8. Juni 2011

SF: Ein netter Abend mit Wunderheilern

Das Thema der «Club»-Ausgabe vom 7. Juni war «Heilen wie Jesus - nichts als Humbug?». Der Titel alleine ist vielleicht nicht ganz selbsterklärend: Es wurde nicht etwa besprochen, ob Jesus selber nichts als Humbug sei, sondern, ob «Wunderheiler», welche angebliche «Wunderheilungen» durchführen, glaubwürdig sind.

Dieses Thema ist immer von Belang; über den kroatischen «Wunderheiler» names «Braco» etwa habe ich schon berichtet. Anlass für die aktuelle Club-Sendung ist aber ein anderer «Wunderheiler»: Reinhard Bonnke, Superstar:
Die sehenswerte Club-Ausgabe ist online abrufbar:
Mehrere Punkte der Sendung sind besprechenswert, ein Fazit kann aber vorweggenommen werden: «Wunder» vollbringt Reinhard Bonnke keine (Oder, genauer umformuliert: Es gilt nach wie vor die Nullhypothese. Nichts deutet darauf hin, dass kausale Verbindungen zwischen Bonnke und  unerklärbaren geshundheitlichen Verbesserungen bei Drittpersonen vorhanden sind. Im Weiteren deutet nichts darauf hin, dass Bonnke eine wie auch immer geartete «Kraft» eines wie auch immer gearteten «Jesus» für angebliche Heilungen nutzen oder weiterleiten kann.).


Das Phänomen der «megachurch» und des «faith healer»
Anlass für die Club-Sendung rund um religiöses Wunderheilertum ist der baldige Besuch Reinhard Bonnkes in Zürich: Zur Feier des 15-jährigen Bestehens der schweizerischen Freikirche «ICF» («International Christian Fellowship») wird Bonnke am 11. Juni um 19.00 Uhr im zürcher Hallenstadion auftreten; vgl. hier. Bereits ist eine (von der JUSO-Schweiz ins Leben gerufene) Protestkundgebung am 11. Juni gegen Bonnke ist geplant, vgl. deren Facebook-Seite:
Reinhald Bonnke ist zweifellos ein Spektakel, aber kein einmaliges: Charismatische Prediger, welche vor einem grossen Publikum emotional sehr aufgeladene Predigten halten, die nicht selten in «Wunderheilungen» gipfeln, sind ein aus den USA stammendes Phänomen. Weitgehend handelt es sich dabei um in protestantischen «Megakirchen» predigende Männer, deren Botschaften in den USA in der Regel eine politische Aufladung tragen und ein eher sozial-konservatives Publikum ansprechen. Ein Teil dieser charismatischen «Megakirchen»-Prediger behauptet zudem, durch die «Kraft» des christlichen «Jesus» Menschen heilen zu können. 

Der wohl bekannteste dieser US-amerikanischen «faith healer» dürfte Peter Popoff sein, der nach wie vor Millionen verdient (wie so oft bei Wunderheilern handelt es sich bei dem Einkommen zu grossen Teilen um freiwillige Spenden - von Menschen, welche sich Heilung erhoffen). Keiner dieser Wunderheiler konnte bisher beweisen, dass er tatsächlich (über «Jesus» oder sonstwie) Heilungsprozesse einleiten kann. Popoffs Beliebtheit konnte nicht Mal einen Abbruch tun, dass James Randi ihn als Betrüger entlarvte:
Damit will ich nicht behaupten, dass Bonnke sich ähnlicher Betrugsmethoden bedient, sondern betonen, dass es an Bonnke liegt, seine Behauptungen zu begründen. Da auch Bonnke seinen Lebensunterhalt mit Predigten bestreitet und dabei professionell durchorchestriert vorgeht, sind an und für sich nur zwei Hypothesen möglich:
  1. Bonnke kann tatsächlich Heilungen bewirken (ob diese von «Jesus» durchgeführt und von Bonnke lediglich weitergeleitet werden, ist weniger von Bedeutung).
  2. Bonnke weiss, dass er keine Heilungen bewirken kann und betrügt bewusst.
Diese zwei Möglichkeiten klingen vielleicht nach einem «false dichotomy»-Fehlschluss: Eine dritte sich anbietende Erklärung wäre, dass Bonnke Heilungen nicht bewirken kann, aber selber daran glaubt. Diese Variante schliesse ich aus, weil die ritualisierten Auftritte von Predigern wie Bonnke ein derartiges Mass an Planung voraussetzen, derart gekonnt massen-psychologisch operieren, dass eine naive Selbsttäuschung kaum denkbar ist.
Die vierte mögliche Variante, dass nämlich Bonnke bewusst betrügt, aber trotzdem Heilungen bewirken kann, ignoriere ich, da die Notwendigkeit der Beweise identisch mit Hypothese 1 wäre.

