13. November 2011

«Homöopathische Grippeimpfung», oder: Wenn sich Pseudowissenschaft mit Pseudowissenschaft streitet, verliert die Vernunft

In einem kritischen Artikel berichtete Tagesanzeiger-online am 13. November über die «homöopathische Grippeimpfung»: Es gibt Homöopathie-Hersteller, die behaupten, die Einnahme bestimmter homöopathischer Kügelchen habe dieselbe Wirkung wie eine Grippeimpfung.
Anlass für den Tagesanzeiger-Artikel ist ein Kommentar von swissmedic, dem schweizerischen Heilmittelinstitut. Im «swissmedic Journal» von September wurde folgender Artikel veröffentlicht:
Im Grunde ist solche Kritik willkommen, und es es scheint löblich, dass einige Exponenten der Homöopathie sich im Tagesanzeiger-Artikel ebenfalls kritisch gegenüber vermeintlichen homöopathischen Grippeimpfungen zeigen. Leider endet die Geschichte damit nicht.


swissmedic und Homöopathie
Auf den ersten Blick scheint swissmedic klar und deutlich zu kritisieren, dass «homöopathische Grippeimpfungen» in Umlauf sind. Ein genauerer Blick in die Zeilen verrät aber, dass swissmedic das Problem nur am Rande kritisiert - Pseudowissenschaft hat sich auch bei swissmedic eingenistet, das Problem ist systemisch.

Bereits in der Einleitung zeigt ein Satz, dass etwas nicht ganz stimmen kann:
Zunächst wird klar erklärt, dass «homöopathische Grippeimpfungen» kein Ersatz für richtige Impfungen sind, und, dass eine homöopathische «Impfung» gefährlich sein kann, wenn nämlich die richtige Impfung ausbleibt.

Der letzte Satz aber ist bedenklich: Es werde im Artikel auf «Möglichkeiten und Grenzen» solcher homöopathischer Präparate eingegangen. «Möglichkeiten»? Was für «Möglichkeiten» - wurde denn nicht in den vorherigen Sätzen erklärt, es gebe keine homöopathische Grippeimpfung; diese seien «irreführend» und könnten Patienten «massiv gefährden»?

Der nächste Absatz klärt, wie diese etwas widersprüchliche Position zustande kommt:
Es ist erschreckend: Swissmedic kritisiert nicht die Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie an sich, sondern lehnt homöopathische Grippeimpfungen im Rahmen der Homöopathie-Lehre ab. Effektiv macht swissmedic folgende Aussagen:
  • Das Problem mit homöopathischen Grippeimpfungen ist bloss die falsche Anwendung der homöopathischen Mittel, nicht die pseudowissenschaftliche Grundlage der Homöopathie selber.
  • Homöopathie wirkt - es kommt nur darauf an, dass sie «richtig» angewendet wird (Anwendung der «simile»-Regel; Analyse durch Homöopathie-«Fachperson»). Homöopathie kann nicht impfen, weil die Lehre der klassischen Homöopathie keine präventive Wirkung beschreibt.
Das ist so erschreckend wie absurd: Swissmedic sieht Homöopathie als wirksam, aber nur dann, wenn sie «korrekt» zur Anwendung kommt. Das Absurde daran ist, dass die willkürlich-pseudowissenschaftliche Lehre der klassischen Homöopathie durch keine Beweise gestützt ist - Homöopathie ist Placebo. Entsprechend bleibt sie Placebo, auch wenn man deren Regeln genau befolgt. Wenn nun swissmedic behauptet, Homöopathie könne nicht impfen, ist diese Aussage der zentralen abstrusen Logik der Homöopathie geschuldet: Homöopathie wirkt, aber man kann nicht beweisen, dass sie wirkt - die Behauptung, es handle sich um eine Grippeimpfung, ist dagegen ein deutlicher Anspruch auf konkrete Wirksamkeit. Bleibt diese aus, wirkt Homöopathie folglich für dieses Krankheitsbild nicht.

Sie ist irgendwie köstlich, diese Realsatire: Im Rahmen der Pseudowissenschaft Homöopathie wird gestritten, welche unbewiesene Behauptung richtiger sei. Es ist ähntlich wie «theologische» Debatten: Leute streiten sich, wie bestimmte Texte, etwa die Bibel, auszulegen seien - und der Beweis, dass es den in diesen Texten behaupteten Gott überhaupt gibt, fehlt nach wie vor.

Die unkritische Haltung swissmedics zu Homöopathie bedarf aber weiterer Klärung. Wie kann es sein, dass für bestimmte Heilmittel das Kriterium der nachweisbaren Wirksamkeit offenkundig ignoriert wird?

