23. Januar 2012

Verursachen Vitamine Krebs?

Am 17. Januar veröffentlichte Tagesanzeiger-Online ein Interview mit Peter Jüni, dem Abteilungsleiter des Lehrstuhls für klinische Epidemiologie und Biostatistik an der Universität Bern.
Jüni äussert sich kritisch gegenüber sogenannten Vitamin-Supplementen, also Vitaminen, welche als Nahrungs-Ergänzungsmittel verkauft werden. Etwa zeitgleich hat die Zeitschrift «Der Spiegel» einen kritischen Artikel veröffentlicht, welcher ebenfalls nicht nur behauptet, Vitamin-Supplemente seien weitgehend nutzlos, sondern dazu bisweilen auch noch gefährlich (zur Zeit ist das Thema Urheberrecht im Internet zwar ein heikles Thema, den Artikel lade ich trotzdem vollständig rauf):
 
 
 
 
Was hat es nun mit Vitamin-Supplementen auf sich? Sind sie tatsächlich so nutzlos und gar gefährlich, wie in den obigen Artikeln kritisiert?

Was sind Vitamine?
In der Alltagssprache hat sich der Begriff «Vitamine» praktisch als Symonym für «gesund» etabliert. Wohl alle haben wir unzählige Male als Kinder hören müssen, dass wir Früchte und Gemüse zu essen haben, weil sie so viele Vitamine beinhalten. Kein Wunder: «Vita» ist der lateinische Begriff für «Leben»; ohne Vitamine geht also nichts.

«Vitamin» klingt intuitiv also viel sexier als «Fett», «Protein», «Zucker» - fällt aber mehr oder weniger in dieselbe Kategorie. Wie Brian Dunning von Skeptoid übersichtlich erklärt, sind Vitamine neben Fetten, Aminosäuren und Kohlehydraten der vierte überlebenswichtige organische Nährstoff:

Eine weitere gute Übersicht bietet, wie so oft, Wikipedia.

Vitamine sind also Nährstoffe, welche der Mensch zu sich nehmen muss, um zu überleben. In der Wissenschaftsgeschichte nehmen Vitamine eine besondere Stellung ein, genauer Vitamin C. Einer der ersten, oder zumindest bekanntesten, Schritte Richtung randomisierter Doppleblindstudien - dem Goldstandard der Medizin-Forschung - wurde vom Arzt James Lind 1747 bei der Untersuchung der Krankheit «Skorbut» durchgeführt (Vitamin C als aktiver Inhaltsstoff wurde aber erst im 20. Jahrhundert identifiziert).

Sind Vitamin-Supplemente nützlich?
Vitamin-Supplemente sind allgegenwärtig: Nicht nur Apotheken und Drogerien führen diese im Sortiment, auch so ziemlich jeder Supermarkt, Kiosk u.ä. Es ist im Grunde also nur nachvollziehbar, anzunehmen, dass all diese Pillen und Brausetabletten das tun, was sie versprechen - sie ergänzen unsere schlechte Ernährung und machen uns gesünder.

Hier ist zu erwähnen, dass es Vitamin-Angebote gibt, welche nicht in die Kategorie der einfachen Supplemente fallen. Der Spiegel-Artikel beschreibt eine der Subgruppen: Die Anbieter esoterischer Vitamin-Cocktails, welche angeblich alles Mögliche heilen.
Diese Pseudowissenschaft stützt sich zu grossen Teilen auf die Lehre von Linus Pauling, einem zweifachen Nobelpreisträger. Pauling vertrat in späteren Lebensjahren den Glauben, hochdosiertes Vitamin C könne unterschiedliche Beschwerden heilen, u.a. Krebs. Pauling ist Begründer der «orthomolekularen Medizin» - und ein gutes Beispiel, dass auch Nobelpreise nicht vor Irrglauben schützen, wie Steven Novella argumentiert.