Bonnke und dessen Verfechterinnen und Verfechter behaupten, Hypothese 1 treffe zu, ohne gültige Begründungen zu liefern (d.h. Beweise, welche nicht besser durch alternative Vorgänge erklärbar sind, also keine Validität haben). Es liegt also nahe, davon auszugehen, dass Hypothese 2 gegenwärtig eher zutrifft: Bonnke ist sich bewusst, keine Heilkräfte zu besitzen und betrügt.
Ich sehe diese Kritik als gerechtfertigt an: Zwar vermeiden es Bonnke und seine Anhängerinnen und Anhänger, explizit zu behaupten, Bonnke sei ein Wunderheiler. Aber z.B. in offiziellen Dokumenten auf Bonnkes Webseite wird deutlich festgehalten, dass Besucherinnen und Besucher seiner Predigten Wunderheilungen erfahren. Aber auch eine kurze Suche auf Youtube macht klar, dass Bonnke Wunderheilungen behauptet, z.B. hier:
In einem anderen Video erklärt Bonnke anhand einer Anekdote unmissverständlich, wie er das erste Mal eine Massenheilung durchgeführt habe.


Die Club-Gäste
In gewohnter Manier sind die Club-Gäste, dieses Mal sechs an der Zahl, in ein «Pro»- und ein «Contra»-Lager geteilt.

Das «Pro»-Lager bilden folgende drei Personen:
Leo Bigger und seine Freikirche «ICF» haben Bonnke nach Zürich eingeladen. Der Prediger Andreas Lange betreibt die Webseite «wunder heute.tv», auf welcher er durch christliche Gottheiten bewirkte «Wunder» zu dokumentieren glaubt. Franz Kreissl leitet das (katholische) «Amt für Pastoral und Bildung» im Bistum St. Gallen.

Die «Contra»-Seite besteht aus folgenden drei Personen:
Rita Fuhrer ist ehemalige SVP-Regierungsrätin des Kantons Zürich und in der Sendung, weil sie als praktizierende Christin an Krebs litt. Der unermüdliche Kämpfer gegen Sekten und Fanatismus aller Art, Hugo Stamm, dürfte bekannt sein (immer lesenswert: sein Blog auf Tagesanzeiger.ch). Daniel Hell ist emeritierter Professor für klinische Psychiatrie.

Im Folgenden möchte ich nicht die ganze Sendung kommentieren, sondern nur einige Schwerpunkte kritisch betrachten.


Massenpsychologie: Die Ekstase in der Menge
Wer Auftritte nicht nur Bonnkes, sondern allgemein charismatischer «Heil»-Prediger beobachtet, sieht sehr schnell, dass mit dem Publikum durchaus einiges geschieht. Es handelt sich dabei um ausgesprochen emotionale Angelegenheiten: Ein in der Regel in Betreff des Glaubens homogenes Publikum überlasst sich der rhythmisch gekonnt inszenierten Rede des Predigers.

So betont Daniel Hell in Minute 19, dass diese Art der rhythmischen Anfeuerung von Menschenmengen kein nur christliches Phänomen sei, sondern auch bei Naturvölkern vorkomme, ebenso bei säkularen Organisationen. Da werde Suggestion betrieben. Die Antwort Leo Biggers, den Hell ansprach, ist mein persönlicher Höhepunkt der Sendung (auf Standarddeutsch «übersetzt»):
Da gebe ich Ihnen Recht. Sie haben alles richtig analysiert.
Und lächelt und schweigt - und die Runde ist ein paar Sekunden sprachlos. Köstlich.

Im weiteren Verlauf der Sendung, und zwar als Schlusswort (Minute 75), mahnt Hell, dass in einer solchen Trance-Situation auch Risiken und Nebenwirkungen möglich sind, da evtl. nicht alle Menschen im Publikum ohne Weiteres aus diesem «dissoziativen» Zustand wieder austreten können.

Situationen also, in welchen sich Individuen einer nicht-alltäglichen Emotionalität hinzugeben versuchen und in der Gruppe diesen Effekt gegenseitig verstärken, sind nichts Übernatürliches - bei Musikkonzerten beispielsweise ist das Erreichen einer solchen Gruppendynamik der Gradmesser für das Gelingen des Konzertes; ein «schlechtes» Konzert ist eines, bei welchem das Publikum nicht mitgerissen wird. Im Kontext von «Wunderheilern» ist das aber ein Problem: Der Charismatiker weiss, wie die Masse suggestiv zu manipulieren ist, um sie in einen für die Idee, das Erlebte sei durch «Jesus» herbeigeführt worden, aufnahmefähigen Zustand zu versetzen.

