28. Februar 2011

Zum Steiner-Jubiläum: Anthroposophie-Propaganda auf allen Kanälen

Am vergangenen Wochenende, genauer am 27. Februar, jährte sich der Geburtstag Rudolph Steiners zum 150. Mal, und die einige Medien lieferten ein Feuerwerk unkritischer Lobhudelei Steiners und seines Esoterik-Kultes, der Anthroposophie, ab.

Da war, zum Beispiel, der Artikel der Weltwoche (Nr. 8 vom 24. Februar 2011):

Der Artikel versucht, in typisch esoterisch-schwurbeligen Kauderwelsch verpackt, die Lehre Steiners zu besingen. Eine Passage ist insbesondere auffällig: Die süffisante Bemerkung zu Homöopathie auf Seite 43:
Die «materialistisch geprägte Schulmedizin» werde von einer «methodologischen Begrenztheit» bestimmt. Das ist der klassische «special pleading»-Fehlschluss: Wer Homöopathie kritisiert, weil keine Wirksamkeit nachweisbar ist, liegt falsch und versteht Homöopathie einfach nicht - Homöopathie funktioniert «anders».

Im Weiteren wird wieder ein oft gehörtes, aber trotzdem falsches Argument vorgetragen: Homöopathie werde erfolgreich bei Tieren (d.h., anderen Tieren als dem Menschen) eingesetzt, und weil es bei Tieren keinen Placeboeffekt gebe, müsse Homöopathie wirken.
Ein Stück weit ist diese Behauptung nachvollziehbar: Kein Tier ausser dem Menschen verfügt über die nötigen kognitiven Fähigkeiten, um soziale Interaktion mit abstrakten Erwartungshaltungen aufzuladen (z.B., dass eine runde, süsse Kugel nicht einfach gut schmeckt, sondern eine bestimmte Wirkung auf den eigenen Körper haben soll). Der Placeboeffekt bei kognitiv weniger leistungsfähigen Tieren lässt sich aber, u.a., durch Konditionierungseffekte erklären (vgl. einige Argumente bei SkeptiVet und SkeptVet).

Weiter zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Auch DRS 2 hat sich Rudolph Steiner anlässlich des Jubiläums gewidmet. Insbesondere die Kontext-Ausgabe mit dem Titel «Anthroposophische Medizin: Glaube oder Wissenschaft» klingt vielversprechend.
Doch der Name täuscht: Kritisch hinterfragt wird Steiners Esoterik nicht; ausschliesslich Verfechter Steiners kommen zu Wort. Eine Aussage des Sprechers aus Minute 27 zeigt auf, wie pervertiert die unkritische Haltung gegenüber Anthroposophie ist:
[D]ie Wirksamkeit der anthroposophischen Medizin ist nicht höher als die der Schulmedizin.
Diese Aussage suggeriert, dass Anthroposophie genauso wirksam sei wie wissenschaftliche Medizin, nur nicht wirksamer. Dieser Satz stellt das Maximum an «Kritik» in dieser Kontext-Ausgabe dar. 

Bei solcher Zelebrierung von Pseudowissenschaft darf das Schweizer Fernsehen selbstredend nicht fehlen: Am 27. Februar wurde im Rahmen der Sendung «Sternstunde» ein knapp 80-minütiger Dokumentarfilm über Anthroposophie ausgestrahlt:
Kritische Auseinandersetzung mit dem Steiner-Kult ist in diesem Film bestenfalls in homöopathischen Dosen vorhanden.

Auf diesen einseitigen Propagandafilm folgte eine «kritische» Diskussion zu Anthroposophie, immerhin unter dem Titel «Zankapfel Anthroposophie»:
Es werden lediglich einige Nuancen der grotesken Steiner-Pädagogik angesprochen. Der Anthroposophie-Kult an sich wird zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt.

Fazit
Es ist befremdend: Der hanebüchene Esoterik-Kult der Anthroposophie wird im massenmedialen Diskurs kaum kritisch behandelt (in einem früheren Blogeintrag verweise ich auf etwas ausgewogenere Artikel der NZZ).

Womit ist dieses Wohlwollen gegenüber der Anthroposophie zu erklären? Warum erfährt ein ans Lächerliche grenzender Esoterikkult so wenig Kritik? Ist etwas an der Anthroposophie einladender, überzeugender, als bei anderen esoterischen Irrgläuben?

Einer der Gründe, so meine Hypothese, für die anhaltende Beliebtheit der Anthroposophie dürften die Steiner-Schulen sein: Da vor allem Kinder aus einkommensstärkeren Schichten Steiner-Schulen besuchen, sind Steiner-Anhängerinnen und -Anhänger unter «sozio-kulturellen Professionellen», z.B. im Bereich des Journalismus, übervertreten (mehr Einkommen und höherer Bildungsgrad der Eltern bedeutet tendentiell besseren schulischen Erfolg des Kindes, entsprechend auch bessere Chancen auf einflussreichere, Qualifikation bedingende Jobs).


Dank an Marcel für den Hinweis auf den Weltwoche-Artikel.

2 Kommentare:

nirwanixla hat gesagt…

Ich habe manchmal den Eindruck, dass es einfach darum geht, etwas Anderes, etwas Außergewöhnliches als besser anzusehen.

Auch im Südtiroler Tagblatt Dolomiten gab es am 26. Februar eine Doppelseite zu den "reformpädagogischen Schulen". Eine Kostprobe will ich euch nicht vorenthalten:

"Arbeiten über die Heilkraft der Steine oder zur TV-Werbung seien bei diesen Volksschülern keine Seltenheit."

:) man erziehe die Kinder frühzeitig zu zukünftigen Abnehmern von Heilsteinen.

Andreas Lichte hat gesagt…

SPIEGEL, "Heute in den Feuilletons", 25.10.2011

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,793793,00.html

In der "Welt" plädiert Peter Sloterdijk für Rudolf Steiner. Bei den Ruhrbaronen plädiert Rudolf Steiner gegen sich selbst (...)

Andreas Lichte von den Ruhrbaronen ist nicht so einverstanden mit Peter Sloterdijks Rudolf-Steiner-Exhumierung. Zu Sloterdijks Behauptung, Steiner ermögliche eine Koexistenz der Menschen auf dem Planeten, stellt er Steiners Zitat über Menschen in Afrika: "Sehen wir uns zunächst die Schwarzen in Afrika an. Diese Schwarzen in Afrika haben die Eigentümlichkeit, dass sie alles Licht und alle Wärme vom Weltenraum aufsaugen. Sie nehmen das auf. Und dieses Licht und diese Wärme im Weltenraum, die kann nicht durch den ganzen Körper durchgehen, weil ja der Mensch immer ein Mensch ist, selbst wenn er ein Schwarzer ist... Im Neger wird da drinnen fortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer schürt, das ist das Hinterhirn." Und später dann: "Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse."



zum vom SPIEGEL besprochenen Artikel der Ruhrbarone:

http://www.ruhrbarone.de/baadische-zeitung-und-rudolf-steiner-bejubeln-ja-zitieren-nein/

"Badische Zeitung und Rudolf Steiner: Bejubeln ja, Zitieren nein."

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