4. November 2010

Thilo Sarrazin im «Club»: Emotion im Gewand der Wissenschaftlichkeit

Am 2. November strahlte das Schweizer Fernsehen eine Ausgabe der Sendung «Club» aus, in welcher Thilo Sarrazin zu Gast war.
Zunächst, bevor ich auf die Sendung selber eingehe, eine Bemerkung zu einem Satz aus der Beschreibung zur Sendung:
Thilo Sarrazin, Autor des Bestsellers «Deutschland schafft sich ab», kommt mit seinen provokanten Analysen zur Migration nicht aus den Schlagzeilen.
Niklas Luhmann, einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, hat das Konzept der  «autopoietischen Systeme» für seine Systemtheorie der Gesellschaft anzuwenden versucht. Dieser Erklärungsansatz ist reichlich kompliziert (und nicht unumstritten), obiges Zitat kann aber vielleicht als Veranschaulichung dienen: Eine Operation des Systems bezieht sich immer auf eine andere Operation des Systems. Die Elemente des Systems stellen sich durch solche «Selbstreferentialität» selber her.
Übersetzt: Thilo Sarrazin kommt nicht aus den Schlagzeilen, weil (Massen-)Medien Bezug nehmen auf das, was in den Schlagzeilen ist. Dieser Blogeintrag ist, so gesehen, auch (peripherer) Teil dieses «selbstreferentiellen» Mediensystems.

Nebst Sarrazin waren fünf weitere Gäste anwesend:
Abgesehen von Michael Hermann ist eine unmittelbar relevante Qualifikation der Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmer, im Sinne eines Fachwissens über die von Sarrazin verbreiteten «Thesen», nur bedingt gegeben.
Das soll nicht heissen, dass die Gäste willkürlich gewählt sind. Patrik Müller ist Chefredaktor der Wochenzeitung «Der Sonntag» und kommentiert die Eigenheiten der Medienlogiken. Adolf Muschg ist erfolgreicher Buchautor mit pointierten Meinungen zum Politischen. Jasmin El-Sonbati ist Gymnasiallehrerin an einer Privatschule und übernimmt in dieser Sendung die Rolle der Quoten-Muslimin. Alain Pichard ist Reallehrer und, wie er beschreibt, Auslöser einer «kleinen Mini-, Mini-, Mini-Sarrazin-Debatte» im Jahr 2006 in der Schweiz.

«Richtige» Statistik, «richtige» Integration
Wie gewohnt behauptet Sarrazin, alle seine Aussagen würden korrekte «empirische Sachverhalte», vor allem in Form statistischer Kennzahlen, darstellen. Dass es damit nicht weit her ist, habe ich in einem früheren Blogeintrag angesprochen. Bezeichnend eine Aussage Sarrazins aus Minute 7: Die ersten 14 Tage nach der Veröffentlichung seines Buches hätten «definitiv 98% der Diskussionsteilnehmer» das Buch nicht gelesen; sowohl Befürworter, als auch Kritiker.
Mehrmals haben die Bemerkungen Michael Hermanns zur statistischen Datenlage für die Schweiz Sarrazins abwegigen Umgang mit Zahlen demonstriert. In Minute 37 z.B. bemerkt Hermann, dass die aktuellsten Daten für die Schweiz aufzeigen, dass nicht etwa Musliminnen die höchste Geburtenrate aufweisen, sondern mit 2.1 Kindern pro Frau Frauen aus den USA. Hermann fährt in Minute 38 fort und erklärt, dass die Kriminalitätsraten in der Schweiz nicht bei Menschen muslimischen, sondern bei Menschen christlichen Glaubens am höchsten sind, namentlich bei urprünglich aus Angola und der Dominikanischen Republik Stammenden.

Solche Beispiele demonstrieren zu Genüge, dass Sarrazin kein Sozialwissenschaftler ist: Er biegt sich «Statistiken» so zurecht, dass sie zu seinen vordefinierten Schlüssen passen; das ist keine neue Erkenntnis. Spannender war das eigentliche Hauptthema, welches sich durch die Sendung zog: Die angebliche schlechte Integriertheit bestimmter Ausländerinnen und Ausländer.