Diese Art der Gruppenmanipulation ist typisch für Sekten, aber auch für anerkannte evangelikale Kirchen. Der Dokumentarfilm «Jesus Camp» zeigt eindrücklich, wie derartige Manipulationsmethoden systematisch zur Indoktrinierung schon von Kindern zur Anwendung kommen:


Die Kraft der Anekdote
Es gibt einen roten Faden, welcher sich durch Irrationalität aller Art zieht, von Astrologie über Homöopathie, Parapsychologie bis hin zu Wunderheilern, um nur einige Disziplinen des unkritischen Denkens zu nennen: Der Glaube an die Unantastbarkeit der Alltagserfahrung.

Und das ist nur menschlich.

Alltagserfahrungen sind die Bausteine, aus welchen das menschliche Leben besteht. Der Mensch sucht permanent Muster und Zusammenhänge, und oft genügen alltägliche Anekdoten, um korrekte Mechanismen zu entdecken. Sitze ich im Auto und drücke auf das Gaspedal, beschleunige ich; nehme ich den Fuss weg, werde ich wieder langsamer. Habe ich durst, trinke ich etwas, und schon bin nicht mehr durstig; analog verhält es sich mit Hunger.
Das Problem ist: Der Mensch erkennt zu viele Muster; auch dort, wo nur scheinbar solche vorhanden sind - das ewige Problem der Verwechslung von Korrelation und Kausalität. Es gibt eine plausible Hypothese für diese «Fehlprogrammierung» unseres Hirnes: Evolutionär macht es Sinn, eher zu viele denn zu wenige Muster zu entdecken. Raschelt etwas im Gebüsch und ich erwarte ein Raubtier, wird in der Regel keines drin sein, aber wenn doch Mal ein Raubtier im Gebüsch ist, nützt es, wenn ich eines erwarte (lieber hundert Mal falsch-positiv als ein Mal falsch-negativ!).

Wer aber leugnet, dass Korrelation nicht zwingend auch Kausalität markiert, dass also weitere Erklärungen nötig sind, handelt bewusst irrational - die persönliche Anekdote ist stark, das Argument der damit noch nicht erklärten Kausalität aber ebenfalls.

Leo Bigger berichtet ab Minute 14 über ein «Wunder», welches sich unlängst ereignet habe. Vor zwei Monaten habe ein Mann einen Herzstillstand erlitten und die Ärzte hätten ihn als dem Tode geweiht behauptet. Dann hätten «sie» (wer genau damit gemeint ist, erwähnt Bigger nicht) für diesen Mann gebetet und sich von ihm verabschiedet. An «diesem Sonntag» (vermutlich am Sonntag vor der Club-Sendung) sei der Mann wieder vor ihm gestanden - «ein Wunder».
In diesem Fall kennnen wir nicht alle Details, aber es klingt schlicht danach, dass eine Person mit geringen Überlebenschancen eben überlebt hat - durchaus erfreulich, aber kein Ereignis, welches in einem rationalen Weltverständnis unmöglich sein muss.

Weiter in der Sendung erklärt Bigger, welches «Wunder» ihn prägte (Minute 31). Als 19-Jähriger habe er starke Magenschmerzen gehabt, fast ein Jahr lang, und kein Arzt konnte die Ursache ausfindig machen. «Eines Tages» sei er dann an einer «Veranstaltung» (wohl einer Predigt) gewesen, und ein alter Mann habe für ihn gebetet - eine Woche später seien die Beschwerden verschwunden - für Bigger ein «Wunder», weil ihn «Gott» geheilt habe.

Im Anschluss (ab Minute 32) berichtet auch Andreas Lange von einem «Wunder»: Ein deutscher Arzt sei an einer inoperablen Krebsart erkrankt. Als praktizierender Christ habe sich dieser Arzt Gott zugewendet, und wurde von diesem Gott geheilt. Heute sei dieser von Wundern überzeugte Arzt selber in religiösen «healing rooms» engagiert.

Meine absurde, aber dennoch plausiblere Alternativerklärung für diese «Wunder»: Alle Betroffenen haben irgendwann einmal eine Bratwurst gegessen. Bratwürste können Wunderheilungen vollbringen.
Diese Hypothese ist sogar ein bisschen nützlicher, als die Gott-Hypothese: Immerhin wissen wir, dass es Bratwürste gibt - die Hypothese wäre also auch tatsächlich prüfbar.


