19. April 2011

Religiosität in der Schweiz

Bald ist es wieder soweit: Eine Gruppe von Menschen erfreut sich an der Geschichte eines Verstorbenen, der dem biologischen Tod trotzt und aus seinem Grab steigt. Nein, die zweite Staffel von «The Walking Dead» (absolut sehenswert!) fängt noch nicht an - der Zombie, um welchen es sich handelt, ist Jesus, das bevorstehende Ereignis das christliche Fest Ostern.
Wohl nicht ganz zufällig wurde vor Ostern eine Studie zu Religiosität in der Schweiz veröffentlicht, deren Ergebnisse u.a. im SonntagsBlick vom 17. April besprochen wurden (der ganze Artikel ist hier herunterladbar):
Gleichentags wurde im Schweizer Fernsehen eine Ausgabe der Sendung «SonntagsBlick Standpunkte» zu dieser Studie ausgestrahlt:
SonntagsBlick Standpunkte vom 17.04.2011
Einer der Gäste der Sendung war Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung im Kanton Zürich.

Zu dieser Studie und deren Diskussion in den Medien gibt es einiges zu schreiben. Zunächst aber ein längst überfälliger Verweis: Andreas Kyriacou und die Freidenker organisieren vom 8. bis 11. Dezember das Denkfest: Vier Tage Wissenschaft, kritisches Denken & intelligente Unterhaltung.
Das Denkfest ist im Geiste der angelsächsischen Skeptiker-Konferenz «The Amazing Meeting» gehalten - ein Muss für kritisch Denkende!

Die Studie
Die lesenswerte Studie, welche aktuelle Daten zu Religiosität in der Schweiz erfasst, trägt den etwas sperrigen Titel «Religiosität in der modernen Welt. Bedingungen, Konstruktionen und sozialer Wandel.».
Die Grundaussage dieser Untersuchung ist, dass der Trend der abnehmenden Religiosität (im Sinne der Teilnahme an klassischen organisierten Religionen) weiter voranschreitet. Dies ist anschaulich in Grafik 2 auf Seite 6 dargestellt:
Die Anzahl konfessionsloser Menschen nimmt demnach stetig zu, die Anzahl der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Gläubigen stetig ab. In den letzten ca. zwanzig Jahren hat zudem die Gruppe der «anderen» ebenfalls leicht zugenommen.
Damit ist es aber nicht getan. Die Autoren der Studie machen eine interessante Unterteilung: Sie unterscheiden zwischen «Institutionellen», «Distanzierten», «Alternativen» und «Säkularen».

