20. Juli 2011

Die Volkshochschule - ein Hort der Pseudowissenschaft?

Oft werden auf diesem Blog «grosse» Dinge kritisiert: Unkritische Berichterstattung zu Pseudowissenschaft in den Massenmedien; Grundsatzkritik an irrationalen Glaubenssystemen; kritische Besprechung wissenschaftlicher Studien, und so fort.
Dieses Vorgehen ist sicher nicht verkehrt, aber als Skeptikerin bzw. Skeptiker sollte man sich nicht auf solche eher abstrakte Kritik beschränken: Gegen Irrationalität muss vorgegangen werden, wo diese am stärksten Fuss fasst - in den tatsächlichen Lebenswelten von Individuen, also im Alltag «normaler» Menschen.

Ein Beispiel für diese Forderung will ich mit diesem Blogeintrag vorstellen. Vor Kurzem ist mir eine Broschüre mit Kursen für Erwachsenenbildung in meiner Wohngemeinde in die Hände gefallen. Solche Weiterbildungskurse - welche unter dem Begriff «Volkshochschule» beschreibbar sind - sind grundsätzlich eine sinnvolle Sache: Neues zu lernen, ist selten schlecht.
Ein Blick in die Broschüre zu diesen Kursen trägt aber Alarmierendes zu Tage: Nebst unbedenklichen Angeboten werden zahlreiche esoterisch-pseudowissenschaftliche Kurse propagiert. Dies ist aus mehreren Gründen heikel:
  • Das in den betroffenen Kursen Propagierte ist nachweislich falsch bzw. unbewiesen.
  • Die betroffenen Kurse sollen psychische und physische Gesundheit förder und konfligieren damit direkt mit wissenschaftlicher Erkenntnis.
  • Für die Realisierung dieser Kurse werden auch Steuergelder eingesetzt.
Auf meine schriftliche Bitte für eine Stellungahme hat die für das Kursangebot Verantwortliche, Marianne Camenzind, nicht reagiert.

Das Kursangebot
An dieser Stelle möchte ich einige der problematischen Kurse auflisten. Hierbei ist zu bemerken, dass ich nur Kurse problematisiere, zu deren pseudowissenschaftlichem Inhalt Bereits die jeweilige Kursbeschreibung Anhaltspunkte gibt - es ist nicht auszuschliessen, dass weitere Kurse Pseudowissenschaft verbreiten, dies aber nicht in der Beschreibung kundtun. Ebenso ist möglich, dass einige der hier kritisierten Kurse nur in der Beschreibung pseudowissenschaftliches Vokabular verwenden, im eigentlichen Kurs aber auf solche Inhalte verzichten.

Traumfänger
 
Für CHF 140 lernt man, Traumfänger zu flechten. Gemäss dem Aberglauben nordamerikanischer Ureinwohner («Indianer») hilt ein Traumfänger über dem Kopf, Alpträume zu vermeiden: Gemäss Kursbeschreibung werden alle Träume «gefiltert» und nur die «guten» Träume durchgelassen.
Einen Traumfänger zu basteln, mag eine angenehme Betätigung zu sein - die Kursbeschreibung impliziert aber, dass damit tatsächlich Träume «gefiltert» werden, was nicht stimmt.

Sprache der Zehen
 
Es ist nur logisch: Nicht wenige Menschen glauben, dass anatomische Eigenschaften der Hände deterministisch mit dem Vorhandensein bestimmter Charaktereigenschaften zusammenhängen. Warum sollen also nicht auch die Füsse des Menschen etwas über dessen Persönlichkeit aussagen?

In der Kursbeschreibung ist die Rede von Imre und Margriyet Smogyi, welche die Zehenleserei begründet haben. Der korrekte Name ist «Somogyi»; hier die Webseite ihrer Vereinigung: FuDaRe International.
Wie funktioniert Zehenlesen? Auf der offiziellen deutschsprachigen FuDaRe-Seite sind zwei Video-Vorträge dazu angegeben:
Keine der beiden Damen liefern Argumente, welche über unsinnige Schwurbelei hinausgehen. Zweifellos können Zehen und Füsse etwas über Menschen aussagen - etwa, ob man Fusshygiene als wichtig erachtet, oder ob man gutes Schuhwerk trägt. Füsse sind aber kein Indikator für «Energieblockaden» oder die Persönlichkeit der Fusseigentümerinnen und -eigentümer.

