9. Januar 2011

Tagesanzeiger: «Welche Therapie darfs denn sein?»

Am 6. Januar veröffentlichte Tagesanzeiger-online einen mit «Welche Therapie darfs denn sein?» betitelten Artikel, in welchem versucht wird, die gegenwärtige Beliebtheit von allerlei «komplementärmedizinischen» Behandlungen zu ergründen.
Der Artikel zeichnet sich durch eine unkritische Betrachungsweise aus und die Analyse ist entsprechend unvollständig - die im Artikel-Lead gestellte Frage («Alternative Behandlungen wie Shiatsu, Akupunktur oder Schröpfen stossen auf rege Nachfrage. Warum?») wird nicht beantwortet.

Der Tagesanzeiger-Artikel liefert im Wesentlichen zwei Argumente:
  1. Wir leben im «Zeitalter des Hilfeholens», in welchem das Individuum eher bereit ist, Hilfe bei Unwohlsein zu suchen.
  2. Psychosoziale Beschwerden nehmen zu.
Der zweite Punkt, dass psychosoziale Beschwerden zunähmen, stimmt nicht wirklich, ist eher ein Unterpunkt des ersten Argumentes: Menschen sind eher bereit, auch bei psychischem Leiden Hilfe aufzusuchen.
Dass Menschen eher bereit sind, ihre Gebrechen mit Expertenhilfe anzugehen, und, dass damit eine Entstigmatisierung psychischer Krankheiten einhergeht, ist grundsätzlich zu begrüssen. Auch das Interesse an «Wellness»-Angeboten aller Art ist, an und für sich, unproblematisch.

Die eigentlich interessierende Frage ist aber: Warum sind ausgerechnet pseudowissenschaftliche und esoterische «Therapien» derart beliebt? Ich möchte die Analyse des Tagesanzeiger-Artikels durch ein paar eigene Thesen ergänzen.

  1. Das schweizer Schulsystem versagt
    Wenn nach mindestens acht Jahren öffentlicher Grundschule die Grundzüge kritischen Denkens nicht vermittelt werden, ist etwas nicht in Ordnung. Hier stellt sich die Frage, ob Grundschule dazu da ist, Kinder zu einseitiger Informationsaufnahme zu konditionieren, oder ob Ziel sein soll, kritisches Denken zu fördern: Etwas ist nicht einfach wahr, weil die Autoritätsperson Leherin bzw. Lehrer das so sagt, sondern, weil gute Begründungen vorliegen.
    Das Problem mit der Schule ist aber insbesondere bei Mittelschulen, bei Gymnasien, vorhanden. Hier stellt sich eine ähnliche Frage wie oben: Was ist das Ziel von vier- bzw. sechsjähriger Gymi-Ausbildung? Worin besteht die «Maturität», die Hochschulreife, um welche es geht? Wohl kaum in blosser Widergabe von Erlerntem. Sicher soll eine breite Allgemeinbildung vermittelt werden, Grundlage muss aber stets die Befähigung zu selbstständigem, kritischen Denken sein. Kurt Imhof, Soziologieprofessor in Zürich, beschreibt Wissenschaft treffend als «organisierten Skeptizismus». Dieser «organisierte Skeptizismus» muss aber bereits in Mittelschulen praktiziert werden - Hochschulen sollten Institutionen sein, in welchen sich das skeptische Individuum auf Fachgebiete spezialisiert und nicht zum ersten Mal mit kritischem Denken in Kontakt kommt.

    Ist die Situation aber wirklich so schlimm? Vielleicht ist ein Blick in Maturitätsarbeiten angebracht. Aus meiner eigenen Gymizeit sind mir Beispiele bekannt, in welchen die Feng Shui-Kompatiblitität der Schule analysiert wurde oder erklärt wurde, warum die Schöpfungsgeschichte zutrifft, Evolutionstheorie nicht. Interessant die Suche nach bestimmten Stichwörtern in einer Maturaarbeit-Datenbank: Graphologie, Homöopathie, Akupunktur, Schulmedizin.
    Dabei ist zu beachten: Jede dieser Arbeiten wurde von Hochschulabgängerinnen und -abgängern betreut, was mich zur zweiten Hypothese führt:

  2. Schweizer Universitäten lehren Pseudowissenschaft
    Selbstverständlich ist nur die Minderheit dessen, was an Universitäten gelehrt wird, Pseudowissenschaft - aber auch «ein bisschen» Pseudowissenschaft kann gewichtige Konsequenzen haben.