Eine weitere Untergruppe der fleissigen Vitamin-Onkel sind schlicht grosse Teile der Lebensmittelindustrie. Vitamine sind dabei nichts mehr als ein Werbegag: Egal, wie viel Zucker drin ist - ein bisschen Vitamine beigemischt, und schon ist das Ganze gesund. Diese Art der Werbe-Vitamine kritisiert foodwatch am Beispiel «Nimm 2»:

Es gibt also Akteure, die Vitamine zu aussergewöhnlichen Zwecken usurpieren, welche mit der eigentlichen Wirkung von Vitaminen kaum mehr etwas zu tun haben. Wie sieht es aber mit den ganz banalen Vitamin-Supplementen in Tabletten-Form aus? Mit Mitteln also, welche einzig behaupten, dass sie gesunde Vitamine und damit Ergänzung zur sonstigen Nahrung sind?

Wie der Spiegel-Artikel erklärt, gibt es bestimmte Fälle von Vitamin-Mangel, welche durch Supplemente bekämpft werden können. Ein bekanntes Beispiel ist Folsäure (oder «Vitamin B9») bei schwangeren Frauen. Mittlerweile gilt als erwiesen, dass die Einnahme von Folsäure-Supplementen bestimmten Missbildungen bei Neugeborenen vorbeugen kann.
Ein weiterer Fall von Vitamin-Mangel, so der Spiegel-Artikel, kann bei Vitamin D auftreten. Menschen, deren Körper zu wenig der Sonne ausgesetzt sind, produzieren bisweilen zu geringe Mengen an Vitamin D - davon betroffen sein können u.a. Frauen, welche sich aus religiösen Gründen in der Öffentlichkeit verhüllen.

Daneben können Individuen vereinzelt an verschiedenen Arten von Vitaminmangel leiden, welche ärztlich diagnostiziert und entsprechend behandelt werden sollten.

Westliche, entwickelte Staaten sind aber insgesamt sehr gut mit Nährstoffen versorgt. So hält z.B. die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fest, dass Nährstoffmangel deutlich stärker in ärmeren Regionen der Welt vorkommt (Quelle, S. 4):
Auf Wikipedia ist der Mangel an Vitamin A (jenes Vitamin, welches am häufigsten in zu geringen Mengen vorhanden ist) der WHO-Daten grafisch festgehalten (Quelle):
Für entwickelte Staaten ist festzuhalten, dass Vitaminmangel in der Regel nicht bedeutet, dass die betroffenen Vitamine nicht in der verfügbaren Nahrung enthalten sind, sondern, dass sich Individuen zu einseitig ernähren (oder, etwa im Falle von Säuglingen und Kindern, ernährt werden).

Es scheint also durchaus gerechtfertigt, was der Tagesanzeiger- und der Spiegel-Artikel behaupten: Vitamin-Supplemente sind meistens herausgeworfenes Geld.

Sind Vitamin-Supplemente schädlich?
Die zwei oben genannten Artikel gehen aber noch weiter und behaupten, der Konsum von Vitamin-Supplementen könne nicht nur unnütz, sonder sogar schädlich sein.

Meine erste, vielleicht vorschnelle Reaktion war die Annahme, dass es sich bei den Studien, welche die schädliche Wirkung belegen sollen, in Tat und Wahrheit um einen Typus sogenannter «explorativer» Studien handelt. Bei solchen Studien (im Medizin-Jargon auch als «observational epidemiological study» beschrieben) wird nicht versucht, durch randomisierte Experimentalanordungen einen möglichen kausalen Effekt zu demonstrieren. Stattdessen wird eine einzige, grosse Stichprobe gesucht, und es werden Korrelationen zwischen einer Vielzahl Variablen gesucht. Das ist auch völlig in Ordnung, so lange die gefundenen Korrelationen (und Korrelationen lassen sich immer finden) nicht vorschnell als Kausalitäten behauptet werden. Wenn (Boulevard-)Zeitungen berichten, Studie X habe «bewiesen», dass ein Glas Wein pro Tag / eine flasche Bier pro Tag / mässiges Übergewicht / mässiges Untergewicht usf. gesund seien, ist Vorsicht angebracht: In der Regel handelt es sich bei solchen Studien um explorative Forschung, welche statistische Zusammenhänge, aber keine Kausalitäten aufzeigt.

