30. Dezember 2010

Tagesanzeiger-online: «Mit Placebo durch den Winter?»

Am 16. Dezember hat Tagesanzeiger-online einen Eintrag im preisgekrönten «Mamablog» mit dem Titel «Mit Placebo durch den Winter?» veröffentlicht.
Der Text, ein Plaidoyer für die Tugenden der «alternativen» Medizin, im Besonderen der Homöopathie, fasst einige der gängigen Fehlschlüsse der «CAM»-Verfechterinnen und Verfechter zusammen und zeigt einmal mehr, dass gegen emotionale Aufladung argumentativ nur schwer anzukommen ist.

Die Krux mit den Kindern
Im ersten Abschnitt spricht die Autorin das wesentliche Dilemma der «alternativen» Medizin an: Kritische Aufklärung einerseits (die Autorin, Michèle Binswanger, ist selber Akademikerin), die suggestive Kraft subjektiver Erlebnisse andererseits.

Zunächst erwähnt die Autorin, Homöopathie habe sie einst von einem «wirklich misslichen» Leiden befreit - schon hier der Fehlschluss, anhand einer subjektiv wahrgenommenen Korrelation anzunehmen, dass ein kausaler Zusammenhang vorhanden ist. Es ist aber vor allem der letzte Satz des ersten Abschnittes, welcher das Problem aufzeigt:
Und das hat auch mit meinen Kindern zu tun.
Ich selber bin nicht Vater (oder zumindest: nicht, dass ich wüsste), kann aber nachvollziehen, dass das Wohlergehen der eigenen Nachkommen einen sehr hohen Stellenwert hat. Entsprechend sind anekdotische Erfahrungen mit «alternativer» Medizin, sobald es um die Geshundheit der eigenen Kinder geht, emotional zusätzlich beschwert.

Es ist anzunehmen, dass die Autorin bloss versucht, möglichst gut für ihre Kinder zu sorgen, was durchaus zu begrüssen ist. Meine weitere Argumentation wirkt vielleicht kaltherzig, wenn ich die Behauptungen der Autorin, einer interessierten und fürsorglichen Mutter, als Fehlschluss in Form anekdotischer Evidenz abtue. Um aber für einen Moment auf der emotionalen Schiene weiterzufahren: Wäre es nicht nötig, dass gerade gewissenhafte Eltern ihre eigenen subjektiven und entsprechend nur bedingt zuverlässigen Erfahrungen in Frage stellen, um dem Kind oder den Kindern am besten dienlich zu sein?

Die Kraft der Anekdote
Im zweiten Absatz macht die Autorin folgende Aussage:
Wer an ihre [der Homöopathie] Wirksamkeit glaubt, muss damit rechnen, in dieselbe Ecke gestellt zu werden wie Urintrinker, Lichtesser und die Idioten, die ihr Geld in eine Beratung bei Mike Shiva investieren.
Ein Argumentationsmuster, welches im, allgemein gefasst, Esoterik- und New Age-Milieu nicht unüblich zu sein scheint: Um der eigenen Position Glaubwürdigkeit zu verleihen, werden andere mehr oder weniger verwandte 'Disziplinen' denunziert.
Das, obwohl jene Dinge, von welchen sich die Autorin in diesem Fall distanziert, im Grunde dasselbe argumentative Gerüst nutzen wie die Autorin in ihrem Text: anekdotische Evidenz. So werden wohl die meisten «Idioten» nach einer Beratung bei Mike Shiva mit der erhaltenen Dienstleistung zufrieden sein, werden Lichtesser nach einer herzhaften Portion Photonen Sättigung empfinden, werden Urintrinker nach einem Schluck Körpersaft die positiven Effekte schnell spüren.

