6. Januar 2012

Schweizer Fernsehen: Freie Bahn für Esoterik

Das neue Jahr ist erst wenige Tage alt, eine Verschnaufpause wird nach Vernunft Dürstenden aber nicht gewährt. In der «Club»-Ausgabe vom 3. Januar haben sich fünf Gäste zusammengefunden, um das Thema «Lebenshilfe aus dem Übersinnlichen» zu besprechen:
Club vom 03.01.2012 Das Hauptproblem dieser Sendung wird mit diesem Bild des einen unbesetzten Sitzplatzes veranschaulicht:
In dieser Parade des Paranormalen fehlte eine Stimme der Vernunft.

Die Gäste
Als erste erhielt Nadine Reuter das Wort, ein «Medium» zwischen «stofflicher und geistiger Welt».
Nadine Reuter behauptet, über «sensitive» Fähigkeiten zu verfügen, welche es ihr u.a. ermöglichen, mit «Engelwesen» (Minute 3) in Kontakt zu treten. Ihre angeblichen übersinnlichen Fähigkeiten hat sie nie konkret zu beschreiben vermocht, geschweige denn in irgendeiner Form zu beweisen versucht.
Reuter verdient mit dem Verkauf angeblicher übersinnlicher Dienstleistungen Geld, unter anderem mittels teurer Telefon-Beratungen:
Höhepunkt der Sendung bei Reuter: Nadine Reuter hat von allen Gästen den wohl inkohärentesten Esoterik-Kauderwelsch verbreitet. In Minute 4 entlarvt Reuter ihre Behauptungen als Humbug, indem sie einen groben «Argument from ignorance»-Fehlschluss anwendet: Alles, was für den Verstand nicht erklärbar sei, ist die «geistige Welt».
Ebenfalls kennzeichnend ist Reuters Erläuterung, dass, wenn wir uns bewusst machten, dass wir Menschen mehr sind als unsere Handlungen und «das, was wir denken», wir uns «wie energetisch ausdehnen» würden - pseudowissenschaftlicher Jargon, wie er im Buche steht.
Mein persönlicher Favorit ist aber in Minute 22, als Reuter erklärt, warum unser Herz eine Art Tor ins Übersinnliche ist (aus Schweizer- auf Standard-Deutsch übersetzt):
Wie gesagt, ich tue nicht mit dem Verstand schauen, sondern ich tue einfach mit meinem Herzen anschauen. Und im Herz gibt es andere Wirklichkeiten. Der Verstand ist so strukturiert, und der hat halt so Vorstellungen. Und im Herzen gibt es keine Logik.
Und anscheinend hat das Herz ungefähr 40'000 Hirnzellen. Das ist nicht sehr viel im Gegensatz zum Gehirn. Aber anscheinend braucht es nicht mehr. Es ist intelligent genug.
Reuter sagt, dass das Herz ganz anders funktioniere als das Hirn - weil es ähnlich ist wie das Hirn. Und was sie mit den «40'000 Hirnzellen» überhaupt meint, ist unklar. Es bestreitet ja niemand, dass das Herz, wie andere Organe auch, über Nervenzellen verfügt.

Nach Reuter kam der Psychiater Jakob Bösch zu Wort.
Auch Bösch glaubt an das Übersinnliche und verkauft Dienste, welche sich auf diesen Glauben stützen. Er arbeitet zu diesem Zweck mit dem «Medium» Anouk Claes:
Höhepunkt der Sendung bei Bösch: Auch Jakob Bösch ist unverblümter Verfechter des Irrationalen - bei ihm besonders problematisch, weil er als ausgebildeter Mediziner genau weiss, dass sein Glaube an das Übersinnliche im Bereich der Krankheitsbekämpfung nicht durch Fakten gestützt wird.
Ab Minute 53 erzählt Bösch in einer Anekdote von seinen Knieproblemen. Der Orthopäde habe die Schmerzen nicht lindern können. Dann sei er zu einer Heilern gegangen (Spezialgebiet: «Chakra und Aura und so»). Nach dieser Behandlung seien die Schmerzen praktisch weg gewesen. Dazu trägt er jetzt noch zwei heilende Steine um den Hals. Ein wissenschaftlich ausgebildeter Mediziner also, der sich der subjektivsten Form der subjektiven Anekdote, der Schmerzlinderung, hergibt. Der Höhepunkt Böschs dürfte aber in Minute 7 sein (aus Schweizer- auf Standard-Deutsch übersetzt):
Ich tue mich natürlich frecherweise manchmal ein bisschen auf Quantenphysiker beziehen, oder, wo der Hans-Peter Dürr sagt, wir sind ein Teil vom ganzen Universum und das ist auch in uns drin und wir haben eigentlich Zugang zu allen Informationen. Theoretisch, oder, und praktisch ist dann einfach nur wie viel man davon kann umsetzen.
Ein schönes Beispiel für Quantenmystik: Es gibt ja irgendwie diese Quantenphysik, und darum stimmen meine Behauptungen über meinen Zugang zu paranormalen Kräften.

