8. Februar 2011

Die Studie, welche angeblich belegt, dass es «PSI» gibt (Teil 2)

Im ersten Blogeintrag zur Studie «Feeling the Future» von Daryl Bem habe ich ich einige eher allgemeine Themen angesprochen, welche die Güte dieser «PSI»-Studie in Frage stellen. In diesem Blogeintrag widme ich mich einigen etwas konkreteren Punkten.
In der Zwischenzeit hatte Daryl Bem einen Auftritt in «The Colbert Report», in welchem er kritischen Fragen ausweicht (links im Bild):

In diesem Blogeintrag bespreche ich folgende, in Teil 1 angekündigte Punkte:
  • Die neun Experimente
  • Quantenmystik
  • Fazit
Kleine Vorbemerkung: Dieser Blogeintrag ist etwas länger ausgefallen. Wer etwas Zeit sparen will, überfliegt, nebst vielleicht dem Fazit, den Abschnitt «1.6 Experiment 6»; das sechste Experiment Bems zeigt am offensichtlichsten, so meine ich, wie es um die Glaubwürdigkeit dieser Studie steht.

1. Die neun Experimente
Tabelle 1 auf Seite 5 listet die neun Versuche der Studie auf:
Der Begriff «Experiment» ist dabei nicht als experimentelle Versuchsanordnung mit mindestens einer Test- und einer Kontrollgruppe gemeint. In Bems Versuchen gab es keine Kontrollgruppen. Das ist nur ein Detail, aber kein unwesentliches: Dass jede Art von Kontrollgruppe fehlt, zeigt wiederum, dass diese Studie dem Sinn nach explorative Forschung betreiben will, obwohl explizit Hypothesen getestet werden; ein unsinniges Unterfangen, wie ich im ersten Blogeintrag zu dieser Studie argumentiere (innerhalb einzelner Experimente spricht Bem bisweilen zwar von «control», mit Kontrollgruppen als Mittel zur Isolation der abhängigen und unabhängigen Variablen hat das nichts zu tun).

Die Wahl der Experimente begründet Bem folgendermassen (Seite 5):
Most of the experiments reported in this article are also part of this trend toward using subliminal stimulus presentations and indirect or implicit response measures. Each of them modified a well-established psychological effect by reversing the usual sequence of events, so that the individual’s responses were obtained before rather than after the stimulus events occurred.
Zwar ist solch fast kindliche Naivität nicht ohne einen gewissen Charme, aber mit Wissenschaft hat das wenig zu tun: Bem geht tatsächlich davon aus, dass, wenn die Sequenz eines Experimentes umgedreht wird, automatisch auch die Interpretation der Ergebnisse umgedreht werden darf. In Experimenten 3 bis 9 aus Tabelle 1 geht Bem derart vor.

Diese Annahme ist unbegründet, die Logik dahinter absurd. Bems (von ihm selber nicht weiter als im obigen Zitat thematisiertes) Denkmuster lässt sich an einem Beispiel darstellen:
Professionelle Basketballspielerinnen und -spieler sind überduchschnittlich gross. Ein möglicher kausaler Mechanismus hinter dieser Beobachtung: Die Sportart Basketball ist derart ausgelegt, dass steigende Körpergrösse mit einem Spielvorteil einhergeht (unter der Annahme, dass andere athletische Fähigkeiten unabhängig von Körpergrösse trainierbar sind).
Wir versuchen uns nun an einem Experiment: Es werden n Kleinkinder in Basketballclubs geschickt. Wir beobachten, dass die Kinder mit der Zeit überdurchschnittlich gross werden. Die falsche Schlussfolgerung, analog dem Fehlschluss Bems, wäre nun: Die Kinder sind überdurchschnittlich stark gewachsen, weil sie im Basketballclub sind.

Eine derartige Pervertierung von Kausalität ist nicht zulässig, solange sie nicht genügend gut begründet wird. Im Falle des «Basketball-Fehlschlusses» wie auch der Experimente Bems stehen damit aus der Luft gegriffene Hypothesen einer erdrückenden Menge an gesammelten Wissen gegenüber. Bems Hypothesen gründen nicht in vorhandenen empirischen und theoretischen Erkenntnissen, sondern sind schlicht banale «Ad hoc»-Hypothesen - es gibt keine Gründe, anzunehmen, dass ausgerechnet diese Hypothesen durch die Ergebnisse gestützt oder verworfen werden (genau genommen sind Bems konkrete zu prüfende Hypothesen mehrheitlich deskriptiver Natur, also unproblematisch; unzulässig ist Bems interpretation dieser Deskriptionen als «Ad hoc»-Beleg für «PSI»).


