12. August 2011

Wahlen 2011, Teil 2: Die Wahlliste «Konfessionslose.ch»

Am 23. Oktober finden in der Schweiz Wahlen statt; es gilt, National- und Ständerat neu zu besetzen. Ursprünglich hatte ich vor, in einer Serie («Wahlen 2011, Teil X») einen Blick auf die grössten kandidierenden Partei zu werfen und nach Möglichkeit eine Antwort auf folgende Frage zu finden:

Welche Partei in der Schweiz setzt sich am ehesten für eine rational-aufgeklärte, kritischem Denken zuträgliche Politik ein?

Über die kommenden Wahlen werde ich auch weiterhin berichten, doch aus anderer Perspektive. Der Grund: Die zürcher Nationalrats-Wahlliste Konfessionslose.ch - auf welcher auch ich mitkandidiere.
Das Kernanliegen von Konfessionslose.ch ist die Trennung von Staat und Kirche. Unsere konkreteren politischen Anliegen sind folgende:
Eine kurze Erklärung, warum ich bei der Liste Konfessionslose.ch mitmache, ist angebracht.

Der Schritt vom beobachtenden (sprich: besserwisserischen) Blogger zum aktiv am Politikgeschehen Teilnehmenden nehme ich nicht auf die leichte Schulter - genau so wenig wie die anderen 33 Kandidatinnen und Kandidaten für Konfessionslose.ch.

Oben stelle ich die Frage, welche Partei sich am ehesten für rational-aufgeklärte, kritischem Denken zuträgliche Politik einsetzt. Konfessionslose.ch ist eine Liste, welche sich für rational-aufgeklärte Politik nicht einfach nebenbei ein bisschen einsetzt - Konfessionslose.ch entspringt vollkommen der und setzt sich unbedingt ein für die grösste Errungenschaft des Menschengeschlechtes: Die Erkenntnis, dass die uns über Jahrtausende plagenden Ketten der Unfreiheit und Unterdrückung erst dann endgültig abgelegt werden können, wenn wir akzeptieren, dass der eigene Glaube niemandem aufgezwungen werden darf.

Wer diese Position teilt, wer bereit ist, dafür zu kämpfen, deren und dessen Stimme ist am 23. Oktober 2011 willkommen.

Weiter möchte ich in diesem Blogeintrag zwei Punkte thematisieren:
  • Kurze Inhaltsanalyse der Konfessionslose.ch-Texte (analog zu dem ersten Blogeintrag zu den Wahlen 2011)
  • Erstes Medienecho zu Konfessionslose.ch

Ein Blick in die Positionen
Im Blogeintrag «Wahlen 2011, Teil 1» gehe ich kurz auf die Frage ein, was politische Parteien eigentlich ausmacht. Dabei erwähne ich u.a. die Theorie der «political cleavages»: Gemäss diesem Ansatz bildeten sich westeuropäische Parteien, weil bestimmte sozio-strukturelle Konfliktlinien vorhanden waren (Bildquelle):
Diese vier Konfliktlinien sind auch für die Liste Konfessionslose.ch von Bedeutung: Wie bereits der Name «Konfessionslose.ch» andeutet, wird in erster Linie der Konflikt Kirche-Staat thematisiert. Es wäre aber falsch, Konfessionslose.ch als Partei anzusehen: Wir agieren als «single issue»-Akteur, und sind darum dem Wesen nach eher Teil einer sozialen Bewegung.

Entsprechend dieser «single issue»-Eigenschaft sind bisher verfügbare Texte von Konfessionslose.ch, im Vergleich zu etablierten (Gross-)Parteien, eher geringen Umfangs. Eine kurze Inhaltsanalyse mit Hilfe des Wortzählers Wordle ist trotzdem nicht verkehrt. Ich verwende die Texte des Abschnitts «Positionen» der Konfessionslose.ch-Webseite; angezeigt werden die 50 häufigsten Wörter, wobei die Wortgrösse die relative Häufigkeit darstellt:
Das Bild möchte ich nicht weiter kommentieren; der Vollständigkeit halber und zum Zwecke der Vergleichbarkeit hier nochmals die Ergebnisse obiger Kurzanalyse für die grösseren Parteien der Schweiz (anhand derer Parteiprogramme).

SVP:

SPS:

FDP:

CVP:

GPS:

GLP:
Und meine Warnung aus dem letztem Blogeintrag zu den Wahlen wiederhole ich auch an dieser Stelle: Diese Abbildungen sind nur sehr bedingt aussagekräftig und deuten lediglich an, mit welchen Themen sich welche Partei bzw. Liste befasst.

Reaktionen auf Konfessionslose.ch
Konfessionslose.ch ist ein Novum für die Schweiz und stellt einen bewussten Tabubruch dar: Während es selbstverständlich ist, dass bestimmte Parteien die Anliegen bestimmter Religionen vertreten (z.B. die Parteien CVP und EVP), spielten politische Kräfte, welche für eine rationale Säkularisierung des Staates eintreten, bisher eine untergeordnete Rolle.