«Institutionelle» sind wie folgt beschrieben (Seite 8f.):
Institutionelle sind Personen, denen christlicher Glaube und christliche Praxis im eigenen Leben viel bedeuten. Auf den kürzesten Nenner gebracht: es handelt sich um die Mitglieder der katholischen und reformierten "Kerngemeinden" sowie um die grosse Mehrheit der Mitglieder evangelischer Freikirchen. Institutionelle glauben sehr häufig an einen einzigen, persönlichen und überweltlichen Gott, der sich für jeden Menschen individuell interessiert. Sie sind überzeugt, dass das Leben nur durch Gott und Jesus Christus einen Sinn hat. Viele messen den Inhalten des christlichen Glaubens eine grosse Bedeutung zu.
«Distanzierte» haben folgende Eigenschaften (Seite 11):
Die grösste Gruppe in unserer Typologie sind die "Distanzierten". Distanzierte glauben nicht nichts, sie haben gewisse religiöse und spirituelle Vorstellungen und Praktiken. Diese sind in ihrem Leben aber häufig nicht besonders wichtig und/oder sie werden nur in seltenen Fällen aktiviert. Distanzierte bezeichnen sich meist als Mitglieder einer der grossen Konfessionen und bezahlen dementsprechend Kirchensteuern - ansonsten bedeutet die Konfessionszugehörigkeit für sie jedoch lebenspraktisch nicht viel oder gar nichts. Sie glauben oft, dass es "irgend etwas Höheres" [...] oder irgendeine "Energie" [...] gibt, sie machen sich Gedanken über den "Sinn des Leben" oder den "Beginn der Welt", aber sehr viel spezifischer können oder wollen sie nicht werden. Sie gehen vielleicht an grossen Festen (v.a. Weihnachten) in die Kirche, aber ansonsten zieht es sie nicht in die Gotteshäuser. Sie lassen ihre Kinder taufen oder konfirmieren, sind aber nicht der Meinung, dass dies im Vergleich zu anderen Elementen der Erziehung und Ausbildung besonders wichtig sei.
«Alternative» zeichnen sich durch Folgendes aus (Seite 9):
Alternative sind Personen, denen holistisch esoterische [sic] Glaubensansichten und Praktiken im Leben viel bedeuten. Alternative sprechen eher von "Spiritualität" als von "Religion", weniger von "Glauben", als vielmehr von "Erfahrung" und "Wissen". Alternative erfahren etwa den Kontakt mit Engeln und Geistern und wissen um die Reinkarnation, das Gesetz des Karma, kosmische Energien, die Wichtigkeit der Chakren, geheime Meister, heilende Kräfte von Steinen, Pflanzen, Kristallen oder Händen. Unter den Praktiken der Alternativen finden sich - neben dem Konsum esoterischer Literatur - Techniken der Wahrsagerei (Tarot, Channelling, Handlesen), geistliche Heilung (Schamanen, Faiseurs du secret), Atem- und Bewegungstechniken (z.B. Tai Chi, Kinesiologie, Alexander Technik, Yoga, Meditation), Heilungstechniken, die über die Hände wirken (z.B. Reiki, Massage, Akupressur) und diverse andere Techniken und Rituale (z.B. Natur-Rituale, Hypnose, Frauenspiritualität) [...].
«Säkulare» schliesslich charakterisieren die Autoren wie folgt (Seite 12):
Die vierte Gruppe besteht aus den Säkularen. Hier handelt es sich um Personen ohne jede religiöse Praxis und ohne religiöse Glaubensüberzeugungen. Idealtypisch lassen sich zwei grössere Gruppen unterscheiden. Zum einen die Indifferenten. Es handelt sich um Personen, welchen Religion, Kirche, Glaube, aber auch Esoterik oder spirituelle Heilung völlig gleichgültig sind. Zum anderen finden wir in dieser Gruppe die Religionsgegner. Sie kritisieren sowohl institutionelle Religion als auch alternative Spiritualität in oft harscher Weise.
In Grafik 4 ist die Verteilung dieser vier Profile für die Stichprobe der Studie (N=1229) zusammengefasst (S. 7):
Immerhin 10% der Stichprobe sind Säkulare. Das zeigt deutlich, dass skeptisch Eingestellte, welche zwangsläufig in diese Gruppe fallen, in der klaren Minderheit sind. Der Grossteil der Stichprobe fällt in die Kategorie «Distanzierte». 17% sind Institutionelle, 9% Alternative.
Bereits diese Verteilung (angenommen, sie ist für die Schweiz repräsentativ) wirft aus Skeptiker-Sicht eine zentrale Frage auf: Wen sprechen Skeptikerinnen und Skeptiker an? Sollen wir versuchen, Distanzierte mit möglichst nüchternen Argumenten die Wichtigkeit kritischen Denkens näher zu bringen? Oder ist es effektiver, das Gespräch direkt mit Instiutionellen und Alternativen zu suchen - den zwei Gruppen, welche sich viel stärker der Irrationalität verschreiben?

Grafik 5 auf Seite 11 geht näher auf die Alternativen ein. Es wird zusammengefasst, welche Praktiken wie verbreitet, nach Geschlecht, sind:
Sofort fällt auf, dass Frauen übervertreten sind; warum, ist unklar. Einen möglichen und plausibel klingenden Grund habe ich in einem der letzten «Hoaxilla»-Podcasts («Special 3») aufgeschnappt: Rebecca Watson (Skepchick, Skeptic's Guide to the Universe) hat im Interview erwähnt, dass die, grob umschrieben, Esoterik-Industrie weitgehend Frauen als Zielgruppe anvisiert und entsprechend auf Frauen gerichtetes Marketing betreibt. Das bedeutet, dass Frauen nicht etwa eo ipso anfälliger für Esoterik sind (aufgrund biologisch bedingter Eigenschaften o.ä.), sondern von dieser Industrie stärker umworben werden - nicht die Nachfrage bestimmt das Angebot, sondern das Angebot stellt die Nachfrage her.