1.1 Experiment 1: «Precognitive Detection of Erotic Stimuli»
Hypothese
Die «Psi-Hypothese» für Experiment 1 lautet (Seite 7):
[P]articipants would be able to identifiy the position of the hidden erotic picture significantly more often than chance (50%).
Das ist eine deskriptive Hypothese: Diese Hypothese hat an sich nichts mit «PSI» zu tun - sie besagt bloss, dass eine nicht-zufällige Verteilung auftreten soll. Auch wenn diese Hypothese gestütz werden sollte, ist die Interpretation, damit sei «PSI» bestätigt, unzulässig, da Bem nicht schlüssig erklärt, warum «PSI» eine Verteilung gemäss der Hypothese bewirken soll.

Methode
Das erste Experiment beschreibt Bem wie folgt (Seite 6ff.):
Meine Reaktion ist: Warum?
Angefangen bei der Rekrutierung der Versuchspersonen: Warum wurde ihnen explizit gesagt, es handle sich um ein «ESP»-Experiment? Warum wurden keine Bemühungen angestellt, eine randomisierte Gruppe zu rekrutieren, welcher nicht mitgeteilt wurde, dass es sich um einen «ESP»-Versuch handelt?
Weiter auf Seite 7: Warum wurde eine «relaxation period» von 3 Minuten eingebaut? Warum wurden während dieser drei Minuten Bilder von «a slowly moving Hubble photograph of the starry sky» (was genau hat sich bewegt?) gezeigt? Warum wurde dazu «peaceful new-age music» gespielt?
Weiter zu den «stimuli»: Warum werden ausgerechnet «erotic» und «nonerotic pictures» gewählt?

Im letzten Absatz auf Seite 7 schlägt Bem mit seiner Willkür über die Stränge: Zunächst soll getestet werden, «whether there is something unique about erotic content in addition to its positive valence and high arousal value». Warum? Danach erklärt Bem, dass für die ersten 40 «sessions» (Versuchspersonen) der Ablauf des Experimentes anders war als für die letzten 60 «sessions». Hier ist das warum zweitrangig: Es ist unzulässig, effektiv zwei verschiedene Experimente zu machen, danach aber alle Ergebnisse in denselben Topf zu werfen (wobei sich trotzdem die Frage aufdrängt, warum die «sessions»-Aufteilung 40-60 und nicht 50-50 ist).

Ergebnisse
Auf Seite 9 sind die wesentlichen Ergebnisse des Experimentes 1 zusammengefasst:
Die Kurzversion: In 53.1% der Fälle wurden die erotischen Bilder gewählt; dieses Ergebnis ist signifikant. Bei nicht-erotischen Bildern ist keine Signifikanz gegeben.
Die Willkür Bems spiegelt sich in der Statistik wider: Im ersten Blogeintrag zu dieser Studie kritisiere ich den Einsatz von «one-tailed»-Tests. Hier drängt sich die Frage auf: Warum soll a priori ausgeschlossen sein, dass sich «Präkognition» in der Wahl nicht-erotischer Bilder niederschlägt? Warum soll «Präkognition» erotische Stimuli bevorzugen?
Der Einsatz von «one-tailed»-Tests ist völlig ungerechtfertigt und blosses Mittel zur Generierung höherer Signifikanz.
Den verhältnismässig niedrigen Wert von 0.25 für Cohen's d bespricht Bem nicht.

Auf Seiten 11 bis 14 widmet sich Bem der Frage, ob seine Ergebnisse tatsächlich bedeuteten, es handle sich um «PSI». Auf Seite 12 präsentiert Bem 4 mögliche Interpretationen der Ergebnisse:
Bem reitet den «argument from ignorance»-Fehlschluss in satirisch wirkende Gefilde. Diese Liste ist beliebig ergänzbar: Ein Zauberer hat die Versuchsteilnehmenden verhext. Unsichtbare Geister waren im Raum und haben die Teilnehmenden beeinflusst. Nostradamus hatte etwas zu diesem Experiment geschrieben, und ein Teil der Teilnehmenden hat zufälligerweise Nostradamus' Texte studiert. Jesus hatte seine Finger im Spiel.

