3. Januar 2011

20minuten: «Wurm rein, Gewicht runter»

Heute, am 3. Januar, hat 20minuten-online einen zur Saison passenden Artikel veröffentlicht: Junge Frauen in China würden Spulwurm-Eier schlucken, um schlank zu bleiben.
Nach den alljährlichen Ess- und Trinkgelagen feist, sprechen uns Geschichten rund ums Abnehmen im Januar offenbar besonders an. Doch auch als neujährliche Aufwärmübung in Skeptizismus taugen Artikel wie der obige - in diesem Sinne allen Leserinnen und Lesern ein kritisches 2011!

Zunächst verzückt das suggestive Bild im 20minuten-Artikel: Ein Teller Nudeln, welche der Form nach Spulwürmern nicht unähnlich sind - amüsant die Bemerkung «Symbolbild» in der Bildunterschrift, aber kein Zufall. Es ist ein typisches Vorgehen in Boulevardmedien, Texte mit Fotografien (oder Gesprochenes mit Film) zu untermalen, obwol die Bilder die im Text gebotenen Informationen nicht ergänzen, sondern emotionalisierend verzerren.

Es interessiert die Frage nach der Quelle dieser Spulwurm-Story. 20minuten verweist auf diesen Artikel des britischen Revolverblattes «Daily Mail». Das ist an sich schon bedenklich, aber fairerweise muss gesagt werden, dass eine zweifelhafte Reputation in Betreff der journalistischen Standards einer Zeitung nicht bedeuten muss, dass in einem Einzelfall wie diesem unseriös berichtet wird - never judge a book by its cover, wie es so schön heisst.

Der Original-Artikel und dessen 20minuten-Variante berichten von hoher Arbeitslosigkeit in China, welche Studentinnen zu drastischen Massnahmen wie eben freiwilligen Parasiten bewegt. Zu den genauen Zahlen schreibt Daily Mail folgendes:
Employment stands at 22 per cent - and the size of the labour pool has grown by 112 million people over the last decade to more than one billion people.
Lese ich den ersten Teilsatz richtig, so wird gesagt, dass die Arbeitslosenquote 78% beträgt. Dass offizielle staatliche Angaben aus China nicht immer zuverlässig sind (Grundlage auch z.B. dieser Berechnung nach dem CIA World Factbook), ist anzunehmen; etwas gar übertrieben scheint die Daily Mail-Zahl aber trotzdem.
Weiter schreibt Daily Mail (und 20minuten übernimmt), der Arbeitsmarkt-Pool sei in den vergangenen zehn Jahren auf über eine Milliarde angestiegen. Diese Angabe klingt ebenfalls übertrieben, ist aber nicht unrealistisch, zumal Kinderarbeit in China Alltag ist, vgl. auch diesen Artikel:
Das sagt aber noch nichts über das Verhältnis von verfügbaren Jobs und der Anzahl potentieller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, also die Arbeitslosenquote. Hier ist schwer abzuschätzen, wie angespannt die Lage auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich ist (Quelle 1, Quelle 2); unter 78% dürfte die Kennzahl aber liegen:
China - Unemployment rate (%)

Aber weiter zu den Spulwürmern. Leider machen weder der 20minuten-Artikel noch das Daily Mail-Original Angaben, woher die Informationen zu den Spulwurm-schluckenden Studentinnen stammen. Eine Google-Suche mit den Stichworten «china» und «roundworm» liefert ebenfalls unbefriedigende Ergebnisse: Auch wenn nur ein Teil der Artikel in den Suchergebnissen auf Daily Mail zurückverlinken, verweisen keine auf prüfbare Quellen dieser Neujahrs-Geschichte.
Artikel wie dieser deuten darauf hin, dass der Ursprung dieser Geschichte die indische Nachrichtenagentur «Asian News International» («ANI») ist. Wie dem auch sei, eines zeigt dieser laue Spulwurm-Skandal: Urbane Mythen können sich online bisweilen gut verbreiten; Zitate werden in einem sich selbst reproduzierenden Zyklus zitiert, ohne, dass eine prüfbare Quelle nötig zu sein scheint.

Es ist durchaus möglich, dass chinesische Studentinnen freiwilig Parasiten in den Därmen tragen - der thematisierte 20minuten-Artikel liefert aber keine glaubwürdigen Hinweise darauf (wie so oft bei urbanen Mythen fehlen dokumentierte Fälle der kolportierten Vorkommnisse).
Ob «Bandwurm-Diäten» tatsächlich wirken, ist dabei sekundär (wohl eher nicht), für alle Interessierten gibt es aber eine seriöse Bezugsquelle:

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