Roland Inauen ist studierter Volkskundler, also wie Jakob Bösch wissenschaftlich ausgebildet. Roland Inauen glaubt, dass Geistheilerinnen und Geistheiler aus der Region Appenzell tatsächlich durch ihre «Gebete» und «Sprüche» heilen können.
Höhepunkt der Sendung: Inauen hatte, so schätze ich, am wenigsten Redezeit. Dennoch ist bemerkenswert, wie er glaubt, bewiesen zu haben, dass die appenzeller Geistheiler wirklich heilen können. In Minute 42 erzählt er folgende Anekdote (aus Schweizer- auf Standard-Deutsch übersetzt):
Moderatorin: Sie haben ja mit Ihrem Sohn so etwas erlebt, Roland Inauen, mit einer Warze.
Inauen: Ja, das sind sicher Phänomene, die allgemein bekannt sind, das was auch Jugendliche haben, haben vielfach Warzen und er hatte eine hartnäckige und die ging nie weg. Und irgendwann, nach langem Zögern, sind wir dann auch mit ihm gegangen, zu einer Heilerin, und, Gebetsheilerin, und, und, die hat dann, ja, er hat nicht so recht wollen, also wirklich nicht wollen-
Moderatorin: Warum, glaubte er nicht daran?
Inauen: Ja, halt Pubertierender, und, ja, und auf jeden Fall, diese Warze ist blitzartig weg, trotz seines Widerstandes [...]
Korrelation ist immer Kausalität, die egozentrische Anekdote immer absolute Wahrheit.

Der nächste im Bunde ist der Theologe Heinz Rüegger.
Rüegger sollte eine Art milden Gegenpol gegenüber den restlichen Gästen markieren: Auch er zwar Vertreter des Irrationalen (in der Form des religiös organisierten Glaubens), aber in einer  weniger «akuten» Form. Während die anderen Gäste abergläubisch-esoterischen, z.T. «new age»-geprägten, Glauben propagieren, ist protestantische Theologie zurückhaltender und lagert Zauber auf das Jenseits aus.
Höhepunkt der Sendung bei Rüegger: Wenn ein Theologe die am wenigsten unvernünftig argumentierende Person einer Gesprächsrunde ist, sagt das Einiges aus. So hat es mich positiv überrascht, dass Rüegger ab Minute 18 versucht, den «Argument from ignorance»-Fehlschluss als solchen darzulegen (aus Schweizer- auf Standard-Deutsch übersetzt):
Ich hab das Erlebnis gehabt, ich bin im Flugzeug normal geflogen, und ich habe mich, jedes Mal, wenn ich im Flugzeug fliege, kann ich mir nicht erklären, dass dieser schwere Kasten in die Luft rauf geht. Ja, das ist für mich ein Wunder, wenn Sie so wollen, aber das hat mit Übersinnlichem nichts zu tun für mich, aber ich kann es nicht erklären, aber ich nehme an, jemand anderes könnte es erklären wahrscheinlich.
Ebenfalls grundsätzlich löblich ist, dass Rüegger in Minute 34 anspricht, unter Wunderheilern gebe es auch das Problem der Scharlatanerie. Das soll aber nicht heissen, dass Rüegger grundsätzlich eine pro-rationale Position einnahm: Ab Minute 8 versucht Rüegger in Theologen eigenen flaumigen Worten zu argumentieren, es gebe durchaus mehrere Ebenen der Realität; jene über allem sei halt Gott (er meint wohl den christlichen).

Margrit Meier schliesslich ist Präsidentin des «Schweizerischen Verbandes für Parapsychologie».
Auch sie als studierte Wirtschaftswissenschaftlerin ist Akademikerin, und auch sie propagiert trotz wissenschaftlicher Ausbildung anti-wissenschaftliche Lehren.
Höhepunkt der Sendung bei Meier: In Minute 33 zeigt die eher gefasste Meier plötzlich Emotion, gar Empörung. Es geht um die Frage, ob eine «Heilerin», ein «Heiler» direkt Prognosen zum erwarteten Heilerfolg agbeben darf (von Schweizer- auf Standard-Deutsch übersetzt):
Also von mir aus gesehen ist es nicht statthaft, überhaupt irgendeine Prognose zu stellen als Heiler. Und ich wüsste nicht aus was für einem Wissen wieso das jemand kann behaupten. Ich finde es absolut krass wenn jemand sagt, du wirst gesund oder du stirbst. Ein Heiler kann einfach Selbstheilungskräfte im Menschen selber anregen. Es gibt nur einen Heiler, und das ist der Mensch selber. Oder Gott wenn man so will. Aber dazwischen gibt es nichts. Und ich weiss nicht, was für Heiler Sie kennen Herr Bösch. Ich würde also keine Heiler bei uns beschäftigen, die irgendwelche Prognosen machen. Das ist kriminell. Das darf man nicht machen.
Mit dieser Argumentation legitmiert Meier ihr Geschäftsmodell und ihr menschenverachtendes Weltbild. Es gibt nur Selbstheilkräfte - wenn der Mensch nicht gesund wird, ist er halt immer selber schuld.
Und was Meier und der «Schweizerische Verband für Parapsychologie» verkaufen, verspricht natürlich in keiner Weise irgendeine Art der Heilung oder Verbesserung. Nein, diese Heilerinnen und Heiler sind natürlich nicht «krass» oder «kriminell»:
Meier versucht hier, den «No true Scotsman»-Fehlschluss anzuwenden: «Heiler» operieren immer sauber und korrekt. Wenn doch allzu offensichtlich wird, dass die von «Heilern» versprochenen Effekte nicht eintreten, handelt es sich um schlechte, falsche, «kriminelle» Heiler.

Wissenschaft kann Übersinnliches nie widerlegen, immer nur bestätigen
Ein Denkmuster, welches in Esoterik-Kreisen oft bemerkbar ist, dominierte auch die Argumentationen der Gäste der Club-Ausgabe. Alle Gäste sind sich einig, dass es übersinnlich-geistige Heilung gibt, diese aber nur als Ergänzung zu «Schulmedizin» anzusehen ist.

So erklärt etwa Jakob Bösch ab Minute 38, dass es stets wichtig sei, seine Kunden davon zu überzeugen, sich auch «schulmedizinisch» behandeln zu lassen. Und auch Roland Inauen, der an Gebetsheiler im Appenzell glaubt, erklärt in Minute 25, dass diese Wunderheilungen «komplementär» zur «Schulmedizin» seien; wenn man einen Unfall habe, gehe man «selbstverständlich» zum Notfallartz.

Dies wirft im Mindesten zwei Fragen auf:
  • Wie kann es sein, dass wissenschaftliche Medizin nebst der «Geistheilung» relevant sein soll, wenn die rationalen Kriterien, nach welchen wissenschaftliche Medizin operiert, gerade widerlegen, dass es «Geistheilung» und dergleichen gibt? Wenn also Geistheilungen tatsächlich wirksam sein soll, muss «Schulmedizin» unwirksam sein.
  • Wenn also Verfechterinnen und Verfechter von «Heilern» unmissverständlich und eindeutig sagen, dass bei ernsten Gebrechen immer die Schulmedizin herbeizuziehen ist: Gestehen sie damit nicht ein, dass «Geistheilungen» in Tat und Wahrheit unwirksam sind? Zum Spass ein Abstecher in die Geisterweilt, im Ernstfall doch lieber profan?
Auf diese fundamentale Problematik ging niemand ein. Stattdessen übten sich alle Beteiligten in einer für die Schweiz typischen Konsens-Orgie: Alle haben irgendwie Recht, alles ist irgendwie gleichwertig, dann kommt das schon gut.