Dass in Grafik 5 «biologische Ernährung» zusammen mit «pflanzliche Heilmittel» an erster Stelle aufgeführt ist, überrascht nicht. Viele Menschen sind, teils durch an Betrug grenzendes Marketing beeinflusst, der Überzeugung, «Bio»-Produkte seien gesünder als Nicht-Bio-Produkte. Diesem Mythos geht Brian Dunning in einer hörenswerten «Skeptoid»-Episode auf den Grund.
«Pflanzliche Heilmittel» indes dürfte u.a. Homöopathie beinhalten. Dazu ist zu bemerken, dass nicht jede Art pflanzlicher Heilmethoden Pseudowissenschaft ist: Pflanzenheilkunde, oder Phytotherapie, ist wissenschaftlich betrachtet die schlichte Frage nach Wirkstoffen in Pflanzen. Banale Beispiele für einen solchen pflanzlichen Wirkstoff sind z.B. Cannabis und die Geschichte des Aspirin. Selbstredend gibt es aber Menschen, welche glauben, dass sie sich mit bestimmten Kräutern erfundene und eingebildete «Lebensenergien» u.ä. einverleiben können.
Ebenfalls beliebt sind chinesische Pseudowissenschaft (alles rund um «Chi»), auch Pseudowissenschaft wie Atemtechnik.

Grafik 9 auf Seite 17 zeigt nochmals, dass für die Studien-Stichprobe Frauen in allen Kategorien religiöser als Männer sind und weniger oft zu Säkularen gehören:
Grafik 11 auf Seite 19 stimmt zuversichtlich. Gemäss dieser Grafik nahm die Zustimmung zu bestimmten «esoterisch-holistischen Vorstellungen» zwischen 1998 und 2009 insgesamt leicht ab:
Dies könnte bedeuten, dass die Abnahme der klassisch religiösen Menschen nicht einfach bedeutet, dass diese sich zu Esoterik neuorientieren, sondern, dass die Anzahl der Säkularen tatsächlich zunimmt. Grafik 12 auf Seite 20 relativiert diese Einschätzung ein Stück weit:
Zwischen 1988 und 2009 haben gemäss Grafik 12 «Yoga» und «Techniken spritueller Heilung oder Dienste eines Heilers» zugenommen.

Ebenfalls interessant ist Grafik 13 auf Seite 21, welche die Zugehörigkeit zu den vier Religiositätsprofilen nach Alterskohorte darstellt:
Eine mögliche (nicht ganz ernst gemeinte) Interpretation bzw. Hypothese: Alt-Hippies sorgen dafür, dass die Kohorte 41-50 verhältnismässig am öftesten bei den Alternativen anzutreffen ist. Ebenfalls spannend ist, dass die Kohorte 61-70 den höchsten Anteil an Säkularen aufweist - spontan hätte ich eingeschätzt, dass das Verhältnis zwischen Alter und Säkularismus linear negativ ist.

Die Diskussion in den Medien
Wie eingangs erwähnt, wurde diese Studie in einem SonntagsBlick-Artikel und einer Ausgabe der Sendung SonntagsBlick-Standpunkte diskutiert. Sowohl der Artikel als auch die Fernsehsendung fallen einigermassen ausgewogen aus. Die Fernsehsendung ist aber an dieser Stelle einiger Worte wert; nicht zuletzt, weil einer der Gäste auch einer der Studienautoren war.
Die vier Gäste der Sendung waren der Freidenker Andreas Kyriacou, Studien-Mitautor Jörg Stolz, die Pfarreileiterin Monika Schmit und der Ex-Jesuit Lukas Niederberger.

