28. August 2011

Mit Hypnose die Brüste vergrössern, oder: Warum Überfall-Journalismus heikel ist, und Experten auch kritisiert gehören

Am 28. Juni hat der Kassensturz einen kritischen Beitrag zu einem «Hypnotiseur» ausgestrahlt, welcher mit seiner Therapie eine Reihe von aussergewöhnlichen Effekten verspricht - u.a. Brustvergrösserung bei Frauen:
Kassensturz vom 28.06.2011
Einerseits ist durchaus lobenswert, dass der Kassensturz kritischen Verbraucherschutz betreibt. Andererseits hinterlässt dieser Kassensturz-Beitrag aufgrund fragwürdigen Vorgehens einen äusserst fahlen Nachgeschmack.

Die Tücken des «ambush»-Journalismus
Der problematisierte Hypnotiseur ist Boris Brugger. Eine Webseite o.ä. habe ich zu ihm nicht gefunden, doch scheint er immerhin auf Twitter präsent zu sein. Dort schreibt er als Reaktion auf den Kassensturz-Beitrag u.a.:
Ein Stück weit pflichte ich Brugger in seiner Einschätzung bei: Ob «Stasi Methoden» im Spiel waren, mag ich nicht beurteilen, aber sogenannter «ambush journalism» ist in der Tat nur in Ausnahmesituationen ein seriöses Mittel - ein jeder kann durch einen journalistischen Hinterhalts-Angriff schlecht gemacht werden. Egal, um wen es sich handelt, die Überraschung, vielleicht auch Schock, wird sichtbar, eine gefasste und kohärente Antwort ist nur bedingt möglich. Zudem suggeriert die ganze «ambush»-Situation eine Art Razzia, bei welcher «die Guten» die Machenschaften der «Bösen» zerschlagen. Hier ein Foto, welches diese Anordnung gut dokumentiert:
Brugger steht einer geschlossenen Reihe gegenüber. Nun drängt sich die Frage auf, wie denn die obige Einstellung zustande kam, steht doch der Kameramann vor Brugger. Die Antwort: Eine versteckte Kamera.

Das befremdet: In Minute 3 sagt der Voiceover unmissverständlich:
Die Hypnose-Behandlung filmen wir nicht, aber vom benachbarten Kinderzimmer aus hören wir bei offener Tür mit.
Irgendwie kann diese Aussage nicht stimmen, sind doch Videoaufnahmen mit versteckter Kamera vorhanden. Auch wird, ebenfalls in Minute 3, vor obigem Zitat, explizit in zwei Einstellungen die eingesetzte versteckte Kamera gezeigt:
 
Die einzige Erklärung wäre, dass die Kamera präpariert, das Filmen aber erst dann per Fernbedienung gestartet wurde, als die vier Personen aus dem Kinderzimmer zu Brugger ins Wohnzimmer hereinkamen. In diesem Fall wäre die versteckte Kamera überflüssig, hält doch der Kameramenn eine Kamera mit vermutlich deutlich besserer Aufnahmequalität in seinen Armen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Boris Brugger auch nur annähernd bewirken kann, was er verspricht, doch wäre seitens des Kassensturz eine weniger überfallmässige Berichterstattung wünschenswert. Als ultima ratio ist ein Überfall wohl tolerierbar, doch hat Kassensturz vorgängig scheinbar überhaupt nicht versucht, mit Brugger Kontakt aufzunehmen.

Zweifelhafte Experten
Auf der Kritiker-Seite stehen zwei Experten, die Ärztin Diana Abraham und der Hypnosetherapeut Rudolf Corchia:
Grundsätzlich ist ihre kritische Position durchaus angebracht: Diana Abraham betont, medizinisch seien die Behauptungen Bruggers nicht haltbar, und der Hypnosetherapeut Corchia erklärt, dass es unlauter sei, Menschen in teils schwierigen Lenbessituationen falsche, da unwirksame, Hilfe zu verkaufen.

Im Beitrag wird aber nicht wirklich klar, was für Qualifikationen Rufolf Corchia als «Hypnose»-Therapeut mitbringt - ist er ausgebildeter Psychologe oder Psychiater? Durch das Verfahren der Hypnose eingeleitete hypnotische Trance ist an sich ein reales Phänomen: Das hypnotisierte Individuum ist in einem Zustand erhöhter Beeinflussbarkeit. Hypnose kann darum therapeutische Zwecke haben: Beispielsweise können bestimmte Zwangsstörungen (salopp von mir als Laien so benannt) und Schmerzempfinden (durch Suggestion und Autosuggestion) durch hypnotische Suggestion beeinflusst werden.
Was Hypnose allerdings nicht kann, ist z.B. «unterdrückte» Erinnerungen wieder hervorbringen oder gar Erinnerungen aus angeblichen früheren oder zukünftigen Leben zu Tage fördern.

