6. Dezember 2010

Blick am Abend: Energiesparlampen vergiften uns! (...nicht)

Am Freitag, dem 3. Dezember, grüsste folgende aufsehenerregende Geschichte von der Blick am Abend-Titelseite:
«Öko-Birnen» enthalten Quecksilber? «Strom sparen» «vergiftet» uns? Skandal! Auf zu Seite 9, wo wir über die Gefahren von Energiesparlampen aufgeklärt werden!

Die Geschichte ist, interessanterweise, weniger als eine halbe Seite lang - der Fläche nach kleiner als das skandalisierende Titelbild. Nun, in Gratiszeitungs-Dimensionen ist eine halbe Seite ja nicht wenig, und überhaupt, der Inhalt interessiert:
Energiesparlampen enthalten gashaltiges Quecksilber; geht eine solche zu Bruch, kann der Richtwert um das Zwanzigfache übertroffen werden - so weit, so alarmierend. Ist diese Gefahr tatsächlich gegeben?

In der Tat funktionieren das Prinzip der Fluoreszenz nutzende Leuchtstoffröhren allgemein, nicht nur Energiesparlampen, mithilfe von Quecksilberdampf. Eine auch für Laien wie mich verständliche Erklärung dieses Vorganges ist bei «howstuffworks» zu finden.
Leuchtstoffröhren sind praktisch überall anzutreffen - befinden wir uns also in andauernder Lebensgefahr? Wohl nicht.

Quecksilber ist grundsätzlich giftig, darüber besteht kein Zweifel. Wie aber z.B. ein Wikipedia-Artikel zusammenfasst, ist die Belastung bei einzelnen potentiell im Haushalt zerbrochenen Leuchtstoffröhren gering. Probleme können eher bei der Entsorgung solcher Leuchtkörper entstehen. Gemäss dem genannten Wikipedia-Artikel ist zudem freigelassenes Quecksilber während der Herstellung der Glühbirnen zu beachten:
Mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke emittieren demgemäss mehr Quecksilber [Update 9.12.2010]  bei der Herstellung konventioneller Glühbirnen als bei der Herstellung und Entsorgung von Energiesparlampen zusammengezählt unter Einsatz konventioneller Glühbirnen als unter Einsatz von Stromsparlampen, auch wenn bei letzteren das anfallende Quecksilber bei der Entsorgung dazugerechnet wird.[/Update 9.12.2010] Ähnlich argumentiert auch die «Royal Society of Chemistry»:
[Update 9.12.2010]Für die Schweiz ist dabei zu beachten, dass nur ein sehr geringer Teil der Elektrizität durch Fossile Brennstofe gewonnen wird, Stromsparlampen hierzulande letztlich doch eine negativere Quecksilberbilanz haben (Quelle):
Dennoch gilt auch für die Schweiz:[/Update 9.12.2010] Für individuellen Leuchtstoffröhren-Gebrauch ist eine Quecksilber-Vergiftung also ebenso unwahrscheinlich wie eine Methan-Vergiftung bei bohnenhaltiger Ernährung (eine Ausnahme bilden vielleicht Anhängerinnen und Anhänger der Sportart Wrestling).

Das Verwirrende an dieser Geschichte ist, dass der Blick am Abend-Artikel selber zu einem ähnlichem Fazit kommt, steht doch im letzten Absatz:
Hysterie sei wegen dem Quecksilber nicht angebracht. Wichtig ist: Die zerborstene Lampe nicht mit blossen Händen wegräumen und den Raum danach gut durchlüften.
Wie bitte? Da wird auf der Titelseite unmissverständlich angekündigt, «Strom sparen» mittels «Öko-Birnen» würde uns «vergiften», und am Schluss des Artikels diese Relativierung, welche die eigentliche Aussage des Artikels nichtig macht? Warum dieser Widerspruch, wie er grösser kaum sein könnte?

Dieser eigentümliche Artikel hat mich an diese Kolumne Ben Goldacres erinnert. Goldacre beschreibt einen Artikel in der Boulevardzeitung «The Daily Mail», welcher zunächst behauptet, eine bestimmte Ernährungsumstelltung reduziere das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, nur um diese, letztlich falsche, Aussage gegen Ende des Artikels zu relativieren.
Warum dieses Vorgehen im Aufbau des Artikels? Goldacre verweist auf Erkenntnisse der Mediennutzungsforschung: Leserinnen und Leser haben die Tendenz, Artikel nicht zu Ende zu lesen:
Dieser Effekt wird mit der Länge des Artikels stärker, dürfte aber in einer «Pendlerzeitung» wie Blick am Abend ebenfalls auftreten: Zwar sind Artikel in Gratiszeitungen tendentiell kurz, die durschnittliche Verweildauer der Leserinnen und Leser dürfte aber von vornherein gering sein.

Was bedeutet das? Boulevardzeitungen sind keine Publikationen von Amateuren: Die Macherinnen und Macher solcher Presseerzeugnisse wissen um Effekte wie den obigen, welcher es erlaubt, skandalisierend-alarmistische Artikel zu verfassen mit der Absicherung, eben doch auch «die andere Seite» dargestellt zu haben.
Der hier thematisierte Blick am Abend-Artikel ist ein Paradebeispiel für wissentlich verzerrende Darstellung wissenschaftlichen Erkenntnisstandes: Ohne sachlich gegebenen Anlass wird ein Skandal hergestellt.