Bachblüten-Therapie
Der Kurstitel ist verwirrend: Es handelt sich nicht etwa um eine Therapie mit «Bachblüten», sondern um ein Verfahren, welches nach dessen Schöpfer, dem Briten Edward Bach, benannt wurde. Bach war Homöopath und der Überzeugung, dass homöopathische Mittel, welche auf Blumen-Blüten (daher ist der Begriff «Bach-Blüten-Therapie» zu bevorzugen) basieren, heilende Kräfte besitzen.

Bach-Blüten-Therapie ist wirkungslos: Es handelt sich um eine Variation der Homöopathie. Bach-Blüten-Therapie ist nicht der Pflanzenheilkunde zuzuordnen: Sogenannte «Phytotherapie» interessiert sich, in der aufgeklärten Variante, für aktive Inhaltsstoffe von Pflanzen und ist unproblematisch.

Effektive Mikroorganismen
Das versprechen, «wieder ins Gleichgewicht» zu finden, lässt die Alarmglocken bimmeln: «Gleichgewicht» ist eines der typischen Schlagworte der Pseudowissenschaft. Wer kann denn gegen Gleichgewicht sein? Gleichgewicht ist immer gut; was Gleichgewicht herstellt, ist also automatisch auch gut.
Aufzuhorchen ist ebenfalls bei der Behauptung, man erhalte Tipps u.a. zum Impfen. Wer «Tipps» zu Impfungen abgibt und im glechen Satz «Tipps» zu «natürlichen und künstlichen Störfeldern» wie z.B. «Wasseradern und Mobilfunk» anpreist, wird wohl als «Impf-Tipp» vom Impfen abraten und Lügenmärchen zu erfundenen Impf-Risiken verbreiten (dies ist aber eine Vermutung; den genauen Kursinhalt kenne ich nicht).

Aber zurück zu «effektiven Mikroorganismen». Die Grundlage dieser Lehre ist nicht grundsätzlich irrational: Bestimmte Bakterien und Hefepilze sollen bestimmte Prozesse, vor allem im Kontext der Landwirtschaft, zu Gunsten des Menschen beeinflussen.
Die behaupteten Wirkungen sind aber unbewiesen. Ein Artikel zu «effektiven Mikroorganismen» auf Esowatch beschreibt die Problematik ausführlich: Es ist keine unabhängige Forschung vorhanden, welche die Versprechen der «effektiven Mikroorganismen» bestätigt.

Klangschalentherapie
Bei der «Klangschalentherapie» ist ein tatsächlicher Effekt auf das Wohlbefinden durchaus denkbar: Es handelt sich um eine nicht-alltägliche Situation, in welcher Ruhe und Entspannung das Ziel sind - eine typische Behenadlungsanordnung, welche helfen kann, Stress (kurzzeitig) abzubauen. Ein Beispiel für Klangschalentherapie:
Bin ich also nur der Zyniker, der den Leuten ihre Wellness-Kurse schlechtreden will? Wahrscheinlich. Dass aber der Klangschalen-Kurs unhaltbare Behauptungen macht, wird spätestens bei folgenden Sätzen klar:
Damit der Körper lernt, sich auf natürliche Art zu entspannen, eins mit sich zu werden, bieten Sie ihm die Klänge, Schwingungen der Klangschalen an. Diese wiederung aktivieren und stärken Ihr Immunsystem und Ihre Aura.
Klangschalen «aktivieren und stärken» das Immunsystem und die «Aura». Ersteres ist absolut falsch, Letzteres irrelevant, da ohne Definitionen: Was genau soll eine «Aura» sein und wie kann gemessen werden, ob diese «aktiviert» und «gestärkt» wird? Ist eine «Aura» das subjektive Wohlbefinden?

Zum Thema «Immunsystem stärken» ergänzend eine Ausgabe von «Quackcast», in welcher erklärt wird, warum die Idee, man könne das Immunsystem «stärken», nicht haltbar ist:

Ernährung nach den 5 Elementen
Auch hier fällt wieder das Wort «Gleichgewicht» auf: Krankheit oder Unwohlsein bedeute ein «Ungleichgewicht»; es gelte entsprechend, den Körper wieder ins «Gleichgewicht» zu bringen. Was genau macht dieses «Gleichgewicht» aus? Antwort: Der Mensch sei eine Einheit, bestehend aus «Körper, Geist und Seele».

