25. Mai 2011

Die Schweiz verbietet weibliche Genitalverstümmelung (... und männliche Genitalverstümmelung bleibt OK)

Am 23. Mai behandelte die Sendung «Kontext» ein Gesetz, welches voraussichtlich demnächst in der Schweiz verabschiedet wird. Es handelt sich um ein Verbot der «Genitalverstümmelung»:


Weibliche Genitalverstümmelung ist, wie in der Kontext-Sendung erklärt wird, in der Schweiz bereits strafbar (gemäss Strafgesetzbuch, Artikel 122). Dass Zwangsbeschneidung bei Frauen zusätzlich explizit verboten wird, macht symbolpolitisch trotzdem Sinn: Kultur im Allgemeinen, Religion im Besonderen befugt niemanden zu Körperverletzung.

Zwei Dinge fallen in der Kontext-Sendung auf:

  1. Es wird mit Nachdruck versucht, weibliche Beschneidung als nicht-religiöses Phänomen darzustellen.
  2. Über männliche Beschneidung, ebenso religiös motiviert wie die weibliche Beschneidung, wird kein Wort verloren.
Diese zwei Aspekte müssen beachtet werden, um ein vollständigeres Bild über die Praxis der Genitalverstümmelung zu gewinnen - und, um letztlich das Problem effizienter zu bekämpfen.


Weibliche Beschneidung und Religion
In der Kontext-Sendung wird mehrmals erwähnt, Frauenbeschneidung sei kein religiöses Phänomen. In Minute 6 erwähnt die Sprecherin etwa, die Praxis der Frauenbeschneidung habe «nichts» mit Religion zu tun, «obwohl das rechtsgerichtete Politiker hierzulande behaupten mögen». Warum Frauenbeschneidung nichts mit Religion zu tun habe, wird anschliessend erklärt:
Es gibt sowohl christliche wie auch muslimische Gemeinschaften, die die Mädchenbeschneidung praktizieren, und weite Teile der muslimischen Welt kennen diese Praxis nicht.
Das bedeutet analog: Weil Christen beten und auch Moslems beten, ist beten keine religiöse Handlung.
Im Allgemeinen wird hier ein typisches Argument, welches zum Zuge kommt, wenn jemand Religion verteidigen will, vorgebracht: Wenn religiös motivierte Menschen offensichtliches Unrecht begehen und anderen schaden, sind diese Menschen nur Extremisten und Spinner - die wahre, die eigentliche Religion ist natürlich immer gegen dieses Unrecht.

Mit diesem bequemen Fehlschluss (die jeweilige Religion ist nie schlecht, nur einzelne Gläubige) ist ein infiniter Regress markiert: Egal, was an Religion kritisiert wird, es wird stets ein Verweis auf angeblich «richtige» Auslegung der Religion gemacht. Diese «richtige», diese «eigentliche» Religion ist Fantasie: Der Witz an religiösen Doktrinen ist gerade, dass keine klaren und nachvollziehbaren Regeln und Vorschriften vorhanden sind.

Religionen sind keine einfachen «top down»-Anleitungen: Jede Religion (im Sinne sozial geteilter und handlungskoordinierender Glaubenssysteme) und jede Abspaltung davon ist in gleichem Masse legitim - niemand kann rational erklären, warum Religion X mehr Gültigkeit haben sollte als Religion Y. Religionen berufen sich auf Gottheiten (oder, im Mindesten, auf Übernatürliches) und erlauben eine genaue Prüfung interessierender Sachverhalte nicht. Weltliche Autoritätsfiguren in religiösen Angelegenheiten, etwa «Theologinnen» und «Theologen» im Christentum, liefern letztlich auch nur willkürliche Auslegungen von und Anleitungen für Religion. Ein Katholik, welcher meint, in seiner Eucharistie (damit meine ich das Gebäck, welches während der Messe verspeist wird; die genauen Begrifflichkeiten kenne ich nicht) sei Jesus drin, hat genau so Recht wie der Protestant, welcher meint, in der Eucharistie sei Jesus nicht drin - beide berufen sie sich auf Fantasiegebilde.

Ich will mit diesem Argument keinen «hasty generalization»-Fehlschluss begehen: Wenn eine Minderheit von Moslems und Christen Frauenbeschneidung betreibt, bedeutet das nicht, dass alle Moslems und Christen Frauenbeschneidung betreiben oder unterstützen. Ebenso ist nicht jeder Fall der Frauenbeschneidung ein religiöser Ritus.
Aber es muss festgehalten werden: Wenn Menschen im Rahmen ihrer Religiosität Frauenbeschneidung betreiben, ist Frauenbeschneidung ein eben religiöses Phänomen.