Dass es Integrationsprobleme geben kann, ist vollkommen klar - entscheidend ist dabei aber stets die Definition von «Integration». Bei diesem Punkt gleitet die Diskussion ins offensichtlich Absurde: «Integration» wird gleichgesetzt mit schulischem Erfolg.
Dieser «non sequitur»-Fehlschluss wird in Minute 53 in Reinform präsentiert: Patrik Müller ist Prüfungsexperte bei mündlichen Maturaprüfungen an einem öffentlichen Gymnasium. Er habe an diesen Maturaprüfungen «praktisch noch nie einen muslimischen Schüler gehabt», was Indikator für mangelnden Integrationswillen sein soll.
Ab Minute 54 fährt Alain Pichard fort: Gesamtschweizerisch besuchten ca. 60% der Schulpflichtigen die Sekundar-, ca. 40% die Realschule. Bei «den Albanern und den Türken» hingegen gingen 85% bis 90% in die Realschule.

Das Argument ist also: Mit der Höhe des Bildungsgrades steigt die Integriertheit.

Der Weg zurück in logisch einigermassen konsistente Gefilde fürht z.B. zur «Verordnung über die Integration von Ausländerinnen und Ausländern». Artikel 4 in Kapitel 2 beschreibt die Pflichten und Beiträge der zu Integrierenden:

Der Beitrag der Ausländerinnen und Ausländer zu ihrer Integration zeigt sich namentlich:
a. in der Respektierung der rechtsstaatlichen Ordnung und der Werte der Bundesverfassung;
b. im Erlernen der am Wohnort gesprochenen Landessprache;
c. in der Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen in der Schweiz;
d. im Willen zur Teilnahme am Wirtschaftsleben und zum Erwerb von Bildung.
Integration meint also, gemäss a., primär die Integration in eine Rechtsgemeinschaft. Der «Wille zur Teilnahme am Wirtschaftsleben und zum Erwerb von Bildung» hat nichts mit dem Bildungsgrad zu tun: Der Einstieg in die Berufswelt beispielsweise über den Weg einer eher handwerklich orientierten Lehre, bei welcher schulische Leistungen eine untergeordnete Rolle spielen, ist selbstverständlich ebenfalls Ausdruck gelungener Integration.

Ein wesentlicher Begriff ist «rechtsstaatliche Ordnung»: Diese gewährt einen ganzen Katalog sogenannter «negativer Freiheitsrechte» (Beispiel 1, 2, 3, 4, 5). Das bedeutet, dass jedes Individuum das Recht hat, das eigene Leben nach Belieben zu gestalten, solange die Rechte anderer dadurch nicht eingeschränkt werden.
Will heissen: Es ist grundsätzlich unproblematisch, wenn Menschen muslimischen Glaubens vor allem mit Menschen muslimischen Glaubens verkehren - solange geltendes Recht respektiert wird. Es ist ebenso grundsätzlich unproblematisch, wenn in der Schweiz arbeitende Fachkräfte aus den USA vor allem mit anderen US-Amerikanern verkehren - solange geltendes Recht respektiert wird.
Dass es in diesem Spannungsverhältnis zwischen persönlichen Freiheiten und kollektiven Verpflichtungen zu zu ändernden Zuständen kommen kann (ewiges Beispiel: Muslimische Eltern verbieten der Tochter die Teilnahme am Schwimmunterricht), ist unbestritten.

Und wie sieht es mit den Genen aus?
Der, so meine ich, interessantere und weitaus wichtigere Teil der «Thesen» Sarrazins, nämlich die Behauptung, dass Intelligenz genetisch bedingt ist und Immigranten tendentiell genetisch minderwertiger, da dümmer sind, wurde kaum angesprochen.

In Minute 22 erwähnt Hermann, er mit naturwissenschaftlichem Hintergrund finde die «genetischen Teile» des Buches «gar nicht so schlecht».
In Minute 47 greift Muschg das Thema auf: «Die Intelligenz als Funktion der genetischen Anlage - natürlich ist das unbestritten». Aber, führt er aus, auch unter «nicht durch Intelligenz auffallenden Gruppen» könnten doch Genies auftauchen; darum sei immer der einzelne Fall zu betrachten, nicht die Statistik.