Spätestens hier müssten auch Esoterik-Gläubige fragen: Was soll denn der Unterschied zwischen «Geist» und «Seele» sein? Dass es für die Existenz einer nicht-materiellen «Seele» keinerlei Beweise gibt, ist hierbei fast zweitrangig: Nicht Mal in ihrem eigenen Pseudowissenschafts-Jargon sind Esoteriker kohärent.

Lächeln in den Frühling
Ich gehe davon aus, dass der Kurs «Lächelnd in den Frühling» heissen soll.
Nach den Guetzli- und Festmahl-lastigen Wintermonaten ist es sicher keine schlechte Idee, sich wieder ein bisschen dem eigenen Körper zuzuwenden - sei es auch nur, um das schlechte Gewissen ob des leicht grösseren Bauch- oder Hüftenumfangs loszuwerden.
So klingt denn auch «Fit machende Frühlingsernährung» nicht schlecht; weniger fettige und zuckerige Hausmannskost und dafür leichtere Speisen, klingt ganz gut.

«Ein beschwingter Darm, eine wache Leber» sind im Grunde immer willkommen: Funktionierende Organe sind immer willkommen.

«Ausleiten, Entschlacken, Abnehmen» ist mit einem Bein bereits im Esoterischen: Bewegung und evtl. Gewichtsreduktion ist, falls das Individuum das wünscht, zu begrüssen. «Entschlacken» ist aber Pseudowissenschaft: Es wird behauptet, dass normale Körperfunktionen, etwa das Vorhandensein von Exkrementen in den Därmen, Anzeichen für «Vergiftungen» seien; vgl. auch diesen Blogeintrag zum Thema.

«Stärkung des Immunsystems» ist Unsinn; vgl. den Quackcast-Podcast unter dem Punkt «Klangschalentherapie».

«Anregung nach Kneipp» bezieht sich auf Sebastian Kneipp, einen Priester und «Hydrotherapeuten». Hydrotherapie meint die Behandlung mit Wasser. Im Prinzip ist die mögliche gesundheitsfördernde Wirkung relativ unumstritten; etwa ist der Besuch einer Sauna für die meisten Menschen gesund (da die Blutgefässe gedehnt und kontrahiert werden). Im «alternativmedizinischen» Kontext werden allerdings auch hier Aussagen gemacht, welche den Bogen überspannen und mehr versprechen, als sie halten.

Der Entstehungsmythos der «Anregung nach Kneipp» ist die Heilung Sebastian Kneipps selber: Er habe an Tuberkulose gelitten und sei nach einem kurzen Bad in der kalten Donau auf wundersame Art genesen. Man merke: Die Kneipp-Lehre gründet in Anekdoten, nicht wissenschaftlichen Untersuchungen.
Die Kneipp-Lehre basiert auf fünf «Säulen» (Quelle):
Nicht alles ist sinnlos. So dürften regelmässige körperliche Ertüchtigung sowie ausgewogene Ernährung wenig kontrovers sein. Die Bedeutung des Wassers und pflanzlicher Heilmittel ist aber problematisch («Balance» meint bloss, dass die obigen vier Punkte ausgeglichen sein müssen; Gleichgewicht halt).

Die Heilwirkung von Wasser beschreibt die Webseite «kneipp.de» wie folgt (Quelle):
Die Wirkung der Kneippschen Wasseranwendungen beruht auf der Stärkung der Selbstheilungskräfte des Körpers durch milde bis kräftige Reize. Die vom Wasser ausgehenden kalt-warmen Temperatureinflüsse regen den Blutkreislauf an und fördern dadurch den Stoffwechsel und die Entschlackung des Körpers.
«Temperaturschocks» durch den Einsatz kalten und warmen Wassers können den Blutkreislauf tatsächlich anregen. «Selbstheilungskräfte» werden dadurch keine gestärkt.

