4. September 2011

Tony Stark vs. Daniel Düsentrieb


Das Denkfest steht vor der Tür und nun melde auch ich mich wieder zurück. Ich hatte den Aufwand meines Studiums zu Beginn unterschätzt und dafür musste ich während des letzten Semesters eiligst aufholen. Jene, die meinen letzten Beitrag gelesen haben, werden wissen, dass ich Elektrotechnik, ein Teilgebiet der Ingenieurswissenschaften, studiere. Zuvor habe ich darüber geschrieben, wie ich mich für Wissenschaft begeistern konnte und was für eine Person sich hinter dem Autor dieser Beiträge handelt. Etwas Wichtiges habe ich aber noch nicht angesprochen: warum entscheidet man sich für eine Ingenieurskarriere, anstelle sich vollumfänglich den Naturwissenschaften zu widmen oder gar eine ganz andere Richung einzuschlagen?


In den folgenden Beiträgen will ich den LeserInnen nicht nur diese Frage beantworten, sondern weiterführend das Ingenieurswesen mit dessen Problemen im Detail vorstellen. Trotz meiner gar limitierten Erfahrung auf diesem Gebiet bieten sich dem Studenten bereits interessante und kritische Problematiken, welche auch noch im Berufsleben aktuell sein werden. Räumen wir doch zur Auflockerung mit ein paar Vorurteilen auf, die sich hartnäckig am Ingenieurswesen festhalten.


Hochwasser im Keller

Das statistische Mittel der Ingenieure hält wenig von Fashion und Trends, kleidet sich dementsprechend auch mit Dreiviertel-Hosen und besockten Sandalen ein. Man erkennt aber schon bald, dass sich die unterschiedlichen Ingenieursgebiete jeweils ihre eigenen aesthetischen Geschmacklosigkeiten angeeignet haben. Die Variante Maschineningenieur trägt einen Karopullover, während sich Software-Ingenieur und Elektrotechniker gerne mit schwarzen Linux/Unix T-shirts schmücken, wobei die Laptop Mappe nie weit von der Person entfernt liegt. Wie die meisten Naturwissenschaftler leiden auch wir darunter, dass sich unser Kopfhaar frühzeitig aus dem Staub macht (bei Chemieingenieuren wird womöglich mit mehr oder weniger prekären Substanzen nachgeholfen). Alles in allem sind wir also nicht gerade das Ebenbild des modisch bewussten Adonis.


(v.l) Bauingenieur, Software-Ingenieur, Elektroingenieur, Chemieingenieur, Maschinenbauer 




Die unterschiedlichsten Ingenieure gehen unterschiedlich mit diesen Schwierigkeiten um: einige versuchen sich krampfhaft aufzuwerten (ich zum Beispiel), doch die grosse Mehrheit schert sich überhaupt nicht das geringste um ihr Auftreten in der Menge. Viel öfters wird darauf Wert gelegt, wie schnell und wie wissenschaftlich präzise fachliches Wissen rezitiert werden kann.


Ich kenne die folgenden Ingenieurstypen, einige darunter habe ich bereits erwähnt: Bauingenieure (od. auch civil engineers), Chemieingenieure, Elektroingenieure, Maschineningenieure und Software-Ingenieure. Meine Freunde ausserhalb des Ingenieurszirkels haben die wildesten und oftmals phantasielosesten Vorstellungen von den Ingenieuren; nicht selten zählen wir sogar zu der übelsten Sorte von Nerds (Gott sei Dank sehe ich nicht so aus wie der Elektrotechniker im Bild!). So wird zum Beispiel erwartet, dass wir mehr Zeit an unserem Computer verbringen als mit unseren engsten Freunden, und wenn, dann nur über World of Warcraft. Aber eigentlich erzähle ich hier nur Halbwahrheiten, denn gute wissenschaftliche Literatur über Transistortechnologien ist um Armlängen interes- santer als Computerspiele zu spielen. Lesen oder Gamen, Hauptsache im Feuchtkühl des Kellers. Glücklicherweise entsprechen auch meine Berufsgenossen nicht immer den Vorstellungen Uneingeweihter - aber wie sagt man so schön: die Ausnahme bestätigt die Regel... 