Weiter erzählt die Autorin, wie ihr Homöopathie bei der Geburt geholfen habe:
Als ich am Gebären war und es mit den Wehen nicht vorwärtsging, gab mir die Hebamme ein paar Globuli – eine Stunde später war die Tochter da. Meine Schwester, eine klassisch geschulte Gynäkologin, erzählte mir, auch sie staune jeweils, wie effizient manchmal von Hebammen verabreichte Globuli wirkten.
Es ist unklar, ob die Autorin der Ansicht ist, dass, hätte sie keine Globuli erhalten, die Wehen permanent ausgeblieben wären. An und für sich ist Homöopathie beim Gebären ja das klassische Beispiel, um aufzuzeigen, dass Homöopathie als Placebo bei Spontanverläufen zum Einsatz kommt, was beim betroffenen Individuum den Eindruck eines kausalen Zusammenhanges hinterlässt.

Danach fällt der Versuch der Autorin, einen etwas eigentümlichen «appeal to authority»-Fehlschluss einzubauen, auf:
Die beiden Kinderärzte, zu denen ich mit meinen Kindern gehe, haben meine Kinder mit Homöopathie oder anthroposophischer Medizin geheilt. Beide sind, wie übrigens auch meine Ärztin, ausgebildete Schulmediziner, die nicht zögern, klassische Pharmazie einzusetzen, wenn sie es für nötig halten.
«Alternative» Medizin soll als glaubwürdig dargestellt werden, weil «ausgebildete Schulmediziner» als Autoritätsfiguren dafür bürgen. Dies ist ein Fehlschluss, weil der Umstand, dass auch wissenschaftlich Geschulte «alternative» Medizin anwenden, nichts darüber aussagt, ob diese «alternative» Medizin wissenschaftlicher Prüfung standhält.

Die Kraft des Placebo
Im dritten Absatz geht die Autorin auf das Argument ein, Homöopathie sei bloss ein Placebo:
Placebo-Effekt, sagen die Gegner. Aber wenn es nur Placebo ist, warum helfen dann nicht alle homöopathischen Mittel? Warum zeigen die einen null Wirkung, während sich bei andern spontane Besserung einstellt? Und wieso helfen Globuli auch Tieren oder Kindern? Als meine Tochter drei Monate alt war, erkrankte sie an einer schweren asthmatischen Bronchitis. Der Arzt verschrieb homöopathische und anthroposophische Mittel – die Tochter war im Nu wieder gesund. Placebo? Und wie geht das bei einem Wesen, das kognitiv noch nicht begreifen kann, was überhaupt ein Arzt, was Medizin ist? Meine Tochter litt ebenfalls unter Neurodermitis, welche wir, nach tausenderlei Versuchen mit einer homöopathischen Salbe in den Griff bekamen. Und es handelte sich nicht um eine Spontanheilung, denn sobald wir die Salbe absetzten, war die Neurodermitis wieder da.
Zunächst die berechtigte Frage, warum nicht alle homöopathischen Mittel heilten. Implizit sagt die Autorin damit, dass alle Placebos die gleiche Wirkung haben, was nicht stimmt; auf wikipedia sind einige die Stärke des Placebo-Effektes beeinflussende Faktoren zusammengefasst.
Ein banales Beispiel bei Homöopathie: Person A ist Vegetarierin, Person B nicht. Ein Homöopathie-Mittel beispielsweise auf Enten-Basis wird bei Person A sehr wahrscheinlich andere Erwartungshaltungen hervorrufen als bei Person B.

Ein oft gehörtes Argument zur Verteidigung der Homöopathie legt auch die Autorin vor: Placebo-Effekte gebe es bei Tieren (d.h., bei anderen Tieren als dem Mensch) und Kindern nicht. Diese Aussage stimmt nicht.
Die angeblichen Wirkungen von Homöopathie bei Tieren und Säuglingen beruhen auf anekdotischen Berichten von Eltern bzw. Kinderbetreuerinnen und -betreuern einerseits, Tierhalterinnen und -haltern andererseits. Ein möglicher Placebo-Mechanismus in solchen Konstellationen ist offensichtlich: Die Eltern einerseits, die Tierhalterinnen und -halter andererseits beeinflussen durch ihre Zuwendung die subjektiv wahrgenommene Verbesserung des Kindes oder des Tieres. Es handelt sich dabei also um konditionierte Reaktionen auf Behandlungsrituale.

