14. Dezember 2010

«Jenseits retour»: Antwort der Ombudsstelle

Am 2. Oktober habe ich einen kritischen Artikel über den DOK-Film «Jenseits retour. Nahtoderlebnisse und ihre Konsequenzen» verfasst. Im Zusammenhang mit dieser Kritik habe ich eine Beanstandung bei der Ombudsstelle DRS aufgegeben, mit der Begründung, die sachgerechte Darstellung sei verletzt. Achille Casanova, der DRS-Ombudsmann, hat sich meiner Beanstandung angenommen. Am 25. November erhielt ich den schriftlichen Schlussbericht zu der Angelegenheit (hier herunterladbar):
Aus rechtlicher Sicht beurteilt der Ombudsmann Casanova meine Beanstandung als eher «allgemeiner und persönlicher» Natur, ein formelles Eintreten darauf sei nicht möglich. In dem Schreiben hat zudem Christoph Müller, Redaktionsleiter «Dokumentarfilme und Reportagen», zu einigen meiner Kritikpunkte Stellung bezogen.
Diesen Blogeintrag möchte ich in zwei Teile teilen:
  1. Eine Erklärung, warum ich mich überhaupt an die Ombudsstelle gerichtet habe.
  2. Replik auf die Antwort Christoph Müllers.
Zunächst aber noch eine allgemeine Bemerkung zu meinem Schreibstil: Im meinen Blogeinträgen pflege ich, Personen lediglich mit Nachnamen anzusprechen. D.h., anstatt beispielswese «Herr Christoph Müller» schreibe ich in der Regel «Müller», anstatt «Herr Achille Casanova» schreibe ich «Casanova». Dies kann unter Umständen respektlos wirken, ist aber bloss eine Marotte, welche ich aus wissenschaftlichen Publikationen übernommen habe: Es gibt keinen Informationsgewinn, wenn die Vornamen von behandelten Personen mehr als ein Mal wiederholt werden; ebenso überflüssig sind Floskeln wie «Herr» und «Frau». Natürlich mache ich Ausnahmen bei besonders eminenten Persönlichkeiten, wie z.B. «Madame Etoile».

1. Warum die Beanstandung an die Ombudsstelle?
In diesem Abschnitt möchte ich erklären, warum ich eine Beanstandung überhaupt auslöste - und vor allem, warum nicht.

Shoot first, ask questions later
In erster Linie ist meine Beanstandung der DOK-Ausgabe «Jenseits retour» als eines zu verstehen: Die Befriedigung meiner Neugier. Ich wollte in Erfahrung bringen, ob und wenn ja, wie meine scharfe Kritik über behördliche Kanäle verarbeitet wird. Sicher ist dieses Vorgehen ein Stück weit problematisch: Aufwändige, letztlich durch Steuergelder finanzierte Verfahren einzuleiten, einfach zum «Mal ausprobieren», zeugt vielleicht nicht eben von verantwortungsvollem Handeln. Andererseits habe ich mich an eine Stelle gewendet, deren Sinn ja darin besteht, Beschwerden entgegenzunehmen - so gesehen ist das Ganze wenig aussergewöhnlich (ach, wie gut Reduktion «kognitiver Dissonanzen» doch tut).

Ich war denn auch positiv überrascht darüber, dass meine Beanstandung ernst genommen wurde. Nach wie vor stehe ich zu meiner urprünglichen Kritik; es ist aber angenehm, zu sehen, dass das Schweizer Fernsehen nicht als abgeschlossene «black box» operiert, sondern durchaus auch empfänglich für Kritik ist.

Ist Zensur das Ziel?
In Anbetracht meiner Kritik am DOK-Film «Jenseits retour» im Besonderen, an medialer Berichterstattung im Allgemeinen, drängt sich wohl oder übel die Frage auf, was denn das Ziel solcher Kritik ist. Insbesondere die gegenwärtige Episode mit dem faktischen Beschreiten des Rechtsweges kann den Eindruck vermitteln, der «skeptiker-blog» wolle sich anmassen, darüber zu urteilen, was öffentlich gesagt werden darf und was nicht. Nichts liegt mir aber ferner als Zensur.

Es ist schwierig, über die Grenzen öffentlichen Diskurses zu sprechen, ohne dabei in ideologische Debatten abzugleiten. Trotzdem ist ein kurzer Exkurs angebracht.
Ein guter Orientierungspunkt ist Artikel 16 der Bundesverfassung zu «Meinungs- und Informationsfreiheit»:
2 Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten.
Grundsätzlich soll jedes Individuum das Recht haben, Meinungen egal welcher Art zu egal welchen Themen haben und widergeben zu dürfen. Das ist intuitiv nachvollziehbar: Eine «Meinung» meint eine Aussage über Subjektives. «Buch A gefällt mir besser als Buch B»; «Person A ist hübsch»; «Sommermonate sind angenehmer als Wintermonate» - all diese banalen Beispiele sind Ausdrücke des Expressiven, sind Selbstkundgaben. Diese sind weder «richtig» noch «falsch»; sie können allenfalls nicht wahrhaftig sein (vielleicht lüge ich und Buch B gefällt mir eigentlich besser), sind aber grundsätzlich unproblematisch.
Auch dann sind Meinungen unproblematisch, wenn sie weniger in Vernunft gründend sind: Wer der Meinung ist, Frauen seien Männern unterzuordnen, hat das Recht dazu; wer der Meinung ist, Menschen weisser Hautfarbe seien mehr wert als Menschen anderer Hautfarben, hat das Recht dazu; wer der Meinung ist, es gebe Götter, welche unterwürfig zu verehren sind, hat das Recht dazu.
So gesehen ist es unzulässig, Meinungen zu zensieren. Auch, wer sich, um ein Extrembeispiel zu nennen, im Zuge der Meinungsäusserung ein Hakenkreuz als Nazi-Symbol auf die Stirn tätowieren möchte, hat das Recht dazu - wohl würden sich einige Menschen dadurch beleidigt oder verletzt fühlen, aber es gibt kein Recht auf «nicht beleidigt sein», da dieses, wiederum subjektive, Empfinden erst  auf der Rezipientenseite entsteht.

