29. September 2011

Evidenzbasierte Personalauswahl

Als ich das letzte Mal über den samstags erscheinenden Stellenanzeiger «ALPHA» des Tagesanzeigers berichtete, übte ich harsche Kritik: Unverblümt wurden angebliche Nutzen der pseudowissenschaftlichen «Feng Shui»-Lehre propagiert - einen Beweis für die Existenz der behaupteten «Lebensenergie» «Chi» blieb der Artikel schuldig.

Dass es auch besser geht, wird im ALPHA vom 24. September demonstriert, wo für eine «evidenzbasierte Personalauswahl» plädiert wird:
Der Artikel argumentiert, es bestehe eine Diskrepanz zwischen der von Personalverantwortlichen angenommenen Aussagekraft bestimmter Verfahren der Personalauswahl auf der einen, der empirisch gemessenen tatsächlichen Aussagekraft dieser Verfahren (anhand späterer beruflicher Leistung von Angestellten) auf der anderen Seite.
Der Artikel liefert zur Untermauerung dieser Hypothese eine Tabelle, in welcher empirische Ergebnisse zweier Metastudien dargestellt werden: Tatsächlich scheint es diese Diskrepanz zu geben.

Fragen drängen sich aber, mindestens, in zweierlei Hinsicht auf. Zunächst möchte ich auf einen früheren Blogeintrag verweisen, in welchem ich das Konzept der durch «Intelligenztests» gemessenen «Intelligenz» kritisiere: Alles, was damit gemessen wird, ist erlernt; die Annahme, es handle sich um biologisch Gegebenes, ist der Fehlschluss der Reifikation.

Ein zweiter möglicherweise heikler Punkt betrifft die Qualität der Metastudie, welche die empirische Aussagekraft bestimmter Auswahlmethoden untersucht. Ein Blick in diese Studie offenbart zunächst, dass sich die Ergebnisse nur auf die USA beziehen. Ebenfalls auffällig ist, dass die Auswahl der für die Metastudie einbezogenen Studien eine verhältnismässig homogene Autorschaft aufweist.
Die Autoren der Metastudie, Hunter und Schmidt, sind auch an mehreren untersuchten Studien beteiligt (S. 265):
Die Studien, welche in die Metastudie einflossen und an denen die Metastudie-Autoren nicht beteiligt sind, sind blau markiert; grün sind jene Studien markiert, an welchen die Metastudie-Autoren beteiligt sind.

Evidenzbasierte Personalauswahl ist ein gut klingender Ansatz, die tatsächlich erbrachte Leistung bei der Arbeit dürfte aber - wie die meisten sozialen Phänomene - ein Zusammenspiel vieler Einflüsse sein, welche sich nicht in Korrelationen zwischen Leistung und Auswahlverfahren erschöpfen. Es ist also noch einiges mehr an Evidenz nötig.

26. September 2011

Zur Erinnerung: Konfessionslose.ch in den Nationalrat

Wer vielleicht vermutet hat, das Unterfangen «Konfessionslose.ch» sei nur ein PR-Gag oder sonstwie nicht ganz ernst gemeint, wird spätestens jetzt eines Besseren belehrt; die Wahlzettel für den Kanton Zürich sind bereits in Umlauf:
Wer demokratische Politik als säkular-aufgeklärt versteht und bereit ist, für diese Werte einzustehen und ein Zeichen zu setzen, wählt Konfessionslose.ch!

21. September 2011

Homöopathie an der Uni Basel

Dass «Alternativmedizin» zunehmend auch in universitärem Umfeld anzutreffen ist, ist nichts Neues - sowohl an an sich seriösen Universitäten in der Schweiz (etwa in Bern), als auch im Ausland (z.B. den USA) ist «Alternativmedizin» Teil des Forschungs- und Lehrprogramms.
Die Untersuchung der «Alternativmedizin» ist ja grundsätzlich zu begrüssen, nur wird in problematischen Fällen der gängige Mechanismus der wissenschaftlichen Methode - kritisches Prüfen rationaler, also prüfbarer Ideen - ausgesetzt und stattdessen Glaube gelehrt (der Glaube nämlich, dass die jeweilige «alternativmedizinische» Methode funktioniert, ist unumstösslich; die empirischen Ergebnisse werden, wenn sie nicht passen, passend gemacht).

Auch an der Uni Basel ist derlei zu beobachten: In Ausgabe 03/2011 der Studierendenzeitung «gezetera» berichtet der Medizinstudent Jonas Vollmer von einer Einführungsvorlesung zu Homöopathie:
Es ist höchst bedenklich, dass ein wissenschaftlich ausgebildeter Arzt (in diesem Fall Günter Lang) für seinen pseudowissenschaftlichen Glauben an einer öffentlichen Universität missioniert - und es ist gleichzeitig erfreulich und ermutigend, dass es kritisch denkende Studierende wie Jonas Vollmer gibt, welche das nicht einfach hinnehmen.