Aufschluss gibt das Dokument «Verordnung des Schweizerischen Heilmittelinstituts vom 22. Juni 2006 über die vereinfachte Zulassung von Komplementär- und Phytoarzneimitteln (Komplementär- und Phytoarzneimittelverordnung, KPAV)». Artikel 16 und 17 auf Seite 8 sind wichtig:
Es wird unterschieden zwischen homöopathischen Arzneimitteln mit und solchen ohne «Indikation». Indikation meint ein bestimmtes Anwendungsgebiet bzw. ein bestimmtes Gebrechen, welches durch das jeweilige Heilmittel gelindert werden soll.

Wenn ein homöopathisches Mittel eine bestimmte Wirkung behauptet, muss die Herstellerfirma belegen, dass diese Wirkung vorhanden ist. Wenn ein homöopathisches Mittel keine bestimmte Wirkung behauptet, muss die Herstellerfirma auch nicht belegen, dass das Mittel wirkt - und das Mittel wird aber trotzdem als homöopathisches Arzneimittel zugelassen, was eben bedeutet, dass das Mittel irgendwie doch wirkt.
Das bedeutet zunächst: Swissmedic anerkennt, dass homöopathische Heilmittel teilweise als Heilmittel verkauft werden, ohne Angabe, was sie genau bewirken sollen. Ein harter Brocken.

Um es nochmals zu wiederholen: Hersteller von homöopathischen Mitteln können diese als Heilmittel zulassen, gerade weil sie nicht beweisen, dass diese homöopathischen Mittel in irgendeiner Art tatsächlich wirken - swissmedic akzeptiert die pseudowissenschaftliche Lehre der Homöopathie, welche gemäss einer bestimmten Lesart (der «klassischen») besagt, bei jeder Person habe ein homöopathisches Mittel eine andere Wirkung.

Zunächst habe ich vermutet und gehofft, schlicht den juristischen Jargon des Dokumentes nicht verstanden zu haben. Abschliessende Klarheit schafft ein weiteres Dokument von swissmedic: «Regelung für homöopathische Arzneimittel».
Der letzte Absatz der ersten Seite lautet:
Viel diskutiert ist die Wirksamkeit. Bei den zahlreichen homöopathischen Arzneimitteln, die ohne konkretes Anwendungsgebiet bzw. ohne Anpreisung zur Behandlung einer spezifischen Krankheit in Verkehr gebracht werden, muss die Wirksamkeit nicht belegt werden. Hier beurteilt die behandelnde Fachperson aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrung, welches Arzneimittel im Einzelfall am wirkungsvollsten eingesetzt wird. Anders sieht es bei Arzneimitteln aus, welche für eine konkrete Anwendung angepriesen und vertrieben werden sollen (z.B. „bei Halsschmerzen“). Diese Arzneimittel waren schon seit Jahrzehnten zulassungspflichtig. Der therapeutische Nutzen (die Wirksamkeit) dieser Arzneimittel muss im
Rahmen der Zulassung belegt werden. Swissmedic berücksichtigt hier die spezifischen Prinzipien der jeweiligen Therapie sowie die entsprechende Fachliteratur. [fett und unterstrichen im Original]
Wenn jemand homöopathische Kügelchen verkaufen will, reicht es, zu behaupten, dass sie keine konkrete Wirkung haben, aber im Einzelfall doch eine Wirkung haben, welche sich aber nicht beweisen lässt.

Zusammengefasst: Homöopathie wird in der Schweiz zugelassen, wenn sie maximal pseudowissenschaftlich ist. Wer also in der Schweiz ein paar Globuli kauft, welche nicht angeben, wie sie wirken sollen, muss sich ob der Qualität keine Sorgen machen: Es handelt sich um Pseudowissenschaft erster Güte.
(Es werden aber auch homöopathische Kügelchen zugelassen, welche eine konkrete Indikation angeben - der Wirksamkeitsnachweis ist geringer als bei richtiger Medizin, da praktisch inexistent).


Homöopathie und die Anti-Impf-Bewegung
Im Tagesanzeiger-Artikel wird Clemens Dietrich, Präsident des «Schweizerischen Vereins homöopathischer Ärztinnen und Ärzte», zitiert. Zum Thema der Globuli mit Indikation sagt er:
Solche Präparate sollte es eigentlich gar nicht geben. Homöopathika im engeren Sinn sind immer ohne Indikation.
Wohl unfreiwillig komisch seine Aussage zur Vorgehensweise von swissmedic:
Eine Registrierung bei Swissmedic als homöopathisches Präparat bedeutet nicht, dass es wirksam ist.
In der Tat: Eine Registrierung bei swissmedic erhebt die Pseudowissenschaft der Homöopathie nicht in den Rang rational untersuchter Medizin.