Bem expliziert hier, dass seine «PSI»-Annahmen reine «argument from ignorance»-Fehlschlüsse sind: Es ist unbekannt, wie die Ergebnisse zu Stande kommen - darum ist es «PSI».


1.2 Experiment 2: «Precognitive Avoidance of Negative Stimuli»
Hypothese
Auf Seite 16 nennt Bem die zu prüfende Hypothese zum Experiment 2:
[T]hey would prefer the target to the nontarget on significantly more than 50% of the trials.
Wiederum eine deskriptive Hypothese, deren allfällige Bestätigung nichts über «PSI» aussagt - es fehlt die Validität. Zudem ist diese Hypothese schlampig formuliert: Es ist unklar, was «on significantly more than 50% of the trials» bedeuten soll. Entweder, dass die «target»-Bilder öfter gewählt werden und diese Verteilung signifikant ist, oder, dass die «target»-Bilder viel öfter gewählt werden (unabhängig der Signifikanz der Verteilung).

Methode
Auf den Seiten 15 und 16 wird das methodische Vorgehen beschrieben:
Einen groben Fehler erlaubt sich Bem am Ende der Seite 16. Er formuliert eine zweite Hypothese:
[T]he psi effect might be stronger if the most successfully avoided negative stimuli were used repeatedly until they were eventually invoked.
Zunächst expliziert Bem zum ersten Mal in einer Hypothese, dass er «PSI» misst - was schlicht nicht stimmt. Er misst, wie oft die Versuchspersonen Bilder wählen; der «argument from ignorance»-Fehlschluss macht daraus eine «PSI»-Messung.
Das eigentlich problematische an dieser Unterhypothese ist aber, dass Bem für diese effektiv die 50 letzten «sessions» des Experimentes ändert. Die Gesamtdaten nutzt er aber trotzdem, um die eigentliche Hypothese, dass «target»-Beilder öfter gewählt werden, zu prüfen. Das ist absurd. Im Kontext von Pharmaexperimenten würde das z.B. bedeuten, dass ein Drittel der Versuchsteilnehmenden ein anderes Medikament erhalten, am Schluss aber alle Daten der Probanden in einen Topf geworfen werden.

Ergebnisse
Tabellen 2 und 3 auf Seiten 19 und 20 fassen die Ergebnisse zusammen:
Tabelle 1 fasst die Ergebnisse für alle Probanden zusammen, Tabelle 2 für jene, welche hohe Werte für «stimulus seeking» aufweisen (mittels Befragung hat Bem in Erfahrung bringen wollen, ob die Probanden dazu neigen, schnell gelangweilt zu sein; in früheren «PSI»-Studien gab es offenbar Zusammenhänge zwischen «PSI» und der Anfälligkeit für Langeweile).
Tatsächlich wählten «stimulus seekers» signifikant öfter die «target»-Bilder, und zwar bei grösserer Effektstärke.
Aber auch diese Ergebnisse werfen die Frage auf, warum «PSI» ausschliesslich bewirken soll, dass unangenehme Bilder vermieden werden - auch hier sind «one-tailed»-Messungen unangebracht (auch, wenn Bem hier vier statistische Tests und nicht nur einen durchführt). Auch wenn diese Ergebnisse akzeptiert werden (was angesichts der methodischen Willkür nicht angebracht ist), ist unklar, was sie mit «Präkognition» zu tun haben. Bloss, weil (angeblich) nicht geklärt ist, wie die Verteilungen zu Stande kommen, ist «PSI» nicht bestätigt - auch hier zeigt sich Bems «argument from ignorance»-Fehlschluss.