Diese elegante, da einfache Idee entspricht der populären und vielleicht sogar wissenschaftlichen (konkret: psychologischen) Mehrheitsansicht: Das Individuum wird, im Wesentlichen, mit einer «Intelligenz» geboren; diese Kapazität ist nicht an sich veränderbar, nur der Grad der Umsetzung dieses Potentials.

Über das Thema Intelligenz werde ich in einem der nächsten Blogeinträge mehr schreiben. Dies, weil ich mich dem Umstand, dass die fundamentalen Fehlschlüsse des Konzeptes der «genetischen» Intelligenz kaum hinterfragt werden, ein wenig ausführlicher widmen möchte. Die zentrale Hypothese, welche ich in diesem zukünftigen Blogeintrag zu begründen gedenke, möchte ich an dieser Stelle, sozusagen als Vorschau (und Provokation), anbieten:

Intelligenztests messen die Fähigkeit, Intelligenztests zu lösen - mehr nicht.


Weiterlesen
Diskussionen, welche das Gebiet der Demografie betreffen, sind nicht selten emotional aufgeladene Angelegenheiten (wie eben nicht zuletzt das Beispiel Sarrazin und den Ängsten des Identitätsverlustes, welche er aufgreift, aufzeigt). Es gibt aber auch Argumente, welche dem intuitiven Empfinden, sinkende Bevölkerungszahlen seien immer schlecht, widersprechen (Quelle):
Texte wie der «The Economist»-Artikel, welchem die obere Grafik entstammt, sind geeignet, dem Thema Demografie die emotionale Brisanz zu nehmen und kritischem Denken Einzug zu gewähren.

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke für den (einmal mehr) guten Blogeintrag.

Um Dich zu motivieren den Blogeintrag zum Thema Gene und Intelligenz zu schreiben, hier ein Zitat aus einem guten Artikel zum Thema Sarrazin im Spiegel:

"Angaben zur Erblichkeit beziehen sich nämlich nicht auf die Intelligenz eines Individuums, sondern auf die Unterschiede in der Intelligenz zwischen Personen. Wenn man Kinder aus der Oberschicht testet, machen die Gene etwa 50 Prozent der Intelligenzunterschiede aus. Ganz anders sieht es aus, wenn man Kinder aus der Unterschicht testet: IQ-Unterschiede gehen nahezu vollständig auf sozioökonomische Faktoren zurück, ein Effekt der Gene ist fast nicht zu messen (...)."

Ich freue mich natürlich über Deine ausführliche Analyse zum Thema!

regula staempfli hat gesagt…

Danke für die Analyse mit dem beeindruckend-klaren Einstieg zu Luhmann- Hut ab! Zu Sarrazin und Genen möchte ich auf meine Besprechung von Richard Powers und Sarrzins Biosprache hinweisen, vielleicht interessiert Sie das, siehe (verkaufsdna für erregungsdemokraten) http://www.nachrichten.ch/kolumne/453826.htm
und (gene sprechen nicht, sie handeln)
http://www.nachrichten.ch/kolumne/452694.htm

So oder so: Danke für Ihre Analyse, ich freue mich auf Ihre nächsten und freundliche Grüsse von Regula Stämpfli

nirwanixla hat gesagt…

auf deinen Beitrag zur Intelligenz und Gene bin ich schon gespannt.

Marko Kovic hat gesagt…

@Anonym
Merci für den Hinweis auf den interessanten Spiegel-Artikel!

@Regula Stämpfli
Vielen Dank für das (etwas überschwängliche ;) ) Lob - und die lesenswerten Kolumnen!

@nirwanixla
Eigentlich wäre der Blogeintrag zu Intelligenz bereits online;).

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für diesen Beitrag, die Sendung war unerträglich.

nirwanixla hat gesagt…

Schande auf mein Haupt :)

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