Corchia ist u.a. Mitglied der «Gesundheitsakademie Schweiz», wo seine Qualifikationen und Tätigkeitsbereiche angegeben werden:
Wenn Corchia wissenchaftlich geschult sein sollte, wird dies zumindest nicht angegeben. Und da stellt sich die Frage, warum Corchia als Hypnotiseur grundsätzlich glaubwürdiger sein sollte, als Brugger: Wohl mach Corchia weniger hanebüchene Versprechen, aber Corchias Autorität als seriöser Hypnose-Experte (wie im Kassensturz-Beitrag dargestellt) scheint zweifelhaft.

Bei einem weiteren Blick auf die Seite der «Gesundheitsakademie Schweiz» springen mindestens zwei Auffälligkeiten ins Auge:
Es fällt schwer, Corchia als seriösen Hypnotiseur anzusehen, wenn einer seiner Mitarbeiter «Geistheiler» ist.

Ein weiterer Punkt ist aber noch interessanter:
Diana Abraham, die (zurecht) Kritik übende Ärztin im Kassensturz-Beitrag, ist Mitarbeiterin Rudolf Corchias. Eine andere Firma, die «Hypnoseschule Schweiz», führt ebenfalls Diana Abraham als Mitarbeiterin Corchias auf:
Ich habe im Weiteren versucht, zu erörtern, ob Yvonne Fari, der Lockvogel im Kassensturz-Beitrag, evtl. auch mit Corchia und Abraham arbeitet (sie wird als «Praxisassistentin» beschrieben):
Auf eine Anfrage dazu hat Fari nicht geantwortet.

Fazit
Der Hypnotiseur Boris Brugger ist wenig mehr als ein Scharlatan: Zu Recht kritisiert ihn der Kassensturz als solchen. Der Kassensturz-Beitrag ist aber in zweifacher Hinsicht problematisch:
  • Unfairer und unnötiger Ambush-Journalismus wird angewandt.
  • Die Experten, welche Brugger kritisieren, bewegen sich selber in pseudowissenschaftlichem Umfeld.
Die eigentümliche Konstellation der Experten im Kassensturz-Beitrag lässt mich folgende Hypothese formulieren: Rudolf Corchia und Diana Abraham sind nicht an der Kritik von Pseudowissenschaft und an Wahrheitsfindung interessiert, sondern nutzen den Kassensturz, um einen Konkurrenten vom Markt zu drängen, welcher ähnliche (pseudowissenschaftliche) Dienstleistungen anbietet wie sie selber.

12 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Vielleicht sind sie auch einfach nur der Meinung, dass die Grenze von seriöser zu pseudo Wissenschaft zwar von Boris Brugger, nicht aber von ihnen überschritten wird.

Evtl. solltest du sowohl die Methoden und Motive von Corchia und Konsorten, wie auch deine Hypothese nochmal kritisch überprüfen.

Dan hat gesagt…

Hmmm, jetzt bin ich in einem internen Zwist gefangen: Soll ich einem Fremden antworten oder nicht?

Spass beiseite:
@Anonym
Die Idee, wonach RC und DA von sich selber meinen, dass sie seriöse Arbeit und BB Pseudowissenschaft produziert, und das daraus resultierende Motiv, haben aber nur einen geringen Einfluss auf Marko's Hypothese. Ob diese nun Desinteresse an der Wahrheitsfindung haben oder edle Verfechter der "einen wahren Hypnoselehre" sind, ist zweitrangig. Die Instrumentalisierung des Kassenturzes und die unangenehme Tatsache, dass der Kassensturz nicht verhindert, zwei Experten aus dem gleichen Stall zu Wort kommen zu lassen, ist das Hauptproblem. Ein System ist nur so gut, wie der kleinste Anreiz es zu missbrauchen...

Marko Kovic hat gesagt…

Die Instrumentalisierung des Kassenturzes und die unangenehme Tatsache, dass der Kassensturz nicht verhindert, zwei Experten aus dem gleichen Stall zu Wort kommen zu lassen, ist das Hauptproblem. Ein System ist nur so gut, wie der kleinste Anreiz es zu missbrauchen...