«Special pleading»: Wunder gibt es, wir verstehen sie einfach nicht
«Extraordinary claims require extraordinary evidence» - eine Weisheit Carl Sagans, welche nie an Bedeutung verlieren wird. Dieser kleine Satz enthält mehr, als auf den ersten Blick auffällt.

Je aussergewöhnlicher die Behauptung, desto mehr Beweise sind nötig, desto fundierter muss die Begründung ausfallen. Wer einem besetehendem Wissensfundus grundlegend widerspricht und damit eine Wissensrevolution auslösen würde, muss diesen angeblich unzutreffenden, momentan bestehenden Wissensfundus genug ausführlich widerlegen. Wer aber bestehendes Wissen nur ergänzt, muss entsprechend nicht wieder bei Null anfangen. Banales Beispiel: Wenn ich behaupte, dass Hühnereier in der Migros um 10 Rappen teurer werden, kann ich diese Behauptung relativ einfach prüfen, z.B., indem ich ein paar Fotografien mache und mich bei Migros-Verantwortlichen erkundige.
Wenn ich aber behaupte, dass Dodo-Eier in der Migros um 10 Rappen teurer werden, ist die Prüfung dieser Behauptung ungleich schwerer: Auch wenn ich Fotografien mache und einen offiziellen Migros-Kommentar einhole, bleibt immer noch unbewiesen, dass es sich tatsächlich um Eier einer ausgestorbenen Vogelart handelt. Effektiv müsste ich also auch beweisen, dass der Vogel Dodo nicht ausgestorben ist - die Existenz von Hühnereiern andererseits ist weniger umstritten (und ungleich einfacher prüfbar).

Der «extraordinary claims»-Satz bedeutet aber zweitens auch: Keine Behauptung wird a priori ausgeschlossen oder verboten: Selbstverständlich darf ich behaupten, dass die Migros Dodo-Eier verkauft - solange ich diese Behauptung aber nicht ausreichend rechtfertige, bleibt sie vorläufig unbestätigt, also irrelevant.

Behauptungen rational zu begründen, ist nicht einfach - darum nutzt Pseudowissenschaft den Königsweg des «special pleading». Im Falle christlicher Wunderheilungen bedeutet das, dass diese Wunderheilungen zwar durchaus vorkommen, wir sie aber einfach nicht richtig wahrnehmen, nicht richtig messen können.

In Minute 67 erklärt Andreas Lange, als Replik auf die Kritik Hugo Stamms, wie es sich mit «Wundern» verhält (auf Standarddeutsch «übersetzt»):
Das geht doch über unsere Ratio, über unseren Verstand hinaus. Wunder sind übernatürlich. Gottes Dimension ist eine andere Dimension. Hier geht es um die menschlich-göttliche Kooperation.
Der ewige Fehlschluss: «Special pleading», weil sich etwas unserer bescheidenen Rationalität entzieht. Fragt sich nur, wie Erleuchtete wie Andreas Lange zu dieser Einsicht kommen: Man müsste meinen, auch sie seien nur Menschen und als solche Sklaven dieser bescheidenen Rationalität, mit welcher wir nicht erkennen, warum «special pleading» angebracht ist.


«Argument from ignorance»: Wird schon Gott gewesen sein
Wo Geister spuken, UFOs herumfliegen und «Wunder» geschehen, ist ein Fehlschluss nicht weit: «Argument from ignorance».

Die Welt ist ausgesprochen komplex und kompliziert - ich für meien Teil verstehe das Meiste davon überhaupt nicht. Alles verstehen und jedes Phänomen erklären kann die Menschheit als gesamtes noch nicht (aber immerhin machen wir mit einer rationalen, in kritischem Denken gründenden Weltertastung Fortschritte). Es ist bequem und befriedigend, eine simple ad hoc-Erklärung für Dinge heranzuziehen, welche ansonsten unerklärbar sind (bzw. zu kompliziert, um als Nicht-Experte etwas zu verstehen).

Es handelt sich auch hierbei um einen zutiefst menschlichen Fehlschluss: Weil ich nicht weiss, wie X zustande kommt, muss halt A die Ursache für X sein - Ungewissheit ist unangenehm. Im Kontext von «Wundern»: Ich weiss nicht, wie und warum diese Heilung eingetreten ist - darum war es Gott.
Wie aber Daniel Hell in Minute 40 treffend sagt: Im Grunde ist damit nichts erklärt.

Ich versuche jeweils, den «argument from ignorance»-Fehlschluss mit dem Beispiel der Weltraumbanane als Fehlschluss zu erklären: Die Behauptung, X sei wegen einer Gottheit zustandegekommen, bietet ebensoviel Erklärungsgehalt wie meine Behauptung, die magische Weltraumbanane sei für X verantwortlich - für beide Behauptungen liegen keine Beweise vor, entsprechend erklären beide nichts.