    Ein besorgniserregender Trend ist, dass sich Pseudowissenschaft in Form von Instituten, welche «Komplementärmedizin» erforschen, in Universitäten breit macht. Ein Beispiel, welches ich vor einiger Zeit behandelt hatte, ist die «KIKOM» in Bern, wo Grundprizipien wissenschaftlicher Methode ignoriert werden und das Ziel, zu demonstrieren, dass die behandelten «komplementärmedizinischen» Verfahren wirken, offensichtlich ist; die tatsächliche Wirksamkeit wird gar nicht in Frage gestellt.

    Fälle wie jener der «KIKOM» sind spektakuläre Unterwanderungen der Wissenschaft; das vielleicht grössere Problem bilden Teile der «weichen» Wissenschaften, welche seit jeher zum Angebot der Universitäten gehören. Das offensichtliche Beispiel ist Theologie: eine Pseudowissenschaft in Reinform. Die unumstössliche Prämisse dieser Pseudowissenschaft ist, dass der christliche Gott existiert - als privater Glaube irrelevant, an Universitäten gelehrt Pseudowissenschaft. Universitäten haben nicht den Auftrag, Pfarrerinnen und Pfarrer auszubilden.
    Selbstredend erklären Theologinnen und Theologen stets, ihr Fach sei doch Wissenschaft, z.B. hier, weil nicht die Frage nach der Existenz des christlichen Gottes, sondern das weltliche «Drumherum» interessiert. Ein Blick in einige der Teilfächer der Theologie zeigt aber die Hohlheit dieser Rechtfertigung auf. «Theologische Ethik» beispielsweise soll ethische Fragen klären, und zwar aus christlicher Perspektive. Warum? Weil das aus christlichen Texten hervorgeht. Warum sind christliche Texte und nicht das bessere Argument zu beachten? Weil es den christlichen Gott gibt.
    Oder «Religionspädagogik»: Es wird erarbeitet, wie Kinder «christlich» zu erziehen seien. Warum soll «christliche» Erziehung gut sein? Weil das aus christlichen Texten hervorgeht. Warum sind christliche Texte und nicht das bessere Argument zu beachten? Weil es den christlichen Gott gibt.