Wie sieht es aber mit Aussagen aus, welche nicht die «subjektive Welt» thematisieren? Ein interessanter, von Popper ausgehender, Ansatz ist die weitere Unterscheidung in eine «soziale» und eine «objektive» Welt: Ersteres meint die Ausgestaltung der Regeln menschlichen Zusammenlebens, Letzteres die Gesamtheit erfahrbarer «Dinge und Sachverhalte».
Auch über diese nicht-subjektive Welten soll das Individuum grundsätzlich sprechen dürfen: «Die Sonne dreht sich um die Erde» ist eine zulässige Aussage; «Der Steuersatz X muss gesenkt werden» ebenso. Beides sind rationale Aussagen, wenn sie begründbar sind. Auch, wenn sich erweisen sollte, dass die Begründungen für diese Aussagen einer kritischen Prüfung nicht standhalten (z.B. im Falle des geozentrischen Weltbildes), bleiben die Aussagen zulässig, sind aber verworfen, entkräftet o.ä..

Was hat das obige Geschreibsel mit dem DOK-Film «Jenseits retour» zu tun? Es ist an sich unproblematisch, in einem Dokumentarfilm die grundsätzliche Aussage zu machen, es gebe bestimmte «übersinnliche» Vorkommnisse. In meiner Kritik an diesem Film versuche ich aufzuzeigen, warum die Bedingungen für die Gültigkeit dieser Aussage nicht erfüllt sind.
Mit meiner Beanstandung des Filmes bei der Ombudsstelle wollte ich nicht bewirken, dass der Film in irgendeiner Weise zensiert wird - Zensur ist die Antithese zu kritischem Hinterfragen. Aussagen zu der «objektiven» und «sozialen» Welt sind, anders als Aussagen zu der «subjektiven» Welt, in Diskursen hinterfragbar. Zensur, also das Verbot solcher Diskurse, ist falsch: Verbietbar ist alles, dadurch wird aber nicht geklärt, was letztlich argumentativ am besten gestützt ist. Um eine Idee Habermas' zu übernehmen: Was zählt, ist der zwanglose Zwang des besseren Argumentes.

Als heikel sehe ich nun den Umstand an, dass das Schweizer Fernsehen mit «Jenseits retour» diesen Diskurs über die tatsächlichen Sachverhalte intrafilmisch auslässt: Völlig einseitig wird das Thema «Nahtoderlebnisse» beschrieben, offensichtlich falsch sind viele der Aussagen. Wie gesagt, auch falsche Aussagen dürfen grundsätzlich gemacht werden, im Kontext öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist das aber problematisch: Es handelt sich bei «Jenseits retour» nicht etwa um ein Format, bei welchem Gäste unterschiedliche Argumente austauschen (z.B. im Stile des «Club» oder der «Arena»), sondern um die Stimme des Senders selber, welche keine Gegenstimme erfährt.
In der Verantwortung der Massenmedien im Allgemeinen, öffentlich-rechtlichen Rundfunkes im Besonderen liegt es, kritische Berichterstattung bereitzustellen. Nicht das, was gut klingt, nicht das, was sich gut verkauft, nicht das, was am meisten Emotionen weckt, ist für öffentlich-rechtlichen Rundfunk relevant, sondern das, was kritischer Prüfung am besten standhält.
Dies ist in vielerlei Hinsicht selbstverständlich. Beispielsweise würde kaum jemand goutieren, wenn die «Tagesschau» unkritisch berichten würde, dass das Weltgeschehen durch Reptilien-Ausserirdische kontrolliert wird.

Hier bleibe ich denn auch bei meiner Position: Es darf nicht sein, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk zu einer unkritischen Bühne für Pseudowissenschaft wird.

Im Prinzip müsste das auch das Schweizer Fernsehen ähnlich sehen, wenn dem Dokument «Publizitische Leitlinien von SF» Glauben zu schenken ist. Unter dem Punkt «Wahrheitspflicht» auf Seite 7 heisst es beispielsweise:
In unseren Informationssendungen sind wir bestrebt, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen. Wir bemühen uns, sämtliche Tatsachen zu berücksichtigen, die für das Verständnis des jeweiligen Sachverhaltes relevant sind. Wir verbreiten nur Informationen aus zuverlässigen Quellen. Falsche Informationen berichtigen wir. Wir lehnen jede Form von Manipulation oder Verzerrung der Wahrheit mit Hilfe von Bild, Ton oder Text ab. Unsere Informationen beschaffen wir auf rechtlich zulässige und ethisch korrekte Art und Weise.
Für «Jenseits retour» scheint «zuverlässige Quellen» einen Pseudowissenschaftler zu meinen, «sämtliche Tatsachen» das Ausbleiben von Gegenargumenten.

2. Die Replik Christoph Müllers

Die glorreiche Studie
Der mehr oder weniger umfangreichste Teil der Antwort Chrisoph Müllers, des Redaktionsleiters «Dokumentarfilme und Reportagen» beim Schweizer Fernsehen, ist folgender (Seite 2 und 3):
Müller erklärt, wann und wie sich das Schweizer Fernsehen filmisch dem Thema «Nahtoderlebnisse» widmete. Dabei wird auf den niederländischen Kardiologen Pim van Lommel verwiesen, dessen Studie aus dem Jahr 2001 ihm (van Lommel) den Schluss nahegelegt habe, das Bewusstsein existiere auch ohne Körper.
Van Lommel war mir bisher unbekannt, nach ein wenig Recherche erhielt ich aber den Eindruck, dass seine 2001 veröffentlichte Studie nicht selten in unwissenschaftlich-esoterischem «NDE»-Kontext («NDE» für «near death experiences») als vermeintlicher Beweis für die Existenz einer «Seele» o.ä. angeführt wird (z.B. hier, hier, hier). Van Lommel selber hat sich mittlerweile von wissenschaftlicher Forschung abgewandt und sich als populärwissenschaftlicher «NDE»-Buchautor etabliert (vgl. sein erstes und zweites Buch).