Die Diskussion verlief ruhig, aber etwas tendentiös. In Minute 22 etwa fragt der Moderator Andreas Kyriacou, wie er, der keinen Gott habe, die «letzten Fragen im Leben» beantworte; diese Fragen habe auch er. Dies ist eine klassische «loaded question»: Die Probleme, welche Religion aufwirft und auf welche sie angeblich unfehlbare Antworten liefert (das Jenseits, der «Sinn» des Lebens, etc.) werden als grundsätzlich für Menschen relevante Fragen gedeutet. Die Fragen nach Transzendenz u.ä. entspringen aber in Tat und Wahrheit religiösem Denken. Das ist ähnlich, wie wenn ein Akupunkturist fragt, wie man denn seinen Energiefluss heilen will, wenn nicht durch Akupunktur: Die Frage enthält verzerrende Prämissen.
In Minute 37 beschreibt der Moderator, dass die Übergabe von Werten von Generation zu Generation abbreche und bezeichnet diese fehlende Weitergabe religiöser Werte als «dramatisch». Einerseits gibt er damit seine eigene Meinung kund (Abnahme von Religiosität ist schlecht), andererseits begeht er damit eine Variante des «appeal to tradition»-Fehlschlusses: Was früher lange der status quo war, ist automatisch besser als Wandel und Neues.

Eine interessante Entwicklung beschreibt Jörg Stolz ab Minute 40. Während Religiosität im Allgemeinen abnimmt, ist die Mitgliederzahl bei fundamental-christlichen Gruppierungen, z.B. Pfingstgemeinden, stabil bis steigend. Als Gründe dafür nennt Stolz einerseits sozio-demografische Umstände: Fundamentale Christen haben tendentiell mehr Kinder und indoktrinieren (mein Ausdruck) sie religiös. Andererseits betreiben Fundamentalreligiöse auch Konvertierungen bzw. werben aktiv um neue Mitglieder.

Den letzten Punkt sehe ich durch eine Anekdote gestützt. Vor ca. zwei Wochen wurde ich in der Nähe des Bahnhofs Oerlikon von zwei jungen Theologiestudenten (eine Frau, ein Mann) angesprochen, welche sich über meine Haltung zu Spiritualität erkundigen wollten. Ich liess mich auf das Gespräch ein und wurde überrascht: Die zwei Studenten entpuppten sich als Kreationisten.
Ich versuchte, in freundlicher Atmosphäre, klar zu machen, dass «intelligent design» nichts mit Wissenschaft zu tun hat und dass Religion im Allgemeinen als «argument fromt ignorance» keinen Erklärungsgehalt bietet («Gott» als Antwort auf «Wir wissen nicht, wie X funktioniert» hat denselben, nicht vorhandenen Erklärungsgehalt wie die Antwort «Weltraumbanane», war mein Argument). Auch habe ich die versucht, die internenen Logiklöcher von Religion herauszukitzeln - und es zeigte sich z.B., dass der Theologie-Student ein «old earth»-Kreationist, die Studentin aber eine «young earth»-Kreationistin ist.
Zum Abschied reichte ich den Kreationisten die Hand, und es wurde mir eine DVD versprochen, welche erklärt, warum «intelligent design» besser als die Evolutiontheorie sei. Tatsächlich traf diese DVD ein:
Dieses Propaganda-Video trägt im Original den Titel «Unlocking the Mystery of Life» - und erklärt nichts. Es werden lediglich zwei Fehlschlüsse vorgetragen: «Argument from ignorance» (Evolutionstheorie erklärt angeblich nicht alles - darum stimmt «intelligent design») und «appeal to authority» («intelligent design» stimmt, weil Wissenschaftler A, B und C an göttliches «Design» glauben). Der ganze ca. einstündige Film ist auf youtube einsehbar:

Wie gesagt, dieses zufällige Treffen mit zwei jungen Kreationisten ist nur eine Anekdote - aber mir ist nicht bekannt, dass sonstige weniger fundamental eingestellte religiöse oder esoterische Gruppierungen ähnliche Aktionen durchführten - von Humanisten und Skeptikern ganz zu schweigen.

