14. Januar 2011

Das Promi-Zitat

Hans-Rudolf Merz, Bundesrat 2003-2010, erklärt, warum er an Astrologie glaubt:

Zwar soll das «Promi-Zitat» ohne viel zusätzlichen Text auskommen, ein paar Worte zur Reporter-Ausgabe, aus welcher obiges Zitat stammt, sind aber angebracht.

Die Sendung widmet sich der Berufs-Scharlatanin Monika «Madame Etoile» Kissling und fällt insgesamt, keine Überraschung, unkritisch aus. Es lohnt sich nicht, so meine ich, einzelne Sequenzen der Reportage ausführlich kritisch zu kommentieren, weil eines völlig klar ist: Astrologie ist pseudowissenschaftlicher Blödsinn. Gute Begründungen für diese Einschätzung finden sich z.B. bei «Bad Astronomy», auf dem Blog «Astrodictum Simplex», oder auch auf «Esowatch».

Bemerkenswert an dieser Reporter-Ausgabe - nebst dem «coming out» des Ex-Magistraten Merz - ist der Auftritt des Astronomen Urs Scheifele. Obwohl nicht auszuschliessen ist, dass Scheifele aus dem Zusammenhang gerissen wird, seine Soundbites also als ein Mittel in der unkritischen Narration des Filmes verwendet werden, muten seine Aussagen eigentümlich an.

In Minute 18 schätzt Scheifele ein, ob Astrologie als Wissenschaft qualifiziert:
Es ist keine Naturwissenschaft. Eine Wissenschaft ist es auf eine Art auch, genau so wie auch Theologie oder Philosophie oder Psychologie eine Wissenschaft kann sein. Ich glaube denken muss man auch etwas dabei. Wissen muss man auch etwas. Aber Naturwissenschaft ist es nicht in dem Sinn, weil für mich Naturwissenschaften auf messbaren Fakten beruhen und ganz kausalen logischen Schlussfolgerungen, was bei anderen Wissenschaften, die nicht zu den Naturwissenschaften gehören, nicht stringent der Fall muss sein.
Psychologie und Philosophie wirft Scheifele in den gleichen Topf wie die Pseudowissenschaften Theologie und eben Astrologie. Aber nicht, dass Scheifele Psychologie und Philosophie als Pseudowissenschaft sähe - er sieht Theologie und Astrologie als (Geistes-)Wissenschaft.
In Minute 20 bemerkt Scheifele immerhin, dass man für so etwas wie Astrologie «ziemlich viel Verifikationsarbeit» leisten müsse, was bei Astrologie nicht der Fall sei.

Zum Schluss ein Zückerchen: Madame Etoile versucht, wie so viele aus Esoterik-Kreisen, ihren Behauptungen durch Quantenphysik - oder, genauer gesagt, Quantenmystik - Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Dass ausgerechnet eine Astrologin zu dieser «god of the gaps»-Variante greift, zeugt von grandioser Ignoranz: Gerade Argumente aus der Quantenphysik liefern mögliche Gründe, das Universum nicht als grundsätzlich deterministisch zu verstehen (aber auch unter der Annahme, dass ein Zustand des Universums immer nur einen einzigen möglichen Folgezustand haben kann: Madame Etoile dürfte kaum über die Fähigkeiten des Laplace'schen Dämons verfügen).

3 Kommentare:

Roland hat gesagt…

Eine bemerkenswerte Stelle findet man auch bei 9min30: Kisslings Tochter wird gefragt, ob sie bei Freunden auch auf die Sternzeichen achte. Ihre Antwort war, dass sie automatisch wisse "was sind Sie", wenn sie ein Geburtsdatum erfahre. Wenn sie dann noch gegenüber jemandem misstrauisch ist, fragt sie ihre Mutter nach genaueren Informationen.
Meiner Meinung nach ist dies eine spezielle Art von Rassismus (wenn auch sehr harmlos). Jemand wird auf Grund seiner Geburt in ein Raster gelegt und beurteilt. Würde sie die selbe Aussage mit Nationalität oder Hautfarbe statt mit Sternzeichen machen, gäbe es sofort einen Aufschrei.
Weniger harmlos wird es dann, wenn ein Astrologe einer Person rät, seinen/ihren Partner zu verlassen weil anscheinend eine falsche Sternenkonstellation vorliegt. Aber sowas würde die "seriöse" Mme Étoile NIE machten...

Dan hat gesagt…

Ich habe in einem anderen Kommentar schon auf ein (wie so oft, tragisch-humoristisches) Video mit Deepak Chopra - einem US-amerikanischen Mike Shiva - verwiesen, welcher sich ebenfalls dem Jargon der Quantenphysik bedient um seine Bücher über wundersame Heilmethoden und lebensverlängernde Kuren zu verkaufen. In diesem Beitrag wird er von Richard Dawkins zur Rede gestellt und gibt die 'Trittbrettfahrerei' schamlos zu.

@Roland: Vor allem nicht bei ihrer eigenen Tochter - in Glaubensfragen werden Kinder ja niemals durch ihre Eltern beeinflusst...
Homer Simpson beantwortet die Frage von Ned Flanders, woher der seinen Glauben hat, dementpsrechend korrekt: "From your parents?" Quelle, mit hebräischem Untertitel ;-)

Marko Kovic hat gesagt…

@Roland
Als Rassismus würde ich solche Diskriminierung nicht bezeichnen: Wer rassistisch ist, bewertet willkürliche biologische Merkmale als gut oder schlecht - diese Merkmale sind, zumindest teilweise, effektiv vorhanden (angeborene Merkmale wertend zu gewichten, ist aber Nonsense). Wer astrologische Merkmale als gut oder schlecht bewertet, ist aber eine Stufe irrationaler: Nichts, was Astrologie behauptet, gründet in Faktischem (das Fundament der Astrologie ist bereits Nonsense).

@Dan
Deepak Chopra ist eine faszinierende Figur. Ein Scharlatan, wie er im Buche steht, aber enorm erfolgreich, weil er, wie ich meine, einige Fehlschlüsse gekonnt auf sich vereint:
-Appeal to tradition (selber aus Indien stammend, kennt er die Geheimnisse um verborgene Energien!)
-Appeal to authority (er hat ja Medizin studiert und ist Experte!)
-Argument from ignorance (Quantenphysik!)

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