Ein Blick in die von Christoph Müller paraphrasierte Studie van Lommels lohnt sich. Diese ist löblicherweise auf der Webseite van Lommels kostenlos herunterladbar.
Die Zusammenfassung zum Aufbau und den Ergebnissen der Studie ist auf Seite 2039 zu finden:
In dieser Zusammenfassung ist zunächst wenig von Müllers Aussage, van Lommel sei der Ansicht, das Bewusstsein sei nicht ein Produkt des Gehirns, sichtbar. Was aus der Zusammenfassung herauszulesen ist, ist, dass 18% der 344 untersuchten Patientinnen und Patienten ein «NDE» erlebten, davon knapp zwei Drittel eine «core experience». Was «core experiences» sind, wird im Abschnitt «Methods» unter «procedures» auf Seite 2040 erklärt:
Das Auftreten von «NDEs» wird mittels Interviews gemessen; ab einer bestimmten Anzahl und Art der vom befragten Subjekt beschriebenen «NDE»-Symptome ist die Rede von «core experience». Die Kategorien des für die Bestimmung der Intensität des «NDE» sind in Tabelle 1 auf Seite 2041 aufgelistet:
Doch kurz zurück zur Zusammenfassung auf Seite 2039: Unter «Interpretation» steht, dass unbekannt ist, warum so wenige Patientinnen und Patienten «NDEs» durchmachen - das bedeutet, dass im Rahmen dieser Studie nicht geklärt ist, was subjektiv erlebte «NDEs» hervorruft. Im Rahmen dieser Studie werden keine empirischen Argumente für das Vorhandensein eines vom physischen Körper getrennten Bewusstseins geboten.

Tabelle 2 auf Seite 2041 fasst die von den Patientinnen und Patienten berichteten Elemente ihrer «NDEs» zusammen:
Tabelle 3 auf Seite 2042 fasst die «NDEs» beeinflussende Faktoren zusammen:
Scheinbar wird auf dem 5%-Signifikanzniveau operiert; dabei fällt auf, dass viele Variablen einen nicht-signifikanten Effekt haben. Es werden zwei Signifikanz-Werte angegeben: Für das Auftreten von «NDEs» einerseits, für die Intensität («depth») von «NDEs» andererseits. Für beide Effekte wird die Signifikanz angegeben, aber nichts über Effektstärke gesagt.

Tabellen 4 und 5 auf Seite 2042 fassen die Unterschiede zwischen Patientinnen und Patienten in Betreff der subjektiv empfundenen Veränderungen des eigenen Lebens 2 Jahre bzw. 2 und  8 Jahre nach dem erlebten Herzstillstand zusammen, unterschieden für «NDE»-Auftreten:
Tabellen 4 und 5 sind, wie die vorherigen drei, grundsätzlich interessant: Menschen, welche ein «NDE» hatten, haben im Schnitt verhältnismässig stärkere Veränderungen durchgemacht als Menschen ohne «NDE» (es ist, statistisch gesehen, natürlich möglich, dass die in dieser Studie untersuchten Individuen ohne «NDE» schon vorher stärker derartige Charakterzüge aufwiesen, eine Veränderung deshalb allenfalls geringer ausfiel; ebenso ist unklar, ob allenfalls einzelne Ausreisser-Werte die Ergebnisse verzerren).
Grenzwertig ist aber die Darstellung der Werte in Tabelle 4: Aus dem Fliesstext geht hervor, dass die Tabelle jene 13 Indikatoren des gemessenen «life change inventory» zeigen soll, mit welchen «NDE» signifikant korrelieren. Abgesehen von der verwirrenden Darstellung bleibt in der Tabelle unerwähnt, dass der «life change inventory» 34 Indikatoren aufweist. Auch hier werden wiederum Signifikanzen berichtet, Effektstärken aber verschwiegen.
Noch schlechter Tabelle 5: Plötzlich werden nicht mehr die Signifikanzwerte angegeben, sondern Summen für einzelne Indikatoren. Wohlgemerkt: Dabei handelt es sich um die Summen aller individuellen Werte für die Indikatoren - und die Anzahl Individuen in der «NDE»-Kategorie ist mit 23 um 8 höher als in der «keine NDE»-Kategorie.
Was bedeutet das? Für den Indikator «Fear of Death» z.B. relativieren sich die durchschnittlichen Unterschiede: Nach zwei Jahren ist der Schnitt für «NDE» -2.04, bei «keine NDE» bei -1.07. Nach acht Jahren beträgt der durchschnittliche Unterschied für «NDE» -2.74, für «keine NDE» -2.73.
Aus diesen perfid dargestellten Ergebnissen den Schluss zu ziehen, «NDEs» hätten zum Ergebniss, dass die Betroffenen danach keine Todesangst mehr hätten (wie Christoph Müller van Lommel zitiert), ist absurd.

Insgesamt schätze ich die Ergebnisse dieser Studie als grundsätzlich interessant ein: Es wurde zum einen versucht, Variablen zu finden, welche möglicherweise «NDEs» begünstigen, zum anderen wurde untersucht, ob «NDEs» persönlichen Lebenswandel beeinflussen. Mehr als eine explorative Studie mit fragwürdiger, da bisweilen an bewusste Täuschung grenzender, Darstellung der Ergebnisse ist diese Studie aber nicht.

Eine Frage ist noch zu beantworten: Wie kommt Christoph Müller dazu, diese letztlich wenig aussagekräftige Studie als Indiz für ein nicht-physisches Bewusstsein zu deuten? Die Schuld liegt wohl bei den Autoren der Studie.
Bei der Besprechung der Studie, auf den Seiten 2043 und 2044, begehen sie einen gravierenden Fehler:
Ein klassischer Fall eines «argument from ignorance»-Fehlschlusses: Weil noch unklar sei, wie «NDEs» organisch erklärbar sind, soll es möglich sein, dass Bewusstsein unabhängig vom Körper existiert. Wie wird dieser unhaltbarer «leap of faith» begründet? Subjektive Anekdoten: Betroffene Individuen berichten von ihren Erlebnissen.
Insbesondere das Wort «veridical» irritiert: Ein subjektiver Bericht wird als «wahr» interpretiert. Dies machen die Autoren bereits an einer früheren Stelle in dieser Arbeit: Auf Seite 2041 wird die Anekdote einer Krankenschwester beschrieben, aufgrund welcher die angebliche «ausserkörperliche Erfahrung» des betroffenen Patienten als «veridical» beschrieben wird - bestenfalls ist in dieser Anekdote aber bestätigt, dass der Patient Details kennt, welche er unter normalen Umständen nicht hätte kennen sollen. Eine solche Anekdote bestätigt in keiner Weise, dass «ausserkörperliche Erfahrungen» tatsächlich stattfinden.

Der Glaube, dass «NDEs» ein Zeichen für die Existenz eines vom Körper unabhängigen Bewusstseins sind, ist nicht Wissenschaft, sondern - Glaube.

Es ist erfreulich, dass Christoph Müller vom Schweizer Fernsehen Bezug auf wissenschaftliche Forschung nimmt. Weniger erfeulich ist, dass Christoph Müller die von ihm zur Verteidigung des pseudowissenschaftlichen DOK-Filmes «Jenseits retour» zitierte Literatur nicht kritisch liest.
Wie es der Zufall will (oder ist es mehr?), war Pim van Lommel vor Kurzem zu Gast beim Pseudo-Skeptiker-Podcast «Skeptiko», wo er ein, nach meinem Dafürhalten eigenartiges, Interview gab. Bezeichnend seine Abrechnung mit Kritikerinnen und Kritikern:
I think the gap is not that large or as big as you presume because the Skeptics are very active. The Skeptics have their own truth and they don’t listen to somebody else who has a different opinion. So there’s a gap and there will always be a gap. There is no discussion possible with Skeptics because they have the truth.

Die restlichen Argumente Christoph Müllers
Im Rest der Replik geht Christoph Müller auf konkretere Punkte meiner Kritik an «Jenseits retour» ein.

Zunächst, auf Seite 3, nimmt er Stellung zu Walter von Lucadou:
Die akademische Laufbahn von Lucadous bestreite ich nicht, aber, wie ich in den Kommentaren beim ursprünglichen Blogeintrag zu erklären versuche, ein akademischer Hintergrund ist keine Carte Blanche für die Verbreitung von Pseudowissenschaft im Deckmantel der Wissenschaftlichkeit - von Lucadous Aussagen in «Jenseits retour» müssten an und für sich genügen, um meine Behauptung, er sei Pseudowissenschaftler, nachzuvollziehen. Warum zudem von Lucadous «Beratungsstelle» für «Grenzgebiete der Psychologie» ein Beleg für Wissenschaftlichkeit sein soll, verstehe ich nicht.

Danach widmet sich Christoph Müller meiner Kritik am suggestiven Einsatz filmischer Mittel:
In der Tat kann ich nicht wissen, was die Absicht der Verantwortlichen hinter «Jenseits retour» ist - solche Diskussionen gehören ins Feuilleton. Die Erklärung Müllers ist dennoch unbefriedigend: Es soll ausgesagt werden, dass es sich um «Dinge, die kaum greifbar, mit rationaler und wissenschaftlicher Erklärung nicht oder noch nicht zu fassen sind», handelt. Das bedeutet, dass die Verantwortlichen hinter diesem Dokumentarfilm a priori keinen Anspruch auf rationale Erklärung und Darstellung hatten, sondern in erster Linie emotionalisierten. Wiederum eine andere Diskussion, aber: Eine solche Prioritätensetzung von Dokumentarfilmerinnen und -filmern ist fragwürdig.
Den Punkt mit der Musik muss ich klarstellen. Ich hatte geschrieben, dass meine Erwähnung des Videospiels «Silent Hill» nicht bedeuten soll, dass plagiarisiert wurde (was auch definitiv nicht der Fall war). Damit wollte ich demonstrieren, dass die Musik in «Jenseits retour» die (wie auch immer geartete) Atmosphäre stützen soll. Vielleicht habe ich mich unklar ausgedrückt, bei meiner Aussage bleibe ich aber: Die Wahl der Musik dient, wie die Wahl zahlreicher sonstiger filmischer Mittel, der Emotionalisierung und nicht der kritischen Behandlung des Themas. Diesen Anspruch auf Irrationalität expliziert Christoph Müller ja in obigem Zitat.

Im Weiteren widmet sich Müller meinem Argument, die beschriebenen Vorkommnisse könnten ebensogut «Zufall» sein:
Zunächst ein Detail: Ich schreibe nicht, wie im obigen Zitat behauptet, «Ein Ereignis ist mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eingetreten.», sondern «Ein Ereignis mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ist eingetreten.»; ein kleiner Unterschied zwar, aber nicht unbedeutend.
Christoph Müller begeht mit obigem Argument einen Fehlschluss. Zwei Argumente werden gleichgesetzt, obwohl deren Plausibilität unterschiedlich ist. Statistisch gesehen sind Vorkommnisse mit einer geringen Wahrscheinlichkeit des Eintretens eben nicht ungewöhnlich, wenn sie doch eintreten - ein Gewinn im Lotto, um das gängige Beispiel zu nennen, ist aus individueller Sicht vielleicht ein «Wunder» o.ä., wahrscheinlichkeitstheoretisch aber schlicht ein erwartetes Ereignis.
Die Behauptung, Übernatürliches sei im Spiel, bedarf argumentativer Stützung: Es muss rational erklärt werden können, warum ein Ereignis nicht bloss zwar unwahrscheinlich, aber eben natürlich nicht unmöglich ist. Ich habe ja kein Problem damit, angebliche kausale Beziehung als im Übernatürlichen gründend anzusehen - solange eine entsprechend stichhaltige Argumentation zur Begründung geliefert wird, was bei «Jenseits retour» nicht der Fall ist.