Den inkohärenten Umgang mit Wissenschaft und Vernunft seitens der Esoterik demonstriert Margrit Meier. Ab Minute 12 behauptet sie, die «sogenannten seriösen Wissenschaften» hätten «gewisse Indizien» gefunden für ihren Glauben. Sie gehe aber einen Schritt weiter und behaupte, dass die Indizien für Reinkarnation und für ein Leben nach dem Tod so stark seien, dass «nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit» davon auszugehen sei, dass es diese Dinge gebe.

Präzisierend sagt sie, «Nahtoderfahrungen» etwa seien ein Beweis, dass es ein Leben nach dem Tod gebe. Nahtoderfahrungen sind durchaus ein faszinierendes Phänomen, nicht aber ein Indikator für ein Leben nach dem Tod oder für einen Dualismus von Körper und Seele. Nahtoderfahrungen sind im Wesentlichen Fehlfunktionen unseres Gehirnes:
Weiter behauptet Meier u.a., es sei «wissenchaftlich» erwiesen, dass es Reinkarnation gibt. Sie nennt u.a. den Psychiater Ian Stevenson. Dieser habe gezeigt, dass sich Kleinkinder an vorherige Leben erinnern können. Dazu hat Stevenson intensive Feldforschung betrieben und viele Daten gesammelt.
Stevensons Forschung ist aber eher ein Beispiel für Pseudowissenschaft denn ein Beweis für Reinkarnation; sein Vorgehen scheitert bereits an der fundamentalen Hürde der Falsifizierbarkeit.
Bei seinen Recherchen hat Stevenson jeweils zunächst eine (in der Regel von Drittpersonen paraphrasierte) Geschichte, welche ein Kind widergibt, erfasst. Anschliessend hat er so lange unter Biographien verstorbener Personen gesucht, bis er eine gefunden hat, welche seiner Meinung nach einigermassen gut zur vom Kind geschilderten Geschichte passt. Bei einem solchen Vorgehen ist garantiert, früher oder später etwas mehr oder weniger Passendes zu finden. Stevensons Forschung ist wenig mehr als ein grosser, offensichtlicher Fall von «confirmation bias»: Es werden nur Daten berücksichtigt, welche vermeintlich die erwünschte Hypothese bestätigen; Daten, welche gegen die Hypothese sprechen, werden ignoriert.

Es sind solche Mechanismen wie bei der Argumentation Margrit Meiers, welche Pseudowissenschaft ausmachen: Einerseits wird Wissenschaft immer dann abgelehnt, wenn sie die jeweiligen übernatürlich-transzendental-paranormalen Behauptungen widerlegt. Andererseits wird versucht, Wissenschaft selektiv in die jeweiligen esoterisch-irrationalen Lehren einzubauen, um dem Ganzen einen Anstrich von Glaubwürdigkeit zu geben.

Fazit: Schande über das Schweizer Fernsehen
Was ist zusammenfassend zu sagen? Was kann überhaupt gesagt werden, wenn eine Gruppe von Menschen unangefochten eine Bühne erhält, um Vernunft mit Füssen zu treten?

Schande über alle, welche diese Sendung ermöglicht haben.
Und im Besonderen, Schande über die völlig unkritische Moderatorin Karin Frei.
Am Ende der Sendung fragt Frei:
Was denken Sie: Heute in 100 Jahren, wenn man unserer Diskussionsrunde würde zuhören, würde man über uns lachen, oder nicht?
Was in 100 Jahren sein wird, weiss niemand. Doch heute - weinen wir. Und wir ballen die Fäuste.

Weil wir uns weigern, Zuschauer zu sein, während, nach jahrhundertelangem Befreiungskampf, die Ketten des Irrationalen erneut geschmiedet werden.



Bemerkung: Die letzten drei Sätze sind symbolisch gemeint und nicht wörtlich zu verstehen.

8 Kommentare:

Andreas W. hat gesagt…

Ich kann deine Konklusion in Frage 1 nicht nachvollziehen.

(Legende: RK = Rationale Kriterien, SM = Schulmedizin, GH = Geistheilen, "¬"=not-Operator, "->"=Implikation.)

