4. April 2012

Geisterstunde im Schweizer Fernsehen

«Reporter» pflegt das klassische Genre der Filmreportage. "Nichts ist aufregender als die Wirklichkeit", sagt Christoph Müller. Er hat «Reporter» im Jahr 2000 gegründet, damals als monatliche Sendung. Seit 2005 wird die Reportage-Sendung wöchentlich ausgestrahlt und hat sich eine Zuschauerschaft von durchschnittlich 20 Prozent erobert.
So beschreibt sich die Sendung «Reporter». In der Ausgabe vom 15. Januar, welche den Titel «Die Geisterschule» trägt, werden wir allerdings eines Besseren belehrt.
 Der Voiceover bemerkt in Minute 8 dieser Sendung nämlich:
Der wissenschaftlich orientierte Verstand rebelliert. Fantasterei, Aberglaube. Doch hier geht es nicht um Wissenschaft, sondern um das Unfassbare.
Und in Minute 10 wird ergänzt:
Ist das, was wir mit unseren Augen sehen, die ganze Wirklichkeit? Oder gibt es Welten, die den Rahmen der Physik sprengen? Wo das Messbare aufhört, beginnt der Glaube. Wer glaubt, es gäbe Geister, für den sind sie eine Realität.
Vielleicht muss «Reporter» das Motto ändern: Offenbar sind Glaube und Einbildung mindestens genauso aufregend wie Wirklichkeit.

Gebührenfinanzierte Esoterikwerbung
Diese Reporter-Ausgabe ist wenig mehr als ein überlanger Werbefilm für André Corell, einen Esoterik-Allrounder:
Im Film werden zusätzlich einige Menschen portraitiert, welche bei Corell die «Geisterschule» besuchen und als Abschlussprüfung Geister aus einem Bauernhaus vertreiben sollen.
Corell bleibt einen Beweis für seine «übersinnlichen» Kräfte schuldig: Einfach behaupten, dass im Raum ein unsichtbar-unmessbarer «Geist» herumsteht oder -schwebt, kann jede und jeder. Solange für diese Hypothese keine sie stützenden Beweise vorliegen, gibt es aber auch keinen Grund, anzunehmen, dass diese Hypothese stimmt.

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass sich das Schweizer Fernsehen in unkritischer Berichterstattung über Esoterik und Pseudowissenschaft übt. Im vorletzten Jahr hatte ich über den unsäglich antirationalen «DOK»-Film «Jenseits retour» berichtet (Teil 1, Teil 2): Für diesen war, ebenso wie für die Sendung Reporter, Christoph Müller verantwortlich.

Bei «Jenseits retour» wurde zumindest in Ansätzen versucht, die vermeintlichen paranormalen Ereignisse wissenschaftlich einzubetten - eine skeptische Lesart dieser Erklärungsversuche zeigt, dass diese einer Kritik in keiner Art standhalten.
In «Die Geisterschule» werfen die Verantwortlichen die Hände von Anfang an in die Luft: Das alles sei «unfassbar», halt nicht wissenschaftlich, und die Geisterflüsterer dürfen munter vor sich hin schwurbeln.

Fazit
Was das Schweizer Fernsehen in dieser Reporter-Ausgabe macht, ist einfach nur unverantwortlich: Es entsteht der Eindruck, Aberglaube und das «Unfassbare» seien einem wissenschaftlich-aufgeklärten Weltbild ebenbürtig.

Realität ist also nur eine Option; Magie, Geister und Ignoranz sind genauso gut. Wahrheit ist halt auch nur eine Meinung (besonders, wie bei André Corell, bei einem Stundenansatz von CHF 180).

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