10. Mai 2012

Tod durch Lichtnahrung: Wie weiter?

Am 25. April erzählte Hugo Stamm auf Tagesanzeiger Online die sonderbare Geschichte einer Frau aus der Ostschweiz. Diese Frau hatte sich entschieden, keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen, und stattdessen «göttliches Prana» über das Sonnenlicht als alternativen Energielieferanten zu nutzen. Die Frau hungerte zu Tode.
Der Verlust jedes Menschenlebens ist bedauernswert, doch dieser Fall ist zusätzlich brisant: Die abstruse Idee, sich über Licht zu ernähren, hat die Verstorbene gemäss Tagesanzeiger-Artikel dem österreichischen Dokumentarfilm «Am Anfang war das Licht» entonmmen.

Meine erste Reaktion auf diesen Vorfall fiel durchaus ein wenig verkürzt aus:
Der Tod der an Lichtnahrung glaubenden Frau ist aber eine ernste Angelegenheit und wirft entsprechend ein paar bedenkenswerte Fragen auf: Was hat es mit Lichtnahrung auf sich? Ist der Dokumentarfilm «Am Anfang war das Licht» direkt für den Tod der Frau verantwortlich? Müsste dieser Dokumentarfilm verboten werden?

Im Folgenden versuche ich, zu diesen Fragen einige Denkanstösse zu formulieren.


P.A. Straubingers «Am Anfang war das Licht»: Können Menschen nur von Sonnenlicht leben?

«Am Anfang war das Licht» ist ein Dokumentarfilm des österreichischen Regisseurs Peter-Arthur Straubinger aus dem Jahr 2010. Ein Eindruck über diesen Dokumentarfilm lässt sich aus folgenden Videos gewinnen:
Den ganzen Dokumentarfilm habe ich nicht gesehen, und aus dem Trailer, dem ersten Video, wird nicht explizit klar, um was es geht: Die Aussagen sind derart schwammig, dass gemeint sein könnte, es handle sich um eine Fastenkur, bei der einfach keine feste Nahrung zu sich genommen wird. Eine der Personen, welche im Trailer zu Wort kommt, ist der Anthroposoph Michael Werner: Er behauptet, sein Januar 2001 «nichts mehr gegessen» zu haben - kalorienhaltige Flüssigkeiten nimmt er aber nach wie vor zu sich.

Im zweiten Video äussert sich der Regisseur P.A. Straubinger und klärt zwar nicht explizit auf, was es mit der Einnahme von Flüssigkeiten auf sich hat, aber er macht immerhin klar, dass er mit seinem Film die Zuschauer dazu bewegen will, «die klassische materialistische Welterklärung» zu hinterfragen.
Ehrlich gesagt kann ich nicht einschätzen, ob es Straubinger ernst ist: Mit Kauderwelsch wie «Die klassische Schulmedizin beruht auf streng materialistischer Metaphysik», «die klassische Naturwissenschaft reagiert wie eine Religion in vielen Bereichen», «der ultimative Beweis ist immer, wenn man selbst die Erfahrung macht» entspricht Straubinger der Parodie des schwurbelnden Esoterikers - eine Variante des Poe-Gesetzes?
Wenn es Straubinger ernst ist, ist nur schwer nachvollziehbar, was sein Argument genau ist: Einerseits soll die (Natur-)Wissenschaft zu reduzierend-engsichtig sein und lehnt «Wahrheiten» wie Lichtnahrung und Telepathie in religiösem Eifer ab. Im gleichen Atemzug aber nennt Straubinger andererseits angebliche wissenschaftliche Hinweise für Lichtnahrung. Die wissenschaftliche Methode ist also dann gut, wenn sie die eigenen Überzeugungen stützt und dann schlecht, wenn sie die eigenen Überzeugungen nicht stützt.

Auf eine detailliertere Besprechung der Faktenlage zu Lichtnahrung verzichte ich und verweise stattdessen auf die ausgezeichnete Artikelsammlung von Ulrich Berger bei Kritisch gedacht. Es besteht insgesamt wenig Zweifel daran, dass der Mensch ohne reguläre Nahrungsaufnahme nicht überlebensfähig ist.

Hat «Am Anfang war das Licht» ein Menschenleben gekostet?

Die spannendere, da weniger eindeutig beantwortbare Frage ist sicherlich, ob der Dokumentarfilm «Am Anfang war das Licht» den Tod der Frau aus der Schweiz direkt verursacht hat.

Zunächst ist zu bemerken, dass der sehr lesenswerte Artikel Hugo Stamms viele Informationen zur Praxis der Lichtnahrung liefert, die konkrete Geschichte der verstorbenen Frau ist aber anonymisiert und eher vage gehalten. Einige Formulierungen des Artikels, welche den Gemütszustand der Frau beschreiben, sind auffällig: «Sie sass gebannt im Kino und liess sich in eine spirituelle Welt entführen.» oder «Anna Gut* wusste sofort, dass sie ihre langjährige spirituelle Suche mit dem Lichtnahrungsprozess krönen wollte.» sind Sätze, wie sie eher in belletristischen Erzählungen zu erwarten sind, da explizit die Gedanken einer Drittperson genannt werden. Hat Hugo Stamm die betroffene Frau gut gekannt und möglicherweise sogar diese Situationen mit ihr zusammen erlebt? Es bleibt unklar.