Update 9.12.2010:
In den Kommentaren weiter unten wurde ich auf einen Fehler hingewiesen:
  • Die Grafiken zu Durchschnittsemissionen von Quecksilber, verglichen zwischen Stromsparlampen und konventionellen Glühbirnen, habe ich fälschlicherweise als Emissionen während der Herstellung dieser Leuchtkörper gedeutet. In Tat und Wahrheit handelt es sich um Emissionen während deren Betrieb.
  • Für die Schweiz habe ich die Grafik mit den Anteilen der Stromherstellung ergänzt, welche aufzeigt, dass in der Schweiz, an obigen Punkt anschliessend, sehr wenig Strom durch fossile Brennstoffe hergestellt wird. Entsprechend verursachen Stromsparlampen in der Schweiz im Schnitt mehr Quecksilberemissionen als konventionelle Glühbirnen.
Danke für diesen Hinweis!

6 Kommentare:

Markus Graber hat gesagt…

Hallo,
Ich lese in diesem Blog gerne mit. Dem obigen Beitrag muss ich jedoch teilweise widersprechen.

Die Quecksilberbilanz fällt hierzulande eindeutig zugunsten der klassischen Glühbirne und gegen die Sparlampe aus, da bei unserer Stromerzeugung (Wasserkraft, Atomstrom, Erneuerbare...) nur eine äusserst geringe Quecksilberbelastung entsteht.

Weiterhin enthält die Sparlampe nicht nur Quecksilber sondern auch weitere Schadstoffe, da sie neben dem eigentlichen Leuchtkörper noch eine komplette Billigelektronik enthält.

Eben wegen dieser Elektronik gibt die Sparlampe auch elektromagnetische Störstrahlung ab. Gesundheitlich wahrscheinlich unbedenklich, aber es müsste nicht sein.

Das Sparpotenzial dieser Lampen ist in der Praxis aufgrund des Betreiberverhaltens einiges geringer als theoretisch erreichbar.
Eine Lampe, die Endhelligkeit und Farbtemperatur erst nach mehreren Minuten Betrieb erreicht, wird in der Praxis eher eingeschaltet gelassen als die herkömmliche Glühbirne.

Die Zukunft wird wahrscheinlich den LED- Leuchtmitteln gehören, allerdings müsste die Lichtausbeute noch um den Faktor 10 gesteigert werden. Recht wahrscheinlich wenn man bedenkt, dass die heutigen LED um mehr als 1000 Mal heller sind als die ersten Produkte von 1970.

Marko Kovic hat gesagt…

Genau genommen schreibe ich ja «Mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke emittieren demgemäss mehr Quecksilber bei der Herstellung konventioneller Glühbirnen als bei der Herstellung und Entsorgung von Energiesparlampen zusammengezählt.», beziehe mich also explizit auf Kraftwerke, welche fossile Brennstoffe benutzen.

Zudem gehe ich davon aus, dass die meisten in der Schweiz benutzten Energiesparlampen im Ausland hergestellt werden, wo vielleicht eben doch fossile Brennstoffe für deren Herstellung benutzt werden (z.B. im Kohleland Deutschland) - genaue Daten liegen mir aber nicht vor.

Dass Energiesparlampen noch andere Schadstoffe enthalten, leugne ich gar nicht - ich beziehe mich lediglich auf das explizit im Blick am Abend-Artikel thematisierte Quecksilber.
Ebenso mache ich keine Aussagen zur Effizienz oder Effektivität von Energiesparlampen; ein grundsätzlich sicher interessantes Thema.

Was ich eigentlich in den Mittelpunkt des obigen Blogeintrages stellen wollte, war der auffällige Aufbau des Blick am Abend-Artikels: Zuerst aufwändig skandalisieren, danach relativieren.

Aber Danke für den Beitrag!

Markus Graber hat gesagt…

Hallo Marko,

Der Punkt auf den ich dich hinweisen wollte liegt im Diagramm 1:
"Mercury emission by light source;
evaluated over 8000 hours of use"

In diesem Diagramm wird die Quecksilberemission von fossilen Kraftwerken nicht für die Herstellung, sondern für den Betrieb während einer _Brenndauer_ von 8000 Stunden angegeben.
Deshalb schrieb ich, dass diese Zahlen für hiesige verhältnisse keine Bedeutung haben.
Zur Herstellung einer Glühbirne wird übrigens kein Quecksilber und wesentlich _weniger_ Energie benötigt als zur Herstellung einer sog. "Sparlampe".

Just my two cents

Marko Kovic hat gesagt…

Hallo Markus

Asche auf mein Haupt: Die Grafiken habe ich falsch gelesen. Warum ich "Herstellung" herausgelesen habe, ist mir ein Rätsel.

Danke für den Hinweis!

bruno hat gesagt…

Bravo

Anonym hat gesagt…

Blick am Abend ist eine scheisse Zeitung...

http://www.youtube.com/watch?v=PQCOHow5uFY

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