Fazit
Die Studie «Religiosität in der modernen Welt. Bedingungen, Konstruktionen und sozialer Wandel.» dokumentiert, dass Religiosität in der Schweiz tendentiell abnimmt. Dennoch ist das kein Grund, skeptische Kritik nicht mehr zu betreiben.
Menschliches Handeln ist grundsätzlich kontingent: Es gibt keinen Grund, warum die Abnahme von Religiosität fest pfadabhängig sein muss. Insbesondere die Gruppe der «Alternativen», welche sich durch Glauben an New Age-Esoterik definiert, ist relevant, da möglicherweise für Wachstum anfällig.
Wenn etwa Pseudowissenschaft in verschiedenen Ausprägungen auf positive Resonanz in den Massenmedien stösst, kann das deren Akzeptanz in der Öffentlichkeit steigern. Auch Politik im engeren Sinne ist zentral: Wie ich z.B. in diesem Blogeintrag zum ELGK-Entscheid über Komplementärmedizin kritisiere, gibt es politische Pläne, alternativmedizinische Pseudowissenschaft fest in Universitäten zu verankern. Dass es gefährliche Konsequenzen haben kann, wenn kritisches Denken aus Universitäten per politischem Dekret verbannt wird, ist offensichtlich - Hochschulen sind dem Ideal nach Sphären organisierten Skeptizismus'. Werden die Kritierien des rationalen Austausches an Universitäten verwässert, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis jemand an der ETH behauptet, ein perpetuum mobile gebaut zu haben - zwar ohne Beweise, dass es wirklich funktioniert, aber die versteckten Energien können wir einfach noch nicht messen.

Auch liefert diese Studie Erkenntnisse, welche die Frage aufwerfen, wie genau sinnvolle skeptische Kritik aussehen soll. In einer Anekdote beschreibe ich, dass die Minderheit der Fundamental-Religiösen eine aggressive PR-Strategie verfolgt. Müssen Skeptikerinnen und Skeptiker eine Art Gegenposition einnehmen, in welcher öffentlichkeitswirksam kritisches Denken vertreten wird?

Ich meine ja.

8 Kommentare:

gwendolan hat gesagt…

An der ETH werden bereits einige eigenartige Dinge behauptet, wie du dich sicherlich erinnerst:

http://www.frei-denken.ch/de/2010/07/freidenker-hochschulgruppe-fordert-stopp-von-missionarischen-veranstaltungen-an-der-eth-zuric/

Marko Kovic hat gesagt…

Da hast du völlig Recht - der Versuch, Irrationalität in Form von Glauben (an Götter oder versteckte Energien oder sonstwas) in den Bereich auch des Akademischen zu drängen, ist schon im Gange. Darum ist der Befund dieser Studie, dass allgemeine Religiosität eher abnimmt, nur teilweise erfreulich.
Aus der Politik ist beispielsweise bekannt, dass nicht etwa jene Gruppen mit den grössten Mitgliederzahlen ihre Interessen am besten durchsetzen, sondern gerade Minderheiten, welche ihre Einflussnahme gezielt koordinieren - das typische Beispiel ist die in westlichen Staaten unverhältnismässig mächtige Bauernlobby. Darum ist es wichtig, würde ich einschätzen, dass fundamentalreligiöse und esoterische Gruppierungen als die eigentliche Gefahr angesehen werden: Solche Gruppen sind nur eine Minderheit, aber eine gut organisierte. Gegen diese ist ein dezidiertes skeptisches Vorgehen nötig.

Wie genau dieses Vorgehen aussehen soll, ist eine andere, ungleich kompliziertere Frage.

nirwanixla hat gesagt…

"Die Fragen nach Transzendenz u.ä. entspringen aber in Tat und Wahrheit religiösem Denken."

Ich denke eher umgekehrt: die Transzendenzfähigkeit des Menschen führt zu Religion.

"Fundamentale Christen haben tendentiell mehr Kinder und indoktrinieren (mein Ausdruck) sie religiös."

Laut dem Buch "Gott, Gene und Gehirn" (http://www.science-shop.de/artikel/969531) haben nicht nur Fundis mehr Kinder, sondern mehr oder weniger alle religiösen Menschen. Die Religiösität (neutral) ist laut dem Buch sogar genetisch bedingt, hat sich also fürs Überleben "bewährt"

Zum Thema Skepsis: ist unbedingt notwendig, aber es ist meines Erachtens aufzupassen, dass man nicht selbst dogmatisch wird.