Und so kann ein Blogeintrag in zwei Sätzen zusammengefasst werden ;).

Was ich zudem hätte erwähnen sollen: Corchias Argumentation ist ein typischer Fall des "no true Scotsman"-Fehlschlusses in den Nicht-wirklich-Wissenschaften: Wird ein Verbreiter einer bestimmten Lehre kritisiert, kommt das Gegenargument, dieser eine Verbreiter sei ja gar kein echter ("seriöser", "diplomierter") Anhänger der Lehre, ohne zu begründen, warum die Lehre an sich verfnünftig sein soll.

Stranger aka Anonym hat gesagt…

@Dan: Das Motiv hat Marko ganz klar als Teil der Hypothese definiert. Demzufolge ist es selbstverstänlich relevant, auch wenn es natürlich die von dir erwähnte Problematik nicht beeinflusst. Natürlich ist das Hauptproblem ein anderes. Mein Kritikpunkt bezieht sich aber auch nicht auf die Hauptaussage, sondern lediglich auf die Unterstellung einer bösen Absicht.

Es steht meiner Meinung nach, einem kritisch verfassten Blogeintrag nicht gut an, wenn er abschliessend in einer Hypothese ziemlich unkritisch einfach das mögliche Motiv herauspickt, das ihm am besten passt (Wobei natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass dieses Motiv zutreffend ist)

@Marko: Wenn er tatsächlich diesem Fehlschluss unterliegt, ist es ja durchaus möglich, dass er eigentlich lautere Absichten hegt und nur seine, seiner Meinung nach seriöse, Lehre beschützen will.

PS: Ein Blogspot Profil macht aus einem Fremden noch lange keinen Bekannten ;)

Anonym hat gesagt…

Wie ich aus dem Beitrag des Kassensturz entnehmen darf, ging es wohl weniger um die Methode Hypnose ansich, als vielmehr um die laienhafte Anwendung von Laientherapeuten, wie Brugger und Alexander Cain (alias Wolfgang Künzel).

Die kritischen Kommentare hier, zur Sendung des Kassensturz, zu Frau Dr.Abraham und Herr Corchia, sind wie unmissverständlich aus den Beiträgen hier klar wird, aus der Fan- Gemeinde von Brugger und seinem Lehrer Wolfgang Künzel (alias Alexander Cain) verfasst.

Hiermit soll wohl etwas schön geredet werden, was einfach gesagt: eine laienhafte Darbietung von Brugger und seinem Lehrer Alexander Cain alias Wolfgang Künzel, ist.

Ich bin mir völlig sicher das die Tätigkeiten und die Hintergründe von Herr Corchia und Frau Dr.Abraham seriös sind. Ich bedanke mich bei solcherart Menschen für Ihre Unterstützung, damit Laientherapeuten wie Brugger sowie sein Lehrer Alexander Cain (Shohypnotiseure) und dessen Fan Gemeinde, endlich der Riegel vorgeschoben wird.

in diesem Sinne: die 2 wirklich wesentlichen Sätze

1. Das Problem ist nur das Problem und die Aufmerksamkeitsverschiebung der Wahrnehmung die ersehnte Lösung.

2. Die glaubwürdigste Kritik ist das zu tun, was das Fehlende beinhaltet.

;-)


Einsicht ist ja bekanntlich ein schneller Weg hin zu Veränderung.

Marko Kovic hat gesagt…

Die kritischen Kommentare hier, zur Sendung des Kassensturz, zu Frau Dr.Abraham und Herr Corchia, sind wie unmissverständlich aus den Beiträgen hier klar wird, aus der Fan- Gemeinde von Brugger und seinem Lehrer Wolfgang Künzel (alias Alexander Cain) verfasst.

Nein. Im Blogeintrag versuche ich zu argumentieren, dass Bruggers Hypnose zwar eindeutig Nonsense ist (wobei ich betone, dass es hypnotische Trance zwar gibt, diese aber keine Wunder bewirkt), das Vorgehen des Kassensturzes aber nicht optimal ausfällt.

1. Das Problem ist nur das Problem und die Aufmerksamkeitsverschiebung der Wahrnehmung die ersehnte Lösung.
2. Die glaubwürdigste Kritik ist das zu tun, was das Fehlende beinhaltet.


Ich verstehe leider nicht, was diese zwei Aussagen bedeuten.

