30. Mai 2011

Das Magazin: Besuch im esoterischen Wellness-Tempel

In der Ausgabe vom 28. Mai hat «Das Magazin» über den «Lanserhof» berichtet, einen Wellness-Tempel in Österreich (hier als PDF herunterladbar):
Zu anderen Themen tut sich das «Magazin» angenehm kritisch hervor, etwa zur Frage der Homöopathie, den esoterisch-pseudowissenschaftlichen Tendenzen des Schweizer Fernsehens oder allgemeinen zur Beliebtheit des Irrationalen.
Der Artikel über den Lanserhof ist in dieser Hinsicht ernüchternd: Die Grundposition ist nicht ein kritisches Hinterfragen der dubiosen Wellness-Angebote des Lanserhofs, sondern eine Art neutraler Erlebnisbericht. Der Autor des Artikels ist aber Max Küng, dessen Texte nicht selten mit einer Handvoll Ironie gewürzt sind, so auch dieser. Direkte und unmissverständliche Kritik wäre aber nötig gewesen: Im Lanserhof wird nicht wenig Pseudowissenschaft verkauft.

25. Mai 2011

Die Schweiz verbietet weibliche Genitalverstümmelung (... und männliche Genitalverstümmelung bleibt OK)

Am 23. Mai behandelte die Sendung «Kontext» ein Gesetz, welches voraussichtlich demnächst in der Schweiz verabschiedet wird. Es handelt sich um ein Verbot der «Genitalverstümmelung»:


Weibliche Genitalverstümmelung ist, wie in der Kontext-Sendung erklärt wird, in der Schweiz bereits strafbar (gemäss Strafgesetzbuch, Artikel 122). Dass Zwangsbeschneidung bei Frauen zusätzlich explizit verboten wird, macht symbolpolitisch trotzdem Sinn: Kultur im Allgemeinen, Religion im Besonderen befugt niemanden zu Körperverletzung.

Zwei Dinge fallen in der Kontext-Sendung auf:

  1. Es wird mit Nachdruck versucht, weibliche Beschneidung als nicht-religiöses Phänomen darzustellen.
  2. Über männliche Beschneidung, ebenso religiös motiviert wie die weibliche Beschneidung, wird kein Wort verloren.
Diese zwei Aspekte müssen beachtet werden, um ein vollständigeres Bild über die Praxis der Genitalverstümmelung zu gewinnen - und, um letztlich das Problem effizienter zu bekämpfen.

23. Mai 2011

Der magnetische Wunderknabe aus Kroatien

Kroatien hat mehr zu bieten als nur den Wunder-«Heiler» Braco. Wie Ali Arbia auf zoon politikon berichtet, macht ein Video aus Kroatien die Runde, dessen sich auch 20minuten in gewohnt unkritischer Art annimmt:
Die Geschichte des feisten, ungewaschenen und daher klebrigen Jungen namens Ivan Stoiljkovic ist eigentlich banal - wirklich daran glauben dürften die wenigsten. Was hier genau geschieht, ist in etwa Folgendes:

  1. Hinterwäldler aus Kroatien suchen eine Betrugsmöglichkeit.
  2. Kroatische Medien greifen die «Story» auf.
  3. Die «Story» diffundiert in ausländische Boulevardmedien.
  4. Hinterwäldler finden durch Medienresonanz Kundschaft.
Als «Hinterwäldler» bezeichne ich diese Familie nicht von ungefähr: Damit meine ich nicht geografische Lage oder Bildungsgrad, sondern den Umstand, dass die Betroffenen ihre unmittelbare Gier höher bewerten als das Wohlergehen des kleinen Ivan.

Dass solcher Nonsense in Kroatien medial verwurstelt wird, ist kein wunder, handelt es sich bei Kroatien doch um einen Staat, welchem praktisch jede Art seriösen Journalismus' fremd ist. Dass solcher Nonsense teilweise auch im «Westen» unkritisch verwurstelt wird, ist indes beunruhigender.

P.S. Sollte in obigen Zeilen der Eindruck der Fremdenfeindlichkeit o.ä. entstehen: Selber kroatischer Staatsbürger, kenne ich Kroatien und meine, nicht übertrieben zu kritisieren.

16. Mai 2011

Lesetip zum Jubiläum: «Nonsense on Stilts»

So schnell kann es gehen: Dies ist bereits der 100. Blogeintrag auf dem «skeptiker-blog», welchen es seit einem Jahr gibt. Was eignet sich für diesen Anlass besser, als ein Buch, welches sich wissenschafts-theoretischen Grundfragen widmet?
Massimo Pigliuccis «Nonsense on Stilts» behandelt die nach wie vor aktuelle und wichtige «Demarkations»-Frage: Was macht Wissenschaft zu Wissenschaft? Im Weiteren bespricht Pigliucci, warum sich Pseudowissenschaft in der Öffentlichkeit immer besser etabliert, wie politische Interessen und fragwürdige Medienlogiken kritisches Denken untergraben, und er skizziert die Entstehungsgeschichte moderner Wissenschaft.