Nicht zuletzt dieser Tabubruch ist eines der Ziele von Konfessionslose.ch: Der status quo soll nicht nur hinsichtlich der bestehenden Konfiguration politischer Akteure und Institutionen angefochten werden, sondern auch in Betreff bestehender kultureller Codes. Nur weil etwas «schon immer so war», weil es also Tradition hat, ist damit keine Legitimität gegeben - der berühmte «appeal to tradition»-Fehlschluss ist fest verankert im öffentlichen Bewusstsein.

Konfessionslose.ch ist nicht blosse Symbolpolitik, ist nicht inhaltsleeres Spektakel, doch ist kaum vermeidbar, dass Reaktionen auf und Kommentare zu Konfessionslose.ch auch emotionsgeladen sind. Eine kurze Agenturmeldung auf NZZ-Online fiel zurückhaltend aus, inklusive der Kommentare zum Artikel. Ebenfalls neutral hat der Zürcher Oberländer über Konfessionslose.ch berichtet.

Ein wenig anders fiel ein Artikel auf 20minuten-Online aus: 
Bereits der Titel soll Konflikt inszenieren: Die «Gottlosen» üben einen «Aufstand».
  • Problem 1: Konfessionslose.ch sind «gottlos»
    Konfessionslose.ch vertritt keine «atheistische» Position und «Atheismus» ist keine Bedingung für eine Kandidatur auf der Liste.
    «Gottlos» ist ein geladener Begriff: Es wird impliziert, dass der Glaube an Gott die normale Standardposition ist und entsprechend, dass «Gottlosigkeit» etwas ab-normales ist. In Tat und Wahrheit verhält es sich umgekehrt: Der Mensch wird glaubens- und konfessionslos geboren und tritt im Laufe des Lebens bestimmten Clubs bei (z.B. organisierten Religionen).
  • Problem 2: Konfessionslose.ch betreiben einen «Aufstand»
    Der Begriff «Aufstand» ist ein ebenfalls bedeutungsschwangerer Begriff und impliziert symbolgemäss, dass die politische Aktivität der Konfessionslose.ch-Kandidierenden etwas mit Gewalt und Rebellion zu tun hat.
    Für Wahlen zu kandidieren ist kein «Aufstand», sondern das Ausüben politischer Rechte im Rahmen regulärer politischer Institutionen.
Die Rahmung des restlichen Artikels fällt ebenfalls verzerrend aus: Es wird der Eindruck erweckt, Konfessionslose.ch sei lediglich eine Liste wie jede andere, mit welcher die Partikularinteressen einer bestimmten Gruppe vertreten werden. Dem ist nur bedingt so: Wohl decken sich die Anliegen von Konfessionslose.ch nicht direkt mit einer Mehrheit der Bevölkerung, doch ergeben sich unsere Positionen explizit aus Überlegungen zur Sphäre der Öffentlichkeit. Gerade weil wir die demokratische Gleichheit aller Menschen verfechten, soll Religion Privatsache sein.

Erfreulich am 20minuten-Artikel: Über 400 Kommentare wurden hinterlassen. Viele davon mit ablehnender Haltung, aber auch viele unterstützende. Einige kritische Kommentare berufen sich auf den «appeal to tradition»-Fehlschluss (in etwea: «Die Schweiz hat christliche Vergangenheit, darum darf christliche Religion politische Privilegien geniessen»), andere missverstehen den Sinn von Konfessionslose.ch: Wir wollen niemandem verbieten, an Gottheiten oder sonstig Übernatürliches zu glauben, wollen niemandem verbieten, Teil von Religionsgemeinschaften zu sein.

Abschliessend möchte ich auf einen interessanten Kommentar, welcher an uns mittels Kontaktformular herangetragen wurde, eingehen:
Es ist mir egal, wer glaubt, und wer nicht. jeder soll so leben, wie er es will. aber behaltet eure gedanken für euch! sowas gehört nicht an die macht! homos und kinder- gehts noch?? ihr gottloses pack macht unsere familien kaputt! ich bin selbst homosexuell, aber wenn man kinder liebt, dann gesteht man ihnen mutter und vater zu. und nicht 2 von der gleichen sorte... euch kann man höchstens hirnzellen spenden. glaubt, was ihr wollt, aber versucht nicht, euren mist anderen aufzuzwingen! schade, daß gott so großmütig ist, euch verzeiht und trotzdem liebt... behaltet doch euren scheiß für euch. damit kommt ihr eh nicht durch. leute wie ihr, regen mich nur auf...
Die aufgebrachte Person stört sich an der Forderung, dass auch gleichgeschlechtlichen Paaren Adoptionsrecht zugesprochen werden soll.

Die Person weist darauf hin, dass auch sie homosexuell sei. Dies ist eine Variante des «appeal to authority»-Fehlschlusses: Ein Argument wird als überlegen behauptet, weil die das Argument äussernde Person bestimmte Autorität inne hat. In Tat und Wahrheit beeinflusst diese Autorität die Gültigkeit des Argumentes nicht.
Die grosse Frage ist aber: Ist es in irgendeiner Weise «falsch», wenn homosexuelle Paare Kinder grossziehen? «Leiden» die betroffenen Kinder darunter? Intuitiv mag dem so scheinen, ebenso dürfte pseudowissenschaftliche Pop-Psychologie in der Tradition Sigmund Freuds Kinder aus nicht-klassischen Familien als Gequälte ansehen.