Dan hat gesagt…

Die kritischen Kommentare hier, zur Sendung des Kassensturz, zu Frau Dr.Abraham und Herr Corchia, sind wie unmissverständlich aus den Beiträgen hier klar wird, aus der Fan- Gemeinde von Brugger und seinem Lehrer Wolfgang Künzel (alias Alexander Cain) verfasst.

*g* Mit Sicherheit nicht... würde ich nun über eine mit der ihren (@Anonym, 31.08.) vergleichbaren Dreistigkeit verfügen, dann würde ich ihnen unterstellen, dass sie zu der Fan-Gemeinde von Abraham und Corchia gehören. Aber zum Glück tue ich das ja nicht.

Anonym hat gesagt…

Hallo Dan und Marko

Wo drückt euch denn wirklich der Schuh?

Ich bezweifle dass ihr die Kompetenz habt die Sendung des Kassensturz oder auch Frau Dr.Abraham und Herr Corchia beurteilen zu können. (Die Absicht der Ver-Urteilung, liegt wohl eher im Bereich der Unseriösität und der Kompetenzlosigkeit beheimatet.)

Anonym hat gesagt…

Dan schrieb:

Im Blogeintrag versuche ich zu argumentieren, dass Bruggers Hypnose zwar eindeutig Nonsense ist (wobei ich betone, dass es hypnotische Trance zwar gibt, diese aber keine Wunder bewirkt), das Vorgehen des Kassensturzes aber nicht optimal ausfällt.

1. Das Problem ist nur das Problem und die Aufmerksamkeitsverschiebung der Wahrnehmung die ersehnte Lösung.
2. Die glaubwürdigste Kritik ist das zu tun, was das Fehlende beinhaltet.

Ich verstehe leider nicht, was diese zwei Aussagen bedeuten.

grins ..... ;-) Und genau hier liegt doch der Ansatzpunkt Dan.

Wäre die Kompetenz zum Thema der Methode Hypnose und deren kompetente Anwendung erfüllt, würdest Du sicher diese 2 Sätze verstehen können.

in diesem Sinne erst mal die notwendige Kompetenz erarbeiten, ehe solcherart Beiträge geschrieben werden.

Marko Kovic hat gesagt…

grins ..... ;-) Und genau hier liegt doch der Ansatzpunkt Dan.

Wäre die Kompetenz zum Thema der Methode Hypnose und deren kompetente Anwendung erfüllt, würdest Du sicher diese 2 Sätze verstehen können.

in diesem Sinne erst mal die notwendige Kompetenz erarbeiten, ehe solcherart Beiträge geschrieben werden.


Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass jemand mangelnde Kompetenz beklagt, aber nicht in der Lage ist, zu erkennen, wen genau man zitiert - mangelnde Lesekompetenz?.

Und die zwei Sätze sind unverständlich, da es sich um nichtssagend-diffuse Schwurbelei handelt, welche zum Thema nichts beiträgt.

Stranger aka Anonym hat gesagt…

[quote]1. Das Problem ist nur das Problem und die Aufmerksamkeitsverschiebung der Wahrnehmung die ersehnte Lösung.
2. Die glaubwürdigste Kritik ist das zu tun, was das Fehlende beinhaltet.[/quote]

Für mich sind das lediglich komplizierte Worthülsen, die Banalitäten maskieren sollen um etwas einen seriösen und glaubwürdigen Touch zu verleihen, das diesen eigentlich gar nicht besitzen würde.

Ich entschlüssle die beiden Aussagen sinngemäss in etwa so:

1. Das Problem ist kein Problem mehr, wenn man es aus anderem Blickwinkel/Mit einer anderen Einstellung betrachtet.

2. Nicht kritisieren, sondern selber besser machen.

Die Aussagen sind aber schwammig genug um auch noch andere Auslegungen zuzulassen.

Ich meine mich zu erinnern, dass Marko in einem früheren Beitrag bereits etwas zur Verwendung komplizierter Sprache/Wörter/Satzkonstrukte, um seriöser zu wirken, geschrieben hat.

Hochachtungsvoll, wenngleich immer noch anonym

Marko Kovic hat gesagt…

Ich meine mich zu erinnern, dass Marko in einem früheren Beitrag bereits etwas zur Verwendung komplizierter Sprache/Wörter/Satzkonstrukte, um seriöser zu wirken, geschrieben hat.

Wahrscheinlich habe ich solche Wortspielereien als "fluffy thinking" bezeichnet. Hier ein Podcast zum Thema:
Rationalla Speaking - Fluffy thinking.

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