Begeisterung für Technologie    

Was uns auszeichnet, sind aber nicht etwa unsere modischen Verstauchungen oder unser Hang zu Leichenblässe, sondern die ungeheure Begeisterung für Technologie, welche die grosse Mehrheit von uns hegt (hoffentlich!). Viele wollten als Kind später Daniel Düsentrieb werden (ich stellte mir eher Tony Stark alias Ironman vor), doch Vorbilder bieten sich in der Film- und Comikwelt ohne Ende, wenn auch gelegentlich der Realität entrissene. Jemand wird fast mit Sicherheit Ingenieur, wenn er als Kind andauernd die Gerätschaften der Eltern auseinandergebaut (lies: hoffnungslos zerstört) hat. Etwas ambitioniertere bauen vielleicht bereits ein eigenes Radio oder eine Seifenkiste, meist jedoch nur, wenn diese Begeisterung irgendwoher einen Ansporn erhält.


Mein unerreichtes Vorbild, Tony Stark    




Diese Freude ist zentral für den Ingenieursberuf, wie für das Fortbestehen unserer Gesellschaft, denn Ingenieure wirken bei fast allen technologisch anspruchsvollen Vorhaben mit. Diese Begeisterung für Technologie und Wissenschaft bildet sich bereits während des Kindesalters aus. Wir sollten solche Charakter gerade deshalb in der Grundschule stärker fördern. Damit spreche ich eine der Problematiken an, die an der Beliebtheit des Ingenieursberufs kratzen und ich möchte in einem späteren Post vertieft auf die Grund- schulbildung eingehen (und im Besonderen Belege für meine Behauptungen liefern).


Der Ingenieursberuf ist aber alles andere als gleichbedeutend mit Basteln und Tüfteln. Ich denke, dass man als IngenieurIn gefordert ist, mehrere Disziplinen gekonnt zu vere- inen und sich den Werkzeugen, welche die Naturwissenschaften liefern, zu bedienen (dies sowohl im Beruf, wie auch im übrigen Leben). Als IngenieurIn erhält man die Chance, seiner eigenen Begeisterung für die Technik und Naturwissenschaft ein Leben lang nachzugehen und zugleich einen täglichen Kontakt zu Menschen zu pflegen, welche keine oder nur eingeschränkte fachliche Expertise besitzen.


Wir Ingenieure arbeiten meistens in jenen Gebieten, in welchen es gesellschaftliche Bedürf- nisse zu befriedigen gilt; sei dies im medizinischen, Raumfahrts- oder auch Versorgungssektor. Diese enge Verbundenheit mit der Gesellschaft wie mit der Physik führt oft zu Prob- lemen, gerade dort, wo der Ingenieur selbst sozial zu schlecht gebildet ist. Ich und meine Berufsgenossen müssen also Verantwortung in der gesellschaftlichen, wie in der fachlichen Ebene übernehmen. In nachfolgenden Einträgen möchte ich genau diese Verantwortung, aber auch den Mangel an sozialer Bildung der Ingenieure im Detail betrachten. 


Bis bald!




3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Was genau hat dich jetzt dazu veranlasst, diesen Beitrag zu verfassen?

Marko Kovic hat gesagt…

Was genau hat dich jetzt dazu veranlasst, diesen Beitrag zu verfassen?

Ich gehe davon aus, das damit nicht eine Art philosophisch-existenzialistischer Grundsatzfrage gemeint ist ;).

Ohne dem Autor Worte in den Mund legen zu wollen, soll einfach betont sein, dass der 'skeptiker-blog' nicht nur ein Ort für "negative" (Kritik), sondern ab und zu auch "positive" Beiträge (was bewegt, verwundert, fasziniert, motiviert an Wissenschaft, an Rationalität) sein soll.

Skeptikerinnen und Skeptiker sind - man mag es kaum glauben - nicht primär griesgrämige Zyniker, denen alles stinkt, sondern von Leidenschaft für und Ehrfurcht vor Wissenschaft und kritischem Denken erfüllte Menschen. Das darf auch Mal zum Ausdruck kommen.

Anonym hat gesagt…

So etwas Ähnliches habe ich mir gedacht. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass diese Frage bis am Ende offen bleibt, und meiner Meinung nach im Blogbeitrag selbst beantwortet werden sollte.

Ansonsten finde ich den Artikel spannend, danke für die Einblicke!

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