11. April 2011

SonntagsBlick: Pflanzenstammzellen gegen Falten

Am 10. April erschien im SonntagsBlick ein Artikel, gemäss welchem Kosmetikprodukte mit dem Inhaltsstoff Pflanzen-Stammzellen ausgegeprägte «anti-aging»-Eigenschaften für menschliche Haut haben:
Dieser Artikel, oder besser gesagt diese anderthalb-seitige Werbung (welche nicht als Werbung deklariert wird), macht aussergewöhnliche Behauptungen - und die Produkte mit der angeblichen Wunderwirkung sind teuer. Grund genug, der angeblichen «Anti Aging»-Wirkung von Pflanzenstammzellen nachzugehen.

Die Behauptungen
Erste Orientierung schaffen die Produktbeschreibungen der drei Wundermittel im Artikel:
«Cell Premium» für stolze 480 Franken enthält Apfelstammzellen und «stimuliert» den «Energiestoffwechsel» der Haut, «stärkt den Zellschutz, verbessert die Hautdichte und Festigkeit».
«Cellular Alpine» für ebenfalls nicht unerhebliche 198 Franken enthält Stammzellen aus den Blättern der Alpenrose. Dieses Mittel schützt «das Gewebe vor negativen Umwelteinflüssen» und bewahrt es «vor UV-Stress».
Das Billig-Produkt ist «PhytoCELLTec Vitis Vinifera» für CHF 24.90. Hier werden Stammzellen der Burgunder-Traube Gamay Teinturier Fréaux genutzt, um «die Lichtbedingte Alterung der Haut aufzuhalten». Zudem regt ein «Powerpepid» (vermutlich ist «Powerpeptid» gemeint; wie Peptide aber zu mehr «Power» kommen, ist unklar) die Kollagensynthese an.

Alle Produkte klingen spektakulär. Produkte zwei und drei sind gemäss Produktbeschreibung zwar bloss überteuerte Sonnencrèmes, aber die Grundsatzfrage bleibt: Was hat es mit pflanzlichen Stammzellen auf sich? Ein Blick auf die Hersteller-Webseiten hilft vielleicht.

Stellvertretend für alle Produkte nehme ich «Mibelle Biochemistry», die Firma, welche die verhältnismässig günstigen Migros-Wundermittel herstellt. Dies, weil das angebliche Wunder-Verfahren bei allen Produkten dasselbe ist. Die bei Mibelle Biochemistry eingesetzte Technologie trägt den beeindruckenden Namen «PhytoCellTec».
Wie also sollen pflanzliche Stammzellen, aufgetragen auf menschliche Haut, menschliche Haut-Stammzellen beeinflussen? Ein Blick in den «Q&A»-Abschnitt liefert keine eindeutige Antwort (wobei es sicher nicht irrelevant ist, zu wissen, dass Michelle Obama, Gwyneth Paltrow, Jennifer Lopez und Helen Mirren zu den Kundinnen gehören).
Expliziter wird der Abschnitt «Stem cell properties»
Plant stem cells protect skin stem cells. How does this work?
Every stem cell contains specific epigenetic factors whose task is to preserve the stem cells' multi-potency and its ability to self-renew. Mibelle Biochemistry researchers have discovered that plant stem cells contain epigenetic factors similar to those of adult human stem cells. Applied in the right way, they have a positive impact on the vitality of skin stem cells and their proper functioning.
Das klingt spannend: Epigenetische Marker bei pflanzlichen Stammzellen können angeblich auf adulte Stammzellen in der menschlichen Haut angewendet werden. Angenommen, das funktioniere wirklich: Wenn es sich um einen epigenetischen Effekt handelt, welcher durch eine Crème o.ä. induziert wird, wäre ein positiver Effekt nur so lange vorhanden, wie die Crème verwendet wird.

Die Probleme
Das erste grosse Fragezeichen ist: Wie sollen pflanzliche Stammzellen zu den Haut-Stammzellen gelangen?
Menschliche Haut ist nur bedingt durchlässig - pflanzliche Zellen sind an sich zu gross, um untere Schichten der Haut zu erreichen.
Aber auch wenn dies möglich sein sollte, ist unklar, warum und wie menschliche und pflanzliche Stammzellen auf dieselbe Art bei bestimmten epigenetischen Markern reagieren sollten.

Die Firma Mibelle misst den angeblichen Effekt von Pflanzenstammzellen für das oben vorgestellte Migros-Produkt mit in vitro-Versuchen. Zum einen wird allgemeine «Vitalität» gemessen (Quelle):
Zum anderen die Reaktion auf UV-Stress (Quelle):
Die erste Abbildung behauptet, dass Haut-Stammzellen aktiver sind, wenn die Pflanzen-Stammzellen dabei sind. Die zweite Abbildung behauptet, dass das Vorhandensein der Pflanzen-Stammzellen die Haut-Stammzellen resistenter gegen UV-Strahlung macht (bzw. die Aktivität der Haut-Stammzellen unter UV-Belastung sogar zunimmt, wenn Pflanzen-Stammzellen vorhanden sind).
Diese zwei isolierten Grafiken sind wenig aussagekräftig: Was wann wie wo wie lange getestet wurde, ist völlig unklar. So ist für den UV-Test nicht bekannt, unter welchen Bedingungen die UV-Bestrahlung stattfand. Aber ebenso ist nicht geklärt, ob die vermeintliche hervorgerufene UV-Resistenz nicht vielleicht dadurch gegeben ist, dass die in der Petrischale vorhandenen Pflanzen-Stammzellen lediglich einen UV-Schutz für die Haut-Stammzellen darstellen und nicht etwa UV-Resistenz bei den Haut-Stammzellen selber fördern.

Auch nach längerer Suche konnte ich keinen einzigen wissenschaftlichen Text auffindig machen, welcher die angebliche positive Wirkung von Pflanzen-Stammzellen auf menschliche Haut bestätigen und erklären würde. Dies verwundert, weil diese angeblichen Wundermittel schon seit Jahren auf dem Markt sind.
Ein weiterer Grund, skeptisch zu bleiben, wird in diesem Artikel der Times erwähnt: Würden diese Kosmetika wirklich die behaupteten ausserordentlichen Effekte haben, müssten sie als Arzneimittel reguliert werden, was scheinbar nirgendwo auf der Welt der Fall ist.
Zur Ergänzung noch ein kritischer Artikel zu Stammzellen-Kosmetika bei Nature.

Fazit
Bei den im SonntagsBlick angepriesenen «anti aging»-Produkten handelt es sich um einen typischen Kosmetik-Hype: Grosse Versprechen und nicht viel dahinter.
Solange aber die Schnittmenge zwischen eitlen und leichtgläubigen Menschen genug gross ist, werden teure Mittelchen wie diese Pflanzen-Stammzellen-Produkte genug Absatz finden - mit der Angst des Menschen vor dem Altern lässt sich seit jeher ein gutes Geschäft machen.

Eine zynische Frage sei zum Schluss erlaubt: Wie viele der Menschen, welche sich Pflanzen-Stammzellen ins Gesicht reiben (alles «natürlich»), wohl vehemente Gegnerinnen und Gegner von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln (so «unnatürlich») sind?

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen