8. Dezember 2011

Gesichterleserei im Schweizer Fernsehen... ಠ_ಠ

In der Talkshow «Aeschbacher» vom 8. Dezember war die «Physiognomin» Tatjana Strobel zu Gast, um ihre Lehre der Gesichter- und Körperleserei zum Besten geben:
Insgesamt dauerte der Auftritt Strobels nur knapp 10 Minuten (am Ende der Sendung hat sie noch ein paar weitere Sätze beigesteuert), und so ganz ernst nahm das Ganze vermutlich niemand: «Aeschbacher» ist  grundsätzlich eine eher kurzweilige, boulevardesque «zum einen Ohr rein, zum anderen raus»-Sendung. Auch ein etwas eigentümlicher Tippfehler während Strobels Auftritt lässt zumindest vermuten, allzu intensiv interessiere sich seitens des Schweizer Fernsehens niemand für Strobels Ausführungen.
«Physionomik» hiesse korrekt «Physiognomik»
Das Sendeformat hat zwar keinen Anspruch auf journalistische Relevanz, die Grundproblematik bleibt aber bestehen: Der wissenschaftlich zu grossen Teilen nicht haltbaren Gesichterleserei Strobels wird in der Aeschbacher-Sendung eine weitgehend unkritische Bühne geboten.


Strobels Auftritt
Strobel «analysierte» den Moderator Kurt Aeschbacher, und ihre Deutungen sind eine Salve an überall passenden Allgemeinplätzen und diffusen Versatzstücken.

Zu seinem ayurvedischen «Konstitutionstyp» (das Schöne an Pseudowissenschaft ist, dass man sich eklektisch bei allen esoterischen Lehren bedienen darf, ohne Rücksicht auf Logik und Kohärenz): Er sei eine Mischung aus «Vata» und «Pitta». «Vata» sei eher der harmonische «Gemeinschaftsmensch», «Pitta» eher der, der immer in Bewegung ist, der «immer irgendwie in Action ist». Typisch für esoterische Lehren: «Cover all bases», und irgendetwas trifft für jeden zu.

Zu den Händen: Aeschbacher habe «Feuerhände». Die seien ein bisschen «knubblig» und es bestätige sich, was sie in der körperlichen Konstitution sehe.

Zu Aeschbachers Outfit: Er habe sich Mühe gegeben. Nadelsreifen wirkten seriös. Die Farbe rosarot der Kravatte wecke Vertrauen.

Zum Gesicht: Der Moderator habe ein kantiges Gesicht mit einem Kinn, welches «extrem stark» nach vorne geht. Wer das Kinn nach vorne habe, «hat immer ein paar mehr PS unter der Haube». Seine «Querkinnfalte» bedeute, dass er sage, was er denkt. Die «Kämpferfalte» über der Nase bedeute, er könne auch sehr tatkräftig und willensstark sein, gut delegieren und abgeben. Die Falten neben den Augen zeigen, der Moderator lache gerne, und die unterbrochenen Stirnfalten, dass es sich schnell langweile und oft Abwechslung brauche.

Man staune: Strobel hat eine offenbar durchaus passende Analyse des quirligen Moderators Aeschbacher abgeliefert. Und gleichzeitig für auch für zahlreiche andere Menschen, was aber keine besonders grosse Leistung darstellt. Ein paar klischeehafte und unspezifische, aber tendentiell immer als Kompliment formulierte Deutungen lassen sich problemlos ausformulieren, wenn man die betroffene Person vor sich hat. Werden als Teil der Deutung auch an sich widersprüchliche Aussagen gemacht, ist fast garantiert, dass sich ein jeder in einer derartigen Deutung ein Stück weit wiederfindet. Im Falle des Moderators kommt noch hinzu, dass er als prominente Figur ein verhältnismässig offenes Buch darstellt, seine Charaktermerkmale also eher leicht in Erfahrung zu bringen sin.


Der Fehlschluss der Physiognomik
Der Moderator bemerkt in Minute 9: «Jetzt kann man sagen das ist alles Humbug».
Dazu Strobel: «Kann man. Ja. Na klar. Also, was soll ich dazu sagen. Es gibt mittlerweile sehr viele wissenschaftliche Erkenntnisse in dem Thema, vor allem dem Thema Mimik. Das heisst, wenn ich eine Mimik permanent mache, krebst sie sich irgendwann in mein Gesicht ein und damit hat sie was mit mir zu tun.».