Bei den Studien, welche der Spiegel- und der Tagesanzeiger-Artikel thematisieren (ich beschränke mich auf deren zwei), handelt es sich aber um weitaus aussagekräftigere Studien: Um randomisierte Experimente.

Die erste Studie, welche sowohl im Tagesanzeiger-, als auch im Spiegel-Artikel erwähnt wird, ist jene, welche angeblich zeigt, dass Vitamin E-Supplemente Prostatakrebs fördern können.
Die interessierende Studie trägt den Titel «Vitamin E and the Risk of Prostate Cancer. The Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial (SELECT).» (Zum Download anklicken).

Anders, als der Spiegel-Artikel behauptet, handelt es sich um eine Studie nicht mit zwei, sondern mit vier Gruppen; nebst der potentiellen Wirkung von Vitamin E- wurde auch die Wirkung von Selen-Supplementen getestet. Die Gruppenaufteilung sieht wie folgt aus (S. 1551):
Die Fälle von Prostatakrebs in den vier Gruppen sind in Tabelle 3 festgehalten (S. 1552):
Einige Dinge fallen auf. Die Autoren unterscheiden die Ergebnisse nach zwei Daten, Oktober 2008 und Juli 2011 (In der Zusammenfassung auf Seite 1549 ist August 2001 bis Juni 2004 angegeben: Dies ist die unüblich lange Zeitspanne, in welcher Studienteilnehmer gesucht wurden).
Der Grund ist auf Seite 1550 festgehalten: Von August 2001 bis Oktober 2008 wurden die jeweiligen Mittel blind verabreicht; ab Oktober 2008 bis Juli 2011 wurden die Studien-Teilnehmer weiter beobachtet, aber es wurde ihnen seitens der Forscher nichts mehr verabreicht (sprich: das Experiment war zu Ende). Für jene Phase also, welche für Vitamin E signifikant ist (bis und mit Juli 2011), war die Studienanordnung nicht völlig blind. In einer ersten Studie, welche nur dem Zeitraum bis 2008 erfasst, kamen die Autoren zu jenem Ergebnis, welches in Tabelle 3 unter «October 2008» einzusehen ist:
Selenium or vitamin E, alone or in combination at the doses and formulations used, did not prevent prostate cancer in this population of relatively healthy men.
Für den gesamten Zeitraum geben die Autoren keine Kontrollvariablen an. Es ist etwa möglich, dass jene Mitglieder jener Gruppe, welche im Oktober 2008 erfahren haben, dass sie nur ein Placebo erhalten hatten, ihren Lebensstil drastisch gesünder zu gestalten begannen, was die Anfälligkeit für Prostatakrebs hätte senken können.

Ein weiterer gewichtiger Punkt: Dass die Untersuchung doppel-blind war, geht aus der Studie nicht direkt hervor (Auf der Webseite zur Studie wird aber beschrieben, dass es sich um eine Doppelblind-Anordnung handelt).

Wenn diese Studie nach kritischen Massstäben beurteilt wird, muss gesagt werden, dass sie den Ansprüchen eines qualitativ hochgradigen Doppelblind-Versuches ziemlich eindeutig nicht gerecht wird. Die nachträgliche Suche nach Signifikanzen - nachdem das Experiment und damit die relevante Anordnung beendet ist - ist ein fast verzweifelter Versuch, doch etwas Spektakuläres zu finden. Wenn die strenge Versuchsanordnung nicht die gewünschten Ergebnisse liefert, sollen scheinbar deutlich schlechtere Daten herhalten - und man versucht tunlichst, das unlautere Manöver zu vernebeln.
Was diese Studie aber mit den Ergebnissen für 2008 demonstriert: Für diese Stichprobe scheinen weder Vitamin E noch Selen eine Präventiv-Funktion für Prostatakrebs zu haben.