Einen weiteren wichtigen Punkt im Zusammenhang mit dem Placebo-Effekt habe ich in diesem Blogeintrag angesprochen: Placebo-Effekte können in Fällen von Schmerzlinderung auch bedeuten, dass  körpereigene Opioide ausgeschüttet werden. Dieser Mechanismus findet unabhängig von kognitiver Leistungsfähigkeit statt, bei Menschensäuglingen also potentiell ebenso wie bei Hasen, Hunden und Hamstern.

Das Argument, dass es bei Säuglingen und Tieren keinen Placebo-Effekt gebe und Homöopathie darum wirken müsse, ist, bei genauerer Betrachtung, ein «argument from ignorance»-Fehlschluss: Nur, weil es den Placebo-Effekt bei Säuglingen und Tieren (angeblich) nicht gibt, ist noch nicht erwiesen, dass bei diesen Gruppen Homöopathie tatsächlich wirkt.

Das Übliche: Anything goes
Im vorletzten Absatz fasst die Autorin ihren Standpunkt zusammen. Zunächst diese, ein wenig trotzig wirkende Gegenüberstellung:
Überzeugte Gegner der alternativen Heilmethoden werden sich natürlich auch durch solche Argumente nicht umstimmen lassen. Sie bleiben dabei, dass die alternative Medizin auf Dogmen beruht, die einer rationalen Prüfung nicht standhalten. Trotzdem hilft sie – und zwar nicht nur Homöopathie, sondern auch die traditionelle chinesische Medizin oder Phytotherapie.
«Gegner» «alternativer» Heilmethoden bleibten dabei, dass «die alternative Medizin auf Dogment» beruhe, welche «einer rationalen Prüfung» nicht standhielten. Aber, so die Autorin, «[t]rotzdem hilft sie». Die Autorin scheint interessanterweise anzuerkennen, dass die Behauptungen von «CAM»-Vertreterinnen und -Vertretern kritischer Prüfung nicht standhalten.

Ein Punkt gehört geklärt: Die Autorin wirft Homöopathie, «traditionelle chinesische Medizin» und Phytotherapie in einen Topf, was eindeutig falsch ist. Während Hoomöopathie und TCM auf hanebüchenen Konzepten beruhen und wissenschaftlich relevante Empirie diese Ansätze widerlegt, ist die Situation bei Phytotherapie eine andere.
Dem etwas esoterisch klingenden Namen zum Trotz ist Phytotherapie, oder Pflanzenheilkunde, durchaus mit wissenschaftlicher Medizin kompatibel, hält Phytotherapie im Kern durchaus, um den Begriff der Autorin zu verwenden, rationaler Prüfung stand (nicht verborgene Energien, angebliche Quanteneffekte o.ä. interessieren, sondern aktive Inhaltsstoffe).
Das Thema Phytotherapie möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen und verweise stattdessen auf eine lesenswerte Seite inkl. Blog, auf welcher Pflanzenheilkunde ausführlich und kritisch behandelt wird: heilpflanzen-info.ch.

Ihre ganze Argumentation verdichtet die Autorin gekonnt in folgendem Fehlschluss:
Und zuletzt: Wenn sich etwas nicht mit den geläufigen Erfassungsmethoden nachweisen lässt, muss man dann notwendig daraus schliessen, dass es nicht existiert? Eben.
Eben: Anything goes.