1.3 Experiment 3: «Retroactive Priming I»
Hypothese
Auf Seite 21 nennt Bem die Hypothese für Experiment 3:
[T]he psi hypothesis was that the retroactive procedure would also produce faster responding on congruent trials than on incongruent trials.
Wir sind erst bei Experiment 3, die Frustration über Bems hanebüchene Logik macht das Schreiben aber schwer. Allen Ernstes begründet Bem seine Hypothese folgendermassen (S. 20f.):
Because slower responding on congruent trials than on incongruent trials—called a contrast effect—has also been observed in some priming experiments (Hermans, Spruyt, De Houwer, & Eelen, 2003; Klauer, Teige-Mocigema, & Spruyt, 2009), we also ran a standard non-retroactive priming procedure in each session to ensure that our protocol would produce the usual (non-contrast) priming effect (see also, de Boer & Bierman, 2006). Because this turned out to be the case, the psi hypothesis was that the retroactive procedure would also produce faster responding on congruent trials than on incongruent trials.
Weil ein «contrast-effect» in regulären (kausal sinnvollen) «priming»-Experimenten zu beobachten ist, behauptet Bem einfach, dass derselbe Effekt auch im Kontext von «Präkognition» vorhanden sei. Dieser gigantische «leap of faith» ist durch nichts gerechtfertigt; Bems «PSI»-Annahmen ignorieren das gesammelte, logisch konsistente und empirisch abgestützte Weltverständnis und das Beste, was ihm zur Rechtfertigung seiner Hypothese einfällt, ist eine bedeutungslose Analogie.
Bedeutungslos ist diese Analogie, weil überhaupt nicht einleuchtet, warum ein normaler kausaler Effekt im «PSI»-Kontext, welcher sich durch die angeblich Ungültigkeit kausaler Weltverständnisse auszeichnet, ebenfalls vorzufinden sein soll.

Methode
Auf den Seiten 21 und 22 erklärt Bem sein Vorgehen:
Es fällt auf, dass alle Probanden sowohl normalem «priming» unterzogen wurden, als auch der, gemäs Bem, «präkognitiven» Variante. Der Sinn dieser Übung leuchtet nicht ganz ein: Wenn dieselbe Gruppe zwei unterschiedlichen Versuchen ausgesetzt wird, ist damit noch keine Kontrollgruppe gegeben.

Ergebnisse
Tabelle 4 auf Seite 24 fasst die Ergebnisse zusammen:
Beim «PSI»-priming sind die Signifikanzen grundsätzlich geringer, die Effektstärken schwächer und die Anzahl Fälle, bei denen der Effekt eintritt, geringer. All dies bespricht Bem nicht (die «one-tailed»-Kritik bleibt auch hier: Warum soll «PSI» bewirken, dass der «contrast effect» bei «priming» vorhanden ist?).

1.4 Experiment 4: «Retroactive Priming II»
Experiment 4 ist eine Variation des Experimentes 3 und ich habe keine Ahnung, warum Bem die Änderungen macht, welche er macht. Er verändert willkürlich das Experiment, ohne zu begründen, warum (S. 25):
In the original study, the prime paired with each picture was randomly selected on each trial from the list of unused positive and negative primes. In the current replication, one fixed positive and one fixed negative prime were assigned to each picture prior to the experiment. These were selected to be semantically relevant to the picture; for example, a picture of a basket of fruit was paired with the positive prime of luscious and the negative prime of bitter, and a picture of a menacing pit bull was paired with the positive prime of friendly and the negative prime of threatening.
Spätestens hier ist Bem in gänzlich irrationalen «anything goes»-Gefilden gelandet.

Die zu prüfende Hypothese ist dieselbe wie in Experiment 3. Die Ergebnisse sind in Tabelle 5 auf Seite 26 zusammengefasst:


1.5 Experiment 5: «Retroactive Habituation I»
Hypothese
Die Hypothese zu Experiment 5 ist auf Seite 30 zu finden:
[O]n trials with negative picture pairs, participants will prefer the target to the nontarget on more than 50% of the trials.
Auch dies eine deskriptive Hypothese - eine allfällige Bestätigung sagt über «PSI» ebensoviel aus wie über den Osterhasen.

Methode
Mit Experiment 5 soll ein «mere exposure»-Effekt «retroaktiv» induziert werden. Auf Seiten 30 und 31 ist das Vorgehen beschrieben:

Ergebnisse
Die Resultate des Experimentes 5 sind auf Seite 31 zusammengefasst:
Die Ergebnisse scheinen die Hypothese soweit zu stützen.
Etwas fällt aber auf: Bem beobachtete einen Unterschied zwischne Männern und Frauen, welcher aber nicht signifikant war. Und dennoch schreibt Bem dazu:
[...] but it did promt us to introduce different pictures for men and women in the replication (Experiment 6) reported below.
Das ist zelebrierte Pfuscherei: Ein Effekt ist irrelevant, aber trotzdem wird er in ein weiteres Experiment eingebaut. Da stockt einem der Atem.


