28. Oktober 2011

Lesetip: Testing Treatments

Die GWUP widmet sich in vier ausführlichen Beiträgen der Frage «Warum Homöopathie zu wirken scheint» (Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4). Eine weitere Antwort auf diese Frage dürfte schlicht lauten: Viele Menschen wissen nicht und/oder wollen nicht wissen, wie genau überhaupt zu überprüfen ist, welches Heilmittel wirklich wirkt und welches nicht. Entsprechend können und/oder wollen sie nicht nachvollziehen, dass das persönliche Erlebnis nur sehr bedingt aussagekräftig ist.

Ein lesenswertes Buch, welches diesem Problem auf den Grund geht, ist «Testing Treatments». In leicht verständlicher Sprache und anhand zahlreicher Beispiele wird erklärt, warum es unabdingbar ist, die Wirkung von Behandlungsmethoden durch möglichst transparente, oft wiederholte und letztlich mittels «systematic review» zum Gesamtbild zusammengefügte randomisierte Doppelblindstudien zu überprüfen.
Mit der ein bisschen gar zu enthusiastischen Einschätzung Ben Goldacres stimme ich nicht überein: «Testing Treatments» problematisiert praktisch überhaupt nicht das Thema der «Alternativmedizin» - gerade jenen Bereich der Behandlungsmethoden, welcher sich durch den fast völligen Verzicht auf faire Wirksamkeitstests auszeichnet. Bücher wie «Trick or Treatment» und «Snake Oil Science» sind in dieser Hinsicht viel aufschlussreichere Lektüre.

Wer sich selber ein Bild machen möchte, kann dies sofort und kostenlos tun: «Testing Treatments» wird von den Autoren ungekürzt und gratis als PDF angeboten.

25. Oktober 2011

Die Schweiz hat gewählt - konfessionslose.ch mit einem Achtungserfolg!

Die Wahlen für den schweizer National- und Ständerat fanden am 23. Oktober statt, die Wahlergebnisse wurden vielerorts bereits reichlich besprochen; eine übersichtliche Auflistung der Ergebnisse der Nationalrats- und Ständeratswahlen ist z.B. auf sf.tv zu finden.

Zu nur leidlich aussagekräftigen ad hoc-Analysen möchte ich mich an dieser Stelle nicht hinreissen lassen. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang aber, dass die mediale Omnipräsenz von Expterten in Form von Politikwissenschaftlern (Politikwissenschatlerinnen sind wohl nicht als Experten geeignet) etwas befremdend ist - als Kommentatoren in der Hitze des Gefechtes treten diese Personen nämlich gerade nicht als Wissenschaftler auf, sondern appelieren an ihre vermeintliche Autorität, um politisches Alltagsverständnis als "Wissenschaft" zu verkaufen.

Wer seriös Sozialwissenschaft betreiben will, kann nicht non-stop das politische Alltagsgeschehen kommentieren - Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler beobachten die soziale Realität retrospektiv und vermeiden so gut wie möglich, diese prospektiv zu beeinflussen. Bei dieser Problematik spielt sicher auch eine Rolle, dass ein grosser Teil dieser bisweilen medial hyperaktiven Politik-"Wissenschaflter" private Beratungsdienste anbieten, also durch Präsenz in der medialen Öffentlichkeit den Wert ihrer eigenen Marke steigern.

Doch dazu in einem anderen Blogeintrag mehr. Hier interessiert das Abschneiden der zürcher Wahlliste konfessionslose.ch. In den Nationalrat hat es zwar niemand geschafft, das Ergebnis lässt sich aber dennoch sehen (Quelle):
Natürlich sind 0.31% aller Stimmen zu wenig, um als unmittelbare Konkurrenz zu den etablierten Parteien agieren zu können. Aber angesichts des relativ kurzen Zeitraumes, in welchem konfessionslose.ch zustande kam, angesichts der bescheidenen Ressourcen, welche für konfessionslose.ch zur Verfügung standen, und nicht zuletzt angesichts der bisher in dieser Art kaum explizit formulierten, tabubrechenden Kernanliegen von konfessionslose.ch bleibt nur eines zu sagen: Danke.

Danke an jene, welche sich intensiv für konfessionslose.ch engagiert haben, und vor allem Danke an all jene, welche durch ihre Stimmabgabe zeigten, dass es sich den (sprichwörtlichen) Kampf um säkulare, also rationale Politik auch weiterhin zu kämpfen lohnt.

18. Oktober 2011

Die ganze Welt liebt die Schweiz!

20minuten berichtete am 14. Oktober über eine Studie, welche angeblich zeigt, dass kein anderes Land positivere Emotionen weckt als die Schweiz:
 
So weit, so gut: Ein erfreuliches Ergebnis. Es lohnt sich aber, einen genaueren Blick in die zitierte Studie zu werfen, vor allem aus einem Grund: Wenn Berichterstattung wie die obige allzu euphorisch ausfällt, ist nicht unüblich, dass ob der ganzen Freude und Begeisterung der kritische Blick wegfällt - wer sich selber mit einer «Feel good»-Story gehörig auf die Schulter klopft, will schliesslich kein Spielverderber sein.