Die eigentümliche Apologetik religiöser Menschen
Eine separate Erwähnung wert sind die Auftritte Rita Fuhrers und Franz Kreissls. Sie spielen beide im Prinzip dieselbe Rolle: Jene der moderaten Religiösen. Sie glauben zwar auch an Gott, lehnen die Heilsversprechen eines Reinhard Bonnke aber im Wesentlichen ab. So weit, so gut: Niemand würde bestreiten, dass die Position Fuhrers und Kreissls eine weniger schädliche als jene Biggers und Langes ist - in Minute 49 z.B. erwähnt Bigger, dass Krankheit auch «dämonisch» sein kann, und akzeptiert damit ein grotesk-primitivistiches Krankheits- und Menschenbild.

So moderat die Positionen Fuhrers und Kreissls sind, so unsinnig sind sie letztlich auch. Selbstverständlich ist es zu begrüssen, wenn der christliche Glaube eher metaphysisch-zurückhaltend gedeutet wird, aber die grosse Frage bleibt: Wer sagt, dass nicht doch die Fundamentalisten Recht haben? Rational begründen können weder Kreissl noch Fuhrer, warum Bonnke nicht doch ein Gefäss des christlichen «Jesus» sein sollte.

In Minute 9 nimmt Kreissl eine angenehm-symbolische Deutung des katholischen Verständnisses der angeblichen Wunder Jesus' vor: Damit sei nicht in unserem modernen Medizinverständnis wortwörtliches Heilen körperlicher Gebrechen gemeint, sondern die Hilfe, Aussenseiter wieder zurück in die Gemeinde, in das soziale Miteinander zu führen.
Gegen eine solche nicht-fundamentalistische Lesart alt-christlicher «Wunder» werden die wenigsten etwas einzuwenden haben. Aber wie kann Kreissl versichern, dass er «Gottes Wort» besser versteht als der Massenverführer Bonnke?

Zu Recht fragt Rita Fuhrer kritisch, was Bonnke das Recht gebe, darauf zu beharren, heilen zu können. Aber die direkte Gegenfrage drängt sich auf: Ist denn ihre Position besser begründbar?

Ein weiteres Beispiel für die verwunderliche Logik religiöser Menschen ist bei allen Gläubigen in der Club-Runde beobachtbar: Besprochen wird nur die Frage, ob und wenn ja, wie Gott Menschen heile. Die Möglichkeit, dass Gott vieleicht jener ist, der nicht heilt, sondern gerade krank macht und tötet, kommt offenbar niemandem in den Sinn.
Die Heilshypothese ist ebenso plausibel wie die Krankmachungs-Hypothese: Überhaupt nicht.


Fazit
Es ist erfreulich, dass dubiose «Wunderheiler» wie Reinhard Bonnke kritisch besprochen werden. Die interessierende Club-Sendung hat eingermassen gut demonstriert, dass die Argumente der Wunderheiler-Verfechter wenig stichhaltig sind. Und dass mit Hugo Stamm jemand verteten war, der auch mit Leidenschaft gegen die pure Irrationalität solcher «Wunderheilungen» antritt, ist sicherlich zu begrüssen.

Am Schluss bleibt aber ein fahler Beigeschmack: Wieder wurde Sendezeit für ein «theologisches» Pseudoproblem verschwendet. Zahlreiche Argumente drehten sich um die intuitiv nachvollziehbare Position, dass eine fundamentalistische Auslegung von Religion, in diesem Fall des Christentums, falsch ist. Aber dem Prinzip nach haben in dieser «theologischen» Diskussion fundamentalistische Charismatiker wie Bonnke ebenso Recht wie moderate Christinnen und Christen: Beide Berufen sich in ihren Dogmen auf unbewiesene Fantasiegebilde. 

Eine Erkenntnis dürfte aber, dabei bleibe ich, unbestritten sein: «Wunder» bewirkt Reinhard Bonnke keine.

14 Kommentare:

Markus Graber hat gesagt…

Es ist tragisch, dass auf der Skeptiker- Seite niemand mehr mit Biss zu finden ist bzw. vom SF eingeladen wird. Sogar Hugo Stamm erscheint mir müde/ausgebrannt. Und dass Bigger ein fanatischer Mensch ist dürfte jedem kritischen Beobachter des ICF- Umfeldes bekannt sein. Solche Leute bedürfen ebenbürtigen Diskussionsgegnern wie etwa Beda Stadler.
Den Wunderpredigern ist z.B. noch nie der Nachweis gelungen, dass Gliedmassen oder Organe wieder nachgewachsen wären oder sich Entstellungen wegen schwerer Verbrennungen wieder zurückgebildet hätten. Auf diese Punkte sollte unbedingt eingegangen werden, denn hier wäre das Wort "Wunder" eher angebracht.