    Pseudowissenschaftliche Züge weisen aber auch andere Disziplinen auf, welche an sich unproblematisch sind. Mein Lieblingsbeispiel ist Filmwissenschaft. Selbstredend ist es völlig unproblematisch, das Thema Film wissenschaftlich zu untersuchen. Heikel wird es bei theoretischen Ansätzen wie «Psychoanalyse»: Texte zu Psychonalyse und Film sind zweifellos spannend, gehören aber ins Feuilleton, nicht an Universitäten. Es gibt keine wissenschaftlich relevanten Forschungsergebnisse zu psychoanalytischer Filmtheorie: Die leidlichen Versuche der Anwendung auf empirische Beispiele erschöpfen sich in willkürlichen, anekdotischen Interpretationen einzelner Filme - Dinge wie Falsifizierbarkeit, Reproduzierbarkeit etc. haben dabei keinen Platz. Eine Leseprobe (Quelle, S. 155f):
    Erst in einem Akt sekundärer Verfestigung wird der Prozess der fliessenden Identifikationen auf eine Subjektposition gebracht. Der polemischen Gegenberstellung Guattaris folgend, sind die Identitäten - die Figuren, die Handlung und die Moral der Geschichte - das Ergebnis eines idealisierenden Gewaltakts, vergleichbar dem psychoanalytischem Gespräch: Es führe die Aktivität des Wunsches auf die narrativen Dispositive unserer Kultur zurück, auf die Urgeschichten des bürgerlichen Helden, die Erzählungen von Vater, Mutter und Kind.
    Klingt spannend, ist aber wissenschaftlich nicht relevant. Empirische Befunde, welche Psychoanalyse anwenden, klingen dann z.B. folgendermassen (S. 167):
    Was als Form der Weltaneignung eine mythische Verklärung des Todes bedeutete, beschreibt jene psychische Struktur, die Freud in Jenseits des Lustprinzips (1920) thematisiert: das Fort-da-Spiel des von der Mutter verlassenen Kinds. Mit der Erläuterung dieses Spiels beschreibt Freud die Genese des Ichs aus dem entstehenden Zeitbewusstsein. Die stetige Wiederholung des 'Mama ist fort - Mama ist da' umsäumt den unendlichen Schmerz der Trennung mit dem Bewusstsein, dass alles, auch dieser Schmerz, noch sein Ende hat. Es ist der Versuch des Kinds den grenzenlosen Schrecken in eine begrenzte Wunde umzuformen. Auf dieses Fort-da-Spiel bezieht der Film das Hören und Sehen des Zuschauers; noch der zu den Credits gespielte Song besingt es. Man kann ihn dann zu Hause im Radio hören, immer wieder, der Abzählreim des verlassenen Ichs, noch einmal und noch einmal: «And the heart goes on and on». Wenn das Kino an solche regressiven Bewegungen individualpsychischer Mechanismen anschliesst, dann wäre die Regression selbst noch als psychische Aktivität und sinnschöpfende Kraft zu begreifen.
    Sicher würde James Cameron, der Regisseur des Filmes «Titanic», welcher oben analysiert wird, jeder Aussage zustimmen; schliesslich sind (Spiel-)Filme Artefakte, also von Menschen bewusst und gezielt konstruierte Zeichensysteme und nicht zufällige Bilderanordnungen.

  3. Massenmedien versagen
    Die dritte Hypothese wird für regelmässige Leserinnen und Leser nichts neues sein: Allzu oft werden Massenmedien ihrer Verantwortung, Diskurse kritisch, oder zumindest so wahrheitsgetreu wie möglich, zu halten, nicht gerecht. Es ist unproblematisch, ja geradezu wünschenswert, einen Stimmenpluralismus anzubieten - es gibt keinen Grund, warum bestimmte Akteure oder Positionen a priori keine öffentliche Beachtung erhalten sollen. Das Problem ist, dass zu oft nicht die Klärung des eigentlichen Sachverhaltes im Vordergrund steht, sondern die vermeintlich bessere, oder besser verkaufbare, «Story» - nicht Staatsbürgerinnen und -bürger werden angesprochen, sondern Konsumentinnen und Konsumenten, in privaten wie öffentlich-rechtlichen Medien gleichermassen. Die Gründe für derartige Medienlogiken sind an dieser Stelle zweitrangig (Stichwort «Neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit»).

    Wohl spielen in diesem Zusammenhang auch die Hypothesen 1 und 2 eine Rolle: Wenn «sozio-kulturelle Professionelle», also das Personal der Massenmedien, im Rahmen ihrer schulischen wie akademischen Karrieren nicht mit kritischem, also letztlich rationalem Denken in Berührung kommen, ist auch der Output der Massenmedien entsprechend (selbstverständlich kann unkritischer Journalismus auch ein bewusster Entscheid sein und nich bloss die Folge zweifelhafter Schulangebote).
    Die Mängel der Massenmedien äussern sich nicht nur in Extremfällen, wie z.B. der Festanstellung der Astrologin «Madame Etoile» bei Radio DRS. Nicht zuletzt nimmt die Qualität des regulären Wissenschaftsjournalismus ab: Die Mehrheit der Meldungen, sei es in der Qualitäts- oder der Gratiszeitung, sind wenig mehr als blosse Reproduktionen von PR-Texten. Eine kritische, eben wissenschaftliche, Reflexion der behandelten Forschungsergebnisse bleibt oft aus, was besonders in geistes- und sozialwissenschaftlichen Berichten stark verzerrend sein kann. Was zählt, ist auch hier zunehmend «Infotainment», gut am Beispiel der Sendung «Einstein» des Schweizer Fernsehens ablesbar (ob «Galileo» das Vorbild ist?).
Soweit meine drei kritischen Thesen, welche vielleicht eine vollständigere Antwort auf die im eingangs thematisierten Tagesanzeiger-Artikel gestellte Frage, warum sich esoterische New Age-Therapien reger Beliebtheit erfreuen, liefern. Zweifellos spielen noch andere Faktoren eine Rolle: Obwohl sich die Krankenkassen-Lobby gerne als Verfechterin der wissenschaftlichen Medizin zeigt, geht es ihr letztlich um Geld; Krankenkassen verdienen nicht schlecht mit «komplementärmedizinischen» Zusatzversicherungen (mit der Grundversicherung dürfen Krankenkassen keinen Gewinn machen). Und was eine seriöse Krankenkasse in einer seriös wirkenden Versicherung anbietet, wird ja auch seriös sein.

