12. April 2011

Mamablog: «Zitronensocken statt Notfallstation»

Wieder einmal wird auf dem «Mamablog» des Tagesanzeigers Medizin besprochen. Dieses Mal war am 10. April unter dem Titel «Zitronensocken statt Notfallstation» das Thema die Überreaktion von Eltern, wenn die Kinder an einfachen Gebrechen leiden.
So weit, so gut: Bei einfachen Beschwerden können Hausmittel durchaus Abhilfe schaffen. Panik ist selten die beste Lösung; bewahren Eltern einen kühlen Kopf, ist auch dem Kind am besten gedient - so können vielleicht auch ernstere Probleme klarer wahrgenommen und die nötigen Schritte effizienter eingeleitet werden.

Wie gesagt, so weit, so gut. Aber der Mamablog wäre nicht der Mamablog, würde in einem solchen Artikel ein Verweis auf Homöopathie fehlen:

Prellung:
Arnica-Globuli (D6), das Wundermittel bei stumpfen Verletzungen, gehören in jede Hausapotheke. Anfangs alle zwei Stunden drei Globuli im Mund zergehen lassen, bei Besserung auf ein- bis zweimal 3 Globuli täglich reduzieren. Vor und nach der Einnahme mindesten [sic] zwanzig Minuten nichts essen und nur Wasser trinken.
Der letzte Satz ist amüsant: Das klingt fast so, als ob in homöopathischen Präparaten Inhaltsstoffe vorhanden wären, deren Wirksamkeit durch Nahrungseinnahme beeinflusst werden könnte. Durch eine kleine Umformulierung dieses Satzes sind Essen und Globuli-Schlucken trotzdem vereinbar:
Vor und nach dem Essen mindestens zwanzig Minuten nichts ausser Zucker einnehmen.

Aber genug der Scherze: Diese kurze Bemerkung zu Homöopathie-Einnahme bei Prellungen demonstriert eindrücklich, wie Homöopathie-Verfechterinnen und -Verfechter selbstgewählt ignorant bleiben: Eine einfache Prellung wird auch ohne Homöopathie nach mehreren Tagen verschwinden.
Die Einsicht, dass Korrelation nicht Kausalität bedeutet, ist nicht immer offensichtlich, besonders in emotional geladenen Situationen. Aber bei einer Prellung müsste, so meine ich, relativ deutlich sein, dass die Prellung auch ohen Zutun von «Wundermitteln» abklingt. Fast könnte man meinen, dass die Mamablog-Autorinnen absichtlich mit solch offensichtlichen Fehlschlüssen um sich schwingen, um Reaktionen zu provozieren. Aber wahrscheinlich ist das nur Einbildung...oder vielleicht...:
Hab ich's doch gewusst! An Humbug wie Homöopathie kann niemand ernsthaft glauben!

(Bemerkung: Obiges Bild mit dem «Trollface» ist nicht ernst gemeint; den Mamablog-Autorinnen unterstelle ich keine versteckten Absichten. Damit will ich nur ausdrücken, dass der Glaube an Homöopathie so vernunftsfern ist, dass es bisweilen schwer fällt, zu akzeptieren, dass sich Menschen kritischem Denken gänzlich versperren und stattdessen an die Zauberwirkung von Homöopathie glauben wollen.) 

3 Kommentare:

nirwanixla hat gesagt…

bei uns werden Arnikaglobuli gegeben, damit die Kinder keinen Blauen (Hämatom) bekommen. Und wenn sie doch einen Blauen bekommen, damit der Blaue schneller weggeht :D

ich hab schon ein paarmal gefragt, warum Kinder keinen Blauen mehr bekommen dürften? Die Antwort war meist ein Stammeln ;)

Gregor hat gesagt…

Ich kriegte als Kind ja auch ab und zu Globuli und Tröpfchen verabreicht, aber mir das Zeug auch bei Prellungen und Co. zu geben, wär dann doch keinem in den Sinn gekommen. *kopfschüttel*

Marko Kovic hat gesagt…

Ich glaube, dass Homöopathie-Abgabe an Kinder allgemein gar nicht selten ist. Dazu habe ich mir eine Hypothese zusammengesponnen:
Durch die Homöopathie-Abgabe an Kinder entsteht ein sich selbst erhaltender und verstärkender Mechanismus der Verbreitung von Homöopathie-Abgabe an Kinder.

Weil die "ungefährliche" Homöopathie bei Kindern weitgehend im Zusammenhang mit kleineren gesundheitlichen Problemen verabreicht wird, entsteht der anekdotische Eindruck, dass Homöopathie ausserordentlich wirksam sei (weil der menschliche Körper kleine Beschwerden wie Prellungen recht gut selber behebt). Gepaart mit dem Mythos, dass der Placeboeffekt bei Kleinkindern und Säuglingen nicht vorkomme, kann der irrationale Eindruck entstehen, homöopathische Zuckerkügelchen seien "Wundermittel".

Aber damit wäre noch nicht geklärt, was bestimmte Eltern motiviert, ausgerechnet auf diese Art für ihre Kinder sorgen zu wollen. Schliesslich wäre eine andere Möglichkeit der elterlichen Fürsorge z.B., dass die Eltern ihren Kindern nur solche Medizin verarbreichen, für welche ganz genau bekannt ist, wie die (angebliche) Wirkung zustande kommt und was die Nebenwirkungen sind. In anderen Kontexten wäre die Erklärung "Es ist Magie!" undenkbar.
Es dürfte beispielsweise eher selten vorkommen, dass Eltern einen bestimmten Auto-Kindersitz bevorzugen, weil dieser mit einem Zauberbohnen-Pulver bestäubt wurde, während die Sicherheitstests mit Crashtest-Dummies für diesen Zauberbohnen-Kindersitz zeigen, dass der Sitz völlig nutzlos ist.

Darum habe ich noch eine zweite Hypothese: Eltern, welche ihren Kindern Homöopathie (oder sonstige esoterische Heilmittel) verabreichen, behaupten zwar, dies aus Liebe und Sorge für ihre Kinder zu tun - in Tat und Wahrheit leben sie aber lediglich ihren irrationalen Glauben an den Kindern aus.

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