Justvendetta hat gesagt…

Ach ja... Die lieben ICF-Fanatiker. Hier in Bern gibts ja leider auch davon, die allen Ernstes behaupten, durch Gebete Beine nachwachsen zu lassen. Aber sobald man diesen Unsinn auf Youtube kommentiert und ein Video zu dieser Ungeheuerlickeit hochlädt, dann wird man geblockt, mit Vote-Bots tracktiert und mit DMCA-Beschwerden zugedeckt.
So geht das!

Justvendetta hat gesagt…

Verflucht... Hätte ich das nur früher gewusst, dass die JUSO eine Aktion gegen den ICF in Zürich geplant hat, dann wäre ich auch hingegangen.

Ich hoffe, jemand wird etwas dazu hochladen.

Marko Kovic hat gesagt…

Verflucht... Hätte ich das nur früher gewusst, dass die JUSO eine Aktion gegen den ICF in Zürich geplant hat, dann wäre ich auch hingegangen.
Ich hoffe, jemand wird etwas dazu hochladen.


Ich war heute Morgen an der Protestaktion und bin gerade vom Bonnke-Auftritt zurückgekommen - ein Blogeintrag inkl. Videos (Mal schauen, ob es damit Probleme gibt) kommt hoffentlich morgen ;).

Anonym hat gesagt…

Ich mache mir mal eine Bratwurst und werde dann weiterhin versuchen meine Ad-hoc These des "Goldenen Schisses" (alias Weltraumbanane) irgendwie zu bewahrheiten.
Kritische Stimmen in Sendungen wie "The Klubb" wären schon längst angebracht und das öffentlich rechtliche Fernsehen sollte meine Steuergelder in philosophische oder rational nachempfindbare Themen investieren. Solange man diesen religiösen Quacksalbern eine summa summarum durchaus positive Platform zur Verfügung stellt, werden Menschen sich von ihnen behandeln lassen.
Vielen Dank Marko für den Artikel. War wie immer interessant zu lesen und vielleicht sollte man Dich das nächste mal als Gegenüber einladen.

nirwanixla hat gesagt…

Die dritte Erklärung, also dass Bonnke die Heilungen nicht bewirken kann, aber selbst daran glaubt, würde ich nicht vorschnell ausschließen. Ich seh zumindest darin keinen Widerspruch, da Rituale und Heilung meist wechselseitig miteinander verbunden sind bzw. waren (bei den Schamanen z.B.)


"Evolutionär macht es Sinn, eher zu viele denn zu wenige Muster zu entdecken....(lieber hundert Mal falsch-positiv als ein Mal falsch-negativ!)"

Dennett würde sagen, dass es evolutionär gesehen Sinn macht, weder zu viele noch zu wenige Muster zu entdecken. Wenn ein Tier bei jeder Kleinigkeit aufschreckt, kommt es nie zu einem Essen, wenn es zu wenig oft aufschreckt, wird es selbst zum Essen. :)


"Weil ich nicht weiss, wie X zustande kommt, muss halt A die Ursache für X sein".
Ja, ein Fehlschluss. Wird anstelle von "muss" das Wort kann oder könnte eingesetzt, ists kein Fehlschluss mehr, sondern eine Vermutung. Das gilt auch für die oben verwendete Überschrift "Wird schon Gott gewesen sein": eine Vermutung.


"Die Möglichkeit, dass Gott vieleicht jener ist, der nicht heilt, sondern gerade krank macht und tötet, kommt offenbar niemandem in den Sinn."

Doch, leider zu vielen. Schon vergessen, dass Gott (laut Ansicht gewisser Leute) immer wieder ein paar "Strafen" schickt und per Erdbeben, Überschwemmungen und dgl. hunderte und tausende Menschen abmurkst?

Marko Kovic hat gesagt…

Die dritte Erklärung, also dass Bonnke die Heilungen nicht bewirken kann, aber selbst daran glaubt, würde ich nicht vorschnell ausschließen. Ich seh zumindest darin keinen Widerspruch, da Rituale und Heilung meist wechselseitig miteinander verbunden sind bzw. waren (bei den Schamanen z.B.)