Auf den Tod der jungen Tochter Emma Oteros muss ich näher eingehen. In der Tat schreibe ich, dass Herzkreislauf-Erkrankungen im Schnitt die häufigste Todesursache in der Schweiz sind - und völlig zu Recht weist mich Christoph Müller darauf hin, dass das für jüngere Menschen nicht stimmt.
Zunächst behauptet Müller aber fälschlicherweise: «Diese Wahrscheinlichkeit, an einer Herzkreislauferkrankung zu sterben, ist allerdings bei einer gesunden 20-jährigen Frau nicht sehr gross.».
Emma Oteros Tochter war, ist dem Film zu glauben, nicht gesund; ihr Gebrechen war ererbt. Zudem impliziert Müller, dass es für ein Eregnis, welches unwahrscheinlich ist, Sinn macht, anzunehmen, es handle sich um Übersinnliches. Wiederum ein logischer «leap of faith»: Die Behauptung, es handle sich um Übersinnliches, wird durch ein Ereignis mit geringer Wahrscheinlichkeit des Eintretens nicht gestützt.

Ein weiterer Aspekt, welchen Christoph Müller aufnimmt, hat mich schlicht enttäuscht. Emotionale Reaktionen sind zwar unangebracht, aber anderes als Enttäuschung kann ich dem von mir so empfundenen Versuch Christoph Müllers, das Publikum für dumm zu verkaufen, entgegenbringen:
Bei allen «Ansichten und Schlussfolgerungen» handle es sich um diejenige der Protagonisten, nicht um die «Meinung oder Interpretation der Macherin». Dieser Punkt wird mit der Nennung von acht Stellen im Film unterstrichen.
Zunächst gibt es viele Stellen, an welchen die Voiceover-Stimme, in bester Tradition des Grierson'schen Dokumentarfilms, eben doch erklärt, was die Fakten sind. Um nur ein trauriges Beispiel zu nennen: Im obigen Zitat ist der Verweis Müllers auf 00:02:56 sichtbar, wo der Voiceover «wie er glaubt» sagt. Kurz zuvor wird aber Claire Stiefel vorgestellt, kurz danach Emma Otero - ohne jegliche «sie glaubt»-Bemerkungen oder sonstige Hinweise, dass es sich um Subjektives handelt.

Aber auch ein konstantes «sie glaubt», «er meint», «es gibt Menschen, welche denken» o.ä. würde nicht bedeuten, dass der Film neutral darstellt, was die Protagonisten zu erleben meinen. Die drei portraitierten Personen wurden nicht zufällig von einem oder mehreren Filmteams begleitet (z.B. im Falle Hans Ficklers in die USA), Walter von Lucadou hat sich nicht selbst für den Film eingeladen, die Interviews wurden nicht ungeplant geführt, die ausgestrahlten Interviewpassagen zeigen nicht zufällig Antworten auf völlig unkritische Fragen, die emotionalisierenden filmischen Mittel sind nicht willkürlich.
Dieser Dokumentarfilm hat, wie die meisten anderen auch, eine klare narrative Struktur. Dass Christoph Müller dies leugnet und erwartet, das Publikum sei naiv genug, diesem Argument glauben zu schenken, ist enttäuschend.

Zuletzt geht Müller auf meine Kritik an Claire Stiefel ein:
Es stimmt, dass ich Claire Stiefel fälschlicherweise als «Claudia» Stiefel bezeichnet habe; zwar nicht durchgehend, wie die Bemerkung Müllers impliziert, sondern zwei Mal, aber für den Hinweis bin ich selbstverständlich dankbar (die Korrektur habe ich im Originaltext vorgenommen).
Christoph Müller scheint, so meine Einschätzung, meine Kritik an Claire Stiefel misszuverstehen: Dass ich ankreide, ihr gehe es ums Geschäft, ist nicht direkt Kritik am Schweizer Fernsehen, sondern an Claire Stiefel selber. Am ehesten liess sich das DOK-Team von Stiefel für PR-Ambitionen usurpieren, wie nicht zuletzt ein Blick auf ihre Webseite verrät (Quelle; Stand: 14.12.2010):

Fazit
Ich hoffe, mit diesem überlangen Blogeintrag angemessen auf die aufwändige Arbeit des Ombudsmannes Achille Casanova und des Redaktionsleiters «Reportagen und Dokumentarfilme» Christoph Müller des Schweizer Fernsehens reagiert zu haben.

Meine ursprüngliche (durchaus gewollt scharf formulierte) Einschätzung ändere ich aber nicht: «Jenseits retour» ist ein pseudowissenschaftliches Machwerk, welches in dieser Form keinen Platz in öffentlich-rechtlichem Rundfunk haben darf.


Update 10.1.2011
Als Ergänzung vor allem hinsichtlich der Diskussion in den Kommentaren unten: Hier noch ein Interview aus NewScientist, welches das Phänomen Nahtoderfahrung aus medizinischer Sicht ausleuchtet:

8 Kommentare:

nirwanixla hat gesagt…

Die Studie von Lommel ist auch im Lancet veröffentlicht worden. Selber hab ich die Studie nicht gelesen, wohl aber schon vor einiger Zeit sein Buch, in dem er auch die Studie beschreibt.

Alles in allem hat er, soweit ich mich erinnern kann, sehr wohl zwischen Ergebnissen und Spekulation unterschieden. Ob die Spekulation in sich nicht widersprüchlich ist, kann ich nicht wirklich beurteilen, da er viel von der Quantenphysik bringt. Hierzu müsste man wohl einen Physiker befragen. Jedenfalls hab ich es so empfunden, dass er aus den Daten eine Theorie zu machen versucht, innsoweit geht das für mich in Ordnung.

Was mich an der Studie eher irritiert hat, dass auf etwas zu wenig eingegangen wurde: die außerkörperliche Erfahrung.
Denn die wäre ja empirisch überprüfbar. Sein Beispiel mit der Zahnprothese (vielleicht dir bekannt) kann zwar so gewesen sein, aber überzeugend ist es nicht. Die außerkörperliche Erfahrung bei Nahtoderlebnissen sollte also ein Schwerpunkt bei der Untersuchung werden, da sie eben empirisch überprüfbar ist (meines Wissens laufen noch immer Studien dazu).

Alles in allem kann ich Nahtoderfahrungen noch nicht wirklich einordnen, was ich davon halten sollte. Sie grundsätzlich als Unsinn abzulehnen habe ich aber auch keinen Grund. Die Hirnforschung hilft da ja auch nicht wirklich weiter, man landet halt immer wieder im Körper-Geist-Problem.

Marko Kovic hat gesagt…

Zunächst Danke für deinen Kommentar!

In dem Blogeintrage oben habe ich bewusst nur die Lancet-Studie thematisiert, da Christoph Müller vom Schweizer Fernsehen auch nur diese nennt. Und es ist sicher unprobemlatisch, ja geradezu willkommen, aus empirischer Forschung eine Theorie zu formen. Nur ist das Problem mit van Lommels Studie, dass er Schlüsse zu ziehen versucht, welche in keiner Weise aus seinen Ergebnissen hervorgehen.
Wie ich oben versucht habe, darzustellen, schreiben van Lommel et al. explizit, dass sie in dieser Studie nicht erklären können, warum es NDEs gibt, und es darum möglich sei, dass Körper und Bewusstsein getrennt seien.

Das ist ein grober Fehlschluss: Weil ein Phänomen durch einen bestimmten theoretischen Ansatz (angeblich) nicht erklärbar ist, soll ein gänzlich anderer Ansatz plötzlich plausibel sein.
Dasselbe Argument tragen Kreationisten vor: Weil Evolutionstheorie (angeblich) bestimmte Phänomene nicht erklären kann, soll das Beweis für die Existenz eines Schöpfergottes.

Auf van Lommels Webseite ist ja auch Texte von 2004 und 2006 herunterladbar, wo er sich aber bereits der Pseudowissenschaft verschrieben hat: Dort fängt der Nonsense um Quantenphysik an.
Nicht, dass Quantenmechanik an sich Pseudowissenschaft ist - ganz im Gegenteil. Dabei handelt es sich aber um eine ausgesprochen komplexe Theorie, welche empirisch besser messbar ist als die meisten anderen naturwissenschaftlichen Ansätze.
Wenn nun van Lommel (oder Homöopathen, oder Akupunkturisten, oder Wunderheiler etc.) behaupten, ihre Aussagen seien durch quantenmechanische Modelle erklär- und messbar - wunderbar! Dann liegt es aber an diesen Personen, ihre Behauptungen durch konkrete theoretische und empirische Ergebnisse darzustellen (nach Sagan: Extraordinary claims require extraordinary evidence). Eben das machen Pseudowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler nicht und benutzen Quantenphysik als Zauberhut, welcher es ihnen vermeintlich erlaubt, alles zu behaupten.
Quantenphysik ist für van Lommel nicht mehr als ein cop-out: Anstatt konkrete Argumente vorzulegen, wird einfach behauptet, dass das alles Quanteneffekte seien, untemalt mit ein paar vagen Analogien. Das ist in pseudowissenschaftlichen Kreisen en vogue und klingt wohl überzeugender, als von Göttern, geheinem Energien o.ä. zu sprechen.

An sich spricht sicher nichts dagegen, NDEs zu untersuchen. Dass es diese Ereignisse gibt, ist ja unbestritten - zahlreiche Menschen berichten von bestimmten Eindrücken und Empfindungen in Nahtod-Situationen. Und recht überzeugende Ansätze zur Erklärung von NDEs gibt es ja bereits, vgl. z.B. hier.

Das Stichwort ausserkörperliche Erfahrungen ist in diesem Kontext auch interessant: In der Regel handelt es sich dabei um Anekdoten, bei welchen es nachträglich schwierig ist, zu klären, wie genau diese zustandegekommen sind. Auber auch wenn beweisbar wäre, dass Individuen nach ausserkörperlichen Erfahrungen wirklich Dinge wissen, welche ihnen niemand anderes, bewusst oder unbewusst, hätte mitteilen können, wäre das kein Beweis, dass Körper und Bewusstsein getrennt sind.
Die erste Interpretation in solchen Fällen müsste sein, dass das betroffene Individuum doch nicht völlige Bewusstlosigkeit erlebt hat, dass also doch irgendwie konkrete Informationen aus dem Umfeld während der angenommenen Bewusstlosigkeit aufgenommen wurden.
Hier tritt wieder das gleicher Muster auf: Nur weil etwas durch einen Ansatz nicht erklärt ist, stützt das nicht automatisch einen völlig anderen Ansatz. Auch der andere Ansatz ist auf Argumente angewiesen, welche explizit dessen eigene Aussagen stützen.

So, ich hoffe, ich konnte ein bisschen klären, was ich meine ;)

nirwanixla hat gesagt…

"Das ist ein grober Fehlschluss: Weil ein Phänomen durch einen bestimmten theoretischen Ansatz (angeblich) nicht erklärbar ist, soll ein gänzlich anderer Ansatz plötzlich plausibel sein."

