25. März 2012

Lässt Musik Pflanzen besser wachsen?

Am 19. März berichtete Blick am Abend über den angeblichen Effekt von Musik auf Pflanzen:
Die aussergewöhnlichen Behauptungen des Artikels gepaart mit der Reputation Gratiszeitung Blick am Abend als Boulevard-Wegwerfblatt werfen die Frage auf, ob Musik Pflanzen tatsächlich zu beeinflussen vermag.

Stand der Forschung
Im Blick-Artikel wird vor allem der Pflanzenwisenschaftler Stefano Mancuso zitiert. Mancuso forscht am Institut «LINV» der Universität Firenz. Mancuso plädiert für ein neues, oder zumindest angepasstes, Verständnis von Pflanzen (Quelle):
Our viewing of plants is changing dramatically away from passive entities being merely subject to environmental forces and organisms that are designed solely for accumulation of photosynthate. In contrast, plants emerge as dynamic and highly sensitive organisms that actively and competitively forage for limited resources, both above and below ground, organisms that accurately compute their circumstances, use sophisticated cost benefit analysis, and that take defined actions to mitigate and control diverse environmental insults. Moreover, plants are also capable of a refined recognition of self and non-self and are territorial in behavior. This new view sees plants as information processing organisms with complex communication throughout the individual plant. Plants are as sophisticated in behavior as animals but their potential has been masked because it operates on time scales many orders of magnitude less than that operating in animals.
Mancuso plädiert dafür, Pflanzen nicht als passive Lebewesen anzusehen, sondern als mit ihrer Umwelt interagierende Organismen. Seine Position führt Mancuso in einem «TED»-Video genauer aus:

So weit, so interessant. Aber forscht Mancuso auch über den allfälligen Einfluss von Musik auf Pflanzen? Auf konkrete Ergebnisse bin ich nicht gestossen, nur auf ältere Artikel, z.B. hier, die auf Mancuso und Einfluss von Musik auf Weinreben hinweisen (inkl. dem im Blick-Artikel erwähnten italienischen Winzer, der einem Teil seiner Weinreben Musik abspielt).

Viel Forschung zum Thema habe ich nicht gefunden. Den Ursprung hat diese Hypothese offenbar im Buch «Sound of Music and Plants» von 1973 - ein, im Wesentlichen, pseudowissenschaftliches Werk, wie z.B. hier argumentiert wird.

Die Hypothese, dass Musik über Vibrationen Pflanzen beeinflussen kann, ist nicht unplausibel. Wissenschaftliche Forschung, welche diese Hypothese stützt, ist allerdings (soweit ich das einschätzen kann) nicht vorhanden. Blick am Abend gibt diesen Umstand falsch dar, indem der Eindruck erweckt wird, es handle sich um eine wissenchaftlich unumstrittene und solide gestützte Hypothese.

Beim Durchlesen des Blick-Artikels habe ich zunächst vergessen, um was es eigentlich geht: Nämlich um Werbung für das Buch «Mozart und die List der Hirse. Natur neu denken». Eine der Autorinnen des Buches ist Florianne Koechlin, deren Portrait auf der Verlagswebseite verlauten lässt:
Florianne Koechlin, geboren 1948, studierte Biologie und Chemie; sie wurde bekannt als Gentechnikkritikerin und Autorin verschiedener Bücher und zahlreicher Artikel. Sie ist Geschäftsführerin des Blauen-Instituts und beschäftigt sich seit Jahren mit praktikablen Alternativen und Erweiterungen zum bestehenden, allzu einseitigen Wissenschaftsverständnis. Sie ist Stiftungsrätin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und der Swissaid und war Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich EKAH.
Wenn über «allzu einseitiges Wissenschaftsverständnis» geklagt wird, ist Vorsicht geboten: Nicht selten ist das ein Code für «Was ich sage, ist wissenschaftlich nicht gestützt - darum ist Wissenschaft schlecht».

Florianne Koechlin, Verfechterin von Verfechterin von Pflanzenrechten und Gegnerin von Gentech, war am 25. März Gast in der Sendung «Giaccobbo/Müller» (ab Minute 34):
Giacobbo / Müller vom 25.03.2012
Wie in diesem Video ersichtlich wird, treibt Koechlin ihre Pflanzen-Metaphern ein wenig zu weit - ein klassischer Fall von Anthropomorphisierung.

Fazit
Es ist ein allzu klassischer Vorgang: Ein im Kern interessantes Thema wird von einer Boulevard-Zeitung verdreht, aufgeblasen und schliesslich ins Unwissenschaftliche gezerrt. Für die Annahme, dass Musik die Entwicklung von Pflanzen beeinflussen kann, sind, soweit ich das einzuschätzen vermag, noch keine aussagekräftigen Ergebnisse verfügbar.

Bedenklicher vielleicht der zweite Vorgang: Werbung in der Gratiszeitung Blick am Abend wird als normaler Artikel getarnt.

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