Marko Kovic hat gesagt…

Ich denke eher umgekehrt: die Transzendenzfähigkeit des Menschen führt zu Religion.
Zunächst Mal: Dass Menschen "transzendenzfähig" sind, ist unbewiesen - wir sind bestenfalls in der Lage, über Transzendenz nachzudenken ;).
Aber ich gebe dir Recht, meine Aussage ist zu einseitig, bzw. zu ungenau. Aus kritischer Sicht sind selbstverständlich auch Fragen des Übernatürlichen, der Transzendenz u.ä. erlaubt - nur fällt die Antwort darauf denkbar einfach aus (gegenwärtig spricht nichts dafür). Religionen hingegen konstruieren komplizierte (und inkohärente) metaphysische Gebilde, welche angeblich erklären sollen, was es mit den "letzten Fragen" auf sich hat. Und effektiv entstammen viele dieser "letzten Fragen" den Glaubensvorstellungen der Religionen. Ganz prominent z.B. die Annahme, dass unser diesseitiges Leben unsere angebliche jenseitige Existenz beeinflussen soll - effektiv sind solche "Fragen" als "loaded questions" ausgezeichnete Werkzeuge, um das Leben der Gläubigen zu kontrollieren (oder zumindest zu beeinflussen).

Laut dem Buch "Gott, Gene und Gehirn" (http://www.science-shop.de/artikel/969531) haben nicht nur Fundis mehr Kinder, sondern mehr oder weniger alle religiösen Menschen. Die Religiösität (neutral) ist laut dem Buch sogar genetisch bedingt, hat sich also fürs Überleben "bewährt"
Das kann gut sein; im Detail kenne ich die Statistiken nicht. Bei einem Punkt ist aber aufzupassen: Fast universal beobachtbar ist, dass mit höherer Schulbildung geringere Religiosität einhergeht. Ebenfalls negativ korrelieren Bildung und Anzahl Kinder bei Frauen. Der Zusammenhang zwischen Religiosität und Kinderkriegen könnte also nicht-kausaler Natur sein, wenn die wesentliche Variable Bildung ist. Grad der Bildung wiederum ist auch ein Indikator für die Selbstbestimmtheit der Frau: Weniger religiöse Menschen akzeptieren beispielsweise Empfängnisverhütung und Abtreibung eher als religiösere Menschen.
Aber auch Wohlstand ist eine wichtige Variable: Armut erklärt sowohl höhere Religiosität als auch mehr Kinder. In weiten Teilen der Welt sind Kinder einerseits immer noch die einzige Altersvorsorge, andererseits ist die medizinische Versorgung noch oder war bis vor Kurzem so schlecht, dass man viele Kinder gebären musste, damit davon einige die ersten überlebten. Je prekärer die Lebenslage, desto eher klammern sich Menschen an Religion - ein eskapistischer und absolut verständlicher Reflex.

Dass sich Religiosität auch evolutionär zumindest teilweise durchgesetzt hat, ist ebenfalls nachvollziehbar. Z.B. gibt es den psychischen Mechanismus des "agent detection": Die Tendenz, dass wir Menschen für Vorgänge aller Art eine kausale, durch bestimmte Agenten verursachte Erklärungen suchen. Das evolutionäre Argument ist, dass Menschen, welche eher öfter als seltener nach kausalen Agenten suchen, im Zweifelsfall auf der sicheren Seite sind (wenn z.B. regelmässig Felsen in meine Nähe fallen, ist es zwar unwahrscheinlich, dass mich jemand gezielt mit Felsen umbringen will - falls doch, habe ich aber bessere Überlebensschancen, wenn ich das aber schon vorher annahm).
Es darf aber nicht vergessen werden, dass Religionen vor allem gewaltige soziale Realitäten sind - schliesslich handelt es sich um Organisationen, welche teilweise seit Jahrtausenden bestehen. Es ist etwas gar kurzsichtig, das Fortbestehen von Religion angesichts einer Welt, in welcher Religion omnipräsent ist, auf genetische Merkmale zu verkürzen.

Zum Thema Skepsis: ist unbedingt notwendig, aber es ist meines Erachtens aufzupassen, dass man nicht selbst dogmatisch wird..
Und Atheismus ist auch nur eine Religion bzw. ein Glaube. Und eine Glatze ist auch nur eine Haarfarbe.
Es gibt zwar Pseudo-SkeptikerInnen, welche diesen Begriff für ihre zwecke missbrauchen (z.B. "Klima-Skeptiker", "9/11-Skeptiker"), aber Skeptizismus im Sinne kritischen Denkens kann gar nicht dogmatisch sein.