So sind auch weitere, möglicherweise wichtige Details zu diesem Fall unbekannt; z.B., ob die Verstorbene an Krankheiten und Gebrechen litt, was für Erfahrungen sie bisher mit Esoterik und Heilsversprechen machte (der oben zitierte Satz  erwähnt eine «langjährige spirituelle Suche»), wie ihre berufliche Situation aussah. Kurzum: Es fehlt ihre Biographie.

Aufgrund dieser fehlenden Informationen ist grundsätzlich schwierig einzuschätzen, was die Verstorbene dazu bewegt hat, sich von Licht zu ernähren. Darum sei für die weiteren Überlegungen nur folgende Konfiguration angenommen:
Die Visionierung des Films «Am Anfang war das Licht» ist eine notwendige Bedingung für den Tod der Frau.

Diese kausale Annahme besagt explizit, dass die Frau noch am Leben wäre, hätte sie den Film nicht gesehen (und der Einfachheit halber meint die dichotome Variable «lebendig/tot» hier nur Fälle, in denen kein «natürlicher» Tod eintrifft, sondern ein von der Frau selber herbeigeführter). Eine schwächere Variante der Hypothese wäre, dass die Visionierung des Filmes eine hinreichende Bedingung für den späteren Tod der Frau ist: Etwas anderes hätte den Tod auch bewirken können.
Wie nah an der Wirklichkeit die strenge Hypothese ist, lässt sich aufgrund des Informationsmangels zum Fall nicht bestimmen. Dennoch ist die Hypothese als vermuteter Ausgangspunkt für eine kurze Diskussion geeignet.

Was sagt die Medienwirkungsforschung?

Intuitiv gehen wir davon aus, dass Inhalte verschiedener Mediengattungen, so auch der Mediengattung (Kino-)Film, einen potentiellen Einfluss auf uns Menschen haben. Und das ist nur plausibel: Menschen sind mit Sinnen ausgestattet, und diese Sinne erlauben es uns, Reize aus der Umwelt aufzunehmen und auf diese Reize zu reagieren.

Diese Erkenntnis ist so banal wie wichtig. Schwieriger gestaltet sich die Frage, wie genau uns mediale Kommunikation beeinflusst. Eine erste Lesart der oben formulierten Hypothese zum Tod der betroffenen Frau ist, dass die Frau als Reiz den Film wahrgenommen hat und als Reaktion eine Art Imitationshandlung begangen hat: Sie wurde durch den Film vollständig manipuliert.

Dieses Reiz-Reaktions-Argument ist in den letzten Jahren immer öfter im Zusammenhang mit Gewalttätigkeit und der Nutzung von Gewalt darstellenden Videospielen zu hören: Gewalthaltige Videospiele würden direkt Nachahmeffekte hervorrufen (Gegenwärtig ist dieses Argument im Zusammenhang mit dem Terroranschlag Anders Breiviks wieder von Bedeutung. Interessant, dass Breiviks Verschwörungstheorien als krude Rassenfantasien abgetan werden, aber wenn er erzählt, er habe mit Videospielen seine Morde geübt, geniessen Breiviks Erklärungen plötzlich doch  Glaubwürdigkeit.).
Obschon es bestimmte Typen medialer Inhalte gibt, welche unmittelbare und starke Effekte bei vielen Menschen auslösen (allen voran Pornographie), ist das Modell eines generellen starken Reiz-Reaktions-Musters der Medienwirkung empirisch nicht gestützt.

Aktuellere Annahmen postulieren, dass mediale Kommunikation unsere Wahrnehmung und Konstruktion der Realität entscheident mitprägt, Individuen, Organisationen und abstraktere Systeme aber auf vielfältigere Arten als im Reiz-Reaktions-Modell angenommen miteinander interagieren. Eine Forschungsperspektive, mit welcher ich mich im Rahmen der politischen Kommunikation beschäftige, ist die Idee des «Agenda setting»: Mediale Berichterstattung kann andere Akteure zwar nicht total kontrollieren, aber entscheidend mitbestimmen, welche Themen als relevant angesehen werden (und, darüber hinaus, z.B. durch Rahmungen der Berichterstattung, in welchen Erklärungs- und Bewertungskontexten die relevanten Themen eher besprochen werden).

Wenn wir nun davon ausgehen, dass Medien durchaus Wirkungen auf Menschen haben, diese Wirkungen aber in der Regel nicht einseitig dominierend ausfallen, hat das auch Auswirkungen auf die oben formulierte strenge Hypothese zum Tod der Frau: Es ist möglich, dass der Film «Am Anfang war das Licht» den Tod der Frau bewirkt hat. Ausgesprochen unwahrscheinlich ist aber, dass der Film der betroffenen Frau eine Idee in den Kopf gepflanzt hat, welche den bereits vorhandenen Werten, Erfahrungen, Präferenzen und evtl. Veranlagungen der Frau nicht ein grosses Stück weit entsprochen hat.