Wer nicht das ganze Buch lesen will, sollte sich mindestens das Schlusswort zu Herzen nehmen:
But never, ever forget to turn on your baloney detector. Most of the time you will need it set at least to yellow alert.

Ohne in grosse Gefühlsduselei zu verfallen, möchte ich mich an dieser Stelle in aller Kürze bedanken: Bei allen Leserinnen und Lesern des «skeptiker-blogs» (selbstredend inkl. aller Facebook-Fans und Twitter-Follower), bei dem ersten «skeptiker-blog»-Mitautor Kevin, und allgemein bei allen, die mit Inputs, Kommentaren und Kritik zum «skeptiker-blog» beitrugen und beitragen.
Und für alle, denen kritisches Denken ein Dorn im Auge (oder im Portemonnaie) ist: Die ersten 100 Blogeinträge waren erst der Anfang; in den kommenden Monaten wird sich Einiges tun!

Übrigens: Mir wird die Ehre zuteil, kommenden September beim Denkfest mitmachen zu dürfen. Am Donnerstag, dem 8. September (dem ersten Denkfest-Tag), werde ich beim Podium «Skeptic blogging» als Skeptiker-Zwerg neben bekannten Blogging-Grössen zu sehen sein. Wer mir also immer schon Mal gehörig die Meinung zum «skeptiker-blog» sagen wollte, hat nun die perfekte Gelegenheit dazu.

13. Mai 2011

Das Promi-Zitat

Mister Schweiz 2005 äussert sich zum Thema Freitod (Bildquelle):
Religion: Wenn es zu anstrengend ist, über das eigene Leben zu verfügen.

9. Mai 2011

Wahlen 2011, Teil 1: Ein Blick in die Parteiprogramme

Am 23. Oktober 2011 findet in der Schweiz die Wahl der Bundesversammlung statt. Das bedeutet, dass der Nationalrat («grosse Kammer») und der Ständerat («kleine Kammer») neu besetzt werden. Zwar ist das schweizer Parlament aus verschiedenen Gründen, verglichen mit anderen Staaten, eher schwach («Teilzeitparlament» im Milizsystem, grosse Macht der Exekutive in einer semi-präsidentiellen Konfiguration), die Wahl der Bundesversammlung ist aber trotzdem ein wichtiges Ereignis - Grund genug, die gegenwärtig wesentlichen politischen Parteien der Schweiz aus skeptischer Sicht zu ertasten.
Die Blog-Serie «Wahlen 2011», welche mit diesem Text den ersten Teil darstellt, soll eine Antwort auf folgende Frage liefern:

Welche Partei in der Schweiz setzt sich am ehesten für eine rational-aufgeklärte, kritischem Denken zuträgliche Politik ein?

An dieser Stelle eine Erklärung zu meiner eigenen Position: Weder bin ich Mitglied einer politischen Partei oder Organisation, noch stehe ich einer oder mehreren Parteien ideologisch nahe.

4. Mai 2011

Die Studie, welche angeblich belegt, dass es «PSI» gibt (Teil 3)

Es ist schon einige Monate her, dass die Studie von Daryl Bem, welche angeblich belegt, dass es «PSI»-Effekte gibt («Feeling the Future: Experimental Evidence for Anomalous Retroactive Influences on Cognition and Affect»), in den Medien diskutiert wurde.

Dieser Studie widmete ich mich in zwei Blogeinträgen: Teil 1, Teil 2. Mein Fazit: Es handelt sich um eine ausgesprochen schlechte Studie, gekennzeichnet durch viele Fehlschlüsse (insbesondere ist der «argument from ignorance»-Fehlschluss prominent vertreten) und perfide Tricksereien - diese Studie ist irrelevant.

Ende April fand an der Universität Harvard eine Debatte zu dieser Studie statt. Mit dem Studienautor Daryl Bem diskutierten die ihn kritisierenden Forscher Jonathan Schooler und Samuel Moulton (letzterer ist ein junger Wissenschaftler und wohl darum noch ohne Online-Präsenz). Die Diskussion ist auf Youtube einsehbar:
Die Audio-Qualität ist leider bescheiden; das Video ist ca. 2 Stunden lang.

Wirklich neue Erkenntnisse werden in diesem Video nicht geboten, ein Punkt kann aber nicht oft genug betont werden: Schooler bemerkt an einer Stelle, dass es wissenschaftlich nicht redlich ist, eine Messung durchzuführen und die Hypothesen, welche man eigentlich durch diese Messung hätte testen wollen, nachträglich den Resultaten anzupassen, um «bestätigte» Hypothesen zu erhalten - ein Vorgehen, welches den Sinn wissenschaftlicher Forschung pervertiert und wissenschafts-ethischem Bankrott gleichkommt.

Im engeren Sinne handelt es sich bei diesem unzulässigen Vorgehen um den im Wissenschaftsbetrieb erschreckend oft anzutreffenden «texas sharpshooter»-Fehlschluss: Ich schiesse wahllos auf eine Wand und male erst im Nachhinein eine Zielscheibe auf die Einschusslöcher - et voilà, ich habe ins Schwarze getroffen!