16. Dezember 2010

Lesetip: «50 Great Myths of Popular Psychology»

Am 5. Dezember hat NZZ-online einen mit «Anwalt des Bauchgefühls» betitelten Artikel über den deutschen Psychologen Gerd Gigerenzer veröffentlicht. Gigerenzers Position wird mit einem Zitat auf den Punkt gebracht: «Langes Grübeln bringt oft wenig.». Auch steht über Gigerenzer weiter, «Er behauptet vielmehr, dass Entscheidungen, die auf Berechnung beruhten, generell oft schlechter seien als intuitiv getroffene.».

Dieser kurze NZZ-Artikel ist guter Anlass, das Buch «50 Great Myths of Popular Psychology. Shattering Widespread Misconceptions about Human Behavior» zu empfehlen.
50 Mythen der Psychologie werden darin entzaubert - darunter auch die Annahme, Intuition sei im Zweifelsfall verlässlicher als rationaler Entscheid.

Für eine Prüfungssituation, bei welcher Zweifel ob der Richtigkeit der Antwort bestehen, ist der oft gehörte Rat, wie ihn indirekt auch Gigerenzer im zitierten NZZ-Artikel widergibt, den ursprünglichen «hunch», die erste intuitiv gewählte Antwort, beizubehalten. Die empirischen Erkenntnisse zu dieser Strategie fassen die Autoren hingegen wie folgt zusammen (S. 89):
So to cut to the bottom line: When in doubt, we're usually best not trusting our instincts. After all, our first hunches are just that - hunches. If we have a good reason to believe we're wrong, we should go with our head, not our gut, and turn that pencil upside-down.
Ein anderer Bereich, in welchem Intuition rationaler Entscheidungsfindung gegenübersteht, betrifft den «practitioner-scientist gap»: Die Autoren kritisieren im Bereich der klinischen Psychologie den Umstand, dass sich zahlreiche Praktizierende dagegen sträuben, mittels «mechanischer Methode» beispielsweise statistische Forschungsergebnisse in ihre alltäglichen Entscheidungen einzubinden und sich stattdessen vollends auf die «klinische Methode» verlassen, in welcher Intuition Primat über den Einzelfall hat.
Die Autoren fassen die Situation wie folgt zusammen (S. 231):
There's ample evidence to support the use of mechanical decision aids, yet mental health professionals rarely use them when they're readily available. That's a shame. Just as judgement and intuition alone aren't enough to hover, swoop, and steer clear of tall buildings when flying a helicopter, clinicians can make better decisions when they rely on more than just their judgement and intuition. And just as helicopter pilots must learn to use an airspeed indicator, an artificial horizon, and a bunch of "crazy dials," mental health professionals would serve their patients better if they developed and used statistical equations and actuarial tables to process information more effectively.
Auf das Bauchgefühl ist, alles in allem, also doch nur bedingt Verlass.

Das Literaturverzeichnis des Buches ist über 60 Seiten lang (!), zudem sind auf 2 Seiten nützliche Internetlinks zu «Psychomythology» angegeben:
Auch hier gilt es, gegen Intuition anzukämpfen: Die Links in den Fotos anzuklicken, bringt leider nichts.

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