Das sehe ich durchaus auch so. Gerade weil sie Rituale durchführen, meinen Menschen oft, sie könnten Übersinnliches bewirken. Viele Homöopathinnen und Homöopathen fallen sicher in diese Kategorie: Sie wollen wirklich helfen und ihre Alltagserfahrung lässt sie glauben, dass Zuckerkügelchen tatsächlich wirken.

Nachdem ich Bonnke aber live miterlebt habe, scheint der Fall relativ klar. Das erste, was Bonnke auf der Bühne machte, war, für seine Bücher zu werben, welche angeblich eine Erleuchtung darstellen.

Anonym hat gesagt…

[i]Ich versuche jeweils, den «argument from ignorance»-Fehlschluss mit dem Beispiel der Weltraumbanane als Fehlschluss zu erklären: Die Behauptung, X sei wegen einer Gottheit zustandegekommen, bietet ebensoviel Erklärungsgehalt wie meine Behauptung, die magische Weltraumbanane sei für X verantwortlich - für beide Behauptungen liegen keine Beweise vor, entsprechend erklären beide nichts.[/i]

Und genau bei den Beweisen liegt auch das Problem.

Du bewegst dich argumentativ innerhalb eines Rahmens, der eine Existenz Gottes (Im Christlichen Sinne) ausschliesst, indem du nur als Erklärung gelten lässt, was bewiesen ist.

Gott kann nicht bewiesen werden.

Deine Forderung nach Beweisen ist somit vergleichbar mit einem Blinden, der darauf besteht nur das zu glauben, was er auch sehen kann.

Dein Weltraumbananenvergleich ist nur für diejenigen Schlüssig, die deine Denkprämisse ohnehin teilen und somit letztendlich sinnlos.

Marko Kovic hat gesagt…

Du bewegst dich argumentativ innerhalb eines Rahmens, der eine Existenz Gottes (Im Christlichen Sinne) ausschliesst, indem du nur als Erklärung gelten lässt, was bewiesen ist.

Gott kann nicht bewiesen werden.

Deine Forderung nach Beweisen ist somit vergleichbar mit einem Blinden, der darauf besteht nur das zu glauben, was er auch sehen kann.

Dein Weltraumbananenvergleich ist nur für diejenigen Schlüssig, die deine Denkprämisse ohnehin teilen und somit letztendlich sinnlos.


Das einzige, was sinnlos ist, ist zunächst zu behaupten, es gebe einen Gott und dann hinzuzufügen, dass die Existenz dieses Gottes nicht beweisbar sei. Wie kommst du dann zu der Einsicht, dass es Gott gibt ?
In Wissenschafts-Jargon spricht man bei einem solchen Fehlschluss auch von "Immunisierung": Eine Hypothese wird so formuliert, dass sie nicht prüfbar ist - womit wir in der Domäne der Pseudowissenschaft ankommen.

"Meine" Denkprämisse ist nichts als ein simpler Mechanismus intersubjektiver "Wahrheitsfindung": Jene Behauptungen über die Welt gelten als vorläufig "wahr", welche am besten begründbar und begründet sind ("Fakten"). Diese sind immer offen für Revision: Eine jede vorläufige "Wahrheit" ist offen für Kritik (also für ein Argument, welches behauptet, dass die Bedingungen für die Gültigkeit der vorläufig akzeptierten "Fakten" nicht mehr erfüllt sind).

Es gibt keinen rational begründbaren Anlass, dieses elementare Prinzip der Notwendigkeit der Rechtefrigung aufgestellter Behauptungen (in Form von "Beweisen" theoretischer oder empirischer Art) für einzelne Konzepte (Gott, Homöopathie, Astrologie oder eben die allmächtige Weltraumbanane) auszulassen.

Anonym hat gesagt…

Dein System der intersubjektiven "Wahrheitsfindung" ist in sich absolut logisch und stimmig. Aber es ist letztendlich nur ein Rahmen, der alles was ausserhalb liegt nicht erfassen kann.

Ich bin mit dir einverstanden, dass Fakten nicht ignoriert werden dürfen, weil (nach unserem aktuellen Wissen) eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie wahr sind.

Es gibt aber keinen rational begründbaren Anlass, warum alles im Universum nach dem elementaren Prinzip der Notwendigkeit der Rechtfertigung (in Form von "Beweisen" theoretischer oder empirischer Art) erklärt werden können muss, damit es existieren kann.

Mir ist klar, dass du mit dieser Antwort nicht zufrieden sein wirst. Aber es ist halt nun mal so, dass es innerhalb deines Systems aufgrund seiner Beschränkungen keine plausible Erklärung für die Existenz Gottes geben kann.

Für dich heisst das, dass Gott nicht existieren kann und für mich, dass dein System nicht dazu taugt solche Fragen zu beantworten.