Die «American Psychological Association» führt eine ausführliche Literaturliste (inkl. Zusammenfassungen) zu diesem Thema. Als Zusammenfassung der Forschung hält APA u.a. folgendes fest:
The picture that emerges from research is one of general engagement in social life with peers, parents, family members, and friends. Fears about children of lesbian or gay parents being sexually abused by adults, ostracized by peers, or isolated in single-sex lesbian or gay communities have received no scientific support. Overall, results of research suggest that the development, adjustment, and well-being of children with lesbian and gay parents do not differ markedly from that of children with heterosexual parents.
Zwar betrifft obige Forschung vor allem die USA, doch dürften diese Ergebnisse auch auf andere westliche Staaten zutreffen.

Doch auch angesichts dieser Ergebnisse ist die Frage, ob homosexuelle Paare «schädlich» für die Entwicklung der Kinder sind, im Kern ungerechtfertigt. Derlei Fragen lassen sich beliebig stellen: Ist es «schädlich», wenn einzelne Elternteile alleinerziehend sind? Ist es «schädlich», wenn die Eltern bildungsfern sind? Ist es «schädlich», wenn die Eltern regelmässig Fast Food servieren? Ist es «schädlich», wenn keine Bücher im Haus sind? Ist es «schädlich», wenn Menschen Kinder kriegen, ohne finanziell abgesichert zu sein?

Die eigentlich relevante Frage ist: Ist rational (und nicht emotional) rechtfertigbar, dass homosexuelle Paare keine Kinder grossziehen dürfen? Nein.

Zwischenfazit
Konfessionslose.ch ist ein Vorhaben, welches bereits jetzt für Aufsehen sorgt. Damit ist einem der Ziele nicht nur der Liste selber, sondern auch des skeptiker-blogs gedient: Durch Kritik zum Denken anzuregen.

Ein Wort des Lobes gebührt allen Kandidatinnen und Kandidaten für Konfessionslose.ch. Sich öffentlich zu exponieren und für rational-aufklärerische Werte einzutreten, erfordert ein nicht geringes Mass an Engagement und Mut - eine, wie ich meine, wohl angelegte Investition.

3 Kommentare:

nirwanixla hat gesagt…

ich würde euch nicht wählen, einerseits weil ich zum Teil divergierende Auffassungen zu den oben verlinkten Themen habe, aber das ist Nebensache, sondern primär aus einem anderen Grund:

die von euch vertretenen Themen sind nur ein Bruchteil dessen, was die Leute brauchen bzw. was eine politische Partei bieten sollte. Eure Themen decken zu wenig ab. Und eine Partei, deren Kernanliegen in der Trennung von Kirche und Staat (gibts die bei euch noch nicht?) ansieht, sagt mir politisch gesehen äußerst wenig, sie geht an den Problemen der wohl meisten Normalbürger vorbei. Dies bedeutet aber nicht, dass so eine Partei überflüssig ist, jedoch wahrscheinlich thematisch zu eng.

...und, in der Auseinandersetzung mit Normalbürgern wird das Aufzeigen von Fehlschlüssen vermutlich nur verständnisloses Kopfschütteln hervorrufen ;)

Aber ein (zukünftiger) Politikwissenschaftler weiß sicher, dass in der Politik nicht zwingend alles rational abläuft. In diesem Sinne: Viel Glück bei den Wahlen

Marko Kovic hat gesagt…

Die Trennung von Staat und Kirche ist in der Schweiz unvollständig: Kantone kennen nach wie vor sogenannte "Landeskirchen"; teilweise müssen sogar juristische Personen Zwangskirchensteuern leisten.

Dieser Umstand ist demokratisch nicht rechtfertigbar: Weder soll der Staat bestimmte Religionen privilegieren, noch sich in deren Angelegenheiten einmischen. Kirchen sollen dem Privatrecht unterstellt werden.

Dass wir mit dem thematischen Schwerpunkt der Säkularisierung andere, wichtige Probleme weniger ansprechen, ist klar. Ich erwähne ja im Text oben, dass Konfessionslose.ch eher den Charakter einer sozialen Bewegung hat, weil wir vor allem vor allem ein "single issue"-Akteur sind.

Dennoch werden wir uns bemühen, unser Profil etwas auszuweiten. Die Kandidatinnen und Kandidaten sind beispielsweise dabei, Profile auf smartvote.ch einzurichten, welche dann auch die Positionen zu anderen Themen abdecken.

Aber, um es nochmals explizit zu sagen: Konfessionslose.ch ist nur eine Wahlliste und keine politische Partei ;).

gwendolan hat gesagt…

Darüber, wie für den smartspider von smartvote was für Antworten gewichtet werden, könnte man auch ganz gut ein paar skeptische Worte verlieren. Vielleicht nehme ich mich dem auch noch selbst an, allerdings habe ich gerade nicht so viel Elan zum bloggen im Moment... ;-)

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