritischem Denken fähig, und halte nichts von Inspiration, dafür umso mehr von Perspiration.

Und für den Moment falle ich wohl ins Lager des "IQ Denialism" ;).

Gruss
Marko

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