Die zweite Studie, welche der Tagesanzeiger- und der Spiegel-Artikel erwähnen, ist «Antioxidant supplements for prevention of mortality in healthy participants and patients with various diseases.» (Link führt zum Download).

Diese Übersichtsstudie (oder «Meta»-Studie) der renommierten Cochrane-Collaboration ist ganze 238 Seiten lang. Ich muss zugeben, dass ich diese Studie nicht vollständig gelesen habe. Darum möchte ich an dieser Stelle nur auf die kurze Zusammenfassung der Autoren eingehen (S. 1f.):
Die Einschätzung der Autoren scheint eindeutig: Sie finden keine Beweise, dass die untersuchten Supplemente eine präventive Wirkung haben. Was die Autoren aber nicht aus ihrer umfangreichen Studie schliessen: Dass diese Supplemente eindeutig eine negative Wirkung haben.

Der alarmistische Ton des Tagesanzeiger- und des Spiegel-Artikels ist also nicht angebracht: Dass Vitamin-Supplemente Krebs verursachten, ist in diesen zwei Studien nicht belegt. Was aber kaum zu leugnen ist, ist die Wirkungslosigkeit der untersuchten Supplemente.

Fazit: Vitamin-Supplemente - so seriös wie Homöopathie?
Vitamin-Supplemente sind für die Mehrheit der Bevölkerung in entwickelteren Staaten unnötig, und bieten darüber hinaus keine erwiesene präventive Wirkung. Was nach meiner Einschätzung aber ebensowenig bewiesen ist, ist die angebliche karzinogene Wirkung von Vitamin-Supplementen. Der Tagesanzeiger- und der Spiegel-Artikel lesen Studien unkritisch bzw. falsch, um zu ihren sensationalistischem Schlagzeilen zu kommen.

Ist also alles halb so schlimm? Nein. Wie die Zeitung «The Economist» im Artikel «The proof of the pudding» (Download als PDF) treffend kritisiert: Wenn Firmen behaupten, ihre als Nahrungs- oder Nahrungsergänzungs-Mittel deklarierten Produkte hätten gesundheitsfördernde Effekte, ist es an den Herstellern dieser Produkte, zu demonstrieren, dass diese Behauptungen auch stimmen. Zwar behandelt der Economist-Artikel stärker Nahrungsmittel-Firmen, die Schlussworte des Artikels beschreiben aber auch die Problematik der Vitamin-Supplemente prägnant:
If food companies wish to make the sorts of claims about their products that pharmaceutical companies do, they must be prepared to submit to similar scrutiny. Extraordinary claims, after all, require extraordinary evidence.
Solange dieser Standard nicht selbstverständlich ist, bewegt sich die Seriosität vieler Vitamin-Supplemente bzw. der dahinter stehenden Industrie fast auf Reiki-, Akupunktur- und Homöopathie-Niveau: Einen bestimmten Effekt (auch nur implizit) behaupten, ohne empirische Beweise zu liefern, genügt einfach nicht.

2 Kommentare:

nirwanixla hat gesagt…

Bei uns geistert zusätzlich noch die Behauptung rum, dass in den "heutigen" Pflanzen keine oder nur mehr sehr wenige Vitamine drin seien, deshalb müsse man eben zusätzlich Vitamine zu sich nehmen.

rudisblog hat gesagt…

Bei einer vernünftigen Ernährungsweise braucht man in der Tat keine zusätzlichen Vitamine. Allerdings ist es schon so, dass gerade die grünen Gemüsesorten wenig Vitamine enthalten. Deren Wert liegt in den sog. sekundären Pflanzenstoffen, die z. B. die Bildung von Krebszellen verhindern.

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