Die Wirkung von Heilpflanzen erklärt «kneipp.de» folgendermassen (Quelle):
Pflanzen sind ein wichtiges Element der ganzheitlichen Gesundheits-Philosophie von Sebastian Kneipp. Sein liebstes Kraut war die Arnika. „Bergwohlverleih“, wie das Heilkraut auch genannt wird, wirkt bei äußerlicher Anwendung Wunder, z.B. bei Blutergüssen, Prellungen, Quetschungen, Zerrungen, Muskelkater und Venenbeschwerden. Sebastian Kneipp hat vor über 150 Jahren rund 45 Pflanzen eine heute wissenschaftliche belegte Wirkung ohne Nebenwirkungen zugeschrieben.
In dieser Tradition steht Kneipp mit seinen pflanzlichen Gesundheitsprodukten und Bädern.
Die mittlerweile wissenschaftlich belegte Wirkung von 45 Pflanzen habe Kneipp entdeckt? Interessant ist die Nennung von Arnika: Diese Pflanze wirke «Wunder». Äuffälligerweise bei Beschwerden, welche in der Regel von selber wieder abklingen (Blutergüsse, Prellungen, Quetschungen, Zerrungen, Muskelkater).
Doch ist die Wirkung von Arnika tatsächlich gegeben? Ein Forschungsüberblick der «American Cancer Society» kommt zum Schluss, dass die behauptete Wirkung nicht nachgewiesen ist (Auf der Seite der American Cancer Society werden auch homöopathische Arnica-Mittel besprochen; dass diese keine Wirkung haben, ist selbstverständlich.).

Die Behauptung, die «Entdeckungen» Kneipps zu Heilpflanzen seien alle wissenschaftlich fundiert, ist falsch: Es handelt sich um wenig mehr als anekdotische Evidenz und Huldigung eines Heiligen (ähnlich dem Hahnemann-Kult unter Homöopathinnen und Homöopathen).

Der letzte Punkt der Kursbeschreibung erwähnt Massagen. Auch hier dasselbe Muster: Massagen können eine durchaus positive, entspannende Wirkung haben; «Colon Massage» und «manuelle Lymphdrainage» behaupten aber eine darüber hinaus gehende Wirkung und sind Pseudowissenschaft.

Unsere Psyche - Grundlage für Gesundheit und Ursache für Blockaden
Zunächst klingt die Kursbeschreibung unproblematisch: Dass zwischen Psyche und Körper ein Zusammenhang besteht, leugnet niemand (Genauer genommen ist die Psyche auch einfach ein Teil des menschlichen Organismus'.). Aber der Kurstitel gibt zu denken: Wieder ist die Rede von «Blockaden».

In Anbetracht des Kurstitels wird klar, was hier behauptet wird: Die obsolete, da falsche, Lehre, gesundheitliche Beschwerden seien das Ergebnis «negativer Gefühle». Das bedeutet, dass für Erkrankungen letztlich immer die erkrankte Person selber schuld ist, da sie mit «negativen Gefühlen» die Krankheit selber verursacht.

Diese Theorie gipfelt in der Idee der «Krebspersönlichkeit»: An Krebs erkrankt, wer bestimmte Persönlichkeitsmerkmale aufweist. Der Irrglaube, dass Krankheiten nur Ausdruck «falscher» Gedanken seien und durch positives Denken alles wieder gut werde, erhielt, so meine Einschätzung, in den letzten Jahren Auftrieb. Einer der Gründe dafür ist die grossflächige Anwendung der Vernebelungstaktik namens «Quantenmystik» in der Esoterik-Industrie: Die Voraussagen und Messungen der Quantenphysik liefern intuitiv nur bedingt oder gar nicht nachvollziehbare Ergebnisse. Quantenmystiker behaupten nun, dass ihre unbewiesenen Behauptungen stimmen, weil das ja alles irgendwie durch Quantenphysik möglich sei. Oder es wird schlicht die banale Analogie gezogen, dass Behauptung X ja stimmen könne, weil früher auch niemand gedacht hätte, dass Quantenphysik möglich sei (so geschehen bei Daryl Bem und seiner Psi-Studie).

Der erfolgreiche Dokumentarfilm «What the Bleep Do We Know?!» beruft sich auf Quantenmystik und behauptet, dass jedes Individuum Kraft der eigenen Gedanken die physische Realität erschaffe. Der Erfolg des Filmes sowie der Buchadaptionen (in den Genuss des Letzteren kam ich) deuten an, dass Quantenmystik und die Idee der, im weitesten Sinne, Weltsteuerung mittels eigener Gedanken bedenklich viel Anklang finden - bedenklich darum, weil Versatzstücke wie «Quantenverschränkung», «Blockade» u.ä. die Leute scheinbar blind macht für die menschenverachtende Idee, dass eine kranke Person die Krankheit selber verursacht hat.
Man stelle sich die erdrückende Stigmatisierung vor: Jemand wird von einem Gebrechen ereilt und das soziale Umfeld beschuldigt diese Person, etwas falsch gemacht zu haben.

