23. Februar 2011

20minuten: «Geht die Welt bald unter?»

So schnell kann es manchmal gehen: Habe ich im letzten Blogeintrag noch die kritische Haltung von 20minuten in Betreff homöopathischer «Grippeimpfungen» gelobt, hat 20minuten nun einen Beitrag veröffentlicht, in welchem die Frage nach einem baldigen Weltuntergang gestellt wird.
Dieser alarmistische Beitrag (im Ressort «Wissen» platziert) wird sicherlich in einer sorgfältig ausgewählten und untersuchten Basis von Daten und Berechnungen gründen?
Nicht ganz: Es handelt sich um eine 13 Bilder umfassende Bildstrecke, welche eine Reihe aktueller «Naturkatastrophen» dokumentieren.

Dass eine Handvoll gegenwärtiger Naturereignisse nur anekdotische Evidenz darstellt und bestenfalls den Status Quo andeutet, aber keinerlei Aussagen zu Verläufen macht, ist offensichtlich. Was aber an diesem 20minuten-Beitrag vielleicht interessanter ist, ist ein spezifischer Fehlschluss: «Weltuntergang» wird von 20minuten implizit als «für den Menschen tödlich» definiert. Bei den Naturereignissen, welche in der 20minuten-Bildstrecke dargestellt werden, handelt es sich um Dinge, welche uns Menschen schaden - nichts deutet darauf hin, dass durch solche Ereignisse der ganze Planet Erde ein Ende finden, oder zumindest grundsätzlich lebensfeindlich werden könnte. «Weltungergang» ist darum nicht wirklich ein passender Begriff.

Die Neugier ist aber geweckt: Nehmen «Naturkatastrophen» (d.h., für Menschen schädliche Naturereignisse) zu? Die Antwort ist wohl nicht ganz einfach; ein Blick in die «International Disaster Database» schafft vielleicht ein wenig Klarheit.

Ob Naturkatastrophen über die Zeit zunahmen, ist schwer zu bestimmen. Zählbar ist aber, ob die Anzahl gemeldeter Naturkatastrophen zunimmt (Quelle):
Die Anzahl gemeldeter Katastrophen nahm gemäss obiger Grafik seit 1900 zu, um nach 2000 wieder leicht abzunehmen. Da anzunehmen ist, dass die technischen Möglichkeiten zur Messung von Naturkatastrophen stetig besser werden, ist eine mögliche Interpretation der Grafik, dass zwischen 2000 und 2009 die Anzahl Naturkatastrophen zumindest nicht zunahm. Da mir aber nicht bekannt ist, was für Daten der Grafik zu Grunde liegen, ist z.B. auch denkbar, dass nach 2000 eine andere Definition für «Naturkatastrophe» eingeführt wurde o.ä.. Aber immerhin: Nach unmittelbarem Weltuntergang sieht das nicht aus.

Vielleicht wichtiger als die absolute Anzahl gemeldeter Naturkatastrophen ist die Anzahl durch Naturkatastrophen zu beklagender Opfer (Quelle):
Scheinbar nimmt die Anzahl Todesopfer insgesamt ab. Der gleitende Durchschnitt (schwarze Linie) relativiert die annähernd zyklischen Ausschläge und deutet einen nach unten zeigenden Trend an. Dabei ist noch der Umstand des Bevölkerungswachstums zu bedenken (Quelle):
Eine Auslegung: Die Anzahl der von Naturkatastrophen getöten Menschen hat seit 1900 drastisch abgenommen, sowohl in absoluten Zahlen, als auch im Verhältnis zur gesamten Weltbevölkerung.

Der Vollständigkeit halber noch ein Blick in die Anzahl von Naturkatastrophen insgesamt Betroffener (Quelle):
Auch hier spielt u.a. Bevölkerungswachstum eine Rolle: Ein Erdbeben in Tokyo beispielsweise betrifft heute mehr Menschen als vor 50 Jahren, schlicht weil heute mehr Menschen in Tokyo leben. Die Weltbevölkerung nimmt nach wie vor zu, die Anzahl betroffener scheint im Schnitt seit ca. 2000 in Stagnation begriffen.
Hier ist wiederum die Art der Daten relevant. Meint «betroffen» beispielsweise Beschädigung von Infrastruktur, ist der sprunghafte Anstieg ab den 1960-ern zumindest teilweise erklärbar: Weil weltweit immer mehr Infrastruktur vorhanden ist, kann auch immer mehr Infrastruktur beschädigt werden. Diesen Schluss erlauben möglicherweise auch die steigenden Kosten von Naturkatastrophen (Quelle):

Fazit
Die 20minuten-Bildstrecke, welche nach dem «Weltuntergang» fragt, ist Unsinn. Es wird suggeriert, dass anekdotische Evidenz ausreicht, um Trends zu bestimmen. Wenn dem so ist, muss die Sonne erloschen sein: Im Moment ist es draussen stockdunkel.