12. September 2011

Das Denkfest kam, sah und siegte

Gestern ging das Denkfest zu Ende - und Zürich dürfte ab jetzt auf der Weltkarte des kritischen Denkens einen festen Platz haben. Zunächst gebührt an dieser Stelle all jenen Dank, die mit ihrem Einsatz das Denkfest überhaupt ermöglicht haben.

Der alte Spruch «Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt» hat sich für mich persönlich bewahrheitet: Ich war leider den Grossteil des Denkfestes abwesend, einerseits körperlich, aber auch mit den Gedanken war ich anderswo.
Ist aber nicht so schlimm, denn bei regem Publikumsandrang bleibt auch die Berichterstattung nicht aus; die ersten Berichte zum Denkfest waren denn auch bereits online, während das Denkfest noch in Gange war.

Auf der Seite der Freidenkervereinigung Schweiz wird konstatiert:
Es war der erste Anlass dieser Art im deutschsprachigen Raum. Er hat eine Brücke geschlagen zwischen der akademischen Welt und der interessierten und kritischen Öffentlichkeit und hat einen Begegnungsort für das virtuelle Netzwerk der Skeptiker geboten. Der Ruf nach einer Fortsetzung war deutlich hörbar.
Die Freidenker verlinken zudem auf ein Video der abschliessenden Podiumsdiskussion vom Sonntag, welches ich aufnehmen konnte:
Wie in solchen Situationen nicht anders zu erwarten, wollte die Kamera nicht richtig mitspielen und hat die Videodatei des letzten Teiles des Gespräches sowie der Fragerunde korrumpiert. Die ersten ca. 50 Minuten sind aber auch spannend.

8. September 2011

Homöopathen manipulieren, 9/11-Verschwörungstheoretiker fantasieren, Elektrosensible hyperventilieren - und, Denkfest sei Dank, Skeptiker räsonieren

Heute geht es los: Das Denkfest beginnt!
Heute Abend darf ich am Podium «skeptic blogging» teilnehmen - wäre toll, wenn trotzdem viele Leute vorbeischauen!

Dass das Denkfest sinnvoll und nötig ist, ist offensichtlich wie eh und je. Man schaue beispielsweise an, was Homöpathie-Verfechter so machen. Der Homöopathieverband Schweiz schreibt etwas zum «Potenzial von Homöopathie»:
Ah, Peter Brugger (tritt auch beim Denkfest auf) wird zitiert. Homöopathisch Behandelte hätten ein «besseres Immunsystem» und seien «besser gegen Krebs» geschützt?
Das zitierte Magazin-Interview hatte ich zufälligerweise auch thematisiert, und zwar in diesem Blogeintrag. Das Interview kann als PDF hier heruntergeladen werden.

Scheinbar wirkt Homöopathie wirklich: Die Kügelchen steigern die Dreistigkeit ins Unermessliche, sodass auch Lügen kein Problem sind.

Was gibt es sonst? Bald jährt sich der Terrorangriff vom 11. September zum zehnten Mal, und die Verschwörungstheorien stossen immer noch auf Interesse. Unter anderem bei «Wissenschaftlern» wie Daniele Ganser, welcher auf Tagesanzeiger-Online über «Rätsel» zu 9/11 berichtet:
Er sei kein Verschwörungstheoretiker, sagt Ganser. Natürlich nicht; er verbreitet ja nur Verschwörungstheorien. Wer sich ein bisschen einlesen möchte: Popular Mechanics - Debunking the 9/11 Myths.

Auch sorgen sich Menschen nach wie vor um Gefahren von Mobiltelefon-Strahlung, wie dieser Beitrag auf 20minuten-Online zeigt:
Es ist grundsätzlich sinnvoll, sich zu fragen, ob elektromagnetische Strahlung, etwa von Mobiltelefonen, negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben kann. Aber irgendwann muss man auch bereit sein, sich ab und zu eine Antwort anzuhören. Zum Beispiel bei Skeptoid:



Also: Als Gegenmittel zur allgegenwärtigen Irrationalität eine Portion kritischen Denkens - und zum Dessert ans Denkfest.

Dank an Jonas Vollmer für den Hinweis auf die «Homöopathieverband Schweiz»-Webseite.

4. September 2011

Tony Stark vs. Daniel Düsentrieb


Das Denkfest steht vor der Tür und nun melde auch ich mich wieder zurück. Ich hatte den Aufwand meines Studiums zu Beginn unterschätzt und dafür musste ich während des letzten Semesters eiligst aufholen. Jene, die meinen letzten Beitrag gelesen haben, werden wissen, dass ich Elektrotechnik, ein Teilgebiet der Ingenieurswissenschaften, studiere. Zuvor habe ich darüber geschrieben, wie ich mich für Wissenschaft begeistern konnte und was für eine Person sich hinter dem Autor dieser Beiträge handelt. Etwas Wichtiges habe ich aber noch nicht angesprochen: warum entscheidet man sich für eine Ingenieurskarriere, anstelle sich vollumfänglich den Naturwissenschaften zu widmen oder gar eine ganz andere Richung einzuschlagen?