1.6 Experiment 6: «Retroactive Habituation II»
Hypothese
Mittlerweile dürfte, sollte meine Argumentation zutreffen, klar sein, dass Bems Studie eine einzige Anreihung theoretischer wie empirischer Fehlschlüsse und Fehler ist. Es könnte aber sein, dass Bem einfach übereifrig ist, dass ihn seine «PSI»-Überzeugung für die groben Fehler seiner Studie blind macht - ja vielleicht sogar seine «one tailed»-Trickserei nicht böswillig gemeint ist.

Die Beschreibung der Hypothese zu Bems Experiment 6 räumt derlei Zweifel aus dem Weg: Bem betreibt, aus wissenschaftsethischer Sicht, Betrug. Er ist sich eindeutig bewusst, dass er auf Biegen und Brechen «beweisen» will, dass es «PSI» gibt.

Bems Hypothese zum Experiment 6 lautet (S. 32):
The retroactive habituation hypothesis for these trials is the opposite of that for negative trials: Participants would prefer the target picture—the one to be repeatedly exposed—on less ['less' ist kursiv im Original] than 50% of the erotic trials.
Plötzlich soll das «target»-Bild weniger oft gewählt werden?! Mit keinen Wort erklärt Bem, warum dieser willkürliche Wechsel des angeblichen «PSI»-Effektes im Vergleich zum Experiment 5 stattfindet. Auf Seite 28, zu Experiment 5, schreibt Bem sogar explizit, dass nie geprüft worden sei, ob «higly arousing positive stimuli» mit der Zeit einen negativen «mere exposure»-effect haben könnten:
As a result, the complementary hypothesis that highly arousing positive stimuli might become less liked after repeated exposures had never been tested in a traditional mere exposure experiment.
Weil unbekannt ist, ob eine Art negativer «mere exposure»-Effekt bei positiven Stimuli vorhanden ist, geht Bem also davon aus, dass dem im «retroaktiven» «PSI»-Kontext so ist? Wirklich?

Ergebnisse
Welch Überraschung: Bems Hypothese zu Experiment 6 wird gestützt (S. 33):
Natürlich hat Bem auch hier wieder einen «one-tailed»-Test durchgeführt - er erklärt ja fundiert und lückenlos, warum er in seiner Hypothese annimmt, dass die «target»-Bilder weniger häufig gewählt werden.

Das Experiment 6 macht überdeutlich, was Bem ist: Ein gefährlich nahe an Betrug arbeitender Wissenschaftler, welcher sich Ergebnisse und dazugehörige «Hypothesen» (in dieser Reihenfolge) nach belieben zusammenschustert.


1.7 Experiment 7: «Retroactive Induction of Boredom»
Hypothese
Bems Hypothese zu Experiment 7 ist auf Seite 36 zu finden:
[T]hose high in stimulus seeking (high in boredom proneness) would show significantly decreased liking for the target.
Auch hier eine deskriptive Hypothese, deren Bestätigung keine Bestätigung von «PSI» meint.

Methode
Das methodische Vorgehen zu Experiment 7 ist auf Seite 37 beschrieben:
Ein Detail der Datenerhebung begründet Bem mit «It was my (wrongheaded) hunch [...]». Ob sich Bem an diesem Punkt über die Leserschaft dieser «Studie» lustig macht, indem er sein Vorgehen mit «Ahnungen» beschreibt, ist unklar.

Ergebnisse
Tabelle 6 auf Seite 39 fasst die Ergebnisse des Experimentes 7 zusammen:
Die Hypothese wird gestützt: Probanden, welche eher zu Langeweile neigen, wählten das «target»-Bild signifikant weniger häufig. Über «PSI» sagen die Ergebnisse aber, wie bei allen Experimenten dieser Studie, nichts aus.