Ich sehe das so: Aus der Nicht-Erklärbarkeit eines Phänomens durch einen bestimmten theoretischen Ansatz folgt weder die Plausibilität noch die Nicht-Plausibilität eines gänzlich anderen Ansatzes. Zumindest logisch gesehen. Das gilt auch für die Kreationisten.

Zu den Berichten von NTE-Betroffenen: Meines Wissens ist es in der Psychologie üblich, dass Berichte von Betroffenen auch zu "Daten" gerechnet werden (in Kombination mit anderen Messverfahren). Die Zuverlässigkeit dieser Daten ist ein anderes Thema. Was die außerkörperliche Erfahrung anbelangt, so kenne ich diese Thematik etwas anders:

Die These, dass bei außerkörperlicher Erfahrung die Betroffenen noch nicht völlig bewusstlos sind, könnte zu kurz greifen, da die Betroffenen ja anscheinend genau in diesen Momenten ein erweitertes Bewusstsein erleben. Das wäre irgendwie widersprüchlich, denn bei, sagen wir, so halbem Bewusstsein, plötzlich erweitertes Bewusstsein zu haben, wäre auch komisch. Noch komischer natürlich, bei "keinem" Bewusstsein" ein super Bewusstsein zu haben :)

Wie dem auch sei. In der empirischen Forschung sehe ich aber die Möglichkeit, außerkörperliche Erfahrung, und damit ev. eine Körper-Geist-Trennung nachzuweisen. Und zwar in etwa so (meines Wissens wirds auch so gemacht):

Es werden Zeichenfolgen an höheren Positionen angebracht, die von Patienten und auf den Stationen arbeitenden Personal nicht eingesehen werden können und damit unbekannt bleiben (sofern nicht geschummelt wird). Die Zeichenfolgen ändern sich gekoppelt an bestimmte Zeitwerte. So wäre im Nachhinein feststellbar, wann genau eine außerkörperliche Erfahrung stattgefunden hat. Denn auch der Zeitfaktor spielt ja eine bedeutende Rolle.

Würde ein Betroffener also die Zeichenfolge kennen und stimmt der Zeitpunkt der entsprechenden Zeichenfolge mit dem Zeitpunkt der Bewusstlosigkeit des Patienten überein, dann könnte man schon den Schluss ziehen, dass es ein vom Körper getrenntes Bewusstsein geben könnte. Immer unter der Annahme, dass nicht geschummelt wird und wenn ausreichend viele Fälle vorliegen. Was meinst du dazu?

Marko Kovic hat gesagt…

Teil 1:

Als erstes muss ich mich für die vielen Schreibfehler in meinem ersten Kommentar entschuldigen; Koffein kann Schlaf eben doch nicht ganz ersetzen ;)


Ich sehe das so: Aus der Nicht-Erklärbarkeit eines Phänomens durch einen bestimmten theoretischen Ansatz folgt weder die Plausibilität noch die Nicht-Plausibilität eines gänzlich anderen Ansatzes. Zumindest logisch gesehen. Das gilt auch für die Kreationisten.


Da sind wir uns ja einig. Und eben hier, so meine Einschätzung, liegt der Schwachpunkt bei van Lommel: NDEs seien nicht gänzlich naturwissenschaftlich erklärbar, darum sei ein völlig anderer Erklärungsansatz in Betracht zu ziehen. Solange aber für diesen alternativen Ansatz nicht konkrete Argumente vorgelegt werden, bleibt dieser ungestützt.

Zu den Berichten von NTE-Betroffenen: Meines Wissens ist es in der Psychologie üblich, dass Berichte von Betroffenen auch zu "Daten" gerechnet werden (in Kombination mit anderen Messverfahren). Die Zuverlässigkeit dieser Daten ist ein anderes Thema.

Allgemein sind, würde ich meinen, auch anekdotische Berichte zu berücksichtigen, nicht nur in der Psychologie. Diese bilden aber eher die Grundlage für den Beginn von Forschung. In diesem Blogeintrag z.B. schreibe ich etwas über «Epilepsie-Hunde». Hier sind es auch vor allem individuelle Erfahrungsberichte, welche die Frage aufdrängen, ob Hunde tatsächlich in irgendeiner Art sich ankündigende Epilepsie-Anfälle spüren können.
Aufgrund alltäglicher Erfahrungen Forschung zu betreiben, ist völlig legitim - die Forschung sollte sich aber nicht in solchen alltäglichen Erfahrungen erschöpfen.


Wie dem auch sei. In der empirischen Forschung sehe ich aber die Möglichkeit, außerkörperliche Erfahrung, und damit ev. eine Körper-Geist-Trennung nachzuweisen.

Genau genommen darf es in der Wissenschaft nicht darum gehen, etwas nachzuweisen, sondern eher darum, zu prüfen, ob eine Hypothese o.ä. gestützt wird ;).


Es werden Zeichenfolgen an höheren Positionen angebracht, die von Patienten und auf den Stationen arbeitenden Personal nicht eingesehen werden können und damit unbekannt bleiben (sofern nicht geschummelt wird). Die Zeichenfolgen ändern sich gekoppelt an bestimmte Zeitwerte. So wäre im Nachhinein feststellbar, wann genau eine außerkörperliche Erfahrung stattgefunden hat. Denn auch der Zeitfaktor spielt ja eine bedeutende Rolle.

Würde ein Betroffener also die Zeichenfolge kennen und stimmt der Zeitpunkt der entsprechenden Zeichenfolge mit dem Zeitpunkt der Bewusstlosigkeit des Patienten überein, dann könnte man schon den Schluss ziehen, dass es ein vom Körper getrenntes Bewusstsein geben könnte. Immer unter der Annahme, dass nicht geschummelt wird und wenn ausreichend viele Fälle vorliegen.