5 Kommentare:

Gregor hat gesagt…

Als jemand, der ebenfalls Filmwissenschaft studiert (in Zürich) und sogar mal einen Lektürekurs zum Thema "Psychonalayse und Film" absolviert hat, möchte ich anmerken: Psychoanalytische Filmtheorie wird bei uns nicht gelehrt, sondern im Rahmen der Theoriegeschichte behandelt - übrigens durchaus kritisch. So hab jedenfalls ich das erlebt; ich weiss nicht, was deine Erfahrungen sind.

Davon abgesehen nutz ich gleich die Gelegenheit, dir für diesen Blog ein Lob auszusprechen. Und für diesen Artikel.
Zu Punkt 1: Als ich damals ganz neu an der Uni war, hab ich mal eine Umfrage in einem Studentenheft gesehen, in der nach dem Allgemeinwissen gefragt wurde. Ich konnte die Frage nach den wichtigsten Aspekten der Evolutionstheorie nicht beantworten. Da wurde mir bewusst, dass ich trotz zwölf Jahren Grund- und Kantonsschule ganz Grundlegendes schlicht und einfach nicht wusste (und zwar nicht bloss, weil ich in der Schule nicht aufgepasst habe). Kein schöner Gedanke.

Marko Kovic hat gesagt…

Hallo Gregor

Für das Lob vielen Dank :).

Tatsächlich habe auch ich hier in Zürich nicht direkt psychoanalytische Filmtheorie kennengelernt; sie wird, wie du sagst, eher theoriegeschichtlich bzw. rein theoretisch behandelt. Allgemein poststrukturalistische Ansätze (mit dem Trio Lacan, Derrida, Foucault) habe ich aber als doch recht präsent erlebt - aber wie im Blogeintrag oben erwähnt ist das nur ein Teilaspekt der Filmwissenschaft. Ich finde auch nicht, dass die Situation mit Filmwissenschaft besonders alarmierend wäre, das Beispiel fand ich einfach anschaulich; gut möglich, dass meine Kritik das Problem grösser erscheinen lässt, als es ist. Aber auch in anderen Filmwissenschafts-Veranstaltungen habe ich erlebt, dass etwas gar Empirie-ferne Ansätze genutzt werden.

Gruss

Gregor hat gesagt…

Schon klar, ich wollte mich nur als "Betroffener" kurz melden. :-)

Marko Kovic hat gesagt…

Gar kein Problem, ich bin für jeden Input dankbar, besonders für konstruktive wie deinen.

Und es ist ja definitiv nicht so, dass ich in meinen Blogeinträgen nicht manchmal über die Stränge schlagen würde ;).

Luno hat gesagt…

Problematisch an diesem Artikel im Tages-Anzeiger ist, dass wieder einmal das Märchen von der Qualitätssicherung im Bereich der Komplementärmedizin aufgetischt wird.
Das „Erfahrungsmedizinische Register“ (EMR) wird als „Qualitätslabel“ vorgestellt, welches die Therapeuten prüft. An diesem Punkt wird die Öffentlichkeit seit Jahren getäuscht. Das EMR zählt im wesentlichen Ausbildungsstunden zusammen. Eine inhaltliche Qualitätskontrolle findet nicht statt. Es handelt sich also allenfalls um eine Quantitätskontrolle.
Details siehe:

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2011/01/11/supermarkt-komplementarmedizin.html

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