Baumessenzen
Der eher unspezifische Text der Kursbeschreibung lässt durchaus die Option offen, dass hier im Sinne einer rationalen Pflanzenheilkunde gelehrt wird: Zweifellos können Bäume, wie andere Pflanzen auch, durch aktive Inhaltsstoffe bestimmte für den Menschen wünschenswerte Wirkungen haben.
Es sind folgende zwei Sätze, welche mich aber vermuten lassen, dass in diesem Kurs eher Esoterisch-Unbewiesenes gelehrt wird:
Das Gespür und das Verständnis für die Symbolik der Bäume tragen wir immer noch stark in uns. Menschen sind in einem ganz ursprünglichen Verhältnis mit Bäumen verbunden.
Diese Behauptungen sind «fluffy thinking». In der Tat haben die meisten Menschen ein Verständnis für die Symbolik der Bäume. Solche Symbolik ist aber nicht «natürlich», d.h. einfach «gegeben» (etwa, wie angedeutet wird, durch die Erfahrungen unserer Vorfahren an uns weitergegeben). Symbole werden zu Symbolen durch individuelle oder soziale Bedeutungszuweisung.
Was ein «ganz ursprüngliches Verhältnis» sein soll, ist unklar; ebenso, warum ein solches grade zwischen Mensch und Baum bestehen soll.

Aber vielleicht ist meine Kritik übertrieben. Möglicherweise werden bei diesem Kurs lediglich Ahornsirup-Rezepte getauscht.

Neurodermitis
Der Wikipedia-Eintrag zu Neurodermitis erklärt - zumindest sehe ich als Laie das so - gut, worum es sich bei dieser Hautkrankheit handelt. Der Abschnitt «Behandlung» deutet darauf hin, dass «alternativmedizinische» Behandlungen keine Besserung bringen.

Auf «Pubmed» ist Neurodermitis ebenfalls beschrieben. Es fällt auf, dass dort als mögliche Behandlungsformen nicht nur (wissenschaftliche) Medikamente angegeben sind, sondern auch allgemein gehaltene Ernährungs- und Hygiene-Ratschläge.

Aus dem den Kurs beschreibenden Text lässt nicht eindeutig schliessen, was genau im Kurs gelehrt wird. Explizit wird darauf verwiesen, dass es um die Frage geht, wie Neurodermitis «naturheilkundlich» behandelt wird. Am Ende wird auf «erfolgversprechende» «alternative Therapieformen» verwiesen. Dies ist in zweifacher Hinsicht problematisch:
  • «Alternativ» ist ein typisches Pseudowissenschafts-Schlagwort und meint oft Verfahren, welche in direktem Widerspruch zu wissenschaftlich etabliertem Wissen stehen, ohne die Wirksamkeit solcher Verfahren schlüssig nachzuweisen.
  • «Erfolgversprechend» meint unmissverständlich, dass bestenfalls erste Erkenntnisse zu neuen Verfahren gesammelt wurden (z.B. in Form explorativer Untersuchungen) -  «erfolgversprechend» ist noch weit davon entfernt, für die praktische Anwendung als wirksam und sicher bestätigt zu sein.
Paracelsus Medizin
Was ich bereits zu dem Kurs «Lächeln in den Frühling» kritisiere, ist hier noch offensichtlicher: Es geht um das Verehren eines Heiligen im Rahmen eines bestimmten Glaubenssystems. Homöopathie, Spagyrik und Anthroposophie sind Pseudowissenschaften in Reinform; der Name «Paracelsus» ändert daran nichts.

Das einzig Interessante an diesem Kurs ist die Behauptung, auf Paracelsus' Lehren basierten Homöopathie sowie anthroposophische Medizin (welche im Wesentlichen Homöopathie ist). Ob Hahnemann-Anhängerinnen und -Anhänger dies auch so sehen?

Dynamic Rebounding
Trampolin-Hüpfen. Mit unsichtbar-unmessbarer Chi-Energie.

Qi Gong
Der rote Faden der masslosen Übertreibung ist auch bei diesem Kurs wiederzufinden: Dass körperliche Ertüchtigung im Allgemeinen sinnvoll ist, im Besonderen also auch die Bewegungsabläufe des «Qi Gong», liegt auf der Hand. Hier ein Beispiel für Qi Gong (ob im Video tatsächlich korrekte Qi Gong-Bewegungen gezeigt werden, weiss ich nicht):
Qi Gong ist aber insofern Pseudowissenschaft, als behauptet wird, durch bestimmte Bewegungen könne «Qi» (oder «Chi»), eine angebliche «Lebensenergie», beeinflusst werden, was der Gesundheit zum Wohle gereichende Wirkungen zur Folge habe. Für die Existenz einer wie auch immer gearteten «Qi»-Energie liegen nach wie vor keine Beweise vor - vorläufig gelten also noch die physikalischen Grundkräfte.