1.8 Experiment 8: «Retroactive Facilitation of Recall I»
Hypothese
Wer sich bis zu Experiment 8 durchgelesen hat, dürfte mit den Nerven am Ende sein. Den Gnadenstoss verpasst Bem der Leserin, dem Leser mit seiner Begründung für die Hypothese zu Experiment 8 (S.39):
Das muss Satire sein, oder?

Die Hypothese lautet (S.40):
[T]he practice exercises would retroactively facilitate the recall of those words, and, hence, participants would recall more of the to-be-practiced words than the unpracticed words.
Diese Hypothese ist nicht deskriptiv, sonder kausal: Es wird ein Zusammenhang zwischen dem Abrufen von Wörtern und dem zukünftigen Üben bestimmter Wörter behauptet. Bems Experiment misst aber diesen kausalen Zusammenhang nicht, sondern nur Korrelation.

Methode
Das Vorgehen wird auf Seiten 40 und 41 beschrieben:

Ergebnisse
Auf Seiten 41 bis 43 werden die Ergebnisse besprochen; auch hier wird die Hypothese gestützt (mit dem üblichen «one-tailed»-Spiel). Eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse ist überflüssig; Ein Satz auf Seite 41 demonstriert zu Genüge, wie falsch Bem die Ergebnisse interpretiert:
The results show that practicing a set of words after the recall test does, in fact, reach back in time to facilitate the recall of those words: [...].
Bem hat sich vollends dem «argument from ignorance»-Fehlschluss hingegeben: Weil er keine bessere Erklärung für die beobachteten Verteilungen hat, muss «PSI» im Spiel sein.


1.9 Experiment 9: «Retroactive Facilitation of Recall II»
Experiment 9 ist ähnlich wie Experiment 8, mit einigen willkürlichen, da unbegründeten Veränderungen. Die Ergebnisse stützen dieselbe Hypothese wie in Experiment 8.


2. Quantenmystik
Im obigen Abschnitt zu Bems neun Experimenten argumentiere ich, dass diese, auch unter Ignorierung aller offensichtlicher Fehler, den Schluss, es gebe «PSI», nicht erlauben - werden die Ergebnisse doch dahingehend interpretiert, wird ein klassischer «argument from ignorance»-Fehlschluss begangen: Weil die zufälligen Verteilungen (angeblich oder vorläufig) nicht erklärbar sind, handelt es sich dabei um «PSI».

Ab Seite 44 widmet sich Bem einer «general discussion». Dabei bedient er sich zweier wissenschaftlicher Ansätze, um seiner «PSI»-Fantasterei Glaubwürdigkeit zu verleihen: Der Evolutionstheorie und der Quantenphysik.

2.1 «Appeal to evolution»
Ab Seite 50 jongliert Bem mit Evolutionstheorie und begeht einen weiteren, unsinnigen «leap of faith»:
If psi exists, then it is not unreasonable to suppose that it might have been acquired through evolution by conferring survival and reproductive advantage on the species [...]. For example, the ability to anticipate and thereby avoid danger confers an obvious evolutionary advantage that would be greatly enhanced by the avility to anticipate danger precognitively. 
Auf den ersten Blick mag diese Spekulation überzeugend klingen: Evolution hat ja irgendwie irgendetwas mit Überleben und Vorteilen zu tun und so; also muss jedes menschliche Merkmal irgendwie die Folge von Evolution sein. Und weil die Erklärung so einfach und elegant ist, ist damit «PSI» auch sofort viel glaubwürdiger!
Es ist nicht neu, dass Pseudowissenschaft durch Rekurs auf Evolution Glaubwürdigkeit hascht. Die ganze pseudowissenschaftliche Disziplin der «evolutionary psychology» basiert auf dem Irrglauben, dass alles, was beobachtbar ist, das Produkt evolutionärer Vorgänge ist (Im Gespräch wurde mir Mal erklärt, dass Männer es gerne haben, wenn Frauen ihr Sperma schlucken, weil sie damit «evolutionär» Dominanz markieren etc. - Meine Frage, ob es denn nicht evolutionär sinnvoller sei, Sperma lande in der Vagina, wurde nicht beantwortet.).
Der «appeal to evolution»-Fehlschluss ist ein Mechanismus der «tooth fairy science»: Zwar ist nicht im Ansatz bewiesen, dass ein Phänomen tatsächlich vorhanden ist (z.B. «PSI»), aber trotzdem wird so getan, als ob dem doch so wäre und wird wild drauf los spekuliert.