Und überhaupt: Jeder weiss doch, dass der Weltuntergang erst 2012 stattfindet. Duh!

8 Kommentare:

Marcel Sprecher hat gesagt…

"Und überhaupt: Jeder weiss doch, dass der Weltuntergang erst 2012 stattfindet. Duh!"

Jep, der vierte Reiter der Apokalypse hat uns ja auch schon einen Besuch abgestattet:

http://nation.foxnews.com/culture/2011/02/13/horseman-apocalypse-shows-cairo

;)

Marko Kovic hat gesagt…

*seufz* Es ist ja faszinierend.

Wer glaubt, es gebe einen Schöpfer- und Zerstörergott, in diesem Fall den christlichen, müsste eigentlich recht enttäuscht sein: Wenn sich die Macht dieses Gottes in Videoartefakten, Toastscheiben-Konturen und ähnlichen Banalitäten erschöpft, ist dieser Gott, würde ich meinen, nicht wirklich beeindruckend; unter "allmächtig" stelle ich mir ein bisschen etwas anderes vor ;).

nirwanixla hat gesagt…

ja eben, erst 2012 :D was soll also das vorzeitige Wirbel machen?

@Marko: Zustimmung. Man kann dies noch weiter treiben: Was ist/wäre das für ein Gott, der zu seinem Sein das Gebet und die Verehrung durch Menschen benötigt, Protzbauten zu seiner Verehrung?

Meines Erachtens brauchen dies die Menschen für sich selbst. Man kann Gott (sofern man an ihn glaubt) auch nicht beleidigen oder dergleichen. Was wäre denn das für ein "allmächtiger" Gott, der wegen Beleidigtsein, Zorn völlig ausrastet? An Absurdität kaum mehr zu übertreffen ist dann die Behauptung/Meinung, dass Gott Katastrophen der Sünden wegen schicke. Sowas finde ich als Deist/Theist zum Kotzen.

Markus Graber hat gesagt…

Jetzt aber Vorsicht! Für diese Art der zunehmenden Naturkatastrophen haben die Fundichristen eine passende Bibelstelle und sogar ein eigenes Wort in ihrem Fach-Vokabular:
"Endzeit" (TM). Mit "Endzeit" (TM) werden die letzten paar Jahre vor dem Weltende bezeichnet, charakterisiert z.B. durch zunehmende Naturkatastrophen, Gottlosigkeit, zügellose Sexualität, Anbetung Satans etc pp.
Danach kommt "Entrückung der Gläubigen", "Drangsalszeit", "Endschlacht", "Rückkehr Jesu", "1000-jähriges Reich".
Glaubt Ihr nicht? Seht euch mal Seiten wie jesus.ch an. Diese Leute sind unter uns *grusel*.

Marko Kovic hat gesagt…

@nirwanixla
Es gibt einen Spruch, welche dies komische Eigenheit organisierter Religion, welche du beschreibst, also die allzu anthropomorphen Züge des oder der angebeteten Götter, recht gut zusammenfasst:
God didn't create man in his own image - man created god in his own image.

Der Soziologe Max Weber hat die Funktion von Religion treffend beschrieben: Religionen sind Organisationen, welche die ungleiche Verteilung von Glücksgütern unter den Menschen rechtfertigen. Wenn also Religion da ist, um zu erklären, warum z.B. ein Kind an Tuberkulose stirbt, ein anderes nicht, muss der für alles Weltgeschehen verantwortliche Gott zwangsläufig als zornig und strafend konstruiert werden - die Welt ist nicht fair, also kann es Gott auch nicht sein, weil er ja die Welt steuert.

@Markus Graber
"Endzeit" (TM)

He he ;).
Aber "jesus.ch" kannte ich nicht, da musste ich kurz reinschauen.

Sieht soweit auch ganz ordentlich aus: Eine professionell gestaltete Seite, viele blonde Models mit perlweissen Zähnen in den Bildern, sanft-einladende Schreibweise.

Oh, auch ein Abschnitt namens "Wissen und Forschung ist vorhanden? Es gibt Spannendes zu lernen. Z.B., dass:
-Die Evolutionstheorie falsch ist und darum die Schöpfungsgeschichte stimmen soll (die Texte stammen aus der Feder des US-Kreationisten Duane Gish).
-es gar keinen Urknall gab.
-dass der christliche Gott den LHC in CERN sabotiert.

Irgendwie köstlich auch, dass "jesus.ch" Esoterik kritisiert, darunter auch Astrologie - und sich ausgerechnet auf die GWUP beruft.

nirwanixla hat gesagt…

"God didn't create man in his own image - man created god in his own image."