P1: RK -> SM
P2: RK -> ¬GH

Deine Behauptung: GH -> ¬SM

Das ist meiner Meinung nach keine gültige Schlussfolgerung.

Meine Meinung:
GH -> ¬RK (Modus Tollens)

Ungültiger Schluss ist nun aber:
¬RK -> ¬SM

Zu deutsch: Falls es Geistheilung gibt, folgt daraus zwar die Falschheit (besser: Unvollständigkeit) der rationalen Kriterien, aber aus der Falschheit der Kriterien, kann dennoch Schuldmedizin als wahr stehen bleiben.

Marko Kovic hat gesagt…

Diese Argumentation impliziert, dass Schulmedizin vielleicht zwar wirksam ist, aber wir nicht verstehen, warum (da die "rationalen Kriterien" falsch oder unvollständig sind).

Aber genau das ist der Witz der Schulmedizin: Nicht einfach beobachten, dass etwas (scheinbar) wirkt, sondern verstehen, wie etwas (scheinbar) wirkt, um Selbsttäuschung so gut wie möglich auszuschliessen. Schulmedizin und rationale Kriterien sind also untrennbar miteinander verbunden.

Und was formallogisch vielleicht nicht erfasst wird: Das Kriterium der Widerlegbarkeit. Schulmedizin, also rationale Kriterien, erlauben immer, die vorläufige Wahrheit zu hinterfragen - Geistheilung demgegenüber ist ein Glaubenssystem, dessen Anhängerinnen und Anhänger unter keinen Umständen von ihren glaubensbasierten absoluten Wahrheiten abrücken.

Darum sage ich, dass nicht einerseits ein System der absoluten (und unbewiesene) Wahrheit behauptet werden kann, und andererseits ein System der stets widerlegbaren vorläufigen Wahrheitssuche - egal, ob das betreffende Feld nun Medizin, Biologie, Astronomie oder sonstwas ist.

Andreas W. hat gesagt…

Der Witz an der Schulmedizin ist tatsächlich, dass sie (nur) die objektive und spezifische (Heil)Wirkung als legitim erachtet und Selbsttäuschung ausschliessen will.

Da sind wir uns einig.

Aber wir haben einen unterschiedlichen Humor :-)

Beispielsweise unterscheidet sich der Heilungserfolg einer Akupunkturbehandlung kaum von einer Schein-Akupunkturbehandlung. Das Gleiche gilt für homöopatische Globuli versus Plazebo-Globuli.

Für die meisten rationalen Mediziner bedeutet dies dann, dass Akupunktur und Homöopathie keine Legitimität hat, weil es keinen spezifischen Wirkungseffekt gibt der "über den Plazebo-Effekt hinaus" geht.

Und das ist auch ok, wenn es darum geht, kausale Mechanismen zu entschlüsseln. Man vergleicht ABC+D mit ABC, um Unterschiede auf D zurückzuführen. Es empfiehlt sich nicht ABC mit XYZ zu vergleichen, weil daraus kaum Schlussfolgerungen auf die kausalen Zusammenhänge möglich sind. Ich als Wissenschaftler mach das jedenfalls so.

Aber:
Was ist, wenn man ABC mit XYZ vergleichen würde und merkt, dass ABC viel besser ist? Man weiss dann zwar nicht unbedingt WIE, aber man weiss, DASS!

Und tatsächlich zeigen z.B. die GERAC-Studien dass Akupunktur und Sham-Akupunktur bei chronischen Rückenschmerzen etwa gleich gut sind, und beide der schulmedizinisch traditionellen Physiotherapie überlegen sind.

Das sind sehr unangenehme Befunde. Der Plazeboeffekt ist hier also grösser, als der spezifische Wirksamkeits-Effekt der Schulmedizin.

Man weiss ja eigentlich schon lange, wie wichtig die subjektive Einstellung eines Patienten ist. Trotzdem ist die randomisierte Doppelblindstudie immernoch der methodische Goldstandard.

Durch die Verblindung kann sich der unspezifische, subjektive Effekt nicht wirklich entfalten. Er kann aber entscheidender sein, als der objektive, spezifische Effekt.

Fazit: Die rationale Methode ist gut, um Wirkmechanismen zu entschlüssen, aber greift zu kurz, um in der Praxis Handlungsempfehlend zu sein.

Jonas V hat gesagt…

Zum Weiterlesen: http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/TVKritik-Redefreiheit-fuer-das-Uebersinnliche/story/12037419

Andreas W., das ist ein Irrglaube.

In der Medizin wurde nie der Anspruch erhoben, EbM als einzige handlungsempfehlende Richtlinie zu wählen.

1. Eine gute Therapieempfehlung berücksichtigt immer die beste verfügbare Forschung (EbM), aber auch die klinische Erfahrung des Arztes sowie die individuellen Bedürfnisse des Patienten.
2. Wenn gezeigt werden kann, das die Scheinakupunktur bei Schmerzen oder Übelkeit bei einigen Patienten wirksamer ist als die gängige Schmerztherapie, so gibt es Evidence dafür, diese Scheinakupunktur auch anzuwenden.

Die randomisierte, placebo-kontrollierte Doppelblindstudie MUSS Goldstandard sein, dies ist nicht in Frage zu stellen!
Vielmehr müssen folgende Fragen beantwortet werden:
- Sind die Ergebnisse auf meinen Patienten übertragbar? Dies ist meist nicht ohne weiteres möglich, weil der Patient sich in seiner Krankheit ein Stück weit von der Versuchsgruppe unterscheidet.
- Habe ich die Ergebnisse richtig verstanden? Wenn die medikamentöse Schmerztherapie bei 5% der Patienten der Scheinakupunktur unterlegen ist, kann ich den Patienten grundsätzlich anbieten, diese auszuprobieren. Jeder Patient kann dann selbst entscheiden, was er machen möchte.

"Durch die Verblindung kann sich der unspezifische, subjektive Effekt nicht wirklich entfalten."
Doch, kann er, wenn die Studie gut gemacht wird. Die Verblindung ist davon unabhängig.

"Er kann aber entscheidender sein, als der objektive, spezifische Effekt."
Richtig, dies gilt aber nur dann, wenn der objektive Nutzen ungenügend ist. Dies ist bei vielen Schmerztherapien der Fall (und Übelkeit).

@ Marko:
- Widerspruch zwischen "Wissenschaft kann Übersinnliches nie widerlegen, immer nur bestätigen" und "wenn die rationalen Kriterien, nach welchen wissenschaftliche Medizin operiert, gerade widerlegen, dass es «Geistheilung» und dergleichen gibt?"
- "Aber genau das ist der Witz der Schulmedizin: Nicht einfach beobachten, dass etwas (scheinbar) wirkt, sondern verstehen, wie etwas (scheinbar) wirkt, um Selbsttäuschung so gut wie möglich auszuschliessen." Das stimmt so nicht. Die Schulmedizin benutzt seit Jahren flüchtige Narkosemittel (Halothan, Lachgas und neu fast nur noch Isoflurane), ohne den Wirkungsmechanismus (also das "wie") genau zu verstehen. Seit kurzem hat man einige mögliche Mechanismen gefunden, ohne jedoch die Wirkung als ganze zu begreifen. ABER es ist auch nicht nötig, das "wie" zu kennen, solange genug Belege für die Wirksamkeit vorhanden sind. Wichtig: Je weniger man die molekularbiologischen Prozesse versteht, desto eher müssen empirische Daten die Verwendung rechtfertigen (Prinzip: "Extraordinary claims require extraordinary evidence").
- Fazit: Die Parawissenschaften ignorieren beides - sowohl das "wie" als auch das "dass". Sie erforschen weder Wirkungsmechanismus, noch können Sie die Wirksamkeit belegen. Es mangelt an allen Ecken und Enden.

Marko Kovic hat gesagt…

@Jonas

Widerspruch zwischen "Wissenschaft kann Übersinnliches nie widerlegen, immer nur bestätigen" und "wenn die rationalen Kriterien, nach welchen wissenschaftliche Medizin operiert, gerade widerlegen, dass es «Geistheilung» und dergleichen gibt?"

Ja ja, das ist ein Widerspruch: Ersteres ist das Verständnis der Esoterik-Verfechter von Wissenschaft, Letzteres die tatsächliche Unvereinbarkeit von Wissenschaft und esoterischem Glauben.

Mit Ersterem wollte ich beschreiben, wie widersprüchlich das Verhältnis der Esoterik-Verfechter zu Wissenschaft ist; einerseits ist Wissenschaft "auch nur ein Weg", kann auch nicht alles, andererseits ist Wissenschaft doch relevant, wenn Esoteriker meinen, ihre Lehren damit bestätig zu sehen (ganz typisch in der Homöopathie). Kurz: Esoterik versucht gerne, Wissenschaft zu usurpieren. Ergebnis: Pseudowissenschaft.
Letzteres bedeutet nur, dass "Geistheilung" und Wissenschaft eben nicht in einem "komplementären" Verhältnis zueinander stehen können. Wenn man Esoterik akzeptiert und willürlich gewählte Anektoden als Bestätigung akzeptiert, ist kein Platz mehr für Wissenschaft (eine vernünftige Hinterfragung zeigt schnell, dass willkürliche Anekdoten nicht aussagekräftig sind; Esoterik als Glaube darf aber nicht widerlegt werden).

- "Aber genau das ist der Witz der Schulmedizin: Nicht einfach beobachten, dass etwas (scheinbar) wirkt, sondern verstehen, wie etwas (scheinbar) wirkt, um Selbsttäuschung so gut wie möglich auszuschliessen." Das stimmt so nicht. Die Schulmedizin benutzt seit Jahren flüchtige Narkosemittel (Halothan, Lachgas und neu fast nur noch Isoflurane), ohne den Wirkungsmechanismus (also das "wie") genau zu verstehen. Seit kurzem hat man einige mögliche Mechanismen gefunden, ohne jedoch die Wirkung als ganze zu begreifen. ABER es ist auch nicht nötig, das "wie" zu kennen, solange genug Belege für die Wirksamkeit vorhanden sind. Wichtig: Je weniger man die molekularbiologischen Prozesse versteht, desto eher müssen empirische Daten die Verwendung rechtfertigen (Prinzip: "Extraordinary claims require extraordinary evidence").

Sicher sind sich alle (nicht-esoterisch Denkenden) einig, dass der erste, wichtigste Schritt die "evidence-based medicine" ist: Wenn nicht zuverlässig reproduzierbar ist, dass bestimmter Effekt eintritt, ist die Hypothese als verworfen anzusehen.
Aber der nächste Schritt müsste "science-based medicine" sein: Die Beschreibung eines plausiblen Wirkungsmechanismus. In der Medizin schon darum, weil ohne das Verständnis des Wirkungsmechanismus nie sicher sein kann, dass nicht unbekannte Nebenwirkungen auftreten.
Aus praktischen Gründen wird wohl bisweilen das Risiko eingegangen, Mittel einzusetzen, ohne, dass völlig verstanden ist, wie sie wirken (z.B. bei den Narkosemitteln, welche du erwähnst). Aber diese Narkosemittel z.B. wirken ja nicht auf eine vermutete Art, welche den gesamten Rest der Medizin, oder auch Chemie, Physik etc., ncihtig machen würde (unsichtbare Lebensenergien o.ä.). Darum stimme ich dir völlig zu: Extraordinary claims require extraordinary evidence.

Bongospirit hat gesagt…

Danke für die tolle Review Marko

BTW: Das Bild mit dem leeren Sitz ist genial gewählt

Pietro hat gesagt…

Sehr gut geschrieben und beschrieben !!! Bravo, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, in dieser Ausführlichkeit diesen Missstand anzuprangern ! Wahrscheinlich musstest Du das so machen, um Dich abzureagieren...

Bobbi hat gesagt…

Bravo! Bin zudem höchst erstaunt über so einen Chef-Psyhiater, der übrigens Alphorn spielt... Seriös: Ich habe ein Lebensglück, dass ich nie seine Dienste beanspruchen musste. Wer weiss, ob dann in der Klapsmühle gelandet wäre, noch vor der Reinkarnation... Auch Margrit Meier: was die nicht schon alles gemacht hat in ihrem diesseitigen Leben! Vielleicht hofft sie im jenseitigen mal begehrt zu werden - nicht von Spoerli, selbstverständlich! Sondern als Schönheitskönigin von einem gutaussehende Prinzen...

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