Ist «Am Anfang war das Licht» zu verbieten? Die Tücken der Zensur

Mit den obigen Ausführungen will ich im Wesentlichen ausdrücken, dass die Hypothese, «Am Anfang war das Licht» habe ein Menschenleben gekostet, nicht grundsätzlich ausschliessbar ist. Für diese eine verstorbene Frau ist möglich, dass der Film «das Fass zum Überlaufen» gebracht hat.

Wie weiter? Ist die Verbreitung von «Am Anfang war das Licht» zu unterbinden? Ist der Regisseur P.A. Straubinger in irgendeiner Form zur Rechenschaft zu ziehen?

Nein. So falsch die Aussagen im Film sein mögen, eine direkte Straftat wurde an der Verstorbenen nicht begangen. Der Film kann zwar als Propaganda für bestimmte Esoterikanbieterinnen und -anbieter verstanden werden, einen unmittelbaren Werbefilm für ein Lichtnahrungs-Produkt ist er aber nicht.

Und was, wenn die Protagonisten des Films, inklusive des Regisseurs, nicht wahrhaftig agieren, also bewusst die Unwahrheit sagen? Das ist erstens schwer nachzuweisen, und zweitens irrelevant: Der implizite Vertrag zwischen Publikum und RegisseurIn des Dokumentarfilms ist, dass das Publikum dem Film Glauben schenkt, und die Verantwortlichen im Gegenzug nach bestem Wissen und Gewissen einen Teil der Wahrheit filmisch widergeben. Wird dieser Vertrag bewusst gebrochen, sind wir als Publikum gekränkt, aber in legalem Sinne liegt keine Straftat vor (ansonsten gäbe es auch rund um «Mockumentaries» grosse juristische Verwirrung).

Würde doch der Weg des Verbotes, der Zensur, beschritten, löste sich das Problem damit nicht. So widersinnig und faktisch unwahr die Behauptungen in «Am Anfang war das Licht» auch sein mögen, der einzig zulässige Umgang mit esoterischen Theorien auch vom Schlage der Lichtnahrung bleibt die konsequente argumentative Auseinandersetzung damit. Wo der freie Austausch von Argumenten unterbunden wird, ergibt sich eine weitaus grössere Gefahr: Kritisches Denken bedeutet, dass Wahrheit nie absolut, sondern immer durch neue Erkenntnisse ergänzbar ist. Zensur schnürt diese nie endende Wahrheitssuche ab und ist somit ein grundsätzlich ungültiger Eingriff.

Anders ist die Situation natürlich, wenn es nicht um die theoretische Auseinandersetzung mit einer esoterischen Lehre geht, sondern um Menschen, welche aus diesen Lehren heraus konkrete Handlungen an anderen Menschen vornehmen: Wer z.B. konkrete Lichtnahrungs-Kurse o.ä. anbietet, muss auch entsprechend Verantwortung tragen.

Fazit

Ohne den Verlust eines Menschenlebens geringzuschätzen und für die eigenen Zwecke usurpieren zu wollen, ist der Todesfall im Zusammenhang mit der im Dokumentarfilm «Am Anfang war das Licht» propagierten esoterisch-pseudowissenschaftlichen Lehre für auch Skeptikerinnen und Skeptiker wichtig.

Dieser Fall verdeutlicht nämlich, worum es kritisch Denkenden letztlich geht: Wo andere in Kurzschlussreaktionen nach Zensur und Verboten rufen, fordern Skeptikerinnen und Skeptiker im Gegenteil einen möglichst umfassenden und möglichst kritischen öffentlichen Diskurs, um möglichst vernunftgeleitet zu möglichst brauchbaren Lösungen zu kommen.

3 Kommentare:

Eso-Polizist hat gesagt…

Man kann nicht alle Probleme sofort lösen. Es ist schon ein Fortschritt, wenn die Deutschen ihren Fleischkonsum um 70 % reduzieren. Zudem sollte die orthodoxe Medizin durch Naturheilkunde und Eso-Heilen ergänzt werden. Z. B. können Krampfadern mit der Linser-Methode ohne Operation zerstört werden. Es ist sinnvoll, u. a. die herkömmlichen Autos durch 1 l-Autos zu ersetzen. Bei der Wahl in NRW werden die Tierschutzpartei und Pro NRW viele Stimmen bekommen.

Oliver hat gesagt…

So wenig ich auch von der Lichtnahrung halte, so wenig würde meiner Meinung nach ein Verbot des Films bringen. Die Idee der Lichtnahrung gibt es ja auch nicht erst seit Veröffentlichung dieses Films, sondern wurde durch Ellen Greeve alias Jasmuheen begründet, die aber angeblich auch immer einen vollen Kühlschrank haben soll... 

Thomas M. Stäubli hat gesagt…

Alles ist bis zu einem gewissen Grad "flüssig". Wenn man einen Trichter mit Teer füllt, so tropft alle 20-30 Jahre ein Stück runter.

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