2.1 «Appeal to quantum physics»
Ab Seite 52 nimmt sich Bem des Themas Quantenphysik an - der lieblings «cop out» vieler Esoterik-Strömungen. Auf Seiten 53 und 54 ist Bem aber realistisch und beschreibt die Problematik in Betreff der Quantenphysik als Erklärungsmodell für «PSI»:
As Radin acknowledges in the paragraph quoted above, quantum entanglement does not yet provide an explanatory model of psi. More generally, quantum theories of psi currently serve more as metaphors than models, and some psi researchers with backgrounds in physics are even more skeptical: “I don’t think quantum mechanics will have anything to do with the final understanding of psi” (Edwin May, quoted in Broderick, 2007, p. 257).
Zwar äussert die zitierte Person ihren Glauben an «PSI», doch Bem anerkennt, dass Quantenverschränkung und dergleichen Metaphern sind, welche keinerlei Erklärungsgehalt für «PSI» bieten. Um auf Seite 55 doch wieder zu einer suggestiven Analogie zu greifen:
Unfortunately, even if quantum-based theories eventually mature from metaphor to genuine models of psi, they are still unlikely to provide intuitively satisfying mechanisms for psi because quantum theory fails to provide intuitively satisfying mechanisms for physical reality itself. Physicists have learned to live with that conundrum but most non-physicists are simply unaware of it; they presume that they don’t understand quantum physics only because they lack the necessary technical and mathematical expertise.
Mit dieser nicht ganz ungeschickten Aussage suggeriert Bem, dass die fehlende intuitive Nachvollziehbarkeit der Quantenphysik bedeute, dass eben auch «PSI» möglich sei - zwar intuitiv nicht nachvollziehbar, aber hey, ist ja bei Quantenphysik auch so.

3. Fazit
Zum Abschluss verzichte ich darauf, meine Argumente zu dieser von vorne bis hinten fehlerbehafteten «PSI»-Studie zusammenfassen, und zitiere stattdessen Bems eigenes Schlusswort unkommentiert (S.56):
Near the end of her encounter with the White Queen, Alice protests that “one can’t believe impossible things,” a sentiment with which the 34% of academic psychologists who believe psi to be impossible would surely agree. The White Queen famously retorted, “I daresay you haven’t had much practice. When I was your age, I always did it for half-an-hour a day. Why, sometimes I’ve believed as many as six impossible things before breakfast” (Carroll, 2006, p. 166).
Unlike the White Queen, I do not advocate believing impossible things. But perhaps this article will prompt the other 66% of academic psychologists to raise their posterior probabilities of believing at least one anomalous thing before breakfast.

3 Kommentare:

Dan hat gesagt…

Hoffentlich werden diese 66% nicht plötzlich anfangen an irgendetwas zu glauben.

Ich habe diesen 2.Teil mit grossem Interesse erwartet. Jetzt bin ich schon ein bisschen sprachlos, ob der Dreistigkeit dieser Studie. (Und das liegt nicht nur an der Länge des Blogeintrages)

Marko Kovic hat gesagt…

Danke fürs Durchhaltevermögen ;)

Ich denke, dass 'dreist' diese Studie wirklich nicht schlecht beschreibt; selten habe ich einen schlechteren wissenschaftlichen Text gelesen.

Das vielleicht grösste Problem mit dieser Studie ist der mögliche "Kollateralschaden" für die Disziplin Psychologie: Ich befürchte, dass der Eindruck enstehen könnte, "Parapsychologie" sei ein akzeptiertes Teilgebiet der Psychologie und nicht das, was sie letztlich eher ist: eine Pseudowissenschaft.

Dan hat gesagt…

Das ist völlig richtig. Insbesondere die clevere Taktik am Ende die Fachschaft in zwei Lager zu spalten und eines davon zu umschmeicheln - im Sinne von: "Bei Euch ist Hopfen und Malz noch nicht verloren!" - ist bedenklich. Es sind genau diese appeal-to-authority Schachzüge, welche diesen Menschen ständig zu Gehör verhelfen. Du beschreibst das ausführlich in 2.1 Appeal to evolution.

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