Tai Ji
In der Kursbeschreibung wird «Tai Ji» als eine an «Qi Gong» anknüpfende Lehre erklärt. Auch hier wird die nach gegenwärtigem Kenntnisstand inexistente Energie «Qi» manipuliert. Das sieht wie folgt aus (die Person im Video ist der im Kursbeschreib erwähnte Chungliang Al Huang):
Da wir mit «Tai Ji» im Bereich der Kampfkünste gelandet sind, bietet sich ein weiteres Video an. Penn & Teller erklären, warum die Idee des «Qi» im Kontext von Kampfkunst nichts als «Bullshido» ist:
Es scheint, als ob mein Traum, einmal ein Kame-Hame-Ha abzufeuern, bis auf Weiteres nicht in Erfüllung geht.

Biochemie
Der Titel der Veranstaltung kling interessant: Ist mit «Biochemie» gemeint, dass ein Einblick in die organische Chemie gewährt wird? Mitnichten, wie sich schnell zeigt.

Ähnlich wie beim Text zum Kurs «Ernährung nach den 5 Elementen» fällt eine eigentümliche Begriffswahl auf. Die «Zellfunktionsmittel» nach Dr. Schüssler seien bekannt, deren Wirkungen auf der «mentalen, emotionalen und psychischen Ebene» dagegen kaum. Spontan hätte ich vermutet, dass «mental» ein Synonym von «psychisch» ist, und Emotionen eine Teilgruppe der Psyche.

Nach kurzer Recherche zeigt sich, dass die Produkte des Dr. Schüssler Salzpräpparate sind. Ein genauerer Blick auf diese Seite zeigt zudem, um was für Salzpräpparate es sich konkret handelt: um homöopathische.

Die Angelegenheit ist damit an und für sich schon geklärt: Homöopathie ist pseudowissenschaftliches Glaubenssystem, nicht rationale Medizin; auch in diesem Fall wird Heiligen-Huldigung betrieben, nicht kritischer Umgang mit der Materie. Ein Punkt gehört aber noch erwäht:

Es entbehrt nicht einer geradezu grandiosen Ironie, dass diese homöopathischen Präpparate als «Salze» angepriesen werden, in Tat und Wahrheit aber aus Zucker bestehen.

Reise zu Ihren Träumen
Die Hirnfunktion des Träumens ist spannend: So ist beispielsweise nach wie vor nicht abschliessend erklärt, warum das menschliche Hirn überhaupt in der Lage ist, zu träumen: Hat Träumen einen evolutionären Vorteil mit sich gebracht? Oder sind Träume zu den zahlreichen «Fehlfunktionen» des menschlichen Körpers zu zählen (Männer haben ja wirklich gar keine Verwendung für Brustwarzen.)?

In dem Kurs «Reise zu Ihren Träumen» wird aber, das macht der beschreibende Text deutlich, eine esoterische Variante der Traumdeutung angeboten: Träume können für die Träumenden «Nachrichten» enthalten und «Funktionen» im Alltag ausüben.

Gewürzt mit einem Hauch Nationalstolz (die Theorie des «grossen und berühmten» schweizer Psychologen Carl Gustav Jung wird angewandt; dass Jung nach kritischen Massstäben wenig mehr als ein Märchenonkel ist, scheint weniger wichtig), verspricht dieser Kurs Traumhaftes.

Psychologische Astrologie
Was ist «psychologische Astrologie»? Einige Definitionsversuche anhand der ersten fünf eine Definition enthaltenden Seiten meiner google-Suche.





Wenn ich das einigermassen richtig verstehe: Der starre Determinismus der «klassischen» Astrologie wird abgelehnt. Stattdessen erklärt ein Blick in die Stern- bzw. Planetenkonstellation, was die wahren Charaktereigenschaften einer Person sind. Wer sich selbst erkennen will, muss also die zum Zeitpunkt der Geburt determinierten psychischen Eigenschaften kennenlernen und sich nach diesen richten.