Stimmt, dies hat schon Xenophanes kritisiert:

„Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder mit der Figur von Rindern. Sie würden solche Statuen meißeln, die ihrer eigenen Körpergestalt entsprechen."

Kind und Tuberkulose: das Übel in der Welt (Theodizee) ist auch das stärkste Argument gegen einen Gott, der unter anderem auch die Liebe sein soll, wie etwa im Christentum gesagt wird.

Max Weber stimme ich nicht zu. Religion ist nach meinem Verständnis nicht dazu da, Ungerechtigkeiten zu rechtfertigen oder gar Unheil und dergleichen zu erklären. Religion kann aber helfen, schwierige Situationen leichter zu ertragen (unabhängig davon, ob es nun wirklich einen Gott gibt oder nicht).

nochmal zu dem Part:
"wenn ein Kind an Tuberkulose stirbt, ein anderes nicht, muss der für alles Weltgeschehen verantwortliche Gott zwangsläufig als zornig und strafend konstruiert werden - die Welt ist nicht fair, also kann es Gott auch nicht sein, weil er ja die Welt steuert."

das ist Anthropomorphismus. außerdem würde ich hier einer Prämisse nicht ganz zustimmen:

1) Die Welt ist unfair. (ja)
2) Gott steuert die Welt. (jain)
3) ALSO: Gott ist unfair.

Die zweite Prämisse würde ich nicht völlig unterschreiben. Denn das würde die Freiheit aufheben und den Determinismus (der ja immun gegen Widerlegung ist) bedeuten. Rettet man also die Freiheit, nimmt man die Menschen auch in die Verantwortung. Anstelle Gott im obigen Beispiel kann ganz einfach auch "Mensch" eingesetzt werden:

1) Die Welt ist unfair.
2) Der Mensch steuert (zumindest teilweise) die Welt.
3) Also: Der Mensch ist unfair. (oder verantwortlich für die unfaire Welt)

Marko Kovic hat gesagt…

Ich glaube, ich wurde missverstanden ;) Ja, das ist Anthropomorphismus, und das ist eben der Witz an Religion.

Aus soziologischer Sicht hat Weber mit seiner Religions-Genealogie durchaus Recht: Als ein Schritt in gesellschaftlicher Rationalisierung sind Religionen Syteme, welche erklären wollen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Das bedeutet, etwas salopp gesagt, dass Religionen zur Entzauberung der Welt beitrugen: Das Mystische wird reduziert und sozusagen auf Religion "outsourced"; es findet eine Form funktionaler Differenzierung statt.

Soziologisch-funktional betrachtet hatten Religionen schlicht die Aufgabe, die Welt zu ordnen - sprich, den status quo in ein bestimmtes Modell zu verpacken. Der Grad der Rationalisierung ist bei Religion zwar höher als in, beispielsweise, mystisch-esoterischen Erklärungen, Willkür und Unsicherheit entsprechend eingeschränkt ('anything goes' geht bei organisierter Religion eben nicht mehr), aber Religion ist nicht frei von Zauber. Dieser Zauber ist bei Religion zwar auf Gottheiten ausgelagert, doch immer noch vorhanden. Zauber ist irrational - diese Irrationalität äussert sich eben u.a. darin, dass der christliche Gott alles andere als widerspruchsfrei ist.

Ich bin nicht unbedingt ein Weber-Fetischist, aber seine Analysen zu Religion finde ich schon recht spannend. Weber unterscheidet Weltreligionen z.B. auch nach den Dimensionen theozentrisch-kosmozentrisch und weltbejahend-weltverneinend. Webers Analyse ist nicht Theologie, nicht Metaphysik, oder sonstige unbegründbare Spekulation: Ihn interessiert ganz einfach die soziale Realität und Funktion von Religion.

nirwanixla hat gesagt…

Webers Perspektive oder Stoßrichtung ist mir schon klar (hat ja auch was an sich). Nicht deiner Meinung bin ich bei: Gott = Zauber bzw. daran zu glauben ist irrational, weil nicht widerspruchsfrei. Wenn ein Widerspruch vorhanden ist, dann muss der gelöst werden um wieder ein konsistentes Ganzes zu erhalten. Ich beziehe mich hier ausdrücklich nicht auf einen christliche bzw. biblischen Gott, sondern mehr auf ein philosophisches Gottesbild.

Glaube an das Absolute, an Gott (oder wie immer man das benennen möchte) ist nicht notwendig irrational. Unter anderm auch, weil man sich dabei schon im Feld der Weltanschauung befindet und hier sowieso keine Killerargumente gefunden werden können.

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