Grundsätzlich ist so eine Beobachtungs-Anordnung, würde ich meinen, kein Problem - je mehr Daten gesammelt werden, desto besser. Konkret gibt es aber doch einige Punkte, welche mir heikel erscheinen:

1. Praktische Schwierigkeiten
Implizit ist in deinem Szenario die Prämisse eingebaut, dass «out of body experiences» («OBEs») bedeuten, dass das körperlose Bewusstsein schwebt. Diese Annahme scheint mir aber unbegründet: Wenn es tatsächlich «OBEs» im Sinne einer faktischen Ausserkörperlichkeit gäbe, muss nicht gesagt sein, dass das betroffene Individuum ohne Weiteres in der Lage ist, zu bestimmen, was es wie wahrnehmen möchte.
Wären die Individuen informiert darüber, dass irgendwo im Raum eine Zeichenfolge angebracht ist und sie, falls es zu einer «OBE» kommt, diese explizit ablesen sollen?

Marko Kovic hat gesagt…

Teil 2:

2. Theoretische Schwierigkeiten
-Dein Unterschungsszenario ist, wenn ich mich nicht täusche, nicht als experimentelle Anordnung realisierbar. Etwas in mindestens der Form:
R X O
R O
ist nicht machbar, da keine Randomisierung der Versuchsgruppen möglich ist. Aber auch handelt es sich um kein Quasi-Experiment, z.B. in dieser minimalistischen Form:
X O
O

Die Intervention «X» wäre ja nicht von der Forscherin, von dem Forscher induzierbar. Zwar konnten in Versuchen «NDE»-ähnliche Zustände durch Manipulation des Hirns mittels elektrischer Impulse eingeleitet werden; das sind aber nicht «richtige» «NDEs». Letztlich wäre die Untersuchung beobachtender Natur, also im Sinne einer «ex post facto»-Anordung: «NDEs» treten von alleine auf.

Hier ist wieder das klassische Problem, dass unklar ist, wodurch die abhängige Variable (in diesem Fall: Kenntnis der geheimen Zeichenreihe) beeinflusst wird. Auch wenn es bei genügend grossen Fallzahlen einen starken statistischen Zusammenhang zwischen «OBEs» und Kenntnis des Zeichen-Codes gibt, sehe ich noch nicht, warum das die Hypothese, bei «OBEs» trenne sich das Bewusstsein vom Körper, stützen würde.

Angenommen, die Ergebnisse würde eindeutig zeigen, dass Menschen nach «OBEs» den geheimen Zeichencode kennen und das Risiko der beeinflussung durch Drittpersonen minimiert ist: Die Frage, warum Individuen nach «OBEs» den Code kennen, wäre noch nicht geklärt.
Eine Möglichkeit wäre in der Tat, dass das Bewusstsein während «OBEs» den Körper verlässt und z.B. schweben kann. Eine andere Erklärung wäre, dass die betroffenen Individuen während «OBEs» telepathischen Kontakt zu Personen aufnehmen, welche den Algorhythmus zur Code-Berechnung kennen. Wiederum eine andere Erklärung wäre, dass die Individuen während «OBEs» eine «Quantenverschränkung» mit der sich ändernden Zeichenfolge eingehen, ohne in Tat und Wahrheit den Körper zu verlassen.

All diese aussergewöhnlichen Behauptungen bedürften ebenso aussergewöhnlicher Beweisführung. Die Kenntnis des Zeichencodes nach einer «OBE» ist - und darum geht es mir eigentlich - kein valider Indikator für die Getrenntheit von Körper und Bewusstsein.

Soweit meine Einschätzung ;)
Falls ich in meinem ersten Kommentar etwas aggressiv wirkte, entschuldige ich mich - damit wollte ich aber eher van Lommel «angreifen», nicht interessierte Leser wie dich .

nirwanixla hat gesagt…

zu Teil 1: nimmt man die Berichte über NTE ernst, dann ist zu erwarten, dass das körperlose Bewusstsein meist irgendwo oberhalb schwebt. Zumindest wird es meistens so beschrieben. Ebenso gibt es Berichte, in denen beschrieben wird, dass die Position gewechselt werden kann.

"Wären die Individuen informiert darüber, dass irgendwo im Raum eine Zeichenfolge angebracht ist und sie, falls es zu einer «OBE» kommt, diese explizit ablesen sollen?"

Hier muss ich passen, meines Wissens aber nicht.

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Zu Teil 2: Telepathie und Quantenverschränkung sind meines Erachtens keine plausiblen Lösungen, sofern man die Berichte der Betroffenen ernst nimmt. Die besagen nämlich ganz klar,dass die Betroffenen bei vollem Bewusstsein sind und meist von oben herabsehen. Zudem besteht nach wie vor ein Knackpunkt darin, wie ein nicht funktionierendes (?) Gehirn das alles hervorbringen soll.

Mich haben solche Berichte primär an Klarträume erinnert, in denen man sich selbst bewusst ist, aber auch weiß, dass man träumt. Einerseits sind normale Träume ja auch sehr real, aber nach dem Aufwachen weiß man in der Regel, dass alles nur ein Traum war. Bei einer NTE scheint das aber nicht so zu sein, die wird anscheinend als völlig real empfunden.

Wie schon im ersten Kommentar gesagt, ich kann das alles noch nicht wirklich einordnen und hoffe auf weitere Forschungsergebnisse.

Marko Kovic hat gesagt…

Als Ergänzung habe ich heute, am 10.1.2011, am Ende des Artikels ein zum Thema passendes Interview aus NewScientist angefügt.

Fred G. hat gesagt…

Ich finde es krank, solchen Aufwand zu treiben, nur um Recht zu haben. Wer eine Erfahrung macht, braucht keine Bestätigung der Wissenschaft, die nur die Theorie kennt.

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