Aber die Frage, warum einige Homöopathinnen und Homöopathen so vehement gegen Indikation sind, ist noch nicht geklärt. Die Lehre Hahnemanns ist rational nicht begründet - ein stichhaltiges Argument gegen Globuli mit Indikation können klassische Homöopathinnen und Homöopathen folglich ebensowenig liefern. Warum also dieser Widerstand?
  • Ein wichtiger Aspekt ist Glaube: Homöopathie ist Religion, wie die GWUP treffend festhält. Was Hahnemann geschrieben hat, ist heilig - heilig, weil es sich um absolute Wahrheit handelt. Kein Mass an empirischen und theoretischen Gegenargumenten ist relevant; Homöopathie muss funktionieren.
  • Globuli mit Indikation bedeuten, dass die Patientin, der Patient selbstständig jenes Mittel kauft, welches das jeweilige Gebrechen lindern soll. Keine Indikation bedeutet, dass die Patientin, der Patient nebst den Kosten für die Globuli zusätzlich noch für Sitzungen mit Homöopathinnen und Homöopathen zahlen muss: Welches Mittel wirken soll, kann nur in aufwendigen und kostspieligen Analysen der homöopathischen Fachperson bestimmt werden.
  • Ein weiterer Grund, warum es Widerstand gegen Globuli mit Indikation gibt: Anhand dieser ist leicht zu demonstrieren, dass sie über den Placebo-Effekt nicht wirken. U.a. anhand strikter Doppelblindstudien ist wissenschaftlich längst etabliert, dass Homöopathie nicht wirkt. Die Flucht ins pseudowissenschaftliche Reich der «individuellen Wirkung» ermöglicht den Homöopathen die leidlich überzeugende Ausrede «Es wirkt, die begrenzte Wissenschaft kann das nicht nachweisen».
Eine zusätzliche Sonderrolle bildet der Bereich der Impfungen, also hier die Grippeimpfung. Die traurige Wahrheit ist, dass viele Homöopathinnen und Homöopathen Impfgegner sind - entsprechend ist es aus Sicht der Homöopathie-Industrie ein Schuss ins eigene Bein, «Impfungen» anzubieten.

Die direkt gefährliche und vollends falsche Behauptung, Impfungen seien nicht notwendig und sogar schädlich, ist mittlerweile homöopathischer Mainstream. Im Folgenden eine Leseprobe aus einer Google-Schweiz-Suche für die Stichworte «homöopathie impfungen». Es handelt sich um fünf der ersten sieben Ergebnisse (eine Doppelnenung der Seite des ersten Treffers mit ähnlichem Inhalt und eine Nennung dieses Blogeintrages lasse ich aus):
Quelle.

Quelle.

Quelle (man beachte: «Fakt: Grippe schützt vor Krebs. Masern schützen vor Allergien.»).

Quelle (man beachte: «Die Krankheit ist also vor dem Erreger da. Deshalb können Erreger nicht die Ursache von Krankheit sein.»).



Fazit
Es wäre so einfach, so erfreulich gewesen: Für einmal greift mit swissmedic eine staatliche Institution ein, um die direkt gefährlichen Praktiken der Homöopathie-Industrie zu unterbinden.
Was in Tat und Wahrheit passiert, lässt den Atem stocken: Swissmedic kritisiert nicht, dass Homöopathie Pseudowissenschaft ist - swissmedic kritisiert und verfügt, dass sich homöopathische Mittel an die willkürlichen Regeln innerhalb der Pseudowissenschaft Homöopathie zu halten haben.

Es ist zweifellos interessant, zu beobachten, wie eine Pseudowissenschaft versucht, willkürliche Regeln unter den Verfechterinnen und Verfechtern dieser Pseudowissenschaft durchzusetzen: Ohne rationale Grundlage ist nämlich jede Behauptung von gleicher Güte, ist jedes Vorgehen der «Alternativmedizin» gleich gültig (und zwar überhaupt nicht, solange keine konkreten Beweise vorliegen).
Man müsste meinen, dass swissmedic zumindest einen Funken Rationalität in der Beurteilung der Homöopathie walten lassen würde: Wenn Homöopathie auf unbekannte Weise irgendwie wirken soll, indem Lebensenergien und dergleichen manipuliert werden, wäre gerade ein Totalverbot der Homöopathie nötig: Solange nicht lückenlos geklärt ist, was für potentielle Risiken vorhanden sind, wäre es vollkommen verantwortungslos, solche Eingriffe mittels Homöopathie zuzulassen.

Und derweil wird stillschweigend toleriert, dass die Religion der Homöopathie durch die ablehnende Haltung gegenüber Impfungen direkten, potentiell lebensgefährlichen Schaden anrichtet.

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