Die erste Reaktion ist typisch für Angehörige der Pseudowissenschaften: Es wird impliziert, wer daran glauben wolle, glaubt daran, wer nicht, halt nicht. Ist ja kein Problem. Die Frage nach der faktischen Wahrheit ihrer Lehre ist Strobel nur ein Schulterzucken wert.

Die darauffolgende Ausführung ist aber interessant. Strobel behauptet, es gebe «sehr viele wissenschaftliche Erkenntnisse», welche ihre Lehre angeblich bestätigen. Ihr Beispiel betrifft Mimik: Wer oft bestimmte Gesichtsausdrücke mache, führe diese immer automatischer aus - das klingt grundsätzlich nicht unplausibel. Damit widerspricht Strobel aber ihrer eigenen Lehre, denn gemäss Physiognomik sind die beobachteten Körpermerkmale nicht erlernt, sondern von Anfang gegeben und Ausdruck von Anfang an gegebener Charaktereigenschaften des Menschen.

Tatjana Strobel geht bei ihrem Auftritt explizit auf Mimik und Kleidung ein und handelt damit der eigentlichen Lehre der Physiognomik zuwider. Warum es zu Strobels Fehler kommt, erklärt Brian Dunning in einer Skeptoid-Episode:


Physiognominnen und Physiognomen sind vielleicht der Meinung, aus festen Körpermerkmalen zu lesen - in Tat und Wahrheit ignorieren sie diese und interpretieren Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Kleidung, Gerüche, Frisur uvm., also gerade nicht fest vorgegebene, sondern grundsätzlich erlernte und wandelbare Körpermerkmale. Diese Art der ad hoc-Analyse machen wir alle ununterbrochen, um uns in der Interaktion mit anderen Menschen Handlungssicherheit zu schaffen.
Wenn Tatjana Strobel also munter von Mimik, Kleidung u.a. erzählt, demonstriert sie damit gerade den eigentlichen Fehlschluss der Physiognomik.


Fazit
Physiognomik, wie sie Tatjana Strobel betreibt, scheint irgendwie harmlos: Strobel macht letztlich wenig mehr, als die egozentrischen Bedürfnisse bei uns Menschen zu befriedigen, indem sie angeblich anhand unserer Körper deutet, wie toll wir doch alle sind. Ist Physiognomik darum vielleicht ein Fall, wo man ein Auge zudrücken und den Leuten ihren Hokus-Pokus nicht verderben sollte?
Nein, und zwar aus zwei Gründen:
  • Der Anspruch an Massenmedien muss nach wie vor die kritische Wahrheitssuche sein: Der Journalismusberuf muss eine alles hinterfragende Kontrollinstanz darstellen - insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunkt.
  • Tatjana Strobel verdient mit der Verbreitung einer pseudowissenschaftlichen Lehre Geld, und nicht zu knapp:

UPDATE 11.12.2011
Eine ausführliche Kritik an Physiognomik und verwandten Methoden hat Uwe Kanning für den Skeptiker (Zeitschrift der GWUP) verfasst: Link.

4 Kommentare:

raskalnikow hat gesagt…

Liebe Grüsse von Lavater und Gall! Beide (Physiognomie und Phrenologie) wurden schon zu Lebzeiten ihrer Schöpfer als Pseudowissenschaften erkannt...
Es sollte vielleicht noch erwähnt werden, warum dieser Humbug sich so lange halten konnte (bzw. wieder aufgewärmt wurde): Nazionalsozialistische Rassentheorien wurden mit dieser Kacke pseudowissenschaftlich unterfüttert...

Gregor hat gesagt…

Die Strobel durfte letztens auch in der "Weltwoche" ihre Lehren verbreiten (37/2011) - pseudowissenschaftlicher Humbug hat da in den letzten Monaten eh Hochkonjunktur (von Rudolf-Steiner-Verteidigung bis Farbpsychologie).

Anonym hat gesagt…

Super, sie ist ja hübsch und sympathisch und verkauft im Prinzip sich selbst und ihre Wirkung. Aber Gesichterlesen ist die moderne Form von Kaffeesatzlesen.
Für alle die den Artikel noch nicht kennen:
http://blog.gwup.net/2010/05/07/schadeldeuter-und-co-prof-kanning-bei-der-gwup/

Anonym hat gesagt…

Hier ein schönes Interview mit Prof. Uwe Kanning, der sich kritisch über Tatjana Strobel diagnostische Methode äußert: Obskure Menschenkenner: Wie personaler Inkompetenz beweisen: http://www.haufe.de/personal/newsDetails?newsID=1323331716.3 HAUFE.Personal.

Kommentar veröffentlichen