Solange etwas nicht nachweisbar ist, kann gemäss der Autorin trotzdem angenommen werden, dass es  existiert (implizit bedeutet das im Gegenzug, dass Hypothesen nie falsifizierbar sind - alle Argumente beispielsweise, welche gegen die Wirkung von Homöopathie sprechen, können getrost ignoriert werden).
Dass sich die Autorin ein paar Absätze weiter oben in ihrem Text über die «Idioten» bei Mike Shiva, Lichtesser und Urintrinker lustig macht, scheint bereits vergessen - gemäss ihrerm «anything goes»-Fehlschluss macht es auch für diese von ihr verlachten Bespiele Sinn, anzunehmen, dass die ihnen zugrundeliegenden Behauptungen wahr sind.

Fazit
Der in diesem Blogeintrag kritisierte «Mamablog»-Text ist verhältnismässig kurz, aber dicht an typischen Fehlschlüssen; die erfrischende Offenheit überrascht trotzdem: Es wird erklärt, dass Homöopathie und Konsorten wissenschaftlicher Prüfung nicht standhalten - und bewusst wird dem Irrationalen Vorrang gegeben, bewusst wird jedes Gegenargument ignoriert, bewusst wird das Wort «rational» pejorativ verwendet. 

4 Kommentare:

Markus Graber hat gesagt…

Von wegen "Akademikerin": Das heisst erstens, wie du glaub ich auch schon erwähnt hast gar nichts, zweitens sind Philosophie und Germanistik keine naturwissenschaftlichen, sondern geisteswissenschaftliche Studienrichtungen. Bei einem Grossteil dieser Leute wirst du auch keinen kritisch- analytischen Denkansatz vorfinden.

Marko Kovic hat gesagt…

Tja, genau das ist das Problem: An sich sollte jede wissenschaftliche Disziplin an Universitäten einen kritisch-analytischen Denkansatz vermitteln, de facto bewegen sich die "weichen" Wissenschaften (z.B. auch mein Studiumsschwerpunkt, Politikwissenschaft) munter auch in unwissenschaftlichen Gefilden - Dinge, welche in "harten" Wissenschaften undenkbar sind, werden in den "weichen" Disziplinen allzu oft durchgewinkt.

giordano hat gesagt…

Eigentlich sollte doch bereits in der Mittelschule ein kritisch-rationales Denken nahegebracht werden. Dazu kommt, dass man ja in der Mittelschule Chemie, Biologie und Physik lernt. Die Realität in diesen Diszplinen sieht so aus: sind die Resultate, die ich aus den Experimenten erhalte, Artefakte, Störungen, Rauschen oder stützen sie die Theorie, die ich für plausibel finde. Das ist wissenschaftstheoretisch vermutlich nicht fein formuliert, aber ich lebe gut damit. Ich habe den Verdacht, dass die 4-6 Jahre Mittelschule die wesentliche Aufgabe dieser Institution nicht erfüllt: eine fundierte, humanistische Bildung.

Neurodermitis Behandlung hat gesagt…

Hallo Marko,

vielen Dank für Deinen Artikel - ich habe ihn mit großem Interesse gelesen. Auch wir vom Neurodermitis Portal jucknix.de beschäftigen uns mit dem Thema "alternative Heilmethoden" und versuchen, diese so objektiv wie möglich gegenüberzustellen (inkl. eventueller Studien und wissenschaftlicher Beweise bzw. deren Nichtvorhandensein).

Letztendlich ist es aus meiner Sicht das am richtigsten, was am besten funktioniert. Da es bei Neurodermitis ohnehin schwierig ist, allgemeingültige Aussagen über die Linderungschancen bestimmter Medikamente, Cremes, Globuli, Probiotika etc. zu treffen, da die gesamte Krankheit noch nicht ausreichend erforscht ist, ist es sicherlich gut, heilsversprechende Argumentationen kritisch zu beleuchten. Auf der anderen Seite ist aber auch Tatsache, dass viele Betroffene mit ganz unterschiedlichen Therapien - auch jenseits der Schulmedizin - Erfolge erzielen konnten. Und dann macht es eigentlich auch nichts mehr, wenn diese weder durch Studien belegt, noch durch "philosophische" Überprüfungen quittiert wurden.

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