Was aber ist Frauenbeschneidung (ich verwende den Begriff «Frauenbeschneidung» synonym mit «Mädchenbeschneidung» und «weibliche Genitalverstümmelung») genau? Einen Überblick über weibliche Genitalverstümmelung bietet die WHO:
Auf wikipedia ist die Verbreitung der Frauenbeschneidung festgehalten. In afrikanischen Staaten ist Frauenbeschneidung am verhältnismässig ausgeprägtesten (Quelle):


Männliche Beschneidung
Das Phänomen der Frauenbeschneidung wird zurecht thematisiert - wenn auch, wie ich oben kritisiere, nicht vollständig genug. Männliche Beschneidung aber wird in diesem Zusammenhang (der Genitalverstümmelung) nicht besprochen.

Auf wikipedia wird Männerbeschneidung, das Entfernen von Teilen der oder der ganzen Penis-Vorhaut, ausführlich beschrieben. Ebenso wie Frauenbeschneidung ist Männerbeschneidung weitgehend religiös motiviert (zumindest in historischer Hinsicht: Beschneidung im angelsächsischen Raum etwa ist Erbe puritanischer Christen, welche durch Beschneidung Masturbation und allgemeinen Sexualtrieb «bekämpfen» wollten), aber deutlich verbreiteter:
Ein Punkt gehört betont: Männliche Beschneidung hat in der Regel weit weniger schwerwiegende Folgen für die Betroffenen als weibliche Beschneidung; beschnittene Männer können sich weitgehend normaler Sexualität erfreuen, beschnittene Frauen nicht. Es handelt sich bei beiden Beschneidungen aber dem Prinzip nach um das Gleiche: An Minderjährigen forcierte Genitalverstümmelung.

Männliche Genitalverstümmelung ist in der Schweiz wie im Westen allgemein stillschweigend akzeptiert: Religiöse Gruppierungen, z.B. Juden und Moslems, dürfen diesen Eingriff bereits an Säuglingen durchführen.

Fazit
Die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung gehört zurecht bekämpft. Es ist der Sache aber nicht dienlich, den Zusammenhang zwischen (wie auch immer gearteter) Religion und Frauenbeschneidung zu leugnen.
Zudem ist ein explizites Verbot der Frauenbeschneidung bei gleichzeitigem Ignorieren der Männerbeschneidung diskriminierend: Es kann nicht sein, dass das Stehlen von Äpfeln explizit unter Strafe gestellt wird, das Stehlen von Birnen aber hingenommen wird - die Begründungen für das Stehlen von Äpfeln sind ebenso ungültig wie die Begründungen für das Stehlen von Birnen.

Was Individuen im Erwachsenenalter mit dem eigenen Körper, also inklusive den Geschlechtsorganen, anstellen, liegt selbstverständlich im Ermessen der individuellen Selbstbestimmung.

5 Kommentare:

Marcel Küchler hat gesagt…

Der (Aber-)Glaube an die Kraft symbolischer Gesetzgebung wäre für sich eine Abhandlung wert.

Was die männliche Beschneidung angeht, so handelt es sich sehr wohl um eine strafbare Körperverletzung (und ist damit an sich gesellschaftlich geächtet). Dies müsste man allerdings öfters betonen und bewusst machen.

Juristisch wird sie allerdings als einfache Körperverletzung betrachtet, die nur auf Antrag betraft wird. Darin liegt die Krux. Welche Eltern, die gerade eben die Beschneidung durchführen liessen, würden danach im Namen des Kindes einen Strafantrag gegen sich selbst stellen!

Marko Kovic hat gesagt…

Tja, über Sinn und Unsinn von Symbolpolitik lässt sich tatsächlich viel diskutieren; "Glaube" an deren Kraft ist nicht Mal nötig ;).
Klar ist, dass es in demokratischen Systemen keine Politik ohne Symbolpolitik gibt, da sich Politik in der Öffentlichkeit legitimieren muss. Und ebenso klar ist, dass politische Akteure mit Symbolpolitik oft eigene Vorteile verfolgen und weniger an dem propagierten gesamtgesellschaftlichen Nutzen interessiert sind. Aber es kann auch nützlich sein, über Symbolpolitik bestimmte Themen ins Gespräch zu bringen - es würde z.B. niemand leugnen, dass Massenproteste (etwa aktuell gegen Atomenergie) eine bestimmte Aussagekraft besitzen, obwohl solche Aktionen an sich nicht Teil institutionalisierter Politik sind.

Zu Männerbeschneidung: Knabenbeschneidung ist tatsächlich einfache Körperverletzung? Das habe ich nicht gewusst.
Es befremdet umso mehr, dass Knabenbeschneidung aus religiösen Gründen explizit geduldet und offen betrieben wird.
In diesem Dokument äussert sich z.B. der "Schweizerische Israelitische Gemeindebund" im Rahmen der Vernehmlassung zu dem Anti-Verstümmelungsgesetz: Neugeborene Jungen zu beschneiden, falle unter Religionsfreiheit - ein absurderes Argument ist kaum denkbar.