Marko Kovic hat gesagt…

Es gibt aber keinen rational begründbaren Anlass, warum alles im Universum nach dem elementaren Prinzip der Notwendigkeit der Rechtfertigung (in Form von "Beweisen" theoretischer oder empirischer Art) erklärt werden können muss, damit es existieren kann.

Mit anderen Worten: Menschen sind (wahrscheinlich) nicht fähig, alles zu verstehen - einverstanden!

Eines darf dabei nicht vergessen werden: Das Konzept "Gott" ist ein menschliches Gedankenkonstrukt. Es ist ein direkter Widerspruch, einerseits zu behaupten, dass es unerforschbare Teile der Welt gibt, und andererseits zu spekulieren, dass "Gott" Teil dieser unerforschbaren Welt ist - wenn sich ein Teil der Welt dadurch auszeichnen soll, dass er Menschen eben nicht zugänglich ist, ist es ja gerade nicht erlaubt, eine menschliche Idee (Gott) in diesen unerforschbaren Raum hineinzuprojizieren. Ebensowenig wie die Weltraumbanane.

Anonym hat gesagt…

Ich habe keineswegs gesagt, dass Gott unerforschbar oder unzugägnlich ist. Er ist einfach nicht mit deinem System Messbar, genausowenig wie die chemische Zusammensetzung eines Stoffes mit einem Messschieber gemessen werden kann.

Gott kann erlebt werden und wirkt direkt in unserer Welt. Es gibt über den Zeitraum von ein paar tausend Jahren Millionen von Menschen, die das bestätigen.

Du sagst das sei alles nur eine Projektion. Ich sage die Behauptung Gott sei eine Projektion, ist eine Projektion.

Letztendlich ist der Glaube an Gott eben keine "rational certainty" sonderen eine "blessed assurance"

Anonym hat gesagt…

"Du bewegst dich argumentativ innerhalb eines Rahmens, der eine Existenz Gottes (Im Christlichen Sinne) ausschliesst, indem du nur als Erklärung gelten lässt, was bewiesen ist."

Frameworks (zumindest philosophisch/wissenschaftliche) sind keine statischen Gebilde, sondern fallen ebenfalls unter die Kategorie "revidier-/erweiterbar".
Gott (Im Christlichen Sinne... ahmm) ist vielleicht ja ebenfalls nicht so statisch wie es sich die Leute vorstellen. Eine vernünftige Weltanschauung, ob nun theoretisch wissenschaftlich oder auch religiöser Natur wird nie eine ultimative Wahrheit kennen, sondern diese als dynamisches Konzept verstehen. Die Universumsgeschichte hat dies bereits mehr als millionenfach gezeigt, weshalb nur unverbesserliche Ignoranten ein "blessed assurance" Konzept verfolgen.

"Gott kann erlebt werden und wirkt direkt in unserer Welt. Es gibt über den Zeitraum von ein paar tausend Jahren Millionen von Menschen, die das bestätigen"


Und Millionen bestätigen hier eine subjektive Perzeption, welche nichts für die Erweiterung der dynamischen Erkenntnis unserer wunderschönen Existenz beiträgt.

(An den Herrn weiter oben... Ich glaube im übrigen an etwas göttliches und ich bin auch offen eine alfällige und höchstwahrscheinlich temporär beschränkte Gottes-Gleichung auf ihre Richtigkeit zu prüfen)

Peter hat gesagt…

Da fragt man sich doch, was dieser Herr hat, was andere nicht haben, um ohne jede Arbeit
Unsummen zu verdienen. Tragisch, dass ich z.B. nicht die Fähigkeit habe, die Masse zu
meinen Gunsten zu manipulieren. Leider gibt es aber Kreaturen, die das können, masslos
traurig!

Die Religion sollte man nicht ernst nehmen, denn sie wurde von Menschen gemacht, und eine
nähere Betrachtung zeigt auch sonnenklar die Motive : Angst, Hoffnung, Unsicherheit, all diese
jeden Menschen betreffenden Attribute werden durch die Religion ausgebeutet!

Was diese "Wunderheiler" versprechen, hat jedoch eine ganz andere Qualität! Ich halte
sie für gefährlich, aber gerade diese Eigenschaft macht sie für breite Massen empfänglich.

FAZIT : Der Mensch ist offenbar nicht fähig, durch kritische rationale Überlegungen zu der
Erkenntnis zu gelangen, dass Wunderheilungen nur einen einzigen Zweck erfüllen - die
Taschen der Wunderheiler prall zu füllen. Ein unermesslicher Verlsut für uns alle, dass das
auch noch funktioniert.

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