16. November 2011

Tagesanzeiger: Mit Telepathie in die Katzenseele

Tagesanzeiger-online zelebriert den 1. April viereinhalb Monate im Voraus und hat heute einen Artikel über extrasensorisch begabte Menschen, welche per Telepathie mit Katzen plaudern, veröffentlicht:
Der Autor des Tagesanzeiger-Artikels hat sich an eine Telefon-Telepathin gewendet, welche ihm für 84 Franken erzählt hat, was seinen beiden Katzen so durch den Kopf geht.

Der Artikel ist womöglich sarkastisch gemeint, wurde aber im Ressort «Wissen» veröffentlicht. Die letzten Sätze lassen ebenfalls Ungutes vermuten:
Gleichwohl bleibt da eine Verblüffung zurück. Woher weiss sie, dass Mautzer ein seidiges und glänzendes Fell hat? Dass Strifeli oft viel trinkt? Nun, es gibt wohl einfach Dinge zwischen Himmel und Erde, die wird der profane Mensch nie begreifen – und vielleicht ist das ja gar nicht allzu schlecht.
Zunächst fällt das leicht paraphrasierte Hamlet-Zitat auf - eine leere Phrase, wenn ein richtiges Argument fehlt. Doch zuvor beschreibt der Autor seine Verblüffung: Die Katzen-Telepathin habe gewusst, dass die eine Katze seidiges und glänzendes Fell hat, die andere viel trinkt. Angenommen, die Katzen-Telepathin habe tatsächlich zwei zutreffende Eigenschaften genannt: Ist damit der Beweis für telefonisch übertragbare Telepathie von Mensch zu Katze erbracht?


«Cold reading», «hot reading» und Schiffe versenken
Der Autor des Tagesanzeiger-Artikels legt nicht das ganze 23-minütige Telefonat mit der Katzen-Telepathin vor, beschreibt dieses nur zusammenfassend. Dennoch lässt sich ein grober Ablauf rekonstruieren:

Es lassen sich zwei Phasen unterscheiden:
  • Phase 1: Die Katzen-Telepathin sammelt bestimmte Informationen zu den Untersuchungsgegenständen (Anzahl der Katzen, Verwandtschaft der Katzen, Abstammung der Katzen, Alter der Katzen, gegenwärtiger Lebensraum der Katzen).
  • Phase 2: Die Katzen-Telepathin und der Artikel-Autor treten in einen Dialog.
Diese zwei Phasen sind typisch für das Vorgehen von Menschen, welche von sich behaupten, «Medium» zu sein, also übersinnlichen Kontakt zu bestimmten Wesen aufnehmen zu können.

Phase 1 wird «hot reading», «heisses Deuten/Lesen», genannt. Das Vorgehen ist banal: Das vermeintliche «Medium» holt im Voraus Informationen zum Objekt oder zu den Objekten ein, über welches oder welche es etwas aussagen soll.
In diesem Beispiel hat die Katzen-Telepathin Informationen über die Katzen eingeholt, zu denen sie Kontakt aufnehmen sollte. Das ist nichts als ein mieser, fauler, und eigentlich allzu offensichtlicher Trick: Selbstverständlich ist es einfach, etwas über Katzen auszusagen, über die man im Voraus Informationen einholt. Man müsste ja meinen, dass eine Katzen-Telepathin die nötigen Informationen eben durch Telepathie hätte einholen können.
Die Katzen-Telepathin hat nicht nur zu Beginn des Gespräches «hot reading» angewandt: Der Artikel-Autor beschreibt, dass er während des Gespräches aufgefordert wurde, Fragen zu stellen. Damit werden erneut Informationen an die Katzen-Telepathin geliefert - der Autor fragt nicht offene, sondern stark suggestive Fragen (Warum frisst die eine Katze Karton? Warum begafft die andere Katze tropfende Wasserhähne?).

Für Phase 2 ist «cold reading», «kaltes Deuten/Lesen», bezeichnend. Das Prinzip dieses Vorgehens ist, den Gesprächspartner bzw. die Gesprächspartnerin mit einer Vielzahl zunächst unspezifischer Fragen und Informationen einzudecken. Im Verlaufe des Gespräches greift das «Medium» nun jene Punkte wieder auf, auf welche die interviewte Person bestätigend reagiert - entweder direkt mit «Ja», oder indirekt durch Mimik, Gestik, Intonation. Ebenso können Dinge weiter aufgegriffen werden, welche die Person nicht bestätigt, indem das «Medium» das Gegenteil des soeben Verworfenen als Anknüpfungspunkt nutzt.

An «cold reading» ist nichts Übersinnliches: Wer das Spiel «Schiffe versenken» kennt, versteht auch das Vorgehen des «cold reading». Wer einen Treffer bei Schiffe versenken landet, handelt strategisch, also durchaus vernünftig, wenn für den nächsten Zug ein Feld in der Nähe des vorherigen Treffers beschossen wird.
Wenn also das «Medium» einen Treffer landet und an dieser Stelle weitermacht, erstaunt es auch nicht, dass sich in diesem Bereich weitere Treffer erzielen lassen.


Fazit
Im Falle der Katzen-Telepathin im Tagesanzeiger-Artikel ist die naiv-unkritische Haltung der potentiellen Kundschaft bestechend: Wer tatsächlich so kindisch ist und Haustiere in einem solchen Masse vermenschlicht, dass angenommen wird, die Haustiere, in diesem Fall Katzen, hätten Gedanken und Gefühle analog zu jenen von uns Menschen, ruft förmlich danach, sich das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen.

Das gibt aber selbstverständlich niemandem das Recht, derart unkritisch denkende Menschen auch tatsächlich auszunehmen. «Medien» wie die Katzen-Telepathin im Tagesanzeiger-Artikel sind systematische Lügnerinnen und Lügner: Die ritualisiert und kaum verschleiert vorgetragenen Praktiken des «hot reading» und «warm reading» können fast nur bedeuten, dass das jeweilige «Medium» ganz genau weiss, was es macht - die Vorstellung, diese «Medien» glaubten tatsächlich an die von ihnen behaupteten Fähigkeiten, ist in etwa so überzeugend wie der Betrüger im Casino, welcher aufrichtig «glaubt», sein gezinkter Würfel mache das Spiel fairer.

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