Marcel Küchler hat gesagt…

Jeder Eingriff in die körperliche Unversehrtheit ist zumindest eine einfache Körperverletzung (StGB 123; abzugrenzen von der Tätlichkeit [126] auf der einen und der schweren Körperverletzung [122] auf der anderen Seite). In einfache Körperverletzungen kann man (oder beim Unmündigen eben seine Eltern) aber einwilligen. Deshalb ist der männlichen Genitalverstümmelung mit dem heutigen Strafgesetzbuch kaum beizukommen: Wo kein Kläger, da kein Richter. (Es bedürfte also hier, anders als beim weiblichen Pendant, tatsächlich einer Gesetzesänderung.)

Ich meine mich immerhin an einen Gerichtsentscheid zu erinnern, bei dem ein Mann wegen Körperverletzung am Kind verurteilt wurde. Das Paar war getrennt und die sorgeberechtigte Mutter hatte eben nicht eingewilligt und dann Strafantrag gestellt. (Vielleicht finde ich den Entscheid irgendwann wieder.)

Ein Verbot würde wohl tatsächlich die Religionsfreiheit beschränken. Aus sachlichen Gründen (die sich finden lassen sollten) und auf gesetzlicher Grundlage können Freiheitsrechte aber eingeschränkt werden (abgesehen vom absoluten Kerngehalt). Vgl. Art. 36 Bundesverfassung.

Marko Kovic hat gesagt…

Dass (Grund-)Rechte des Individuums nicht uneingeschränkt gelten, sondern dann enden, wenn die Rechte anderer Individuen unverhältnismässig eingeschränkt werden, ist einleuchtend. Im Falle der Genitalverstümmelung ist offensichtlich, dass individuelle Glaubensausübung der körperlichen Unversehrtheit und Selbstbestimmung von Drittpersonen untergeordnet ist.

Religionsfreiheit wurde in den letzten Jahren immer stärker pervertiert: Das Recht des Individuums, zu glauben, was es möchte (und damit verbunden das Verbot, anderen Individuen Glauben aufzuzwingen) wird allzu gerne umgedeutet zu Privilegien für Religionsgruppen. Darum bezeichne ich die religiöse Rechtfertigung für Genitalverstümmelung als absurd: Überhaupt auf die Idee zu kommen, aufgrund des individuellen Glaubens wehrlosen Drittpersonen, also Kindern, körperlichen Schaden zuzufügen, ist hanebüchen.

In dieser Lesart ist ein Beschneidungs-Verbot bei Minderjährigen keine Einschränkung der Religionsfreiheit im Sinne eines individuellen Grundrechtes: Der individuelle Glaube bleibt unangetastet, nur das gewaltsame Ausüben dieses Glaubens an Drittpersonen wird unterbunden.

nirwanixla hat gesagt…

Frauenbeschneidung hat mit Religion zu tun, dies abzustreiten ist absurd. Wobei aber, und da hat die Sprecherin recht, diese Körperverletzung ganz unterschiedlich praktiziert wird, und zwar auch innerhalb der verschiedenen Religionen.

Dies deckt sich mit der Ansicht, dass die Beschneidung nicht primär ein religiöses Phänomen war, sondern ein kulturelles. Ich kann mich erinnern, sowas gelesen zu haben (Quelle weiß ich nicht mehr), ebenso verlangt meines Wissens z.B. der Koran keine Beschneidung, bei der Bibel weiß ichs nicht.

Was die obige Kritik an der Religion betrifft: Religionen entwickeln und verändern sich auch, aber recht macht man es Skeptikern bestimmt nie: wird auf Dogmen und dgl. bestanden, wird man zu billigen Fundis gezählt, die zudem (zurecht) willkommenes Futter für Skeptiker sind; wird ein liberalerer Zugang zu Religion vertreten, dann ists auch nicht recht: der Vorwurf lautet dann wie oben, dass die Gläubigen immer weider nach Auslegungen suchen. Interessant sind dabei die verschiedenen Sichtweisen auf letzteres:

Sichtweise der Skeptiker: Immunisierung und Ausweichmanöver.

Sichtweise der Gläubigen: Suchen und Finden eines gemeinsamen Nenners, den man vertreten kann und der bei der Bewältigung des Alltags helfen kann.

Die "wahre" Religion gibt es auch aus meiner Sicht nicht. Und was das "Gebäck" angeht, darüber hat sich Voltaire schon köstlich amüsiert :)

Ein Werkzeug der Theologen, die Anwendung der historisch-kritischen-Methode, halte ich für durchaus brauchbar, auch aus wissenschaftlicher Sicht.

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