10. Februar 2011

NZZ Folio: Chart junk

Die aktuelle Ausgabe des NZZ Folio (02/11) widmet sich dem Thema «Die Hausfrau». Auf der Doppelseite 36/37 findet sich eine auf den ersten Blick beeindruckende Grafik (Quelle):
Wow, fehlt nur noch die 3D-Brille. Zu dumm nur, dass diese Grafik kaum lesbar ist.
Scheinbar sind die Säulen im Süden insgesamt etwas länger, aber die Dreidimensionalität verzerrt: Der nördliche Teil ist perspektivisch bedingt übermässig kurz und klein geraten. Vergleiche zwischen einzelnen Säulen (d.h., Gemeinden) sind kaum möglich.

Diese Grafik tauscht Lesbarkeit gegen optischen Bombast; zunächst spektakulär, dann leer. Eine sinnvollere Darstellungsart von Grafiken wie der obigen ist die langweilige, aber übersichliche 2D-Variante (Quelle):
Die Daten sind im zweiten Bild andere, das Prinzip dasselbe.

Auf Seite 35 der gleichen Folio-Ausgabe fällt eine weitere Grafik auf (Quelle):
Auf den ersten Blick unschuldig: Anhand einiger Datenpunkte wird ein zeitlicher Verlauf dargestellt, übersichtlich und lesbar. Heikel ist aber die geringe Anzahl an Datenpunkten: Maximal fünf Werte sind pro Variable vorhanden - für den Zeitraum zwischen 1915 und 2009.
Beispiel «Bügeleisen»: Die Datenpunkte beziehen sich auf die Jahre 1915, 1945, 1970, 1995, 2009. Was zwischen diesen Jahren passierte, ist unbekannt; die obige Grafik suggeriert aber, die Entwicklung zum nächsten Punkt sei eine lineare gewesen. Durchaus möglich, aber eben nicht in den Daten enthalten.
Insgesamt dürfte der dargestellte Trend wohl stimmen, die Art der Darstellung suggeriert aber mehr Information, als tatsächlich vorhanden ist.

Mit diesem Blogeintrag plädiere ich nicht für «hässliche» grafische Darstellungen, sondern für einfache. Dass auch so Ansehnliches entstehen kann, wird z.B. bei «Information is Beautiful», «Visual Complexity» und «datavisualization.ch» demonstriert.

2 Kommentare:

Dan hat gesagt…

Ansehnlich und teilweise sogar zu neuen Erkenntnissen führend - das war doch ursprünglicherweise die Absicht, oder? Du hast in deiner Aufzählung (bestimmt unabsichtlich) Gap Minder vergessen!

Die Talks von Hans Rosling sind übrigens ein Beispiel für effizienten Wissenstransfer und ausserordentlich seheneswert. Mein Lieblingstalk ist über das Wachstum der Weltbevölkerung erklärt mit Ikea Kisten.

Marko Kovic hat gesagt…

Gap Minder kannte ich bisher noch gar nicht - genial! Wäre damals bloss mein Methoden-Prof nur halb so begeistert von seinem Fach gewesen, wie es Hans Rosling ist... :/

Zur Folio-Grafik: Sie ist zwar ansehnlich im Sinne von ungewöhnlich und spektakulär (und spricht somit vielleicht auch eher statistik-phobe Leute an), aber letztlich eben verzerrend und wenig aussagekräftig. Z.B. sind '1b', '5a', '5d', '2' in der Grafik aufgrund der 3D-Darstellung überhaupt nicht sichtbar; auf einer einfacheren 2D-Grafik wären sie sichtbar.
Auch bei Grafiken sollte, so meine ich, die Maxime 'So einfach wie möglich, so kompliziert wie nötig' gelten.

Grundsätzlich bin aber überhaupt nicht dagegen, ungewöhnliche Visualisierungen einzusetzen, insbesondere zur Darstellung abstrakter Sachverhalte. So ist einer der Gründe, warum ich mit meiner Liz-Arbeit im Verzug bin (jammer, jammer), das sehr beeindruckende open source Programm Cytoscape.

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