Also: Nicht alles, was im Leben eines Menschen passiert, ist im Voraus bestimmt. Es ist nur die «richtige» Lebensgestaltung vorbestimmt; der Mensch hat aber die Wahl, das eigene Leben «richtig» oder eben «falsch» zu leben.

Da aber Astrologie nach wie vor Pseudowissenschaft ist (deren Verfechterinnen und Verfechter wähnen sich als «Laplace'sche Dämonen»), ist auch die Astrologie mit der Geschmacksrichtung «psychologisch» nichts als Pseudowissenschaft.

Von der Identität zur Selbstfindung
Dies ist ein Kurs, in welchem «psychologische Astrologie» betrieben wird. Dies wird in der Beschreibung nicht deklariert, die Kursleiterin ist aber dieselbe wie bei «Grundkurs: Psychologische Astrologie».
Man beachte auch die Pseudowissenchafts-Worthülse «ganzheitlich».

Hexen... Haustiere... Heilkräuter

Fazit
Was bringt dieser überlange Blogeintrag? Ich hoffe, damit vor allem auf einen wichtigen Punkt aufmerksam zu machen: Es genügt nicht, Pseudowissenschaften aller Art nur «von oben» zu kritisieren, weil diese Irrlehren in den Lebenswelten von Individuen verwurzelt sind. Pseudowissenschaft gehört also auch «von unten» kritisiert: Dort, wo teilweise nichtsahnende Menschen in unscheinbaren Kursen Geld für möglicherweise gefährliche Falschinformationen ausgeben.

Der Versuch des sarkastischen Kommentars gegen Ende des obigen Textes («Ich gebe auf») soll zudem demonstrieren, dass es diese Forderung nach skeptischer «grass roots»-Kritik in sich hat: Grundlage dieses langen Blogeintrags ist eine einzige Broschüre zu Kursen, welche zwischen August 2011 und Februar 2012 stattfinden - ein kleiner Tropfen im Ozean der Irrationalität.

11 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Möglicherweise handelt es sich ja bei der Verantwortlichen für das Kursangebot um diese Dame hier?

Marianne Camenzind
Dipl. Vitalstofftherapeutin
http://www.rigianer.ch/

Nach eigenen Angaben ist sie Spezialistin für Vitalstofftherapie, Kinesiologie und Schwingungsmedizin!!!
Ich denke, das könnte ihre "gewissenhafte Selektion" der Kursangebote erklären! :)

Anonym hat gesagt…

Ich suche den Flattr-Button, aber ich finde ihn nicht...

Danke für die ausführliche Analyse. Ähnliches wird man in fast jedem größeren Kursangebot finden. Leider. Der Nonsens ist eben populär.

Marko Kovic hat gesagt…

Ich suche den Flattr-Button, aber ich finde ihn nicht...

Die (vielleicht naive) Hoffnung, ab und zu die eine oder andere nicht-skeptische Person zu kritischem Denken zu motivieren, ist mir Lohn genug ;).

@erster Kommentar
Auf diese Webseite bin ich auch gestossen - dem werde ich noch nachgehen!

nirwanixla hat gesagt…

Derartige Kurse schaffen es bei uns in den offiziellen Fortbildungskalender der Provinz Bozen: "Zeit für Weiterbildung". Wobei teilweise der Ausdruck "Zeit für weitere Verdummung" angemessener wäre ;)

Henning K. hat gesagt…

Dass Klangschalen, Traumfänger, Chi-Energien, Auras und Schüssler-Salz-Zuckerkügelchen pseudowissenschaftlicher Nonsens und naives "Fluffy-Thinking" (der Begriff ist genial) sind ist klar, aber wenn ich mir die Popularität der Esoterik so anschaue dann sehe ich, dass Menschen das einfach brauchen, so wie einen frei erfundenen Roman oder einen unrealistischen aber schönen Kinofilm. Auch Pseudo-Medizin kann ablenken und das Bedürfnis nach rosa Einhörnern befriedigen. Gefährlich wird es natürlich, wenn ernste Krankheiten damit "behandelt" werden, was aber in Deutschland eher die Ausnahme ist. Mit einem bin ich aber in dem Artikel nicht einverstanden: Viele Krankeiten, auch Krebs, entstehen im Kopf, und können auch dort geheilt werden!!

Marko Kovic hat gesagt…

[...] aber wenn ich mir die Popularität der Esoterik so anschaue dann sehe ich, dass Menschen das einfach brauchen, so wie einen frei erfundenen Roman oder einen unrealistischen aber schönen Kinofilm. Auch Pseudo-Medizin kann ablenken und das Bedürfnis nach rosa Einhörnern befriedigen.