Marko Kovic hat gesagt…

Kleine Korrektur zu obigem Kommentar: Ca. in der Mitte spreche ich von Kinderkriegen und Armut. Im Satz
andererseits ist die medizinische Versorgung noch oder war bis vor Kurzem so schlecht, dass man viele Kinder gebären musste, damit davon einige die ersten überlebten.
soll am Ende "damit davon einige die ersten Jahre überlebten." stehen.

nirwanixla hat gesagt…

"Zunächst Mal: Dass Menschen "transzendenzfähig" sind, ist unbewiesen - wir sind bestenfalls in der Lage, über Transzendenz nachzudenken ;)"

"über Transzendenz nachzudenken": also doch transzendenzfähig? Ich präzisiere aber mein Verständnis von Transzendenz: das, was über das Empirische hinausgeht (also eher weit gefasst).

Die Religionen geben "eine" Antwort auf die "letzten Fragen"; die Frage ist, ob die Antwort die richtige ist bzw. unter welchen Voraussetzungen sie als gültig akzeptiert wird. WENN jemand an Gott glaubt, dann kann Religion sehr viel erklären. Glaubt jemand nicht daran, dann ist das Erklärungspotential der Religion gleich Null.

"Fortbestehen von Religion... auf genetische Merkmale zu verkürzen."
Von verkürzen habe ich nichts gesagt, sondern dass Religiösität genetisch bedingt ist, besser mitbedingt ist; wenn ich mich recht erinnere stand in dem Buch, dass eine genetische Komponente dabei ist.

"Und Atheismus ist auch nur eine Religion bzw. ein Glaube. Und eine Glatze ist auch nur eine Haarfarbe."

naja, so vereinfacht werde ich es wohl kaum gemeint haben!

"aber Skeptizismus im Sinne kritischen Denkens kann gar nicht dogmatisch sein."

Diese Aussage könnte man schon als Dogmatismus auffassen ;) ...schon mal versucht, skeptisches Denken auf die Skepsis selbst anzuwenden?

Skeptizismus beruht vielfach auf den Ergebnissen der Wissenschaften. Was ich mir von einem Skeptiker erwarte ist die messerscharfe Trennung zwischen den Ergebnissen der Wissenschaften und deren Interpretation. Die Interpretation geschieht auf dem Hintergrund einer Weltanschauung und in diesem Bereich sind kaum K.O. Argumente zu finden, durch die ein Andersdenkender gezwungen (!) wird, seine Meinung zu ändern. Deshalb wäre es auch ein Fehlschluss, von den Naturwissenschaften auf die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes zu schließen. So etwas wie Gott kommt in den Naturwissenschaften nicht vor (methodisch ausgegrenzt).

emporda hat gesagt…

Das rapide Abnehmen der Religion ist der RKK seit einiger Zeit bekannt. Man arbeitet heimlich daran, die Institution auf einem Neveau von etwa 25% gesund zu schrumpfen.

In der BRD sind >35% der Bürger konfessionslos, <28% evangelisch, <29% katholisch, 8% Analphabeten ohne Zuordnung zu den 3 Gruppen. Nur 6% der evangelischen (21,6%) und 9% der katholischen (30,8%) Bürger glauben das ganze christliche Bekenntnis, wobei die Evangelen deutlich mehr davon in Frage stellen. Nicht einmal 1% der Bürger akzeptiert kritiklos den gesamten Christenkult und sind nach den Kriterien ihrer Amtskirche wirkliche Christen, der Rest sind nur zahlende Heiden. Deswegen reduziert sich die RKK rapide auf <25% der einstigen Größe. Die 9.850 RKK Priester sind 2009 im Schnitt 59 Jahre alt ohne Aussicht auf Nachwuchs. Anstelle von >400 Novizen/Jahr gibt es weniger als 100 Bewerber, davon sind >70% ungeeignet. Die RKK Klöster und Orden mit 22.000 Nonnen sterben aus, es sind zu 90% arbeitsunfähige Alte, die auf Pflege angewiesen sind.