Die besagte Studie wurde von dem «Reputation Institute» durchgeführt, einer (im Wesentlichen) grossen Marketingfirma. Bereits dies gibt zu denken: Private Unternehmen wie das «Reputation Institute» sind nicht Teil der akademischen Forschung - Studien wie eben diese des «Reputation Institute» durchlaufen nicht den Weg des kritischen Peer Reviews, sondern werden direkt als PR-Meldung vertrieben.
Eines muss also im Voraus klar sein: Der Sinn der im 20minuten-Artikel thematisierten Studie des «Reputation Institute» ist in erster Linie, Werbung für das «Reputation Institute» zu machen.

Die Studie mit dem Titel «2011 Country RepTrak™ Topline Report» ist nach einer kostenlosen Registrierung auf der «Reputation Institute»-Seite herunterladbar; der Einfachheit halber habe ich die Studie hier zum Download bereitgestellt.

Ein kurzer Blick in dieses Dokument genügt aber, um festzustellen, dass es sich dabei nicht wirklich um eine vollständige Studie handelt, sondern eher um einige zusammengefasste Ergebnisse - Intransparenz des genauen Vorgehens ist bei privaten ausser-universitären Forschungseinrichtungen ein typisches Problem.

Im weiteren möchte ich 2 Punkte ansprechen:
  • Ungenauigkeiten im 20Minuten-Artikel
  • Schwächen der Reputations-Studie selber

11. Oktober 2011

Verschwörungstheorien: «Hochspannend», aber «mit Vorsicht zu geniessen»

Heute, am 11. Oktober, hat Blick am Abend in einer kurzen Buchrezension ein interessantes Werk vorgestellt: «Die amerikanische Verschwörung» von Jesse Ventura (im Original: «American Conspiracies»).
Jesse Ventura, u.a. Ex-US-Gouverneur und Ex-Wrestler, ist eine charismatische Persönlichkeit mit ausgesprochenen Showmaster-Qualitäten. Das bedeutet allerdings nicht, dass Ventura auch immer Vernünftiges zu erzählen hat - das Verbreiten von Verschwörungstheorien ist mittlerweile eine lukrative Einnahmequelle für ihn.
Das im Blick besprochene Buch habe ich zwar nicht vorliegend, eine Kostprobe Venturas Erzählkunst ist aber auch in Videoform zu haben. Etwa zum Thema Klimawandel (Stichwort «New World Order»):


Wie sehr Ventura seine eigenen Verschwörungstheorien ernst nimmt, ist schwer abzuschätzen. Klar ist hingegen, dass Ventura klassische irrationale Verschwörungstheorien verbreitet: Die vorläufig gültige Erklärung wird nicht widerlegt, sondern einfach abgelehnt und eine unbewiesene Alternativerklärung bevorzugt. Dabei will ich nochmals bemerken, dass ich das Buch «Die amerikanische Verschwörung» nicht gelesen habe und entsprechend den Inhalt nicht kenne - es ist an sich auch möglich, dass Ventura in diesem Buch einen kritisch-skeptischen Ansatz verfolgt und unbewiesene Verschwörungstheorien ablehnt.

So weit, so unspektakulär: Interessanter ist die kurze Rezension des Buches in Blick am Abend. Der letzte Satz lautet «Hochspannende Lektüre, aber mit Vorsicht zu geniessen». Was soll diese Phrase bedeuten? Ist es gefährlich, das Buch zu lesen, weil man dann als Insider auf einer schwarzen Liste der CIA landet?
Wahrscheinlich soll impliziert werden, dass man die Lektüre «geniessen» kann, aber nicht erwarten soll, dass alles stimmt - aber dann ist es angebracht, auch zu erklären, warum genau das Buch «mit Vorsicht» zu geniessen ist, was genau also das Problem ist.

Die falsche Logik der Verschwörungstheoretiker liesse sich auch in einer solch kurzen Rezension aufzeigen; zum Beispiel, indem man sarkastisch eine neue Verschwörungstheorie aufstellt: Jesse Ventura war US-Gouverneur und ist als Macht-Insider selber Teil der Verschwörung! Wie sonst könnte jemand, der so viele Geheimnisse verrät, von den dunklen Mächten noch nicht umgebracht worden sein!

Irrationale Verschwörungstheorien wenden meistens eine Variante des klassischen «argument from ignorance»-Fehlschlusses an: Die Abwesenheit von Beweisen für Hypothese X wird als Beweis für Hypothese X gedeutet. Warum Blick am Abend dieses fundamentale Problem nicht anspricht, ist unklar. So ist eine mögliche Lesart des Blick am Abend-Textes, dass es sich dabei nicht um eigenständige journalistische Berichterstattung handelt, sondern um kaum verschleierte Werbung für bestimmte Bücher.