Der wesentliche Unterschied ist einfach, dass Romane und Spielfilme keinen Anspruch auf Wahrheit der darin gemachten Aussagen machen.

Mit einem bin ich aber in dem Artikel nicht einverstanden: Viele Krankeiten, auch Krebs, entstehen im Kopf, und können auch dort geheilt werden!!

Selbstverständlich gibt es psychische Gebrechen, welche sich unter Umständen auch "psychosomatisch" auf den Körper auswirken. Aber zu Krebs: Ich hoffe, dass damit Hirntumore gemeint sind, und nicht, dass Krebs durch "negative Gedanken" verursacht wird.

steinerimbrett hat gesagt…

An der VHS Prien am Chiemsee (D) hat man es nicht allein bei einigen Kursen mit pseudowissenschaftlichem Angebot vor einem irrationalem Glaubenshintergrund belassen:

Aus Anlass des 150. Geburtstags Rudolf Steiners in diesem Jahr ist man mit der am Ort ansässigen Waldorfschule übereingekommen, eine gemeinsame Vortragsreihe ins allgemeine Frühjahrs-Programm 2011 zu hieven. So hatte man gleich mehrfach Gelegenheit, das "Phänomen Steiner" als "Künstler", "Christ" und "Wissenschaftler" kennenzulernen. Als Referent hat sich für jeden der insgesamt drei Vorträge der Pfarrer der ebenfalls am Ort ansässigen anthroposophischen "Christengemeinschaft" zur Verfügung gestellt.

Kleines Fazit: Die Volkshochschulen werden in der Regel als solider und vertrauenswürdiger Hort der Fort- und Weiterbildung wahrgenommen. Daß es (de facto) Glaubensgemeinschaften und weltanschaulichen Splittergruppen gelingt, eigene Akzente zu setzen, bloß weil deren Einfluss vor Ort nicht unbeträchtlich ist, beschädigt nach meiner Ansicht Kompetenz, Professionalität und nicht zuletzt die wissenschaftliche Integrität der VHS-Verantwortlichen in einem äußerst bedenklichen Umfang.

Anonym hat gesagt…

Um mal wirklich ins Esoterische abzutauchen sei der Besuch einer beliebigen Geburtsabteilung eines Krankhauses samt Mitnahme von Broschüren für die, krankenkassensubventionierte, Geburtsvor- und nachbereitung empfohlen.

Anonym hat gesagt…

was hat denn das Kursprogramm mit der Volkshochschule zu tun? Volkshochschulen sind Bildungseinrichtungen, die von Stadt und Kreis bezuschusst werden und für jede/n sind, egal welchen Bildungsabschluss sie/er besitzt. Wenn dort Qucksalber und Pseudowissenschaft im Spiel sind, ist es berechtigt, sich aufzuregen, aber sich über Flugblätter und Kursprogramm von Hinz und Kunz aufzuregen... was ist die Message? Es gibt eine ganze Menge Eso-Anbieter? Na, das ist aber eine Neuigkeit...

Marko Kovic hat gesagt…

Volkshochschulen sind Bildungseinrichtungen, die von Stadt und Kreis bezuschusst werden und für jede/n sind, egal welchen Bildungsabschluss sie/er besitzt.

Und genau diese Beschreibung trifft fuer das hier kritisierte Kursangebot zu.

Marcel Küchler hat gesagt…

Etwas beruhigen vermag einem der Blick in das Programm der Volkshochschule des Kantons Zürich (www.vhszh.ch) (abgesehen vielleicht bei der Rubrik "Körperwahrnehmung").

Ein Grund des Problems liegt wohl in der föderalen Struktur der Schweiz. Viele dieser Angebote auf Gemeindeebene werden von Milizpolitikern und in Freiwilligenarbeit organisiert und angeboten. Da kommt es sehr auf die Präferenzen oder das Unwissen der beteiligten Personen an.
Eine Gemeinde kann natürlich auch nicht auf die gleichen Resourcen zurückgreifen wie die kantonale VHS (Uni etc.), sodass die lokale "Wissenschaft" zum Zuge kommt (sei dass dann die Inhaberin des Aura-Studios oder der Chiropraktor) und angeboten wird, was die Leute gerade interessiert (die Medien spielen da ja ihre eigene, meist wenig rühmliche Rolle).

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