Das Bistum Speyer löst demnächst 124 von 346 Pfarrgemeinden auf, Würzburg 455 von 619, Magdeburg 44 von 186, Erfurt 10 von 16, Freiburg 747 von 1075, Trier 216 von 389 Hildesheim 224 von 348, Essen 216 von 259, Aachen 379 von 450 usw. Die RKK Bistümer vermeiden exakte Angaben zur Anzahl früherer Pfarreien als Eingeständnis ihres Versagens, die Gesamtzahl wird auf unter 1.500 reduziert. Damit rückt die Schließung von 20 der derzeit 27 Bistümer näher, <20.000 Kirchenbauten der etwa 27.000 sind überflüssig. Nicht geweihte Assistenten verlesen „Wortgottesdienste“ als Märchenstunde. Ebenso wie in Frankreich sind dies verheiratete Hilfskräfte ohne jede priesterliche Befähigung.

Priester müssen bis zu 14 Gemeinden betreuen ohne engen Kontakt zu den Gläubigen. Bei älteren und mehrheitlich behinderten Gläubigen treibt das jeden aus der Kirche. Die seit 3 Jahren durchgeführte Neuordnung der RKK mit <25.000 Gläubigen je Pfarrstelle anstelle früher 1.500 soll den Priestermangel kompensieren, weniger als 1 Mill. der Katholiken gehen noch in eine Kirche. Die RKK verliert in 10 Jahren >12% der Mitglieder, mehr als es noch Taufen gibt und die Eheschließungen nehmen um >50% ab. Im Bistum Aachen sind >3.000 durch Erbschaften erschwindelte Kirchenimmobilien überflüssig. Es geht nicht um nutzlose Kirchenbauten, der Kirchenbesitz wird zur Abbruchhalde.

Die evangelische Kirche hatte 2009 mit 1.700 Gläubigen/Pfarrstelle zu noch viele Pfarrer, jetzt herrscht großer Mangel. Das Vertrauen in die Amtskirchen ist so niedrig wie nie zuvor. Die demographische Entwicklung und der freiwillige Religionsunterricht beschleunigen den Niedergang rasant. Nach einer Befragung durch die EKD entfernen sich alte Menschen mit >60 Jahren zunehmend von Religion und Kirche. Nach einer internen Beurteilung verliert die evangelische Kirche in 30 Jahren weitere >8 Mill. oder 35% ihrer Mitglieder.

Die „London School of Economics and Political Science“ ermittelt 2009 per Befragung von von 14.000 US-Jugendlichen gemäß Satoshi Kanazawa Intelligenzwerte bei Atheisten mit IQ>=106, bei Religiösen mit IQ=<95 und bei Fanatikern mit IQ=<65. Religion als negative Auslese rekrutieren sich aus den untersten Bildungsschichten, Gläubige sind miserabel oder extrem einseitig gebildet, dazu geistig bequem bis faul. Atheisten sind evolutionär auf Neues ausgerichtet, tolerant, weniger fremdenfeindlich ohne Antisemitismus. Religionen haben ihre Wurzeln in Ignoranz, Bildungsmangel, Rassismus, Macht und Ausbeutung durch die Kirche, begründet wird das als "liebevoll und vom jeweiligen Gott befohlen".

Joachim Datko hat gesagt…

Vorab: Es gibt keinen Gott, es gibt keine Götter!

Ab 2015 müssen die Banken in Deutschland Kirchensteuer an die überquellenden Geldsäcke der Kirchensteuerkirchen überweisen. Bei uns in Regensburg sind im Januar über 1,6 Promille der Mitglieder ausgetreten, ein Januarrekord.

Von den evangelischen Christen gehen unter 3,6% am Sonntag in die Kirche, von den katholischen Chr. unter 11,8% ( 2012 11,8%, 2010 12,6%), die Kirchen sind leer. Ohne die teuflischen () Kleinkindtaufen wären die Kirchensteuerkirchen Randerscheinungen.

Ich bin gerne bereit, die Nachteile der religiösen Weltsicht ausführlich darzulegen.

Joachim Datko - Physiker, Philosoph
Forum für eine faire, soziale Marktwirtschaft
http://www.monopole.de

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